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Fang den Tag mit einem Jodler an: 10 Tonnen, eine Kiste voller Platten und die unerträgliche Staubigkeit des Seins

Ein Haus zu räumen, in dem man einen Großteil seiner Kindheit verbracht hat, konfrontiert einen mit einer Unzahl von Erinnerungen, jeder Menge überflüssigem Ballast und der Tatsache, dass man weder alles mitnehmen kann noch möchte, was sich einem als potentieller mnemotechnischer Kindheits- und Jugendanker anbietet. Da nur wenige Tage verbleiben, bis ein Trupp kräftiger Herren das Haus komplett um geschätzte zehn Tonnen erleichtert, ist die Zeit knapp auf Seiten dessen, der noch nach vergessenen Goldbarren, brauchbarem Kinderspielzeug und anderen Dingen sucht, schärft die Sinne und erleichtert buchstäblich das rasche Verwerfen allfälliger sentimentaler Gedanken an Mitnahme.

So wühlt man sich durch Kisten, Koffer und Kästen, durch Tüten und Schränke, Schubladen und Abseiten vom feuchten Keller bis in den vom Staub der Jahrhunderte angefüllten Dachboden, entdeckt zahllose Briefe und Fotos längst verblichener, einem zum Teil völlig unbekannter Leute, schrottreife Siku-autos, Tüten voller Plastikant, eine angerostete Carrerabahn und die gesammelten Schulhefte zweier längst erwachsen gewordener Kinder, von denen nur noch eines lebt und jetzt auf den kindlichen Zeilen des anderen begegnet, als verschränke sich die Gegenwart für einen Moment mit Jahrzehnte zurückliegender Vergangenheit. Manchmal verdrückt man eine Träne, wenn man den Zeilen eines verstorbenen, geliebten Menschen begegnet, um kurz danach genervt und erschöpft auf Stapel unbeschriebener Postkarten aus Japan, Brasilien und anderen fernen Ländern zu stoßen, einst zum Zwecke der Erinnerung gekauft auf weiten Reisen, heute verblichen und mehr als befremdlicher Balast empfunden.

Ein alter Seemanskoffer enthält dann noch einen Stapel alter Langspielplatten und Singles. „Fang den Tag mit einem Jodler an“ heisst eine Scheibe. Wer mag sie wohl einmal gekauft haben – und ist er der Anweisung gefolgt? zwar erinnert man sich des Vaters, der morgens schon tiefbassig röhrend die so typisch knarzende Treppe hinunterstieg, von Fässer voller Wein singend, die in tiefen Kellern stehen und geleert werden sollen? Man erinnert sich daran, als Kind mal Nino Rossos „Il Silenzio“ aufgelegt zu haben, stößt dann auf Scheiben des einst in Teenagerjahren leidenschaftlich verehrten Pianisten Vladimir Horowitz, des „letzten Romantikers“, schliesst irgendwann den Koffer, wissend, dass auch er und sein vom Tabakrauch eingeräucherter Inhalt in wenigen Tagen Asche sein werden und fängt den Tag mit einem Seufzer an, sich mit geschwärzten Fingern hustend der nächsten Kiste zuwendend, wohl wissend, dass die einem bereits fremd erscheinenden Räume, in denen man sich befindet, womöglich im nächsten Jahr durch Abriss oder Umbau nur noch in der Erinnerung existieren.

12 Kommentare zu “Fang den Tag mit einem Jodler an: 10 Tonnen, eine Kiste voller Platten und die unerträgliche Staubigkeit des Seins

  1. Wunderbar, lieber Jarg! 🙂 Dein Schreibstil gefällt mir sehr gut. Du solltest ganz, ganz groß rauskommen. Wir drücken dir Daumen +Flügeln. 🙂
    Dina mit Siri und Selma

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    • Liebe Dina,
      vielen, vielen Dank für die herzerwärmenden Worte! 🙂
      Vielleicht schreibe ich ihn ja doch mal, den kleinen (großen?) biografischen Roman, der sich in manchen Momenten irgendwo in den verstaubten Seemannskisten im hintersten Winkel meines Hirns verbirgt 😉
      Herzliche Grüsse an Dich, Siri und Selma von
      Jarg

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      • Uuuuuuuuuuuunbediiiiiiiiiiiingt, lieber Jarg, raus damit!!!
        Vergeude keine Zeit damit auf den richtigen Moment zu warten, hörst du! 🙂

        Ganz, ganz herzliche Grüße zurück
        Siri, Selma und Dina
        🙂 🙂 🙂

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      • Liebe Dina,
        nee, da hast Du recht. Dafür rappeln die alten morschen Seemannskisten auch zu sehr – und Geschichten wollen ja eigentlich befreit werden 😉
        Liebe Grüsse an Dich und die Buchfeen aus dem herbstlichen Hamburg von
        Jarg

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      • Oh, das ist recht, liebe Jarg, sagt unser Selmafee und nickt zustimmend. Sie liebt Piraten und alte Semannkisten sehr. Sirr und ich auch! 🙂

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  2. Bei solchen Zeilen fängt für mich der Tag mit Melancholie an…
    Sehr treffend beschrieben, die Ambivalenz der Empfindungen, die einem bei solchen Tätigkeiten entgegenschlägt. Einer der seltenen Momente, in denen man gefühlt mitten in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft steht.

    Viel Erfolg noch,
    herzliche Grüße

    Sonja

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    • Vielen Dank für deine freundlichen Worte, liebe Sonja.
      Ganz genauso ging es mir und geht es mir noch, auch wenn der einmal so vertraute Ort, an dem sich Gegenwart und Vergangenheit so verschränken, heute geräumt wird und damit noch fremder wird. In den Gedanken ist zur Zeit vieles gegenwärtig, was längst vergangen ist, einen geformt hat, und die Blicke schärfen sich mal wieder für das, was wirklich wichtig ist und was einem manchmal nur in Extremsituationen wie diesen bewußt wird.
      Herzlich grüsst
      Jarg

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    • Ja, ich finde solche Dinge auch wichtig und habe natürlich das eine oder andere aufgehoben, sofern es hohen emotionalen Wert besaß. Meistens sind das Fotos und wenige Briefe und Dokumente, manchmal auch Spielzeuge, die noch brauchbar und für meine Zwillinge spannend sind. Wie immer macht es auch bei solchen Gegenständen ja nicht die Masse (dann würde man ertrinken in Sentimentalität und einstaubendem Kram), sondern die Klasse.

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    • Danke schön! Die Single hielt ich vor ein paar Tagen ja noch in Händen und hörte quasi die Trompete aus der Vergangenheit in die Gegenwart schallen. Mittlerweile existiert sie nicht mehr, da seit heute alles geräumt wird und der Platz beschränkt ist, der für materialisierte Kindheitserinnerungen vorgesehen ist. Leider – oder auch zum Glück, denn irgendwann wird jemand auch meinen Keller aufräumen.

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