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„Das musst du erzählen“ : Erinnerungen an Willy Brandt / Egon Bahr

Mittlerweile ist er 91 Jahre alt und immer noch hellwach und eloquent. Wer in der akteullen Ausgabe des ZEIT-Magazins das Interview mit Egon Bahr gelesen hat, konnte sich davon überzeugen und wird vermutlich auf das ausgesprochen lesenswerte aktuelle Buch von ihm aufmerksam geworden sein.

In „Das musst du erzählen“ berichtet Egon Bahr mehr als zwanzig Jahre nach dem Tod von Willy Brandt von der gemeinsamen Zeit mit seinem politischen und letztlich auch persönlichen Weggefährten. Manches davon kam bereits ansatzweise in dem Gesprächsprotokoll„Gedächtnislücken“ (mit Peter Ensikat) zu Sprache.

Der frühere Journalist Bahr entschied sich Anfang der 1960er Jahre gegen ein lukratives Angebot von Henry Nannen und wurde Leiter des Presse- und Informationsamtes des Landes Berlin und damit Sprecher von Willy Brandt, dem damaligen Bürgermeister der geteilten Stadt. Gemeinsam mit ihm entstand das Konzept der Ostpolitik, des „Wandels durch Annäherung“ und der „Politik der kleinen Schritte“. Ab Ende der 1960er Jahre führte die Bestrebungen Brandt und Bahrs zur Annäherung sowohl an Moskau als auch an die zögerlicherer DDR unter Ulbricht und später Honecker. Konkret kam es zu den für die Entspannungspolitik und die politische Entwicklung und internationale Anerkennung Deutschlands nach dem selbst verschuldteten Krieg so wichtigen Abkommen „Moskauer Vertrag“, „Warschauer Vertrag“ sowie zum Transitabkommen und zum Grundlagenvertrag mit der DDR.
Bahr und Brandt haben – im Gegensatz zu manchen anderen Politikern der Zeit – nie die Hoffnung auf ein Ende der deutsch-deutschen Teilung aufgegeben. Im Fokus ihrer Politik stand daher die Entspannung im Kalten Krieg der Supermächte ebenso wie eine möglichst gro0e Freizügigkeit im Austausch mit der DDR. Da die Bundesrepublik faktisch kein souveräner Staat war, waren Bahrs Missionen durchaus heikel, galt es doch auf die Vier Mächte Einfluss zu nehmen und Vertrauen zu schaffen, ohne eine Führungsrolle zu beanspruchen.

Die Erfolge bestanden daher nicht nur in den Abkommen und der tatsächlichen Erleichterungen im deutsch-deutschen Verhältnis, sondern auch in der weniger bekannten Einrichtung sicherer Informationskanäle zwischen Bonn und Washington, Bonn und Moskau. Dabei gewannen die Deutschen sowohl bei den Amerikanern als auch bei den Russen unter Breschnew rasch großen Respekt – während die DDR zögerlicher war, als sie es hätte sein müssen. Letzteres wurde auch unterstützt durch Brandt Gegenspieler Herbert Wehner, den mächtigen Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, dessen Rolle Bahr sehr kritisch sieht: Wehners Verhalten im Machtpoker in Bonn sei von Intrigenn, gebrochenen Versprechen und Ränkespielen gekennzeichnet gewesen. Aus heutiger Sicht hätte er Brandt damals dazu raten müssen, offen mit Wehner zu brechen – war dieser doch letztlich mit verantwortlich für den Rücktritt Brandts nach der Guillaume-Affäre.

Bahr vermittelt uns einen unglaublich spannenden Blick hinter die politischen Kulissen zur Zeit des Kalten Krieges, lässt sowohl den Politiker als auch den Menschen Brandt sichtbar werden und das besondere Verhältnis zwischen ihnen. Dabei offenbart er zahllose faszinierende Details rund um die Verhandlungen, Gespräche und politischen Abstimmungen, die mit der Ostpolitik verbunden waren. Darüber hinaus werfen wir einen Blick auf die Politik mehrerer deutscher Regierungen und die damit verbundenen Persönlichkeiten, erfahren Interna aus der großen Koalition der 1960er Jahre ebenso wie über die Verhältnisse und „Menscheleien“ innerhalb der sozialliberalen Koalition der 1970er und 1980er Jahre.

Bewunderswert sind nicht nur der Weitblick des Gespanns auf Bahr und Brandt, die Geduld, Diplomatie und Finesse ihres Vorgehens, die viel zum Ansehen des vormaligen Kriegsverursachers Deutschlands in der Welt beigetragen haben und zum wachsenden Vertrauen zwischen Ost und West und damit zum Fall des Eisernen Vorhangs und der Wiedervereinigung beitrugen. Egon Bahr selbst zeigt sich als ausdauernder, geschickter Verhandler, der mit großem Gespür für das Notwendige auf seine Gesprächs- und Verhandlungspartner eingegangen sein muss.

Wir können noch heute froh sein, dass Politiker wie Bahr und Brandt ihre aktive Zeit genutzt haben, Dinge zu bewegen, die mancher für unbewegbar hielt. Man kann sich nur wünschen, solche Vorbilder an Integrität, Weitsicht und Diplomatie eines Tages auch wieder in der Politik der Gegenwart zu finden, den sie sind rar geworden. Zu rar.

Mit „Das musst du erzählen : Erinnerungen an Wily Brandt“ ist Egon Bahr ein ungemein spannendes Buch gelungen, dass mehr ist als ein Porträt Willy Brandts, mehr als ein Bild der Freundschaft zwischen den beiden so ungleichen Männern. Im 150. Jahr der SPD ist es eines der Bücher, die ein politisch interessierter Mensch gelesen haben sollte. Vielleicvht geht es ihm wie mir: ich mochte das Buch kaum aus der Hand legen und schaue mit respekt und auch einer gewissen Dankbarkeit auf die Leistungen dieser beiden auf besondere und für ihre zeit glückliche Weise miteinander verbundenen Politiker.

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