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Schluss mit Luther : Von den Irrwegen eines Radikalen / Peter Henkel

Im ganzen Feiermarathon um 500 Jahre Reformation ist ja nicht nur die historische Bewertung des Reformationstages maßloser Übertreibung anheimgefallen, sondern der im Fokus stehende Protagonist Martin Luther überaus positiv ins Licht gesetzt worden. Schaut man etwas genauer hin, bleibt von der Lichtgestalt Luthers allerdings nicht mehr viel übrig. Der Journalist Peter Henkel, der hier vor Jahren mit „Ach, der Himmel ist leer“ überzeugen konnte, widmet sich auf knapp 200 Seiten Luther und entlarvt das weichgespülte, stark idealisierte Bild, das nicht nur evangelische Theologen von dem zugegeben streitbaren und sprachmächtigen Mönch verbreiten. Dabei lenkt Henkel den Blick nicht nur auf historische Irrtümer (Luther war bei weitem nicht der erste, der Reformen verlangte und auch nicht der erste, der die Bibel ins Deutsche übertrug), sondern zeigt und belegt vor allem, was für ein Mensch Luther tatsächlich war und welches Gottes- und Menschenbild er vertrat.

Geschichtsklitterung wird dabei allein schon bezüglich seiner Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche betrieben: hier gab es durchaus Anknüpfungspunkten und Möglichkeiten zum Dialog. Luther jedoch verdammte die Katholiken in Bausch und Bogen, leistete damit aber zugleich dem Machtstreben lokaler Fürsten Vorschub, die sich nicht selten mehr aus strategischen denn aus religiösen Erwägungen heraus dem Protestantismus zuwandten. Luthers Erfolg lässt sich also durchaus auch aus Sicht der machtstrategisch denkenden Fürsten betrachten und verliert damit zusätzlich seinen Nimbus als Freiheitskampf, der eh nicht zu halten ist.

Der Hass und Fanatismus, mit dem Luther seinen Zeitgenossen begegnete, werden aus dem modernen Lutherbild gerne ausgeblendet oder mit „das war halt damals so“ beschönigt. Dabei hat Luther nicht nur oft und gerne die Todesstrafe für Hexen, Zauberer und Ketzer verlangt, sondern auch die aufständischen Bauern scharf verurteilt und von der nach seiner Meinung von Gott eingesetzten Obrigkeit hartes Durchgreifen verlangt. Über die Bauern sagt er etwa:

„Drum soll hier zuschmeißen, würgen und stechen, heimlich oder öffentlich, wie er kann. Gleich, als wenn man einen tollen Hund totschlagen muss. (S. 152)“

Luther, der dem Menschen als seiner Auffassung nach überaus schlechtem, sündigen Wesen explizit keinen Einfluss auf Gottes Gnaden einräumte, hat dabei auch für freiheitliche Gedanken und Aufklärung keinerlei Verständnis gehabt. Henkel macht deutlich, weshalb man gerade Luther nicht als Freiheitshelden feiern darf und ihn im Gegenteil als Fanatiker sehen muss, der den Gottesglauben über alles stellte und vielen den Tod wünschte, die seinen Vorstellungen nicht entsprachen. Nach Luthers Überzeugung würde Gott alle, die nicht auf seiner Seite stehen – also Juden, Muslime, Agnostiker, Atheisten – dem Fegefeuer und der ewigen Verdammnis überantworten, selbst wenn diese in ihrem Leben Gutes getan hätten.

Luthers Gott, so belegt Henkel schlüssig, war ein abgewandter, schrecklicher, sich dem menschlichen Verständnis entziehender Gott – weit entfernt von dem gütigen Gottesbild, dass moderne Protestanten pflegen. Das Zeitalter der Aufklärung, ja die hohe Wertschätzung der Vernunft und der Wissenschaft, die nach der Zeitenwende ihren Raum bekamen, hätte er zutiefst angelehnt und verdammt. Er selbst hat während seines gesamten Lebens an Dämonen und Hexen geglaubt und überall den Satan gewittert. Vom Frauenbild ganz zu schweigen, das ebenfalls nicht mit modernen Vorstellungen in Übereinstimmung zu bringen ist.

Ebenfalls scharf zu verurteilen ist auch seine Haltung gegenüber Menschen jüdischen Glaubens, die auch für seine Zeit ungewöhnlich hart und ablehnend war und heute mit der Beschwichtigung abgetan wird, dass damals halt allgemein eine judenfeindliche Stimmung geherrscht hätte. Eine Relativierung, die gerade aus dem Munde deutscher Historiker und vor allem Theologen mehr als fragwürdig ist.

Fazit: Peter Henkel ist ein überaus spannend zu lesendes Buch über die anderen, aus der zeitgenössischen Betrachtung und dem öffentlichen Bild der historischen Person bewußt ausgeschlossen Seiten Martin Luthers gelungen. Er belegt schlüssig, warum Luther nicht als Vorbild und Freiheitsheld taugt und eine aufgeklärte, freiheitsliebende Gesellschaft davon Abstand nehmen sollte, ihn zu feiern und seine Schattenseiten auszublenden. Dabei ist der Atheist Henkel wohltuend undogmatisch: er gesteht Religion und damit auch dem Protestantismus zu, ein gesellschaftlich relevantes und nützliches, „lebensdienliches Produkt der soziokulturellen Evolution“ zu sein, das seinen großen Helden – der in Wahrheit ein der Modernde und ihren Errungenschaften entgegenstehender Radikaler war – allerdings endlich entmystifizieren sollte.

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