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Die Wende : wie die Renaissance begann / Stephen Greenblatt

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Immer wieder gibt es in der Geschichte der Menschheit Phasen, in denen wenige, zunächst gering erscheinende Ereignisse, Entscheidungen oder Entdeckungen weitreichende, nicht vorherzusehende Folgen haben. Dazu gehört auch die abenteuerliche Geschichte des antiken Lehrgedichtes „De rerum natura“ von Lukrez, das fast eineinhalb Jahrtausende verschollen war und ohne dessen Wiederentdeckung im Jahr 1417 es die Renaissance, wie wir sie heute in der Rückschau kennen, vermutlich nicht gegeben hätte und die Geschichte einen komplett anderen Verlauf genommen hätte. „Die Wende“ von Stephen Greenblatt beschreibt einen solchen magischen Moment in der Menschheitsgeschichte, aber auch die Entwicklungen, die im vorausgingen und ihm folgten:

Im 1. Jahrhundert vor Beginn unserer Zeitrechnung schreibt der römische Dichter, Philosophen und Epikureer Lukrez (Titus Lucretius Carus) das Lehrgedicht „De rerum natura“ (Dt.: Über die Natur der Dinge) auf Basis und in Verehrung der Naturphilosophie Epikurs.
Geschrieben in Hexametern, gliedert sich das Gedicht in sechs Büchern. Es befasst sich in den ersten beiden Büchern mit der Atomlehre in der Tradition Demokrits, beschreibt den Aufbau der Welt aus Atomen, die sich permanent bewegen und vorübergehende Bindungen eingehen, die unendliche Vielzahl von Welten sowie deren Vergänglichkeit. Im dritten Buch beweist Lukrez die Vergänglichkeit der Seele, die mit dem Körper stirbt, und widerlegt die Todesfurcht. Ausführlich legt er dar, dass die Götter weder willens noch in der Lage sind, sich in das Leben der Menschen einzumischen und bestreitet die Sonderstellugn des Menschen. Im vierten Buch äußert sich Lukrez zur Sinneswahrnehmung, zur Liebe und mit sehr modernen, liberalen Ansichten zur Sexualität. Buch fünf und sechs widmen sich naturwissenschaftlichen Phänomenen und der Kulturgeschichte.
Lukrez, der Epikur verehrte, wollte mit „De rerum natura“ den Menschen die Furcht vor den Göttern und vor der eigenen Vergänglichkeit nehmen, ihnen Gelassenheit und innere Ruhe vermitteln. Gleichzeitig verurteilte er Krieg und Gewalt und beklagte den sittlichen Verfall insbesondere der oberen Schichten.
Sowohl durch antike Quellen als auch durch archäologische Ausgrabungen ist belegt, dass „De rerum natura“ in seiner Zeit rezipiert wurde. Mit einiger Berechtigung darf sogar vermutet werden, dass es in den öffentlichen Bibliotheken Roms vorhanden war. Unerhört modern erscheinen uns aus heutiger Sicht viele von Lukrez Ideen und Vorstellunge: der Aufbau aller Dinge aus kleinsten, sich ständig bewegenden Teilchen, das unaufhörliche Experimentieren der Natur etwa, die Entstehung und Veränderung infolge kleinster Abweichungen wie etwa bei der Evolution von Tieren, der Kampf ums Überleben als Urspurng der menschlichen Gesellschaft oder das große Staunen, dass dem „Verstehen der Dinge und ihrer Natur“ (S. 207) folgen kann. Mit dem Untergang Roms aber verschwand das Gedicht und geriet in Vergessenheit.
Viele Jahrhunderte später macht sich der italienische Humanist und Schreiber Gianfrancesco Poggio Bracciolini, genannt Poggio, der lange Jahre als Sekretär in hohen Diensten der Kurie gestanden hatte und während des langen Konklaves von Konstanz seinen Job verliert, auf die Suche nach verschollenen antiken Texten. Angetrieben hat ihn dabei vermutlich zunächst vor allem die Liebe zur Schönheit und Logik der lateinischen Sprache. In Deutschland und Frankreich verschafft er sich mit großem diplomatischen und kommunikativem Geschick Zugang zu Klosterbibliotheken und entdeckt dabei etliche vergessene antike Autoren, deren Schriften er abschreiben lässt, um sie wieder lebendig werden zu lassen.

„Gold, Silber, Edelsteine, purpurfarbene Gewänder, Häuser aus Marmor errichtet, gepflegte Landgüter, fromme Bildnisse, mit Schabracken geschmückte Streitrosse und andere Dinge dieser Art bieten wunderbare und oberflächliche Genüsse; Bücher aber machen Freude, die ins Mark trifft; sie sprechen zu uns, beraten sich mit uns, verbinden sich uns in lebendiger Intimität“. (S. 129)

Vermutlich in Fulda gelingt ihm dann 1417 die Entdeckung von „De rerum natura“. Über 54 Tage lang schreibt er das Buch ab und sendet seine Abschrift nach Italien zu seinen dem Humanismus nahestehenden Freunden. Rasch kursieren mehrere Abschriften des Gedichtes, das der herrschenden Lehrmeinung der Kirche diametral widerspricht. Greenblatt vermutet, dass auch Poggio nicht nur von der Schönheit der lateinischen Verse begeistert gewesen ist: die Ereignisse von Konstanz, die auch zur Verbrennung von Ketzern wie Jan Hus führen, haben Poggio durchaus berührt und finden Niederschlag in seinem umfangreichen Briefwechsel. Er wird zwar nie die in „De rerum natura“ widergegebenen Positionen öffentlich vertreten, dürfte sich aber in seinen am Glauben vorhandenen Zweifeln zumindest bestätigt sehen und damit von dem Gedicht berührt gewesen sein.

In der Folge beeinflußt „De rerum natura“ mittel- und unmittelbar das Denken vieler Zeitgenossen. Darunter sind jene, die das Gedicht und seine Gedanken als revolutionär wahrnehmen und in ihre Weltsicht einzubauen, ihre Forschungen und Gedanken daran auszurichten beginnen, aber auch jene, die das Lehrgedicht zwar berührt, die seine Gedanken aber eher abmildern und dem herrschenden Dogma anpassen oder aber sich ganz dagegen wenden.
Zur ersten Kategorie zählen neben einigen Humanisten bekannte Gesichter:
Galileo Galilei etwa, der sich mit seinen Ausführungen in „Il saggiatore“ klar dafür aussprach, keinen Unterschied zwischen der Natur der Erde und der Sonne machte, die Sinneswahrnehmung und den Gebrauch von Beobachtung und Vernunft postulierte und vom Aufbau der Dinge aus kleinsten Teilchen ausging. Damit brachte er sich den Vorwurf der Ketzerei ein, da er damit das Dogma der Eucharistie anzweifelte, und entging nur durch Einfluss von höchster Stelle dem Scheiterhaufen
Giordano Bruno dagegen bestand kühn auf seiner Meinung, dass es keinen „großen Beweger“ gibt und damit die göttliche Vorsehung Unsinn ist, und wies dies mit scharfer Feder in seiner philosophischen Farce „Die Vertreibung der triumphierenden Bestie„. Mit heiterem Gemüt gab er sich seiner epikureischen Lebensauffassung hin, wandte sich gegen die Negierung des Körperlichen, gegen Geisselung, Buße und Schuld und war überzeugt vom lukrezschen Atomismus, der Unendlichkeit des Universums und der Verlorenheit der Erde als eines von vielen Himmelskörpern. Für seine Überzeugungen starb er schliesslich auf dem Scheiterhaufen mit den Worten:
Mit größerer Furcht verkündet Ihr vielleicht das Urteil gegen mich, als ich es entgegennehme„.
Als 160 Jahre später der Buchdruck für die Verbreitung von „De rerum natura“ gesorgt hatte, lässt sich auch in Montaignes 1580 erschienenen Essais der Einfluss der antiken Gedanken erkennen, von denen etliche mittlerweile durch die Forschung bestätigt waren. Auch Montaigne wendet sich gegen eine Moral, die auf der Furcht vor einem nicht existenten Jenseits aufbaut, teilt die epikureische Skepsis vor Ruhm und Macht, konzentriert sich auf sein eigenes Leben und sieht ebenso wie Lukrez in der Angst vor dem Tod den Grund allen menschlichen Übels.
Selbst in den Ländern, in denen die Inquisition großen Einfluß hat, wird „De rerum natura“ rezipiert. Auch die gegen den Inhalt des Gedichts gewendeten Gebete von Jesuiten, die Überlegungen, es auf den Index zu setzen oder es ausschliesslich für
Andere, wie etwa der erzkonservative Savonarola, negieren explizit den Atomismus: Savonarole selbst eifert während seiner Schreckensherrschaft in Florenz heftig gegen Lukrez. Der tief gläubige Thomas Morus, der beeindruckt von Lukrez gewesen sein muss, baut in „Utopia“ eine Gegenwelt zur Gegenwart auf, in dem er die Menschen in dem fiktiven Zukunftsstaat zwar universell nach Epikurs Vorstellung leben lässt, eine Toleranz der Religionen postuliert, das Pirvateigentum abschafft und das Streben nach dem Glück aller gesellschaftsmitglieder zum Staatsziel macht. Letztlich aber stellt er die Negation der Unsterblichkeit der Seele und des Jenseits in Utopia unter schwere Strafen, womit er sicheinen zentralen Bestandteil von „De rerum natura“ wendet.
Die Liste der Lukrezverehrer ist lang: so zeigen etwa Francis Bacon, Edmund Spenser, Thomas Hobbes deutlich in ihren Werken den Einfluss des antiken Werkes. Selbst der gläubige Issac Newton war überzeugter Atomist, auch wenn ein göttlicher Schöpfer für ihn noch unzweifelhaft existierte.
Auch im Neunzehnten und Zwanzigsten Jahrhundert gehört „Der rerum natura“für viele fortgeschrittene Intellektuelle und Wissenschaftlicher immer noch zu einem der beeindruckensten und inspirierensten Zeugnisse der Antike. So schrieb Thomas Jefferson, der mindestens fünf Ausgaben von „De rerum natura“ besaß und einst Präsident der noch jungen Vereinigten Staaten war, am 15. August 1820:

„Ich muss auf mein Lebenselixier zurückkommen:“ Ich fühle, also bin ich“. Ich fühle Körper, die nicht ich selbst bin: Es muss also andere Existenzen geben. Ich nenne sie Materie. Ich fühle, wie sie den ort wechseln. Das gibt mir bewegung. Wo Abwesenheit von materie ist, nenne ich das Leere oder Nichts oder immateriellen Raum. Auf der Basis von Sinneseindrücken, von Materie und bewegung können wir den bau aller Gewissheiten aufrichten, die wir haben können oder benötigen“ (S. 273)

Für den spanischen Philosophen George Santayana nannte die Vorstellung vom endlosen Wandel der aus unzerstörbaren kleinsten Teilchen zusammengesetzten Formen „den großartigsten Gedanken, auf den die Menschheit je gekommen ist“ (S. 195)

Stephen Greenblatt ist mit „Die Wende“ ein gehaltvolles Sachbuch gelungen, dass spannend die wechselvolle Geschichte eines antiken Gedichtes, seiner Wiederentdeckung, Rezeption und seiner Bedeutung für die Geistesgeschichte aufzeichnet. Das Buch ist auch in der Übersetzung ein sprachlicher und intellektueller Hochgenuß und regt gkleichzeitig an, sich nicht nur mit dem Gedicht „De rerum natura“ selber, sondern auch mit den Biografien und Werken der Menschen zu befassen, die es erkennbar beeinflusst hat. Für mich schönsten eines der schönsten und beeindruckensten Bücher des Jahres.

6 Kommentare zu “Die Wende : wie die Renaissance begann / Stephen Greenblatt

  1. Heute fertig geworden. Nachdem ich mich seit meiner Pensionierung vor 4 Jahren intensiv mit der Kulturgeschichte der Menschheit lesend beschäftige, war das ein passendes Buch in meinem „Puzzle“. Nebenbei bestärkt mich der Inhalt zu meiner atheistischen Sichtweise des Lebens ganz stark. Beste Grüße zu dir, Ernestus.

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    • Hallo Ernestus,
      es freut mich, dass Dir das Buch gefallen hat. Mir ging es ebenso – das Wunderbare an dem Buch ist, dass es den Bogen bis zur Antike spannt und den Faden bis in die Gegenwart laufen lässt durch die Hände zahlloser bemerkenswerter Menschen, die ebenfalls die Götter anzweifelten und nach Erkenntnis strebten.
      Mit den besten Wünschen für das Wochenende
      Jarg

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  2. Ich bin gespannt. Ich habe mir dieses Buch gekauft und werde mich zu Weihnachten selber beschenken und unter dem Weihnachtsbaum legen. Ich weiß noch nicht, soll ich es einpacken, oder nicht?….ich weiß ja schon was drinnen ist…

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    • Das Buch ist wirklich wunderbar und regt zu weiteren Lektüren an. Und klar: unbedingt einpacken. Ich mache das manchmal auch so … und freue mich dann vor allen über dieses überraschende Geschenk, von dem ich gar nicht wüsste, von wem es kommt. Selbstüberzeugung ist alles! 😉

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