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Kon Tiki : ein Floss treibt über den Pazifik / Thor Heyerdahl

„Manchmal ruderten wir mit dem Gummiboot in die Dunkelheit hinaus, um unsere Behausung auch einmal nachts von draußen zu besehen. […]. Einzig, daß wir lebten, fühlten wir tief und stark. Und uns wurde bewußt, daß die Menschen auch schon vor dem Zeitalter der Technik das gleiche empfunden und getan hatten – in einem noch tieferen Sinne als wir. Die Zeit hörte gleichsam auf zu existieren. Alles wahrhaft Seiende war, wie es immer gewesen und immer sein würde“ (S. 139-140)

Es gibt Bücher, die sind untrennbar mit der eigenen Kindheit verbunden und bilden so etwas wie den persönlichen Lesekanon der Lektüren, an die man sich immer und unter allen Umständen erinnern zu können scheint. So ein Buch ist für mich „Kon Tiki“ von Thor Heyerdahl, dass ich mir damals wie viele andere Bücher aus der Bücherhalle ausgeliehen hatte und schier atemlos verschlang.

Jetzt, viele Jahre später und selbst Vater geworden, las ich das Buch ein weiteres Mal während des Urlaubs in Angeln, erneut fasziniert vom Wagemut Heyerdahls und seiner Mannschaft, mit einem einfachen, nach alter Art gebauten Floß aus Balsaholz den Pazifik von Peru aus zu queren, um schliesslich nach 101 Tagen Polynesien zu erreichen. Zwar war das Floss mit Funk und einigen modernen Errungenschaften ausgestattet – dennoch mussten sie ihr Gefährt den Meeresströmungen anvertrauen und mühsam lernen, den geringen möglichen Einfluss auf den Kurs vornehmen zu können, wie es die alten Inka vor ihnen getan hätten.

Heyerdahl hatte bereits von 1936-37 mit seiner Frau viele Monate auf Fatu Hiva verbracht und dort darüber geforscht, wie Inseln durch Pflanzen und Tiere mittels Wind und Strömung besiedelt werden. Aus dieser Zeit stammt seine Theorie, dass Polynesien von Südamerika aus besiedelt wurde: er begründete seine Theorie unter anderem mit Ähnlichkeiten regionaler Mythen und anderer kultureller Ausformungen. Der Widerstand, auf den Heyerdahls Ansatz stiess, brachte ihn letztlich darauf, experimentell unter Beweis zu stellen, dass eine Seefahrt von Südamerika aus nach Peru mit einem traditionell nach Inka-Art gebauten Balsaholzfloss möglich ist. Der Plan für die Überfahrt nahm rasch Formen an – und schon bald hatte Heyerdahl sowohl Mitfahrer als auch Finanziers gefunden.

Mit 1100 Litern Trinkwasser, 200 Kokosnüssen, Süßkartofflen und anderen Gemüsen und Früchten als Vorrat legte die Kon-Tiki am 28. April 1947 in Callao/Peru ab. Langsam lernten die Männer, Einfluss auf den Kurs des Floßes zu nehmen, während sie ihren Speiseplan mit reichhaltig um Ozean vorhandenen Fisch aufwerteten. Im Bereich der Passatregionen konntem die Trinkwasservorräte durch frisches Regenwasser aufgefüllt werden. Anfang August 1947 kam dann endlich Land in Sicht, an dem sie aber vorbeitrieben, bis sie endlich am 7. August 1947 vor Raiora im Tuamoto-Archipel auf ein Riff lief und in die Lagune gezogen werden konnte.

Die Fahrt der Kon-Tiki löste seinerzeit ein erhebliches Echo in den Medien aus und das 1948 herausgebrachte Buch über die Fahrt wurde bald zum Best- und Longseller und erhielt 2012 durch das gleichnamige biografisch-dokumentarische Filmdrama erneut breite mediale Aufmerksamkeit.

Zwar konnte Heyerdahl mit der Fahrt der Kon-Tiki den Beweis erbringen, dass technisch die Besiedlung Polynesiens von Südamerika möglich war. Als Beweis seiner Theorie konnte und kann die Fahrt aber nicht dienen, zumal moderne gentechnische Analysen gegen sie sprechen. Ganz widerlegt ist Heyerdahls Vermutung jedoch bisher nicht, da die Besiedlung der Region noch nicht restlos und zweifelsfrei erklärt werden kann. Noch heute gilt Heyerdahl sber als einer der Begründer der experimentellen Archäologie, der seine entsprechenden Projekte sehr öffentlichkeitswirksam durchführte und so auch für andere Experimente Ansporn und Vorbild war.

„Wir waren untergetaucht in dem eigen Gleichlauf des Geschehens, und nichts war um uns als ein endloses und unberührtes Dunkel und die flimmernde Sternenwelt über uns. Vor uns in der Nacht hob sich die ‚Kon-Tiki‘ aus den Wogen, um wieder zu versinken, wenn schwarze Massen dahertrieben. Im Mondlicht umgab einer wunderliche Stimmung das Floß. Schwere, blanke Stämme mit Büscheln von seegras, der viereckige, nachtschwarze Umriss des Wikingersegels, eine zerfranste Bambushütte, vom gelben Licht einer Paraffinlampe erleuchtet. Das Ganze erinnerte eher an ein Bild aus einem Abenteuerbuch, als dass man es für nüchterne Wirklichkeit halten mochte. Ab und zu verschwand das Floß vollständig hinter den dunklen Wogen. Dann hob es sich wieder und zeichnete sich als scharfe Silhouette gegen den blinkenden Sternenhimmel ab, während blinkendes Wasser von den Stämmen schäumte“ (S. 140)

„Kon-Tiki“ ist ein wunderbarer Klassiker der Abenteuer- und Expeditionsliteratur. Heyerdahl schreibt ungemein spannend und mitreissend über die Herausforderungen, gefahren und Höhepunkte der Reise und gibt die Atmosphäre der fahrt so gekonnt wieder, dass man beim Lesen meint, an Bord zu stehen, das Floss unter den Füssen schwankend, Gischt auf der Haut und Salzluft auf der Zunge. Deutlich macht Heyerdahl aber – vielleicht ohne es wirklich beabsichtigt zu haben – wie wunderbar unser Planet ist, wenn man ihn auf elementare, einfache Weise erlebt.

8 Kommentare zu “Kon Tiki : ein Floss treibt über den Pazifik / Thor Heyerdahl

    • War bei mir genauso … und ich freue mich auch schon, dieses Buch in drei, vier Jahren mit den Zwillingen neu zu entdecken! Viel Spaß dir und deinentdecken Jungs beim (Wieder)entdecken.

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  1. Lieber Jarg,
    das habe ich ungefähr als 13-jähriger gelesen. Mit heissen Ohren und zunehmender Begeisterung. Ein richtiges Abenteuer- , Abenteurer- und Entdeckerbuch, in dem ich als Kind richtig mitgefiebert habe. Hätte echt Angst, das heute nochmal zu lesen und bitter enttäuscht zu werden – aber die Erinnerung (schon wieder) ist sehr schönb.
    Liebe Grüsse, Kai

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    • Lieber Kai,
      die zweite Lektüre enttäuschte nicht, auch wenn man heute Heyerdahls Thesen kritischer sieht. Ich hoffe, es eines Tages auch mit meinen Kindern zu lesen (die noch zu klein dafür sind) und bin schon sehr gespannt auf deren Reaktion.
      Liebe Grüsse von
      Jarg

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  2. Mein Großvater war lange in russischer Gefangenschaft. Wieder zurück in seinem Zuhause, wurden Thor Heyerdahl und dessen Bücher zu seinen Gedankenreisen. Schön, wieder einmal von diesem Mann zu lesen bzw. zu hören. Er und die Erzählungen über ihn sind ein Teil meiner Kindheit 🙂

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    • Bei mir auch. ich habe die Bücher verschlungen und später alles über vergleichbare Abenteuer und Reisen von Tim Severin (The Brendan Voyage) bis Nehberg. Eine Leidenschaft, die bis heute andauert. Ich kann mir vorstellen, dass dein Großvater nach der langen und vermutlich sehr bitteren Zeit der Gefangenschaft gerne in Gedanken auf solche Reisen ging.

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