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Und wer küsst mich? : Absolute Beginners – Wenn die Liebe auf sich warten lässt / Maja Roedenbeck

„Dann und wann nicht gemocht zu werden, das halten wir alle aus, gibt es doch einen unendlich großen Pool potenzieller Möger. Doch das eigene Ich ganz zu exponieren, nicht nur die gefällige Oberfläche, und dann seine Zurückweisung zu erleben, kann katastrophal schmerzhaft sein. Die Aussicht auf Schmerz ganz allgemein, den Schmerz des Verlusts, der Trennung, des Todes, ist es, was die Versuchung so groß macht, die Liebe zu meiden und im sicheren Bereich des Gefallens zu bleiben. Und doch, Schmerz tut weh, aber er tötet nicht. […]. Ohne Schmerz durchs Leben zu kommen, heißt, nicht gelebt zu haben.“ (Jonathan Franzen: Schmerz bringt dich nicht um. DIE WELT, 2.7.2011).

Erwachsene Menschen, die unfreiwillig allein sind und noch keine Beziehungserfahrung haben? Vermutlich hat jeder von uns solche Menschen in seinem Umfeld, sie mehr oder weniger bewußt wahrgenommen, sich vielleicht auch manchmal gefragt, ob und warum sie wohl allein durchs Leben gehen. Dabei entsprechen „Absolute Beginner“, wie sich Erwachsene ohne Erfahrung in einer Liebesbeziehung oft selbst nennen, durchaus nicht dem Klischee, dass sich weiland der Volksmund von ihnen machte (Hagestolz, eiserne Jungfrau). Auch das Bild, das uns oft heute in unserer durchsexualisierten Zeit, die Schüchternheit ebenso negativ besetzt wie Unerfahrenheit, vor Augen steht und zum Teil noch durch unsägliche, Menschen unwürdig vorführende Privatfernsehformate wie „Jungfrau sucht die große Liebe“ verstärkt wird, hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Dabei sind es vermutlich zwischen ein- bis zwei Millionen Menschen in Deutschland, auf die die eingangs erwähnte Defintion zutrifft – über die man aber so gut wie nichts weiss, weil Studien und eine entsprechende Öffentlichkeit jenseits der beschriebenen verzerrten Wahrnehmung fehlt.

Maja Roedenbeck lässt in ihrem Buch eine ganze Reihe von Erwachsenen zu Wort kommen, die zum Teil noch nie eine Liebesbeziehung mit dem entsprechenden Vertrauensverhältnis, mit Zärtlichkeit und Sexualität erfahren haben oder aber über (wenige und zumeist frustrierende) sexuelle Erfahrungen hinaus einsam geblieben sind. Das Alter reicht von Anfang 20 bis nache 50 und betrifft Männer ebenso wie Frauen. Roedenbecks Verdienst ist es, sowohl Fakten und psychoziale Einordnungen vorzunehmen als auch den Betroffenen breiten Raum zu geben, über ihre Erfahrungen, Motivationen und ihre gegenwärtige Lebenseinstellung zu sprechen. Sie ordnet das Thema „Liebe“ aber auch in die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des beginnenden 21. Jahrhunderts ein und hält damit uns allen einen kritsichen Spiegel vor die Nase.

Deutlich wird, wie weit die Betroffenen vom Klischee entfernt sind, wie sehr sie unter ihrer Beziehungsunerfahrenheit leiden, die ihnen trotz in der Regel durchaus vorhandender sozialer Einbindung in Freundeskreise, in Vereine und Freizeitaktivitäten, unüberwindlich scheint. Einige finden sich ab, suchen Erfüllung in anderen Aktivitäten, andere suchen den Kontakt mit anderen Betroffenen und versuchen mühsam, über Jahre und zum Teil erfolgreich, aus der unfreiwilligen Einsamkeit auszubrechen. Nicht wenige enden auf der sog. „Kumpelschiene“, werden also mehr als zuhörende Freunde denn als potentielle Partner wahrgenommen, manche outen sich mit zum Teil positiven, zum Teil negativen Folgen.

Allen gemeinsam ist es, dass sie darunter leiden und sich wünschen, dass die Gesellschaft offener mit dem Thema umgeht und sie gleichzeitig nicht nur auf diese eine Eigenschaft der Beziehungsunerfahrenheit reduziert. Mittlerweile finden sich „Absolute Beginner“ nicht nur in Internetforen zusammen, sondern treffen sich auch real und durchaus nicht nur, um nur über dieses eine Thema zu reden. Viele vonn ihnen ermutigen sich gegenseitig, Erfahrungen zu machen, sich nicht von Mißerfolgen beirren zu lassen in der Sehnsucht nach einer Partnerschaft. Zugleich schafft die Gemeinsamkeit auch Trost in einer oft schmerzhaft empfundenen Einsamkeit und Liebensferne.

Deutlich wird, wie normal eigentlich „Absolue Beginner“ abgesehen von ihrem „Makel“ sind und wie sehr sie sich wünschen, als normal wahrgenommen zu werden. Demgegenüber steht eine Gesellschaft, in der schnell abgestempelt wird, wer mit Anfang Zwanzig noch keine sexuelle Erfahrung, geschweige denn die erste Beziehung vorweisen kann. Dieser Gesellschaft genügt in ihrem verengten Blickwinkel nicht, dass ein solcher Mensch auch noch andere Eigenschaften hat, mit denen er wahrgenommen werden will – ob Hobbys, Arbeit, ein offenes Ohr, Zuverlässigkeit in allen Lebenslagen oder ein besonderer Humor.

Dem Buch von Maja Roedenbeck sind viele Leser zu wünschen und den „Absolute Beginners“ das Verständnis und der „zweite Blick“, den sie verdienen. Der Gesellschaft aber ist zu wünschen, dass sie ihren einseitigen Blick darauf, wann man diese oder jene Erfahrung gemacht haben muss, um als gesellschaftlich akzeptiert und „beziehunsgfähig“ zu gelten, gründlich überdenkt.

Um mit dem eingangs aus dem vorliegenden Buch zitierten Jonathan Franzen zu enden:

„So etwas wie einen Menschen, von dessen wahrem Ich einem jeder Partikel gefällt, gibt es nicht. […] So etwas wie einen Menschen, von dessen wahrem Ich man jeden Partikel liebt, aber gibt es“.
(Jonathan Franzen: Schmerz bringt dich nicht um. DIE WELT, 2.7.2011).

12 Kommentare zu “Und wer küsst mich? : Absolute Beginners – Wenn die Liebe auf sich warten lässt / Maja Roedenbeck

  1. Wenn man sich genauer umschaut, sieht man sie …

    Genau, nur wollen sie nicht gesehen werden. Selbst zwei sehr gute Bekannte mit denen ich sogar gemeinsam Urlaube verbracht habe, mochten sich mir gegenüber nicht outen. So groß ist die Angst und der Schmerz. Um so besser, dass es endlich Ratgeber hierfür gibt, die einem weiterhelfen und man selbst sich nicht in seiner Umgebung outen muss.

    Ich hoffe, dass dieses Buch die Quote der ungewollten Dauersingles reduziert!

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    • Ja, dass ist wirklich zu hoffen in unserer leider in dieser Hinsicht nicht selten recht oberflächlichen Gesellschaft, in der auch die Liebe optimiert wird und diejenigen wenig Chancen haben, die sich in dieser Hinsicht nicht „verkaufen“ können. Da leistet das Buch sicher einen wertvollen Beitrag!
      Herzlich gruesst Jarg

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  2. Dass es so viele Menschen gibt, die erfolglos nach Liebe streben, bricht mir gerade ein klein wenig das Herz.
    Ob man das, was wir damals in Mittel- und Oberschule verzapft haben, nun Beziehung nennen kann, darüber lässt sich streiten 😉 Aber natürlich sind auch das schöne und wertvolle Erfahrungen, die man aber sicher nachholen kann, besonders in der Studienzeit.
    Ich denke bei dem Thema viel eher an spätere Lebensstadien in denen sich die anderen Leute im Freundeskreis immer mehr auf ihre Familien konzentrieren und eventuelle Kinderwünsche unerfüllt bleiben, bei denen die es auch jenseits der zwanzig nicht schaffen diese ganz besonderen Bindungen zu knüpfen.

    LG, Katarina 🙂

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    • Hallo Katarina,
      ja, das macht die Lektüre so erschütternd. Zumal es für diese Menschen Jahr für Jahr eine größere Hürde wird und die Gesellschaft, in der MAN eben schon früh Liebe und Sexualität erlebt haben soll, dann doch scheel guckt oder gar nicht. Wenn man sich genauer umschaut, sieht man sie … doch in unserer mit Begriffen wie „normal“ so gerne operierenden Gesellschaft sieht man dann nicht so gerne ein zweites Mal hin. Obwohl der Block ja lohnen könnte. Traurig. Umso besser, dass sie sich zu Wort melden, sichtbarer werden. Wir sie wahrzunehmen beginnen als ganz – ja, ganz normale Menschen mit Sehnsüchten, Ängsten, dem Wunsch nach Nähe und eben dieser einen fehlenden Erfahrung.
      Liebe Grüsse von
      Jarg

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    • Danke!
      Franzen fasst das wirklich gut in Worte – wird Zeit, dass ich nicht nur über Zitate von ihm stolpere – wie das in der Rezension aufgeführte – sondern auch seine Bücher endlich lese.
      Herzlich grüsst
      Jarg

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