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For In My Way It Lies / Jesper Munk

For in my way it lies’ heißt so viel wie ‘for he’s in my way’. Macbeth bezieht diese Aussage auf Malcom, die Hürde, die er nehmen muss, um König zu werden. Ich fand die Wortästhetik sehr schön und die Bedeutung der Hürde passt gut zu der Lage, in der man sich mit 20 Jahren befindet. Ich meine damit die Hindernisse, die man beim Werden überwinden muss. Ich habe das Zitat zuerst in den Song ‘The Everlasting Good’ eingebaut, welcher für eine sehr besondere Frau und Shakespeare-Liebhaberin geschrieben wurde, dann wurde der Titel des Albums daraus.(Jesper Munk. Quelle: Kultmucke, Seitenaufruf am 24.9.2013)

Superlative wie „Einzigartige Neuentdeckung“ oder lassen mich ja immer ein wenig skeptisch werden und auch das Label „ehemaliger Straßenmusiker“ muss nicht unbedingt der Ausweis für außergewöhnliche, mitreissende Musik sein, sondern kann auch für schrecklichstes U-Bahn-Klampfgeschrammel stehen: dafür gibt es zuviele hochgepushte One-Hit-Wonder, zuviel Popstars-Sternchen und Superstaraspiranten, zuviele Wunderkinder, deren Lieder dünn und wenig überzeugend aus den Lautsprechern zirpen und wenig mehr hinterlassen als ein Rauschen im Ohr.

Mit dieser Haltung im Kopf fällt mein Blick auf das künstlich angeranzte CD-Cover von Jesper Munks Debütalbum „For In My Way It Lies“, auf dem ich als vormaliger Seltenstgelegenheitsmitpaffer einen offen und unverstellt in die Kamera blickenden jungen Mann mit Kippe in der Hand und leicht derangierter Frisur entdecke. CD- oder Buch-Cover mit Zigaretten haben ja heute Seltenheitswert und fallen daher auch überzeugten Nichtrauchern wie mir sofort auf.

Um es kurz zu machen: es gibt einige, wenige CDs, die ich wieder und wieder hören mag – und Jesper Munks CD ist definitv eine davon. Man mag es dem 21jährigen Gitarristen vielleicht nicht zutrauen – aber er hat definitv den Blues: er hat ihn so nachhaltig und beeindruckend, dass er einen bereits mit dem Opener „Seventh Street“ sofort in den Band zieht. Mit rauchig-warmer Stimme singt er auf englisch von der Krankheit Zufriedenheit, zupft dabei die Gitarre, als wäre er bei B. B. King in die Lehre gegangen man glaubt ihm jedes Wort.

Kraftvoll-dreckig geht danach „Hungry for Love“ in die Beine, gefolgt vom kontrastieren sanften elegischen „The Everlasting Good“, in dem es um Kaffee im Bett, eine Flasche Weißwein und die niemals ausgehende Zigarette geht. In „I love you“ wird es soulig-melancholisch, begleitet von einem opulenten, fast schon bigbandartigen Sound, während wir im vorangegangenen ultrakurzen „John’s A Man“ mit seinem Bluesharp-Intro musikalisch rau angepackt und in einen nikotinverseuchten Saloon westlich des Mississippi versetzt werden. In der Ballade „Our Little Boathouse“, seinem sparsamen Arangement und seiner reduzierten Instrumentierung sehen wir uns in eine fast schon intime Aufnahmesession versetzt, rasch verzaubert von einem Song, der vielleicht zu den schönsten dieses an bemerkenswerten Songs reichen Albums gehört.

Jesper Munk gelingt es mit seinen 21 Jahren, in seinen Songs glaubhafte, authentische Geschichten zu erzählen und mit seiner rauhen Stimme und den feinen Kompositionen rasch tief im musikalischen Gedächtnis des geneigten Zuhörers zu verankern. Schnell merkt man, dass hier nicht jemand abgegriffene Gefühlsklischees zu musikalischen Versatzstücken verbastelt, sondern offen auf die Welt und in sich hinein schaut und seine Gefühle, seine Gedanken in seine Songs fliessen lässt, Geschichten in und zwischen den Songzeilen zu erzählen weiss und dabei alle musikalischen Register zieht zwischen zart und hart, zwischen rauh und sanft, zwischen kraftvoll-energisch und subtil. Ob akustische oder elektrische Gitarre – erstaunlich virtuos greift Munk die Saiten und wird dabei mal mehr, mal weniger opulent, aber immer in passendem Arrangement begleitet von Schlagwerk, Bluesharp, Gitarren und mal ein paar Geigen. Die Liste der Vorbilder (nicht nur) aus Blues und Soul, aber auch der bevorzugten Dichter spricht dabei Bände und reicht von Hendrix bis Cash, von Rilke bis Goethe:

Doch Jesper Munk ist nicht nur ein begnadeter Interpret mit teuflisch gut ausgeprägten Stimmbändern. Er schreibt auch seine eigenen Songs, die sowohl kompositorisch als auch lyrisch auf unheimlichem Niveau sind. »Mich inspirieren extreme Songwriter. Die Metaphern-Dichte bei Bob Dylan, die fast schon bäuerliche Direktheit von Neil Young«, beginnt Jesper die Aufzählung seiner persönlichen Idole. Johnny Cash gehört auch noch dazu und Jimi Hendrix natürlich. Aber auch Dichter wie Paul Celan, Rainer Maria Rilke oder der junge Goethe haben ihre Spuren im Schreiben des 20-Jährigen hinterlassen. Dunkle, kräftige Bilder geistern durch Jespers Songs – Schatten, Träume, Hölle, Sünde – und treffen dort auf archetypische Blues-Floskeln. Ein einfaches »I love you« ist ebenso zu hören wie das verzweifelte »You left me for another man«. (Zitiert aus: Debütant in der Trotzphase. Quelle: Münchner Feuilleton, Seitenaufruf am 24.9.2012).

Jetzt lande ich natürlich doch in eingangs kritisierten Superlativen – zumindest in einem: für mich ist dieses Album eines der besten, die ich in diesem Jahr gehört habe. Und ich hoffe, dass es noch mehr von Jesper Munk zu hören geben wird, denn dieser Mann hat nicht nur Potential, er schöpft es bereits aus und hat sicher noch mehr zu geben. Jetzt muss ich leider aufhören zu schreiben und mir die CD nochmal anhören: Ich kann nicht anders. Hören Sie doch selbst!

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