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Eistau : Roman / Ilija Trojanow

„Wieso hinterlässt alles, was wir tun, einen Abdruck (es braucht hundert Jahre, bis ein Fußabdruck in der Antarktis verschwindet), wieso können wir nicht wie Vögel in der Luft spurlos durch den Augenblick gleiten?“ (S. 76)

Der Glaziologe Zeno sieht sich mit Mitte fünfzig dem Scheitern seiner Lebensaufgabe gegenüber: der Gletscher, dem er über viele Jahre sein Forscherleben gewidmet hat, ist nahezu verschwunden und sein Sterbeprozeß aufgrund des fortschreitenden Klimawandels nicht mehr aufzuhalten. Verzweifelt zieht sich Zeno aus dem Forscherleben zurück, gibt sein bisheriges Leben auf und geht auf das Angebot ein, alljährlich in den südlichen Sommermonaten Kreuzfahrttouristen mit Wissen um die Eiswelt der Antarktis zu bereichern.

Eigentlich ist Zeno beglückt, seinem Lebensobjekt, dem Eis, hier fern der Zivilisation so nah zu sein, es in seiner klarsten und menschenfernsten Form sehen zu können ; nebenher genießt er in diesen Monaten die heimliche Affäre zur leidenschaftlichen Schiffangestellten Paulina. Doch die Reisenden mit ihrer Bildergier, ihrer touristischen Ignoranz und Unachtsamkeit und die auch hier am südlichen Pol sichtbaren Zeichen des Klimawandels verstören ihn immer mehr und schüren seinen Abscheu vor der Menschheit an sich und ihrem unheilvollen, unumkehrbarscheinenden Einfluss auf die unberührte Natur.

„Die Einsicht, die späte, viel zu späte Einsicht, man habe nichts getan, als man etwas hätte tun können, als man etwas hätte tun müssen, das ist die Hölle. Aus ihr gibt es kein Entrinnen“. (S. 162-163)

Doch dann kommt ein bekannter amerikanischer Großkünstler an Bord und beabsichtigt, mit Hilfe der Passagiere an der eisigen Küste ein Fanal in Form eines aus Menschen gebildeten und aus dem Hubschrauber dokumentierten SOS-Zeichens zu setzen: Zeno sieht sich gewzungen zu handeln – mit katastrophalen Folgen …

„Der einzelne Mensch ist ein Rätsel, einige Milliarden Menschen, organisiert in einem parasitären System, sind eine Katastrophe. Ich bin es leid, unter diesen Umständen Mensch zu sein“ (S. 167

Ilija Trojanow ist ein sprachmächtiger, bedrückender Roman gelungen, der sich dem Klimawandel und seinen Folgen aus der subjektiven Sicht eines Menschen nähert, der sein Forscherleben einem einzigen Gletscher verschrieben hat und innerlich an der Vergeblichkeit seines Tuns und der Gleichgültigkeit einer auf Profit und Konsum gerichteten Welt verzweifelt. Dabei sucht er einen extremen Weg heraus aus dieser Verzweiflung, denn ebenso wie er die moderne Zivilisation verabscheut, ist er zugleich gefangen in ihr und ihrer Gier nach Bildern, nach Nachrichten, nach Sensation.
Trojanow lässt Zeno durch eine Art Tagebuch selbst erzählen, unterbrochen von und zugleich verflochten mit atemlosen Passagen aus Satzfetzen und Zitaten, Aussagen, die ein kommendes Unheil erahnen lassen und sich mit dem Fortgang der Erzählung immer mehr verdichten.
Dabei findet Trojanow ebenso beeindruckende Worte für die Schönheit der antarktischen Natur wie für die Innenwelt seines verzweifelten, zivilisationsmüden Menschen, dessen Wut auf die Hybris des modernen Menschen ein Ventil sucht und am Ende auch in tragischer Weise findet.
Ein sprachmächtiges Buch, mit Temperament und Verve geschrieben und ebenso poetisch wie kraftvoll.

8 Kommentare zu “Eistau : Roman / Ilija Trojanow

    • Hallo Ernestus,
      zum Glück finden sich in jeder Zeit solche aussergewöhnlichen und talentierten Menschen, sonst wäre es sehr betrüblich. Danke für den Link und
      Herzliche Grüsse von
      Jarg

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  1. Besten Dank, dass du mir den Roman in Erinnerung gerufen hast, lieber Jarg! Ich habe bei Erscheinen gelesen – auch bei mir die erste Begegnung mit Trojanow – und hatte keine sehr hohen Erwartungen, vielleicht auch weil der Roman so untergegangen ist und kaum beachtet wurde (das zumindest mein Gefühl). Umso glücklicher hat mich dann die Lektüre zurückgelassen: ein mutiges, anklagendes Buch, sprachlich sehr eindrucksvoll.

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    • Hallo Caterina,
      gern geschehen!
      Es gab bei mir schon mal einen Versuch mit Trojanow, aber das entsprechende Buch vermochte mich nicht zu ziehen. „Eistau“ dagegen hat mich tatsächlich sehr begeistert. Ich lese gerne Bücher (Romane oder Sachbücher), in denen die Polregionen vorkommen – und Trojanow findet sowohl für Zenos Wut als auch für die Natur eine wunderbare, beeindruckende Sprache. Schätze, ich sollte seine anderen Bücher doch noch mal in Augenschein nehmen.
      Herzlich grüsst
      Jarg

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  2. Eine schöne Besprechung, bei der ich gestehen muss, dass ich bisher noch nichts von Ilija Trojanow gelesen habe, auch wenn mir sein Name natürlich bereits mehrmals begegnet ist. „Eistau“ klingt sehr spannend, vor allem die Zitate, die du ausgewählt hast, machen Lust auf mehr. Ich freue mich auf die Lektüre. 🙂

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    • Danke! Es ist auch mein erster Trojanow – ein anderes von ihm vermochte mich zu dem Zeitpunkt, als ich es begann, noch nicht zu packen – vielleicht sähe das jetzt schon anders aus.
      Viel Spaß mit der Lektüre wünscht Dir
      Jag

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  3. Für seine Überzeugung im Bezug zu einer Sache sollte man werben, so wie es Parteien, Verbände oder Vereinigungen tun. Daran zerbrechen sollte man nicht. Ein einzelner Baum, ein einzelner Gletscher oder eine einzelne Art muss nicht auf Gedeih und Verderben geschützt werden.
    Dieses Verhalten schadet Menschen, einzelnen oder einer Gruppe davon. Der Natur kann der Mensch auf Dauer nicht schädlich sein. Die Natur ist stärker und findet ihrerseits Wege zur Wahrung ihrer Interessen.
    C.H.

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    • Da gebe ich dir grundsätzlich recht und auch darin, dass dieser Planet und seine Natur den Menschen ganz sicher überleben werden.
      Aber Trojanow ging es für mein Empfinden nicht nur um einen an der Vergeblichkeit seiner Wissenschaft verzweifelten Wissenschaftler, sondern auch um die gleichgültige, rücksichtslose Gier einer Welt, die dem Konsum alles opfert, dabei die Natur und selbst den Kampf um die Natur zu einer Ware, einer Sensation macht und wider besseres Wissen stur ihren fatalen Weg beschreitet. Zeno setzt dagegen ein Fanal und entlarvt in seinem Tagebuch mit seinen wütenden Auslassungen nicht nur die Oberflächlichkeit der Welt, sondern liefert uns zugleich ein poetisches Bild dessen, was wir zu verlieren drohen. Das sein weg der Verzweiflung sich der gleichen, von ihm kritisierten Mittel bedient (der Sensation), bleibt dabei keineswegs unter dem Teppich, ist aber letztlich erklärt aus dem Aufbegehren des „Helden“, der sich ohnmächtig dem Wirken der Zivilisation ausgesetzt sieht und zum letzten Mittel greift …
      Herzlich grüsst
      Jarg

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