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Februar 33 : Der Winter der Literatur / Uwe Wittstock

Wo sich „Liebe in den Zeiten des Hasses“ von Florian Illies einem ganzen Jahrzehnt des Umbruchs widmet und es in den Fokus von Liebe und Freundschaft unter Angehörigen der kreativen Berufe stellt, legt der Literaturkritiker und Buchautor Uwe Wittstock den Fokus auf den Zeitraum vom 28. Januar bis zum 14. März 1933: innerhalb von sechs Wochen verändert sich Deutschland in dieser Zeit drastisch, werden Freiheiten und Grundrechte eingeschränkt, greifen Terror, Unterdrückung und Mißtrauen um sich. Am Ende ist Deutschland ein anderes Land geworden, ist es gleichgeschaltet, grau, eng und ausgrenzend.

Aus heutiger Sicht ist es kaum vorstellbar, wie schnell sich die Verhältnisse in Deutschland in jeden entscheidenden Woche geändert haben und sein „glanzvolle literarische Leben“ samt seiner Protagonist*innen von nder Bildfläche gefegt wurde. Uwe Wittstock beschreibt diesen Wandel Tag für Tag und es gelintgt ihm rasch, seine Leserschaft in die zunehmend bedrückende Stimmung dieser Zeit zu führen, einer Zeit, in der selbst viele der von Publikationsverbot, Exil und Verflogung betroffenen selten das ganze endgültige Ausmaß dieser politischen Katastrophe für möglich hielten. Nicht wenige hofften, der Spuk würde bald ein Ende haben, sahen die Regierung Hitlers und der Deutschnationalen als eine zeit des Übergangs an, der vielleicht ein paar Monate, aber maximal zwei Jahre anhalten würde. Sie wurden rasch eines besseren belehrt, wussten die neuen Maxchthaber doch genau, welche Hebel sie ansetzen mussten, um ihre Interessen durchzusetzen. Dabei konnten sie nicht nur auf ihre gewalttätigen paramilitärischen Verbände wie SS und SA setzen, die bald zu offziellen Hilfstruppen der Exekutive wurden, sondern auch auf willfährige Beamte, eine sich rasch den neuen Verhältnissen anpassende und spendenfreudige Wirtschaft und die alten Eliten, allen voran Reichspräsident Hindenburg.

Atemlos folgen wir der Entwicklung der Zeitläufte und ihrer Auswirkungen auf den Kulturbereich anhand der überlieferten Zeugnisse, die Wittstock so weit als igrend möglich dem jeweiligen Datum zuordnet, um sie in freier, gekonnter Erzählung zu einem atmosphärisch dichten Bild einer bedrückenden Zeit zu verbinden. Dabei problematisiert er auch das Verhalten einzelner Persönlichkeiten, etwa von Gottfried Benn oder Oskar Loerke und geht sowohl auf die Machtinteressen der alten Eliten als auch auf das geschickte Vorgehen der Nationalsozialisten, die gekommt die Demokratie mit ihren eigenen Mitteln zerstörten. Er folgt des Schicksalen vieler berühmter Zeitgenossen: während manche sich rasch und mit klarer Vorahnung der düsteren Entwicklung aus Deutschland absetzten, zögerten andere, weil sie entweder die Entwicklung nicht für möglich hielten oder zum Teil nicht über die Mittel verfügten, vorübergehend oder dauerhaft ins Exil zu gehen. Manche blieben bewusst, um Zeitzeugen zu sein für das, was geschah – so etwa wie Erich Kästner – manche setzten sogar ihre Hoffnung in die Veränderung wie der demokratiekritische Gottfried Benn. Andere wie Carl von Ossietzky oder Erich Mühsam zeigten sich widerständig und bezahlten mit ihrem Leben. Viele, die ins Exil gingen, sahen Deutschland erst nach vielen Jahren wieder – oder gar nicht. Nicht wenige konnten nach dem Krieg nicht mehr an ihre früheren Erfolge als Autoren anknüpfen und gerieten in Vergessenheit, wie etwa der mutige Oskar Maria Graf oder Kadidja Wedekind.

Uwe Wittstock ist ein überaus spannendes, lebendiges Buch gelungen über die entscheidenden sechs Monate, in denen sich Deutschland zur brutalen Diktatur wandelte und der große literarische Reichtum der Weimarer Zeit zerstört wurde. „Februar 22“ ist ein Buch, dass nicht nur auf eindrückliche, ja bedrückende Weise des Weg in die Diktatur und den damit einhergehenden Kulturverlust beschreibt, sondern angesichts des Wiedererstarkens von Populismus, rechtsextremen und autoritärem Denkens in unserer Zeit hochaktuell und auch aus diesem Grund zur Lektüre unbedingt zu empfehlen ist.

3 Kommentare zu “Februar 33 : Der Winter der Literatur / Uwe Wittstock

  1. Jarg: „…in unserer Zeit hochaktuell und auch aus diesem Grund zur lektüre unbedingt zu empfehlen“

    Wann denn hat Lesen jemals Gutes bewirkt?
    Es ist unsere Einstellung, die die Welt bewegt.

    Denken wir vorwiegend in Spaltung, in rechts oder links, in richtig und falsch, in Freund oder Feind, in geimpft oder ungeimpft… geschieht sie auch.

    Das ist die Horizontale.
    Die Alternative ist die Vertikale.

    Alle Formen der Liebe sind Vertikale.

    Vertrauen, Respekt, den Adern verstehen wollen,
    Begegnung in Augenhöhe, Gemeinwohldenken…

    Um der Herzebene den Zuschlag
    zu geben, braucht es kein Buch.

    Eine heitere 🎄
    Weihnachtszeit
    wünscht Nirmalo

    Gefällt mir

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