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Sommer 1927 / Bill Bryson

Die Ironie ist, dass Charles Lindbergh zu dem Zeitpunkt, als Amerika bereit war, sich in die Lüfte zu schwingen, niemandes Held mehr war

Bill Bryson hatte eigentlich nur vor, ein Buch über den legendären Atlantikflug von Charles Lindbergh im Jahr 1927 und den bizarren, elf Todesopfer fordernden Wettkampf um diese erste Überquerung des Meeres per Flugzeug zu schreiben. Doch im Laufe der Recherche entdeckt er, dass sich in diesem Jahr sehr viel mehr bündelt als ein Meilenstein der modernen Verkehrsgeschichte. So wurde daraus ein Buch über Charles Lindbergh, den Helden, der sich eines Tages mit seinem Rassismus selbst vom Sockel stoßen sollte; über Babe Ruth, den unvergessenen Baseballspieler, der aus einfachsten Verhältnissen zu Starruhm kam und in jenem Jahr alle Rekorde brach; über den seltsam abwesenden amerikanischen Präsidenten Calvin Coolidge und seinen karrierezerfressenen Nachfolger, den Politiker Herbert Hoover; über Sacco und Vanzetti, die in einem umstrittenen, weltweit zu Aufsehen und Unruhen führenden Prozeß zum Tode verurteilten Anarchisten; über Radio, die ersten erfolgreichen Versuche, das Fernsehen zu realisieren und den ersten richtigen Tonfilm; über den Ku-Klux-Klan, das größte Schulmassaker aller Zeiten, eine verhängnisvolle, zum Wallstreetcrash 1929 führende amerikanisch-europäische Notenbankenvereinbarung, die Prohibition, Al Capone auf dem Höhepunkt seiner Macht und das verrückte Vorhaben, vier Präsidentenköpfe in einen abgelegenen Berg namens Mount Rushmore zu meisseln.

Bryson sieht im Jahr 1927 für Amerika entscheidende Weichenstellungen markiert: Lindberghs Flug legte den Grundstein für die Entwicklung Amerikas zu einer Nation, die per Flugzeug unterwegs ist. Das Jahr 1927 markiert aber auch so etwas wie den Aufbruch in die medial globalisierte Weltgesellschaft – und zeigt sich als Jahr, in dem nicht nur in Amerika etliche, zum Teil nur lose zusammenhängende Ereignisse kulminieren und für Ereignisse sorgen, die weltweit Veränderungen herbeiführen werden. Er zieht Verbindungen, die bis in die Nachkriegszeit, ja bis in die Gegenwart reichen und mal von lokaler, dann wieder von globaler Bedeutung sind. Er steigt zum Teil tief in biografische Einzelheiten bekannter und vergessener Protagonisten ein, würdigt so etwa auch den eigentlich Wegbereiter des Fernsehens Philo T. Farnsworth, um dann wieder die große Linien zu finden und dem Leser die Gesamtschau plastisch zu machen.

Bill Bryson, der ein begnadeter Erzähler ist und dies mit etlichen Büchern schon unter Beweis gestellt hat, macht daraus nun beileibe kein trockenes Geschichtsbuch: er lässt für uns jenen Sommer 1927, in dem so viele Entwicklungslinien der modernen Zivilisation sich kreuzen, unerhört lebendig werden. So meint man fast, dabeigewesen zu sein und spürt das Jubeln der Fans im Stadion, wenn Babe Ruth zum Schlag ausholt, hört das Röhren der „Spirit of St. Louis“ über sich taucht tief ein in jenes sich im jahr 1927 bei Bryson so trefflich fokussierende mal als Jazz Age, mal als Roaring Twenties benannte Zeitalter.

Ein überaus empfehlenswertes Buch nicht nur für jene, die Bill Bryson mögen, sondern es zu schätzen wissen, wenn Geschichte lebendig erzählt wird und die Wurzeln unserer Gegenwart so greifbar und nachvollziehbar werden.

3 Kommentare zu “Sommer 1927 / Bill Bryson

  1. Pingback: Bill Bryson: Sommer 1927 (2013). | Sätze&Schätze

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