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Farbe, Form, Orangensaft : verrücktes Design aus aller Welt / Ewa Solarz …

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Das Design bestimmt das Bewusstsein? Zumindest bestimmt und beeinflußt Design seit langer Zeit die Art und Weise, wie wir leben, uns unsere Welt einrichten und darin orientieren: die industrielle Fertigung von Möbel und Gebrauchsgegenständen erforderte nicht nur früh eine hohe Standardisierung zur Produktionsoptimierung, sondern führte im Wechselspiel mit der Massenfertigung und -vermarktung nach und nach zu einer bewussten Gestaltung. Design kann provozieren, begeistern, das Leben erleichtern oder gewohnte Sicht- und Verhaltensweisen in Frage stellen und verändern. Design kann bei einem Produkt gegenüber der Funktion in den Vordergrund rücken und so die Funktion nebensächlich werden lassen – oder aber mit der Funktion eine ästhetische Einheit bilden.
Auch unsere Kinder, schon früh der Konsumwelt ausgesetzt, sehen sich täglich mit der riesigen Warenflut und damit auch mit Produktdesign konfrontiert: schaut man sich kritisch unsere Warenwelten an, dominiert allerdings weitestgehend der billige Massenentwurf, das schlechte, zeitgeistbestimmte Design, vom Spielzeug bis zum Schrank, vom Haus bis zum Auto.
„Farbe, Form, Orangensaft“ zeigt fast siebzig Haushaltsgegenstände, die wirklich gestaltet sind und Designgeschichte geschrieben haben, weil hinter ihrem Entwurf zumeist mehr steht als Produktionsoptimierung und Anbiederung an den Massengeschmack. Das beginnt mit dem Thonet Stuhl Modell Nr. 214, jenem berühmten Kaffeehausstuhl aus Bugholz und wenigen Schrauben, der seit über 150 Jahren gebaut und verkauft wird und dessen zeitlos-elegantes, schlichtes Aussehen auch im 21. Jahrhundert zu überzeugen vermag. Gerrit Rietvelds Sessel „Rot und Blau“ von 1918, farblich beeinflusst durch Mondrians Malerei, zeigt sich als Sessel, der durch eine gewisse Härte zur Konzentration zwingen sollte, während Le Corbusier mit seiner LC4-Liege das Schlafen in der von ihm postulierten Wohnmaschine zu optimieren suchte und gleichzeitig sowohl einen Ruhesessel als auch einen Gesprächssessel konzipierte, die es noch heute zu kaufen gibt.
Auf jeweils einer Doppelseite werden die Möbel und Haushaltsgegenstände vorgestellt: plakative, ausdrucksstarke Illustrationen mit leisem Witz zeigen das Besondere an dem jeweiligen Entwurf und geben zusammen mit dem kurzen, aber die wesentlichen Informationen zum Gegenstand und zum Designer zusammenfassenden Text einen hervorragenden Eindruck vom Produkt, seinen Eigenschaften und seiner Geschichte. Dabei werden auch die zum Teil verblüffenden Inspirationsquellen genannt: so etwa die Kokosnuss für den Coconut Chair von George Nelson, die optische Zumutung durch Möbelbeine, die Eero Sarinen empfand (Einbeintische und Stühle „Tulip“), das Zimmer im Zimmer, dass Eero Aarnio mit seinem Sessel „Ball“ schaffen wollte, oder die Überlegung, dass eine Leuchte, die sich auf dem Mond bewähren würde, sich überall bewährt, die Michele De Lucci zu seiner Leuchte „Tolomeo“ führte.
Neben bekannteren Designern und Produktikonen wie Marcel Breuer (Stahlrohrstuhl Wassiliy), Ludwig Mies van der Rohe (Barcelona Sessel), Arne Jacobsen (Stuhl „Ameise“) oder Philippe Starck (Zitronenpresse „Juicy Salif“) finden sich auch unbekanntere Produkte und Designer wie Alexander Taylor (Kleiderhaken „Antlers“, inspiriert von Geweihen) oder Tomek Rygalik (Sofa „Hidden“). Nur meinen Lieblingssessel „Embryo“von Marc Newsom, den ich mir vermutlich nie werde leisten können, konnte ich leider nicht darin finden – aber dafür habe ich ja das entsprechende Museum in der Stadt, in dem ich ihn jederzeit sehen kann.
„Farbe, Form, Orangensaft“ ist ein ausgesprochen kurzweiliges Buch, dass das Interesse für die bewusste Gestaltung von Produkten, für Designgeschichte und die oft ungewöhnlichen Wege der Ideenfindung zu wecken vermag. Das Buch selbst überzeugt mit seiner schönen Gestaltung ebenso wie bereits Treppe, fenster, Klo. Zum Stöbern oder kompletten Lesen für alle ab etwa 9 Jahren, die sich für Form und Funktion und Geschichten hinter den Dingen begeistern können und die Hoffnung nicht verloren haben, dass sich gutes Design eines Tages doch noch durchsetzt.

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