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Süsses Gift : Hilfe als Geschäft / Regie: Peter Heller

An Weihnachten wird ja immer gern mit dem Klingelbeutel durch die Gegend gerannt, wird zu Spenden aufgerufen, an das schlechte Gewissen appelliert und munter und millionenfach an Hilfsorganisationen überwiesen. Seit fünfzig Jahren wird im Rahmen von Entwicklungshilfe auch in Afrika massiv investiert, wurden insgesamt über 450 Milliarden Euro in diverse Projekte gesteckt mit dem Ziel, Entwicklung zu befördern. Derzeit arbeiten über 40.000 Mitarbeiter verschiedenster Hilfsorganisationen in Afrika, während der Anteil subsaharischer Länder am Welthandel stetig gesunken ist. Anlass genug für den unbequemen Dokumentarfilmer und Afrikakenner Peter Heller, einmal genauer hinzuschauen und sich am Beispiel von drei Projekten in Tansania, Mali und Kenia anzuschauen, was genau ankommt bei den Menschen und ob sich tatsächlich etwas verbessert hat. Vor Ort besucht er Projekte, spricht mit afrikanischen Intellektuellen und mit professionellen Entwicklungshelfern.

Schnell wird deutlich, wie sehr die massive Entwicklungshilfe in Afrika die Ausbildung lokaler wirtschaftlicher Kraft verhindert, Abhängigkeiten befördert und die Bevölkerung eher zu passiven Hilfeempfängern als zu aktiven Gestaltern ihrer Gesellschaften werden lässt. Vorhandene, zum Teil korrupte Machtstrukturen werden gefestigt und ohnehin fliesst viel vom dem als Entwicklungsdarlehen gewährten Geld direkt zurück an europäische und amerikanische Firmen und Konsortien, die vor Ort Baumaßnahmen durchführen und nach Vollzug wieder abziehen ohne Gewähr, dass der infrastrukturelle Ausbau nachhaltige Folgen hat.

Dabei richtet Heller den Fokus nicht nur auf Großprojekte wie den im Film erwähnten Staudamm und eine aufgrund von mangelnder Strom und Wasserversorgung sinnlose Kühlhalle für den lokalen Fischfang. Er lässt neben den afrikanischen und europäischen Experten und kritikern auch die Menschen vor Ort zu Wort kommen und macht so rasch deutlich, dass Afrika eine Loslösung aus Armut und Hunger nur gelingen kann, wenn man sich auf lokale Stärken besinnt und sich die afrikanischen Staaten wirtschaftlich mehr miteinander verflechten.

Drastisch kritisiert der Film auch die Nahrungsmittelhilfe aus den westlichen Ländern, die die örtliche Landwirtschaft massiv beeinträchtigt, amerikanischen und europäischen Farmern aber einen lukrativen Abverkauf ihrer Überschüsse an Hilfsprojekte ermöglicht. Beides – Nahrungsmittelhilfe ohne Katastrophensituation und Entwicklungsprojekte ohne lokale Verortung – führt nach Hellers Film in Afrika nicht nur zur Verfestigung der Lethargie und der Ansicht, der Westen müsse eben für Afrika zahlen. Zusätzlich befördert die Entwicklungshilfe neben der Abhängigkeit vom Westen auch die Abwanderung der starken, leistungsfähigen jungen Leute in die entwickelten Ländern. So berichtet einer der alten im Dorf, dass alle seine Söhne auf die Schule gegangen seien – und jetzt ausgewandert wären, weil es vor Ort für sie nichts zu tun gibt.

Dabei hat Afrika seine Stärken, sofern lokal gehandelt und die Menschen mitgenommen werden statt ihnen westliche Wirtschaftsmodelle aufzuzwingen und in Strukturen zu denken, die in entwickelten Volkswirtschaften funktionieren mögen, ein „unterentwickeltes“ Land jedoch überfordern. Der Schuldenberg, den afrikanische Ländern mittlerweile vor sich herschieben und die Reduzierung Afrikas auf einen billigen Rohstofflieferanten leisten ein Übriges, um die Situation zu zementieren und Afrika den Weg zu einer entwickelten, differenzierten Gesellschaft und Wirtschaft zu erschweren, obschon das Potential dazu eindeutig vorhanden ist.

Hellers Film legt den Finger in die Wunde und zeigt, dass die Lösung zwar nicht nur in Afrika liegt (wie etwa die subventionierten Nahrungsmittelexporte zeigen), aber es wesentlich darauf ankommt, den Menschen vor Ort mehr Freiheit zu geben, ihre Probleme selbst zu lösen. Deutlich wird das gegen Ende des Film am Beispiel von Biobaumwolle, die im Auftrag eines westlichen Unternehmens angebaut wird und durch Abnahmegarantieren für 80% der Ernte mittlerweile mehrere hundert Kleinbauern auskömmlich beschäftigt.

Den Film zeichnet neben der differenzierten Darstellung, durchaus schönen Aufnahmen von Menschen und Landschaften, der ruhigen Kameraführung und der Tatsache, dass er Betroffene und Akteure ausführlich zu Wort kommen lässt, vor allem eines aus: er stellt auch und gerade die Menschen, auf die die Hilfe zielt, nicht als Menschen dar, die gar nicht anders können, sondern zeigt deutlich, dass sie aufgrund der vorhandenen, zum Teil korrupten Strukturen und dem Beharrungsvermögen der Entwicklungshilfeindustrie keine Freiheit haben, anders zu handeln. Wenn westliche Entwicklungshelfer wie in diesem Film zitiert, es bei der Entwcklung von Hilfsprojekten offenbar für gut halten, immer noch eine weitere Phase im Köcher zu haben, damit es auch ja weitergeht, ist Zynismus als Bewertung fast schon ein wenig untertrieben.

Ein ausgesprochen nachdenklich stimmender Film, der zeigt, wie stark afrikanische Menschen sein können – wenn man sie lässt und nicht über sie bestimmt. Gerade in der bevorstehenden, ach so christlic-barmherzigen Weihnachtszeit sollte man sich daher mehr als genau überlegen, ob das Geld dort, wo man es hinspendet, wirklich gut angelegt ist.

14 Kommentare zu “Süsses Gift : Hilfe als Geschäft / Regie: Peter Heller

  1. Hilfsorganisationen sind generell Unternehmen; und der ‚Unternehmer‘ genehmigt sich Privilegien und einen Heiligenschein auf Kostern der Spender. Das meiste Elend könnte durch eine ‚rationale Politik‘ (man verzeihe den Widerspruch) vermieden/verhindert werden. Die NGOs machen sich so meist zum Gehilfen des Unrechts. Teufel und Gott sind eben voneinander abhängig.
    Nette Grüße

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    • Leider … eine andere Politik wäre bitter nötig. Weniger Gier bei allen. Und die Wirtschaft muesste wieder für den Menschen da sein statt umgekehrt …

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      • Hehe 🙂
        Na ja, weil Du schon jeden Tag so 3 Rezis produzierst, auch wenn das Kinderbücher usw. sind, sieht das schon nach Beruf aus. 🙂
        Und auch jeden Morgen, immer die gleiche Zeit, ist deine Rezi auch schon da 🙂
        Oder immer (?), vor der Arbeit, nach der Arbeit – eine Rezi muss es immer sein. (?) 😉
        Radikal-subjektiv ist immer gut. 🙂
        Na dann, noch viel Vergnügen und Leselust wünsche ich Dir!
        Liebe Grüße, Gregor

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      • Sagen wir es mal so: mein Beruf strahlt nicht selten positiv ins Privatleben aus und hat eine gewisse Mediennaehe. Bei Rezis gibt es nicht nur die vorrausschauende Bevorratung, sondern auch die bequeme Terminierung, die autopilotengleich im Netz Rezis erscheinen lässt, während ich noch dusche und die Technik still ruht … alles eingefahren-objektiv. Da schwindet er hin, der Mythos vom dauerbloggenden Jarg.
        Liebe Grüsse sendet eben jener …

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