Im Grunde gut : eine neue Geschichte der Menschheit / Rutger Bregman

Man könnte ja oft verzweifeln, wenn man die Nachrichten verfolgt oder im Alltag entsetzt beobachtet, wie Menschen sich unvernünftig, nicht selten auch asozial und unethisch verhalten. Selbst wer nicht gläubig ist, neigt daher gerne dazu, den großen monotheistischen Weltreligionen recht zu geben, wonach das Tier Mensch grundsätzlich schlecht, ja böse ist. Aber ist das wirklich so? Ist der Mensch nur durch rechtliche Schranken, Zivilisationspatina und religiöse Dogmen im Zaum zu halten – getreu dem Weiterlesen

Echt jetzt? Die beknacktesten Aktionen der Menschheit / Tom Phillips

Wenn man schon vom Baum gestiegen ist und den aufrechten Gang entwickelt hat, sollte man vielleicht nicht wieder raufsteigen, runterfallen und sterben: genau das passierte einem Individuum der Art Australopithecus afarensis vor etwa 3,2 Millionen Jahren, wenn man aktuellen Studien an den erhalten gebliebenen Fossilien glauben darf. Wer anthropologisch interessiert ist, wird den Namen kennen, den ihre Entdecker ihr gaben: Lucy. Seitdem weist die Geschichte der Trockennasenaffen und der Weiterlesen

Erebus: Ein Schiff, zwei Fahrten und das weltweit größte Rätsel auf See / Michael Palin

Vor über 170 Jahren scheiterte eine der für ihre Zeit hervorragend ausgestattete Expedition mit den beiden für das Eis verstärkten Schiffen Erebus und Terror zur Entdeckung der legendären Nordwest-Passage in der Arktis dramatisch: keiner der 129 Männer kehrte aus dem Eis zurück. Bis heute ist unklar, was im Detail zwischen 1845 und der Sichtung letzter Weiterlesen

Ursprünge : Wie die Erde uns erschaffen hat / Lewis Dartnell

Wir wissen heute eine Menge über die Geschichte der Menschheit und die Bandbreite unserer Erkenntnisse wird unter anderem gespeist von archäologischen und paläontologischen Funden sowie tiefgreifenden genetischen Analysen. Lewis Dartnell, der vor kurzem mit seinem „Handbuch zum Neustart der Welt“ für Aufmerksamkeit sorgte, geht der Geschichte des Lebens und damit auch unserer Entwicklung und Geschichte in buchstäblich tiefschürfender Weiterlesen

T wie trouble : Mit Fords Tin Lizzy durch Trumps Amerika / Tim Moore

Der britische Hang zur Exzentrik war auch bei Tim Moore und seinen Büchern immer zu spüren, ob er nun mit einem altem DDR-Faltrad 10.000 km den eisernen Vorhang entlang fuhr, in „Geronimo!“ den Giro d’Italia von 1914 mit einem Uralt-Rennrad bestritt oder in „Tortour“ die Tour de France im Selbstversuch beschrieb.

Entsetzt vom Brexit und der kurz darauf erfolgten Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA, erinnert sich der überzeugte Europäer Moore an seine ersten Besuche in den USA, reflektiert, was sich seither verändert hat und taucht tief ein in die Geschichte der USA im 20. Jahrhundert, um mit einer Idee aufzutauchen: Moore will eine Fahrt in einem Ford Model T durch das Weiterlesen

Heiliger Zorn: Wie die frühen Christen die Antike zerstörten / Catherine Nixey

Zerstörte religiöse Stätten und Skulpturen, Bücherverbrennungen, Vernichtung wertvoller Kunstwerke, brutale Jagd auf Anders- und Ungläubige, verbunden mit Hass, Intoleranz, Spitzelwesen und dem unbedingten Bestehen darauf, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein. Was auf den ersten Blick in der Zusammenfassung klingt wie ein Bericht über die Taliban oder den Aufstieg des islamistischen Daesh (aka Isis oder IS) und seine Folgen für den Nahen Osten und die Welt, ist tatsächlich eine Abrechnung mit dem frühen Christentum, das entgegen landläufigem Wissen eine recht düstere Geschichte hat.

Die britische Historikerin Catherine Nixey hat zahlreiche der wenigen erhaltenen antiken Texte ausgewertet und kommt zu Weiterlesen

Die Grenze : Eine Reise rund um Russland durch Nordkorea, China, die Mongolei, Kasachstan, Aserbaidschan, Georgien, die Ukraine, Weißrussland, Litauen, Polen, Lettland, Estland, Finnland, Norwegen sowie die Nordostpassage / Erika Fatland

Die norwegische Journalistin und Autorin Erika Fatland hat sich schon mal mit der Sowjetunion – genauer: mit dem, was sie zurückgelassen hat – beschäftigt. Reiste sie für „Sowjetistan“ durch die zum Teil überaus bizarre Welt der ehemaligen, heute selbstädnigen Sowjetrepubliken, deren Name auf -stan endet, hat sie sich für das vorliegende Buch auf eine noch weitere Reise gemacht: über 20.000 Kilometer reist sie an der Grenze Russlands entlang und so um dieses flächenmäßig immer noch größte Land der Erde. Sie kommt dabei durch 14 Länder, darunter Nordkorea und Aserbaidschan, Litauen und Finnland, reist in der Arktis und im Kaukasus, durch Steppen und über Berglandschaften und besucht dabei auch Länder wie Abchasien, die zwar auf der Karte verzeichnet sind, aber von kaum einem anderen Land der Welt anerkannt werden.

Im Fokus ihres Reiseberichtes stehen dabei neben einem Weiterlesen

Die Reise unserer Gene : Eine Geschichte über uns und unsere Vorfahren / Johannes Krause mit Thomas Trappe

In Zeiten, in denen der tot geglaubte Rechtsextremismus in Form von populistischen Bewegungen in ganz Europa wieder auftrumpft und demokratieferne Parteien wie die sogenannte Afd ungeniert an rassistische Positionen anknüpfen, kommt wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit dem Thema Migration und der Entwicklung des modernen Menschen in Gegenüberstellung zu den kruden Thesen und Vorurteilen engstirniger Weiterlesen

’69 : Der dramatische Wettlauf zum Mond / Ulli Kulke

In meiner Erinnerung sitze ich im Juni 1969 als Dreijähriger auf dem Boden vor dem Schwarz-Weiß-Fernseher in unserer damaligen Wohnung und sehe schemenhafte Gestalten in merkwürdigen Anzügen und Helmen, die sich auf seltsam verlangsamte Weise um eigenartiges Gestell herum bewegen. Aber Erinnerung ist bekanntlich ein trügerisches Ding: es kann gut sein, dass ich bewegte Bilder von der Mondlandung auch erst viel später gesehen habe und meine durch originale NASA-Dias und unseren alten Liesegang-Projektor Jahre Weiterlesen

Exit vom Brexit : Wie ich Deutsche wurde / Kate Connolly



Mittlerweile bricht mir nicht nur dann der Schweiß aus, wenn in Großbritannien chaotische Zustände herrschen, sondern auch, wenn in Deutschland die Große Koalition zu scheitern droht. Auch ich habe großes Interesse an der Zukunft Deutschlands. ich finde es ungemein schmerzhaft, dass heute im Bundestag Menschen sitzen, die aussehen, als lutschten sie unablässig Zitronen, und die sich mit perlen behängen und in Tweed kleiden wie falsche britische Sdlige, und manchmal habe ich Angst um die Zukunft. Aber zweifelsohne bin ich heute, wo das Austrittsdatum näher rückt, gefühlt ein kleines Stückchen weiter abgerückt vom Vereinigten Königreich und seinem Selbstverstümmelungsprozess, als ich das noch am 24. Juni 2016 war, dem Tag nach dem Referendum (S. 290)

Die 1971 in Großbritanien geborene Kate Connolly lebt seit über 15 Jahren in Deutschland, ist Journalistin und berichtet unter anderem für den Guardian. Das Brexit-Referendum von 2016 treibt nicht nur einen Keil in ihre britische Familie, sondern führt auch dazu, dass sich die mit deutschen Mann und Kindern in Berlin lebende Connolly als überzeugte Europäerin mit Wahlheimat Deutschland Gedanken über ihre zukunft macht. Rasch ist der Gedanke da, für Weiterlesen

Mein Rom : Die Geheimnisse der Ewigen Stadt / Andreas Englisch

Der Journalist Andreas Englisch lebt seit über 30 Jahren in Rom und berichtet mittlerweile vorwiegend aus dem Vatikan. In Journalistenkreisen durchaus nicht unumstritten, legt der überaus eloquente und gut vernetzte Autor mit „Mein Rom“ ein überaus persönliches Buch über seine Lieblingsstadt vor. Aufhänger ist dabei die gescheiterte Prüfung seines Sohnes an einer Schule für Fremdenführer: Englisch nimmt das als Anlass, seinem Sohn die lange Geschichte der Stadt, ihrer Gebäude und Kunstwerke, aber auch der Menschen, die sie prägten, auf seine eigene Weise näher zu bringen.

Dabei bedient es sich eines durchaus klassischen Mittels: des Dialoges. Weite Teile des Buches bestehen aus einem Vater-Sohn-Dialog, der sich Weiterlesen

Leonardos Fahrrad : Die berühmtesten Fake News von Ramses bis Trump / Peter Köhler

Man sollte meine, Fake News haben erst seit kurzem Konjunktur, seien ein typisches Kennzeichen des noch nicht lange ausgerufenen sogenannten postfaktischen Zeitalters. Das Gegenteil ist der Fall: Fake News haben eine betrüblich lange Tradition, die bis in die Antike zurückreicht und folgten schon in früheren Zeiten dem Weiterlesen

Big History : Die Geschichte der Welt – vom Urknall bis zur Zukunft der Menschheit

Im 20. Jahrhundert begannen wir Menschen, unsere Umgebungen, unsere Gesellschaften und sogar uns selbst umzugestalten. Ohne es wirklich zu wollen, haben wir Veränderungen eingeführt, die so rasch und massiv waren, dass unsere Art gewissermaßen zu einer neuen geologischen Kraft wurde. Aus diesem Grund vertreten viele Wissenschaftler die Auffassung, der Planet Erde sei in ein neues geologisches Zeitalter, das Anthropozän oder das „Zeitalter der Menschen“ eingetreten. Es ist das erste Mal in der vier Milliarden Jahre währenden Geschichte der Biosphäre, dass eine einzige biologische Art zur beherrschenden Kraft der Veränderung geworden ist. In nur ein oder zwei Jahrhunderten sind wir unversehens in die Rolle von Piloten gedrängt worden, die den Planeten lenken sollen, ohne wirklich zu wissen, welche Instrumente sie im Auge behalten, welche Knöpfe sie drücken und wo sie landen sollen. Es ist Neuland für uns Menschen und für die gesamte Biosphäre (S. 292).

In der Vergangenheit kam kaum jemand auf die Idee, die Geschichte unseres Sonnensystems, unseres Planeten und des Lebens, das darauf entstand, mit der etwa 200.000jährigen Geschichte der menschlichen Zivilisation und ihrer Zukunft zu verbinden. Der von dem australischen Historiker David Christian geprägte Begriff „Big History“ steht eben für diese These und umfasst die Weiterlesen

Die Himmelscheibe von Nebra : Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas / Harald Meller; Kai Michel

Es begann alles mit einer Raubgrabung, bei der in Sachsen-Anhalt unter anderem eine rätselhafte Scheibe aus Bronze mit Goldapplikationen gefunden wurde, die zunächst in dunklen Kanälen verschwand und dann Harald Meller, Archäologe und Leiter des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle, in einer konspirativen Polizeiaktion gerettet wurde. Mit der Entdeckung der Himmelsscheibe beginnt nicht nur ein veritabler Krimi rund um Weiterlesen

Post von Karlheinz : Wütende Mails von richtigen Deutschen – und was sich ihnen antworte / Hasnain Kazim

Der mehrfach ausgezeichnete, 1974 in Oldenburg geborene Journalist Hasnain Kazim, der derzeit vor allem für den Spiegel tätig ist, bekam schon als 17jähriger nach einem kritischen Artikel über einen vor Überfremdung warnenden Bundestagsabgeordneten erste Hassbriefe – damals oft undatiert und ohne Absender. In den letzten Jahren hat sich die Zahl solcher Briefe und Mails massiv erhöht und Hasnain Kazim, der durchaus nicht der Ansicht ist, dass man mit Rechten Weiterlesen

Tutanchamun : Leben, Tod und ein Geheimnis / Angelika Franz

Wer wie ich in den frühen 1980er Jahren in Hamburg (oder vier anderen deutschen Großstädten) die Tutanchamun-Ausstellung mit 55 Originalstücken aus dem berühmten, 1922 entdeckten Grab im Tal der Könige gesehen hat, wird sicher noch heute fasziniert sein von der Schönheit der Artefakte und dem Geheimnis um den nach damaliger Auffassung sehr jung gestorbenen Pharaos. Wer sich dann, neugierig gemacht von der Ausstellung, mit der Geschichte Ägyptens beschäftigt, stößt in dem Zeitraum, in dem Tutanchamun lebte, auf faszinierende Persönlichkeiten unter den Pharaonen, darunter vor allem Echnaton und seine Frau Nofretete: Echnaton hat seinen Sonnengott Aton über alle anderen Götter Ägyptens gesetzt und damit vorübergehend die mächtigen Priesterschaften entmachtet und in der Folge auch die ägyptische Kunst reformiert, allerdings damit auch den Keim für die unruhige, auf Restauration setzende Zeit nach seinem Tod gelegt.

Die Wissenschaftsjournalistin Angelika Franz geht in ihrem Buch auf Spurensuche durch die Zeit Tutanchamuns, seiner Vorgänger und Nachfolger in der 18. Dynastie und zeichnet dabei ein faszinierendes, durch aktuellste wissenschaftliche Erkenntnisse fundiertes Bild des alten Ägypten in dieser spannenden Periode seiner Geschichte. Franz offenbart nicht nur, wie viel wir heute wissen über Protagonisten und Zeitläufe, sondern auch, welche eklatanten Weiterlesen

Im Namen der Flagge : Die Macht politischer Symbole / Tim Marshall

Flaggen sind allgegenwärtig: vor offiziellen Gebäuden, bei Staatsempfängen, im Vorgarten von Privathäusern, bei Demonstrationen, aber auch bei Kriegen und Gräueltaten. Sie stehen für Großmächte und Kleinstaaten, für Befreiungsbewegungen und supranationale Organisationen, aber auch für Terror, Hass und Gewalt wie etwa beim Daesh (IS), der mit seinem gewalttätigen Fundamentalismus nicht nur den nahen Osten entsetzt.

Tim Marshall, Journalist, Spezialist für Aussenpolitik und Autor des überaus lesenwerten Buches „Die Macht der Geographie“, in dem er den Einfluss topographischer Besonderheiten auf Geschichte und Gegenwart beleuchtet, zeigt in seinem aktuellen Buch, wie überaus mächtig Flaggen als Weiterlesen

Per Anhalter durch die Antike: 1400 Jahre griechisch-römische Geschichte und ihre Aktualität / Alexander Rubel

Die Antike bedeutet für Europa und den Westen wesentlich mehr als eine weit zurückliegende geschichtliche Epoche. Spätestens mit der Wiederentdeckung der Antike und ihres in Klosterbibliotheken und im arabischen Raum bewahrten Wissens in der Renaissance begannen antike Ideen und antikes Wissen auf die Weiterentwicklung von Gesellschaft, Technik und Politik zu wirken und gaben so wesentliche Impulse für die Aufklärung und die Entwicklung der Wissenschaften bis hin zur Moderne.

Leider geraten die Wurzeln unserer Kultur und der rasanten Entwicklungen der letzten Jahrhunderte immer mehr aus dem Fokus nicht nur der Schulen, sondern auch der öffentlichen Meinung und Aufmerksamkeit. Dabei ist unsere Gegenwart ohne den Einfluss antiken Weiterlesen

Schluss mit Luther : Von den Irrwegen eines Radikalen / Peter Henkel

Im ganzen Feiermarathon um 500 Jahre Reformation ist ja nicht nur die historische Bewertung des Reformationstages maßloser Übertreibung anheimgefallen, sondern der im Fokus stehende Protagonist Martin Luther überaus positiv ins Licht gesetzt worden. Schaut man etwas genauer hin, bleibt von der Lichtgestalt Luthers allerdings nicht mehr viel übrig. Der Journalist Peter Henkel, der hier vor Jahren mit „Ach, der Himmel ist leer“ überzeugen konnte, widmet sich auf knapp 200 Seiten Luther und entlarvt das weichgespülte, stark idealisierte Bild, das nicht nur Weiterlesen

Atlas der erfundenen Orte : Die größten Irrtümer und Lügen auf Landkarten / Edward Brooke-Hitching

Trotz aller Digitalisierung, Googlemaps, dem Siegeszug von Navigationsgeräten und -apps und all ihren Vorteilen haben Landkarten für mich nichts von ihrem Zauber verloren: zum einen, weil sie um Gegensatz zu den modernen Navigations- und Orientierungsmethoden einen weiteren Blick auf das Gebiet erlauben, in dem ich mich befinde, seine Einordnung in die Umgebung deutlich machen und einen Dinge entdecken lassen, die man bei geradliniger Navigation von A noch B und dem entsprechend schmal gewordenen Blick nie entdeckt hätte. Zum anderen, weil Landkarten immer noch zu Träumen anregen von der fernen weiten Welt.

Im Gegensatz zu unserem Zeitalter der weitestgehenden freien Verfügbarkeit vieler kartographischer Informationen waren Karten in Weiterlesen

Wild: oder Der letzte Trip auf Erden / Reinhold Messner

Die gescheiterte Antarktisexpedition 1914-1916 von Ernest Shackleton ist heute vor allem deshalb in Erinnerung, weil Shackleton und fünf Männer nach dem Untergang der Endurance im Packeis und der gefährlichen Fahrt mit drei Rettungsbooten übers Südpolarmeer in einer äußerst kühnen Aktion das Beiboot James Caird über 1500 km rauhe See nach Weiterlesen

Die Welt aus den Angeln : Eine Geschichte der kleinen Eiszeit von 1570-1700 sowie der Entstehung der modernen Welt, verbunden mit einigen Überlegungen zum Klima der Gegenwart / Philipp Blom

Damit ergab sich ein Dilemma für die Gesellschaften des Westens, das sie bis heute nicht überwunden haben und ganz besonders für die gebildete Mittelschicht, die sich noch heute als Motor des sozialen Gefüges begreift. Ihr moralischer Anspruch gründet sich auf die Idee von Demokratie und universellen Menschenrechten und ist der Aufklärung verpflichtet. Ihr wirtschaftlicher Erfolg und ihr Wohlstand aber gründen sich auf ein anderes Erbe des 17. Jahrhunderts: Wachstum, das auf Ausbeutung beruht, auf einer Ausbeutung, die sich niemals mit den Ansprüchen der Aufklärung vereinbaren lässt. (S. 238)

Bei all der Feierei um die Reformation und den meines Erachtens durchaus überschätzten Martin Luther konnte man ja leicht den Eindruck gewinnen, unsere Moderne Zeit mit ihren Freiheiten und Errungenschaften gründe im Jahr 1517. Dabei liegen die Ursprünge von Freiheit, Menschenrechten, technischem und landwirtschaftlichem Fortschritt und der fortschreitenden Globalisierung mit all ihren Licht- und Schattenseiten vor allem in jener Zeit zwischen 1570 und 1700 begründet, die heute als Weiterlesen

Die Stadt des Affengottes : Eine unbekannte Zivilisation, ein mysteriöser Fluch, eine wahre Geschichte / Douglas Preston

Keine Kultur lebt ewig. Alle streben sie ihrer Zerstörung zu, eine nach der anderen, wie die Wellen eines Meeres, die sich am Strand brechen. Keine Kultur entgeht diesem Schicksal – auch unsere nicht. (S. 354)

Honduras bringt man im Bezug auf Archäologie und Frühgeschichte nicht erst seit dem Fund von Copan am ehesten noch mit den Maya zusammen. Allerdings gibt es schon seit Jahrhunderten einen Mythos um die sagenhafte sogenannte „Ciudad Blanca“, die „Weisse Stadt“, die im wenig erforschten Bereich des Mosquitia vermutet wurde und etliche Forscher und Glücksritter angezogen hat. Nach dem Mythos, der sich aufgrund fehlender schriftlicher Zeugnisse nicht belegen lässt, ist diese bisher unbekannte Zivilisation plötzlich zwischen 1400-1500 untergegangen.

Douglas Preston, der mir bisher hauptsächlich als Autor von Thrillern bekannt war, erhielt die Gelegenheit, an Expeditionen zur Erforschung des Mythos teilzunehmen, die seit den 1990er Jahren vor allem vom Filmemacher Steve Elkins vorangetrieben wurden. Beflügelt durch die neuen technischen Möglichkeiten der Vermessung über LIDAR (light detection and ranging) organisiert Elkins eine Weiterlesen

Früher war alles schlechter: Warum es uns trotz Kriegen, Krankheiten und Katastrophen immer besser geht / Guido Mingels

Wenn man sich die Nachrichten anguckt, könnte man den Eindruck bekommen, dass sich alles, aber auch wirklich alles zum Schlechten gewendet hat. Tatsächlich aber, konstatiert der SPIEGEL-Autor, geht es uns in vielen essentiellen Dingen so gut wie noch nie: in insgesamt 52 Datenblättern, ergänzt von erläuternden Kommentaren, entlarvt er viele der derzeit kolportierten Ängste und Sorgen als unbegründet. Die Bandbreite reicht von der tatsächlich weltweit gestiegenen Lebenserwartung über die angeblich drohende, tatsächlich am Ende des Jahrhunderts mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Erliegen kommende Bevölkerungsexplosion bis hin zum abnehmenden Weiterlesen

Wörterbuch des besorgten Bürgers

Donald Trump und all die anderen an die Macht gespülten Populisten wie Orban, Putin und Erdogan sind letztlich Ausdruck eines Diskussionsklimas, das zumindest Teile der politischen Öffentlichkeit erfasst hat: da werden munter Bedrohungsszenarien erfunden oder tatsächliche Mißstände über alle Maßstäbe aufgebauscht, um Ängste zu schüren und dann schnell mit vermeintlichen Lösungsvorschlägen zur Stelle zu sein, deren Schlichtheit im diametralen Gegensatz zur Komplexität der tatsächlichen Probleme stehen. Verschwörungstheorien machen die Runde. Kennzeichnend für die so agierenden besorgten Bürger ist, dass auch die Schuldigen schnell gefunden sind – mal in den sowieso natürlich korrupten Politikern, mal in den Asylbewerbern oder den angeblich nicht frei agierenden Medien, die gerne mal als „Lügenpresse“ oder „Mainstreammedien“ bezeichnet werden.

Das vorliegende Wörterbuch führt durch den Weiterlesen

Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur / Andrea Wulf

Humboldt trug die Daten zusammen, die er brauchte, um die Natur als einheitliches Ganzes zu begreifen. Wenn sie ein Netz des Lebens war, reichte es nicht, sie mit den Augen eines Botanikers, eines Geologen oder einen Zoologen zu betrachten. Er benötigte Informationen von überall, sagte Humboldt, weil „Beobachtungen aus den verschiedenen Erdstrichen miteinander verglichen werden“ müssen. Er trug so viele Ergebnisse zusammen und stellte so viele Fragen, dass einige Leute ihn für dumm hielten, weil er sich nach „Selbstverständlichkeiten“ erkundigte. Einer der Führer berichtete, Humboldts Jackentaschen waren wie die eines kleinen Jungen – vollgestopft mit Pflanzen, Steinen und Papierschnipseln. Nichts war zu klein oder zu unbedeutend, um nicht untersucht zu werden. Alles hatte seinen Platz in dem großen Teppich, den das Leben knüpfte. (S. 125)

Die Bedeutung Alexander von Humboldts für unser heutiges Verständnis der Natur kann gar nicht hoch genug geschätzt werden. Der Kosmopolit Humboldt, der vielleicht einer der letzten Universalgelehrten und zu seiner Zeit weltberühmt und global vernetzt war, ist trotzdem heutzutage weitgehend vergessen. Die 1972 in Indien geborene, in Deutschland aufgewachsene und in Großbritannien lebende Kulturwissenschaftlerin Andrea Wulf legt mit ihrem Buch „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ mehr als eine Biografie vor.

Ihr in fünf Teile gegliedertes Buch folgt den Lebensspuren Humboldts, beleuchtet dabei seine frühe Faszination für Weiterlesen

Assholes : zum Beispiel Donald Trump / Aaron James

Verfolgt man den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf, dieses Ringen um die Macht in einem der mächtigsten Länder der Erde, kann einem Angst und Bange werden. Wie ist es möglich, dass Demagogen wie Donald Trump und Ted Cruz es schaffen, für ihre „Positionen“ so viel Aufmerksamkeit zu gewinnen? Wie ist es möglich, dass ein Mann wie Trump, der keinerlei erkennbares Programm verfolgt als dass, seiner übersteigerten Selbstliebe das Amt zu verschaffen, dass ihm seiner Meinung nach zusteht, derart die Massen begeistern kann. Gegenwärtig müssen wir ja sogar erwarten, dass er das Land auch dann noch mit seinen Aussagen ins Chaos stürzen kann, wenn er nicht gewählt wird – und können nur hoffen, dass Clinton in diesem Fall die Kluft in diesem tief gespalteten Land zumindest ansatzweise kitten kann.

Aaron James analysiert ebenso so scharfzüngig wie knapp Klug Trumps Erfolg, der befördert wird von Arroganz und einem überbordenden Zynismus. Er wechselt dabei die Seiten, zeigt auf, was Trump für einen wesentlichen Teil der Bevölkerung so attraktiv macht, welche Weiterlesen

Meinen Hass bekommt ihr nicht: „Freitag Abend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Sohnes, aber meinen Hass bekommt ihr nicht./ Antoine Leiris

Antoine Leiris, französischer Journalist, ist mit dem 17 Monate alten Sohn Melvin Marvin daheim, als islamistische Attentäter in Paris den Anschlag auf das Bataclan verüben während eines Konzertes, das auch seine Frau Helene besucht. Nach Stunden der Ungewissheit wird klar, dass auch sie unter den 89 Todesopfern ist, Leiris seine geliebte Frau und Melvin seine Mutter verloren hat.

In seiner Trauer und seinem Entsetzen greift Leiris zur einzigen Waffe, die er hat: dem Wort. Auf Facebook veröffentlicht er einen Weiterlesen

Atlas der Länder, die es nicht gibt : ein Kompedium über 50 nicht anerkannte und weithin unbekannte Staaten / Nick Middleton

Hätten Sie Sotschi, Austragungsort der Winterspiele 2014 in Zirkassien verortet? Haben Sie schon mal vom immerhin mal 300 Einwohner zählenden Land Moresnet gehört? Wussten Sie, dass das Staatsoberhaupt von Seborga bis 2009 „Seine Ungeheuerlichkeit“ Giorgio Carbone, Prinz auf Lebenszeit war? Und das es vielleicht schon bald ein karibisches Land namens Moskitia gibt? Nein? Aber sicher haben Sie schon von Nagalim gehört, einem Land im Norden Indiens, dass nur einen Tag unabhängig war, oder?

Zugegeben: die Länder, die Nick Middleton in diesem Kompendium zusammenträgt, kommen bis Weiterlesen

Eine Geschichte Deutschlands in 100 Bauwerken / Maríon Bayer

Ich war ja zunächst etwas skeptisch ob des tatsächlichen Informationsgehalts eines Buches, dass die Geschichte Deutschlands erzählen will mit Hilfe von 100 Gebäuden. Doch kaum hatte ich mit der Lektüre begonnen, war ich angenehm überrascht. Marion Bayer hat mit großer Sorgfalt aus der Fülle potentiell interessanter Bauwerke Beispiele ausgewählt, die auf indirekte oder direkte Weise mit einem wesentlichen Teil deutscher (und damit oft auch europäischer) Geschichte verbunden sind.

Natürlich sind eine ganze Menge Gebäude dabei, die sehr bekannt sind, etwa das Westwerk des Naumburger Dom, den Kölner Dom, das Brandenburger Tor in Berlin, das Dürer-Haus in Nürnberg oder die Fuggerei in Augsburg. Auch das Nationaltheater in Weimar und den Reichstag hätte man erwartet. Aber Bayer stellt auch überraschende Bauwerke vor, die sich bei näherer Betrachtung als ebenso guter Fokus für ein Segment der deutschen Geschichte und Kulturgeschichte erweisen: darunter finden sich das Weiterlesen

50 Erdschätze, die unsere Welt veränderten / Eric Chaline

Ohne die zahlreichen Substanzen, die man auf und in unserer Erdkruste findet, hätten es der Mensch und die von ihm errichteten Zivilisationen wohl kaum so weit geschafft. Eric Chaline, ein französischer Soziologe, Journalist und Autor mit den Schwerpunkten Geschichte, Philosophie und Religion, beschäftigt sich nach „50 Tiere, die unsere Welt veränderten“ nun mit Rohstoffen und Substanzen, ohne die die Geschichte ganz sicher anders verlaufen wäre.

Naheliegend ist natürlich, dass er dabei neben Weiterlesen

Die Macht der Geographie : Wie sich Weltpolitik anhand von 10 Karten erklären lässt / Tim Marshall

Wer als politischer und geschichtlich interessierter Zeitgenosse die Gegenwart aufmerksam beobachtet, kann es leicht mit der Angst zu tun bekommen. Nicht zuletzt mit der Ukraine-Krise scheint ein neuer Kalter Krieg zwischen Russland und dem Westen etabliert zu sein. Der Nahe Osten und die Länder des Arabischen Halbmonds kommen nicht zur Ruhe und lassen in Anbetracht destabilisierter Staaten von Irak, Afghanistan und Syrien bis Libyen und dem verstärkten Aufkommen des Daesh (aka sogenannter „Islamischer Staat“) und damit eines verstärkten islamischen Faschismus die allzu euphorisch wahrgenommenen Bewegungen des „Arabischen Frühlings“ in Vergessenheit geraten. Konflikte wie die zwischen den Atommächten Indien und Pakistan bleiben weiter schwelend, das immer stärker werdende China wird mit Sorge von seinen Nachbarn beobachtet und in Afrika scheint es kaum Regionen zu geben, die wirklich Hoffnung machen. Dazu kommt noch Nordkorea mit seiner größenwahnsinnigen Führung und mit der zunehmend im Sommer eisfreien Arktis ein weiterer möglicher Konfliktherd. Wer im seit 75 Jahren friedlichen Westeuropa aufgewachsen und als überzeugter Europäer sozialisiert worden ist, kann es da schon mal mit der Angst zu tun bekommen.

Der britische, mehrfach ausgezeichnete außenpolitische Experte und Journalist Tim Marshall verfolgt mit seinem Buch einen besonderen Ansatz: er erklärt viele der derzeit schwelenden oder Weiterlesen

Die seltsamsten Orte der Welt : Geheime Städte, verlorene Räume, wilde Plätze, vergessene Inseln / Alastair Bonnett

Ein Ort ist keine Bühne, keine Kulisse, vor der wir unser Leben führen. Er ist ein Teil dessen, was wir sind. (S. 108)

Jeder, der schon einmal nervös mit angesehen hat, wie der Nachbar einen Zaun aufstellt, weiß, wie wichtig ein paar zentimeter Grund sein können: Kaum einer von uns wird sich aus dem Fenster lehnen und rufen: ‚Kein Problem, stellen Sie den Zaun einfach irgendwo auf‘. (S. 171 ff)

Alles ist erforscht. Jeder Winkel der Erde bekannt, vermessen, kartographiert und registriert. Das sollte man zumindest meinen in unserer modernen Zeit. Alastair Bonnett belehrt uns eines besseren und nimmt uns mit auf Weiterlesen

Brief an die Heuchler: Und wie sie den Rassisten in die Hände spielen / CHARB

Der Hinweis, man könnte über alles lachen, außer über einige Aspekte des Islam, weil die Muslime viel empfindlicher reagieren als der Rest der Bevölkerung, ist doch nichts anderes als Diskriminierung. (S. 43)

Nach den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“ waren ja wieder vermehrt Stimmrn zu hören, die der Freiheit der Kunst und der Satire Grenzen setzen wollen: gerade die Karikaturen in „Charlie Hebdo“ oder auch Jyllands Posten würden ja schließlich die Gefühle von Muslimen verletzen und damit die Stimmung erst aufstacheln. Charb, Chefredakteur von „Charlie Hebdo“, der diesen Text erst zwei Tage vor seiner Ermordung fertigstellte, schreibt gegen dieses vorschnelle Urteil an und entlarvt es als das, was es ist: verdeckter Rassismus. Vehement wendet er sich dagegen, Muslime und ihre religiösen Symbole anders zu behsndeln als Christen, Juden oder Buddhisten.

Dabei macht er auch an Beispielen nochmal deutlich, dass sich die Karikaturen von Charlie Hebdo niemals gegen Weiterlesen

50 Tiere, die unsere Welt veränderten / Eric Chaline

Schafe, Kühe, Katzen und Bienen: auch Sie würden diesen Tieren sicher sofort zuschreiben, dass sie auf die menschliche Gesellschaft und ihre Entwicklung einen entscheidenden Einfluss gehabt haben. Aber ein kleines Insekt, dass bei der Französischen Revolution eine Rolle gespielt haben soll (Menschenfloh)? Eine schnöde Fliege, die erheblich Weiterlesen

Nimm mich mit nach Gestern … / Renate Delfs und Rike Schmid

Renate Delfs, die 1925 geborene Flensburger Volksschauspielerin, und die Schauspielerin und Autorin Rike Schmidt (Jahrgang 1979) lernen sich im Jahr 1999 bei Dreharbeiten zu der Fernsehserie „Aus gutem Haus“ kennen. Die beiden Frauen werden trotz des großen Altersunterschiedes schnell zu Freundinnen und überbrücken räumliche Distanzen mit einem bis in die Gegenwart geführten Briefwechsel. Als die Zeit des Nationalsozialismus zur Sprache kommt, spürt Weiterlesen

Sommer 1927 / Bill Bryson

Die Ironie ist, dass Charles Lindbergh zu dem Zeitpunkt, als Amerika bereit war, sich in die Lüfte zu schwingen, niemandes Held mehr war

Bill Bryson hatte eigentlich nur vor, ein Buch über den legendären Atlantikflug von Charles Lindbergh im Jahr 1927 und den bizarren, elf Todesopfer fordernden Wettkampf um diese erste Überquerung des Meeres per Flugzeug zu schreiben. Doch im Laufe der Recherche entdeckt er, dass sich in diesem Jahr sehr viel mehr bündelt als ein Meilenstein der modernen Verkehrsgeschichte. So wurde daraus ein Buch über Weiterlesen

Schweigen tut weh : Eine deutsche Familiengeschichte / Alexandra Senfft

Die Gräuel der Nazizeit, verbunden mit Konzentrationslagern, Judenverfolgung und Vernichtung und dem von den Deutsche vom Zaun gebrochenen Zweiten Weltkrieg mit Millionen Toten wurden bis weit in die Nachkriegszeit gerne unter den Teppich gekehrt. Alte Nazis stiegen in der jungen, boomenden Bundesrepublik durch lang gepflegte Seilschaften wieder auf, über den Krieg wurde kaum gesprochen und von der Judenvernichtung hatte angeblich niemand gewusst. So wie der öffentliche Umgang mit der dunklen Zeit von 1933-1945 war auch der private Umgang damit nicht selten von Schweigen, Verdrängung und Beschönigung gekennzeichnet, obwohl schon in den 1950er Jahren wie leider auch wieder heute in Anbetracht unbelehrbarer Neonazis, nationalfetischistischer Europaverächter und geschichtsvergessener Rechtsradikaler Brechts Worte aus dem Epilog des Arturo Ui galten und gelten: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“.

In „Schweigen tut weh“ berichtet die Alexandra Senfft vom Umgang ihrer Familie mit den Verbrechen ihres Großvaters Hanns Ludin, der während des Zweiten Weltkrieges als SA-Gruppenführer und Repräsentant des Deutschen Reiches in Slowenien für die Deportation Weiterlesen

Wie werde ich ein guter Diktator : schnell aufsteigen, lange bleiben, viel Geld machen / Mikal Hem

Leider wird es immer schwieriger, sich internationale Wahlbeobachter vom Leib zu halten. Die UN und andere zwischenstaatliche Organisationen fühlen sich verpflichtet, Wahlen unter autoritären Regimen zu kontrollieren. Doch machen Sie sich nicht zu viele Sorgen. Durch aktiven Lobbyismus können Sie freundlich gesinnte Observatoren gewinnen. Gut geeignet sind Kontrolleure aus Ländern, die selbst ein Interesse daran haben, dass Wahlbetrug nicht auffliegt. Dies können andere Diktaturen sein oder Länder, die vom Wohlwollen Ihrer Regierung oder den Rohstoffen Ihres Landes abhängig sind. (S. 44)

Vor einigen Jahren sah es ja noch so aus, als würde der altehrwürdige Beruf des Diktators langsam aussterben. Auch fand man bisher keinerlei Handreichung für die Ausbildung in diesem vergleichsweise seltenen, dafür meist mit langjährig guten Beschäftigungsaussichten und Verdienstmöglichkeit ausgezeichneten Beruf, der aus unverständlichen Gründen in den Angeboten der Agentur für Arbeit bisher fehlte. Was unverständlich ist: halten sich Diktatoren doch im Schnitt länger an der Macht als demokratisch gewählte Politiker, was die Sozialkassen doch erheblich entlastet.

Das könnte sich jetzt ändern, denn der norwegische Journalist und Blogger Mikal Hem legt mit „Wie werde ich ein guter Diktator“ eine Berufskunde vor, die anhand zahlreicher Best-Practice-Beispiele aktueller Weiterlesen

Von Napoleon lernen, wie man sich vorm Abwasch drückt / Sebastian Schnoy

Wer wie ich das Glück hatte, Sebastian Schnoy einmal auf der Bühne zu erleben, wird beeindruckt gewesen sein von seiner Eloquenz, seinem scharfen Blick auch auf scheinbar Nebensächliches und seinem feinen Humor. wenig bekannt dürfte vielen sein, dass Schnoy von Hause aus Historiker ist, der erst nach dem Studium zum Kabarettisten wurde.

Mit „Von Napoleon lernen, wie man sich vorm Abwasch drückt“ legt er nun eine Geschichte Europas vor, die übliche Elemente der Geschichteschreibung wie Kriege und Krönungen Weiterlesen

Kon Tiki : ein Floss treibt über den Pazifik / Thor Heyerdahl

„Manchmal ruderten wir mit dem Gummiboot in die Dunkelheit hinaus, um unsere Behausung auch einmal nachts von draußen zu besehen. […]. Einzig, daß wir lebten, fühlten wir tief und stark. Und uns wurde bewußt, daß die Menschen auch schon vor dem Zeitalter der Technik das gleiche empfunden und getan hatten – in einem noch tieferen Sinne als wir. Die Zeit hörte gleichsam auf zu existieren. Alles wahrhaft Seiende war, wie es immer gewesen und immer sein würde“ (S. 139-140)

Es gibt Bücher, die sind untrennbar mit der eigenen Kindheit verbunden und bilden so etwas wie den persönlichen Lesekanon der Lektüren, an die man sich immer und unter allen Umständen erinnern zu können scheint. So ein Buch ist für mich „Kon Tiki“ von Thor Heyerdahl, dass ich mir damals wie viele andere Bücher aus der Bücherhalle ausgeliehen hatte und schier atemlos verschlang.

Jetzt, viele Jahre später und selbst Vater geworden, las ich das Buch ein weiteres Mal während des Urlaubs in Angeln, erneut fasziniert vom Wagemut Heyerdahls und seiner Mannschaft, mit einem einfachen, nach alter Art gebauten Floß aus Balsaholz den Pazifik von Peru aus zu queren, um schliesslich nach 101 Tagen Weiterlesen

„Das musst du erzählen“ : Erinnerungen an Willy Brandt / Egon Bahr

Mittlerweile ist er 91 Jahre alt und immer noch hellwach und eloquent. Wer in der akteullen Ausgabe des ZEIT-Magazins das Interview mit Egon Bahr gelesen hat, konnte sich davon überzeugen und wird vermutlich auf das ausgesprochen lesenswerte aktuelle Buch von ihm aufmerksam geworden sein.

In „Das musst du erzählen“ berichtet Egon Bahr mehr als zwanzig Jahre nach dem Tod von Willy Brandt von der gemeinsamen Zeit mit seinem politischen und letztlich auch persönlichen Weggefährten. Manches davon kam bereits ansatzweise in dem Gesprächsprotokoll„Gedächtnislücken“ (mit Peter Ensikat) zu Sprache.

Der frühere Journalist Bahr entschied sich Anfang der 1960er Jahre gegen ein lukratives Angebot von Henry Nannen und wurde Leiter des Presse- und Informationsamtes des Landes Berlin und damit Sprecher von Willy Brandt, dem damaligen Bürgermeister der geteilten Stadt. Gemeinsam mit ihm entstand das Konzept der Ostpolitik, des Weiterlesen

Meine geheime Autobiographie / Mark Twain. Übersetzt von Hans-Christian Oeser

„Was für einen winzigen Bruchteil des Lebens machen die Taten und Worte eines Menschen aus. Sein wirkliches Leben findet in seinem Kopf statt und ist niemandem bekannt außer ihm“ (Mark Twain, Meine geheime Biographie. Aufbau Verlag, 2012. – S. 45)

„Was einen innerlich am meisten beschäftigt, sollte das sein, worüber man schreibt“ (S. 145)

Angenommen, Sie müssten jemandem Ihr Leben erzählen: auf welche Art und Weise würden Sie das tun? Klassisch in chronolgischer Reihenfolge? In strikter Auswahl nur der wesentlichen und gegebenenfalls vorzeigbaren Lebenstationen, Begegnungen, Erlebnisse? Würden Sie Dinge auslassen – und wenn ja, warum? Gäbe es Dinge, die Sie für zu banal erachten würden, um von Ihnen zu erzählen – und woran bemessen Sie diese Banalität?
Vom eigenen Leben zu erzählen dürfte auch heute im Zeitalter der permanenten Selbstbespiegelung nicht einfacher sein als vor einhundert Jahren, erzwingt doch eine solche Erzählung immer eine Reduktion auf das vermeintlich Wesentliche, dass aber zu gegebenen Augenblicken sowohl vom Erzähler als auch vom Zuhörer jeweils unterschiedlich in seiner Bedeutung für das jeweilige Leben bewertet werden dürfte. Dazu kommt, dass die Erinnerung oft trügerisch ist, wir dazu neigen, Dinge auszublenden, zu vermischen oder in größere Entferungen voneinander zu stellen. Fraglich ist auch, ob wir es immer ehrlich mit uns meinen würden, wenn wir aus unserem Leben erzählen ; vielleicht, weil es Dinge gibt, die uns, vielleicht, weil es Dinge gibt, die andere, noch lebende Menschen in einem seltsamen Licht erscheinen lassen mögen.

Mark Twain hat es sich nicht leicht gemacht mit seiner Autobiographie, einem Projekt, dass ihn viele Jahre mit wechselnder Intensität und Intension beschäftigt hat. Grundsätzlich hatte er Weiterlesen

Die Bernsteinstrasse : verborgene Handelswege zwischen Ostsee und Nil / Gisela Graichen ; Alexander Hesse

Globalisierung ist ja bekanntermaßen ein alter Hut und kein Phänomen des sogenannten Anthropozäns, also der Zeit seit 1800 n.u.Z.. Bereits im Mittelalter und in der frühen Neuzeit reichten die Handelswege weit über Ländergrenzen und Kontinente hinweg und auch für die Zeit der Römer, Griechen oder Ägypter sind durch archäologische Funde und schriftliche Überlieferungen weite Handelswege dokumentiert. Überraschend aber dürfte für viele sein, dass es bereits in vor- und frühgeschichtlicher Zeit Handelsverbindungen gab, die vom noch relativ unzivilierten Norden Europas bis hinein nach Weiterlesen

1913 : Der Sommer des Jahrhunderts / Florian Illies

Zunächst erwartet man von einem Buch mit dem Titel „1913“ vielleicht ein klassisches Geschichtsbuch, dass sich historisch-analysierend mit dem einen Jahr vor der ersten großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts in Form des Ersten Weltkrieges befasst. Doch bereits die Gestaltung des Titels, der eine impressionistische Fotografie des Farbbildpioniers Heinrich Kühn zeigt, verweist uns zusammen mit dem Untertitel „Der Sommer des Jahrhunderts“ darauf, dass dieses Buch einen anderen Schwerpunkt, eine andere Darstellungsform suchen könnte als die faktenreiche historische Aufarbeitung.
Und so ist es auch: Florian Illies entführt uns mit seinem Buch in ein Jahr, in dem das 20. und das 19. Jahrhhundert auf bemerkenswerte Weise begegnen, sich Weiterlesen

Gedächtnislücken / Egon Bahr ; Peter Ensikat

Der 1922 geborene Egon Bahr, der die Ostpolitik der Regierung Brandt maßgeblich geformt und mitgestaltet hat, und der 1941 geborene ostdeutsche Kabarettist und Schriftsteller Peter Ensikat lernten sich erst nach der Wende kennen und wurden zu Freunden. Beide hatten sie im jeweiligen deutschen Staat, in dem sie lebten, auf ihre Weise eine wichtige, intellektuelle Rolle inne.
Im April 2006 treffen sie sich über zwei Tage in einem Fernsehstudio, erzählen einander von ihrem Leben und kommen über ihre Biografien miteinander ins Gespräch über die deutsche Nachrkiegsgeschichte: das Gespräch wird zu einem Weiterlesen

Die Wende : wie die Renaissance begann / Stephen Greenblatt

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Immer wieder gibt es in der Geschichte der Menschheit Phasen, in denen wenige, zunächst gering erscheinende Ereignisse, Entscheidungen oder Entdeckungen weitreichende, nicht vorherzusehende Folgen haben. Dazu gehört auch die abenteuerliche Geschichte des antiken Lehrgedichtes „De rerum natura“ von Lukrez, das fast eineinhalb Jahrtausende verschollen war und ohne dessen Wiederentdeckung im Jahr 1417 es die Renaissance, wie wir sie heute in der Rückschau kennen, vermutlich nicht gegeben hätte und die Geschichte einen komplett anderen Verlauf genommen hätte. „Die Wende“ von Stephen Greenblatt beschreibt einen solchen magischen Moment in der Menschheitsgeschichte, aber auch die Entwicklungen, die im vorausgingen und ihm folgten:

Im 1. Jahrhundert vor Beginn unserer Zeitrechnung schreibt der römische Dichter, Philosophen und Epikureer Lukrez (Titus Lucretius Carus) das Lehrgedicht „De rerum natura“ (Dt.: Über die Natur der Dinge) auf Basis und in Verehrung der Naturphilosophie Epikurs.
Geschrieben in Hexametern, gliedert sich das Gedicht in sechs Büchern. Es befasst sich in den ersten beiden Büchern mit der Atomlehre in der Tradition Demokrits, beschreibt den Aufbau der Welt aus Atomen, die sich permanent bewegen und vorübergehende Bindungen eingehen, die unendliche Vielzahl von Welten sowie deren Vergänglichkeit. Im dritten Buch beweist Lukrez die Vergänglichkeit der Seele, die Weiterlesen

Die Endurance : Shackletons legendäre Expeditionen in die Antarktis / Caroline Alexander

Auch nach fast 100 Jahren beeindruckt die gescheiterte Antarktis-Durchquerung von Ernest Shackleton und seiner Mannschaft, die in Überwinterung und einer dramatischen Rettung endete.

Kurz vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieges bricht Shackleton mit der Endurance auf, um die Antarktis zu durchqueren. Wenn einer das Zeug dazu gehabt hätte, dann Shackleton: im Gegensatz zu Scott, dessen Südpolexpedition dramatisch gescheitert war, schätze Shackleton die Umstände un Weiterlesen

Da steht mein Haus : Erinnerungen / Hans Keilson


Im April 2011 erschienen die Erinnerungen von Hans Keilson, des 1909 in Bad Freienwalde geborenen und 1936 aus dem nationalsozialistischen Deutschland in die Niederlande geflohenen Arztes und Schriftstellers. Keilson, in Deutschland wohl nur literarisch interessierten Menschen bekannt, erlangte mit seinen Romanen internationale Aufmerksamkeit und wurde 2010 von der New York Times als „one of the world’s greatest writers“ gefeiert.
Nach dem Zweiten Weltkrieg behandelte er als Psychoanalytiker schwer traumatisierte jüdische Waisenkinder und wurde zudem Facharzt für Psychiatrie. Bereits 1990 begann er mit autobiographischen Aufzeichnungen, die zugleich eine Erinnerung an seine Jugend, aber auch einen Bericht über jüdisches Leben im Deutschland der ersten Jahrhunderthälfte, über den aufkeimenden Nazismus und den Weg ins Exil darstellen.
„Da steht mein Haus“ – unter diesem einfachen, kaum mehr als deskriptiven Titel sind seine in einem schmalen Bändchen herausgebrachten Erinnerungen erschienen. Und doch klingt bereits in diesem Titel einiges vom dem besonderen Ton an, den Keilson mit seinen Worten findet. Weniger die akribisch aufgezeichneten Details üblicher Autobiographien machen sein Buch aus: Keilson zeichnet sein Leben bis in die 40er Jahre gleichsam Weiterlesen

Patentöchter : Im Schatten der RAF – ein Dialog / Julia Albrecht ; Corinna Ponto

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Wer wie Jarg in den 70ern und 80ern aufgewachsen ist, kann sich noch gut an die allgegenwärtigen Fahndungsplakate mit den RAF-Terroristen erinnern, an Polizeikontrollen, eine diffuse, durch Attentate und Entführungen geschürte Terrorangst und die Kulmination im Jahr 1977 und im „Deutschen Herbst“. An den Terrorismus der 70er Jahre ist in den letzten Jahren ausführlich mit Spielfilmen, Dokumentationen und Büchern erinnert worden. Meistens mit dem Blick von außen, meistens mit Fokussierung auf die Täter, die nicht selten mit einer morbiden lustvollen Faszination verbunden war.
Julia Albrecht und Corinna Ponto führen in diesem Buch einen besonderen Dialog: Ponto ist die Tochter des 1977 ermordeten Bankiers Jürgen Ponto und Patentochter des Vaters von Julia Albrecht, damnals 13 Jahre. Albrecht ist die Schwester von Susanne Albrecht (damals 26) und Patentochter von Jürgen Ponto, die den Terroristen Klar und Mohnhaupt überhaupt erst den Zugang zum Haus der Pontos ermöglichte, mit dieser Tat vollends in die RAF abrutschte und zu einer der meistgesuchten Terroristinnen der 70er und 80er Jahre wurde. Der Kontakt zwischen den über die Väter gut befreundeten Familien Ponto und Albrecht brach kurz nach der Tat vollends ab.
Julia Albrecht nimmt 30 Jahre nach dem Mord Kontakt zu Corinna Ponto auf. Beide schreiben Weiterlesen