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Im Grunde gut : eine neue Geschichte der Menschheit / Rutger Bregman

Man könnte ja oft verzweifeln, wenn man die Nachrichten verfolgt oder im Alltag entsetzt beobachtet, wie Menschen sich unvernünftig, nicht selten auch asozial und unethisch verhalten. Selbst wer nicht gläubig ist, neigt daher gerne dazu, den großen monotheistischen Weltreligionen recht zu geben, wonach das Tier Mensch grundsätzlich schlecht, ja böse ist. Aber ist das wirklich so? Ist der Mensch nur durch rechtliche Schranken, Zivilisationspatina und religiöse Dogmen im Zaum zu halten – getreu dem Zitat aus Platus Komödie „Asinaria“, wonach der Mensch dem Menschen ein Wolf sei („homo homini lupus“)? Abgesehen davon, dass in diesem Zitat eine nicht sehr realistische Vorstellung des Charakters von Wölfen steckt, lautet die Antwort im Großen und Ganzen „Nein“, wenn man Rutger Bregman glauben mag.

Der 1988 geborene Historiker und streitbare Journalist war selber lange Jahre der Überzeugung, dass der Mensch grundsätzlich schlecht ist und gewissermaßen der Domestikation bedarf, bis er eines Tages zu zweifeln begann. In seinem Buch beleuchtet er akribisch alle vermeintlichen Beweise, die auf die Schlechtigkeit des Menschen zielen, um gestützt auf seine zum Teil überaus verblüffenden Erkenntnisse zu einem sehr viel differenzierteren Bild zu kommen. Ausgehend vom sogenannten Naturzustand und den konträren Weltbildern von Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau zeigt er auf, dass der Mensch und sein Verhalten nicht erst durch die Zivilisation einen Ordnungsrahmen bekamen, sondern in der Tendenz immer zu „gutem“ Verhalten neigt. Beispiele wie den als historisch falsch entlarvten Mythos von der Osterinsel und dem Vernichtungskrieg des einen gegen den anderen Bevölkerungsteil oder die Tatsache, dass nach etlichen Untersuchungen die Mehrheit der Soldaten in Kriegen gezielt daneben schiesst, führt er dabei im ersten Kapitel als Belege an.

Bregman macht aber auch vor scheinbar zu seinen Thesen konträren Erscheinungen wie Krieg im Allgemeinen oder dem Phänomen Auschwitz nicht halt. Gerade die Kriege des 20. Jahrhunderts und die Judenvernichtung haben nicht nur das negative Bild des Menschen geprägt, sondern auch entscheidenden, fatalen Einfluss auf die Forschung gehabt. Sehr deutlich arbeitet Bregman heraus, wie die Erkenntnisse des Stanford-Prison-Experiment und die Experimente Stanley Milgrams zur Gewaltbereitschaft des Menschen in die öffentliche Wahrnhemnung wirkten, obwohl sie nach aktuellen Untersuchungen zum Teil gefälscht waren, da nach den blutigen Erfahrungen der ersten Häflte des 20. Jahrhunderts das negative Menschenbild trotz konträrer Forschungsergebnisse nicht erschüttert werden sollte. Gleiches gilt für den Mordfall Catherine Genovese aus den 1960er Jahren, deren Hilfeschreie angeblich ignoriert wurden und seither als Beleg für gesellschaftliche Gleichgültigkeit benutzt werden: auch hier weisen neuere Forschungen darauf hin, dass die nach aussen getragenen Untersuchungsergebnisse der Behörden nicht den tatsächlichen Geschehnissen der Nacht entsprechen.

Tatsächlich bringen Kriege, Katastrophen, Pandemien und Extremereignisse nachweislich das Gute im Menschen und seine Solidarität zum Vorschein. Rutger Bregman, der eine sehr kritische Sicht auf die gegenwärtigen Ausformungen des Kapitalismus hat und beim Davoser Weltwirtschaftsforum 2019 Gerechtigkeit eingefordert hat, verschweigt dabei keineswegs die dunklen Seiten des Menschen: so wird mehr als deutlich, dass Macht auch jene korumpieren kann, die sie mit guter, ehrlicher Absicht übernehmen. Auch zuviel Empathie kann problematisch werden und das Bild der Aufklärung vom Menschen hat ebenfalls seine Schattenseiten.

Dennoch legt Bergman überzeugende Beweise vor, dass das Tier Mensch von seiner Veranlagung her grundsätzlich gut ist und zeigt zugleich auch Wege auf, unsere problematischen psychosozialen Eigenschaften in den Griff zu bekommen: diese Wege sind zum Teil erstaunlich einfach und in ihrer Wirksamkeit durchweg gut belegt. Sein Buch ist darüber hinaus überaus spannend und lebendig zu lesen, zumal Bergman seine Leserinnen und Leser mitnimmt auf seinem Weg zu einem durch Wissen veränderten Bild von Menschen.

Für mich war es auch und gerade während der Hochzeit der Coronapandemie und allen negativen Schlagzeilen der letzten Monate eine der intellektuell anregendsten Lektüren des Jahres, weshalb ich das Buch gerne weiterempfehlen.

6 Kommentare zu “Im Grunde gut : eine neue Geschichte der Menschheit / Rutger Bregman

    • Bin gespannt auf deine Meinung! Ich fand es – ähnlich wie „Factfulness“, zugleich ungeheuer anregend und wohltuend, weil es doch ein etwas anderes Bild der Wirklichkeit zeichnet als jenes, das unsere Wahrnehmung uns suggeriert.

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