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Wild / Regie u. Drehb.: Nicolette Krebitz. Darst.: Lilith Stangenberg, Georg Friedrich, Silke Bodenbender, Saskia Rosendahl (…)

Ania wohnt in einem Hochhauskomplex in Halle-Neustadt. Sie arbeitet als OT-Spezialistin in einer heruntergekommenen Werbeagentur, wird von ihrem tyrannischen Chef zum Kaffee holen missbraucht und ihr Grossvater liegt im Sterben. Jeden Tag geht sie den gleichen Weg und die einzige Abwechslung im Alltag ist der Schießstand, den sie regelmäßig besucht. Da sieht sie plötzlich in einem kleinen Waldstück unweit ihrer Wohnung einen Wolf.

Von diesem Moment an ist alles anders: Ania recherchiert über Wölfe, hängt ein Stück Fleisch ins Gebüsch und beschliesst endlich, den Wolf zu jagen und bereitet einen Raum in ihrer Wohnung für ihn vor. Es gelingt: Ania beginn in der Folge, sich von anderen zurückzuziehen, sich zu vernachlässigen und verloren gegangene Instinkte Leben zu entdecken. Ihr Leben verändert sich dramatisch.

Nicolette Krebitz Film, der sich langsam und unerbittlich zu einem hypnotischen Rausch der Bilder entwickelt, entzieht sich geschickt Deutungsversuchen und gängigen Interpretationen. Vordergründig erwartet man vielleicht, ein Spiel mit dem Mythos des Wolfes zu sehen, eine auch erotisch aufgeladene Variation des Rotkäppchen-Märchens oder ein im wilden Wolf romantisch zugespitztes „Zurück zur Natur“. Doch der Film entzieht sich den erwartbaren Deutungsmustern auf geradezu perfide Art, deutet sie an, um im gleichen Moment eine andere Fährte zu legen, um den Zuschauer am Ende befremdet und zugleich tief berührt zurückzulassen. Krebitz arbeitet dabei mit Zuspitzungen, die nicht selten die Grenzen des sogenannten guten Geschmacks überschreiten.

Überaus bemerkenswert ist die schauspielerische Leistung von Lilith Stangenberg, die sich äusserst subtil in ihre Figur einfindet und in ihr Zerbrechlichkeit und Stärke auf eine derart überzeugende Art vereint, dass man sich mit ihr identifiziert, obwohl sie einen zugleich verstört. Stangenbergs Ania fühlt sich fremd in ihrem Leben als Mensch und sucht sich selbst und ihr Glück in der Wildheit eines anderen, ursprünglichen Tieres wiederzufinden, eine Begegnung und Beziehung, die ebenso beglückend wie hoffnungslos erscheint. Beeindruckend auch die Szenen mit dem Wolf, der von zwei halbwilden ungarischen Wölfen dargestellt wird und Stangenberg in vielen Szenen vor besondere Herausforderungen stellte, die einen hohen Grad an Aufmerksamkeit erforderten.

Krebitz ist ein radikaler Film fern gängiger Genres gelungen, der lange nachwirkt und uns einen anderen, irritierenden Blick auf unsere von der Zivilisation zugerichtete Welt, aber auch auf die Klischees von Wildheit und Natürlichkeit werfen lässt. Für Menschen, die besondere Filme lieben.

12 Kommentare zu “Wild / Regie u. Drehb.: Nicolette Krebitz. Darst.: Lilith Stangenberg, Georg Friedrich, Silke Bodenbender, Saskia Rosendahl (…)

    • Der Film bleibt einem schon nachhaltig im Gedächtnis – gerade, weil er so drastisch ist bis schwer erträglich und sich manchen gängigen Interpretationsmustern entzieht.

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  1. Endlich jemand, der den Film auch gesehen hat und dann sowas 😉 Mich hat der Film wenig irritiert, weil ich ihn sehr „verkopft“ und gewollt fand. Das Grundmotiv fand ich sehr gelungen, auch habe ich nichts gegen Metaphern und gegen Sex auch nichts, aber alleine die Szene im Treppenhaus fand ich derartig nervtötend, dass ich nicht wußte, ob ich lachen oder weinen sollte.
    Ganz schlimm fand ich ebenfalls die Nutzung von Stereotypen, was besonders deutlich bei der Szene im Büro wurde, in der die Putzmänner mit Migrationshintergrund mit großem Interesse auf die sexuelle Einladung des weiblichen Charakters einsteigen – umgekehrte Pornostereotypen bleiben am Ende doch immer plumpe Stereotypen selbst wenn das Layout „Arthouse“ verspricht.
    Gerade den Aspekt „zurück zur Natur“ habe ich nicht gesehen, sondern nur das ewig gleiche: „Oh, wenn sich eine Frau der gesellschaftlichen Zwängen entlädigt, dann erstmal sexuell“. Warum hat sie nicht das Büro übernommen? Warum hat sie sich nicht für Natur in der Stadt eingesetzt? Gerade weil Frauen das Drehbuch und die Regie geführt haben, fand ich diese Message so alt und belanglos.

    Entschuldige, wenn du nun für meinen angestauten Ärger bezüglich dieses Films herhalten musstest, aber dieser Ärger war das einzige, was „Wild“ in mir entfesselt hat 😉

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    • Oha. Macht aber nix. Der Film ist und bleibt keine leichte Kost. Ich empfand das anders als du, wie ja auch meiner Rezension zu entnehmen ist. Verstört war ich trotzdem, sehe aber gerade das, was du bemängelst (Stereotype und Klischees), als Spiel mit eben diesen selben, um die darauf aufgrund medialer Konditionierung anspringende Erwartungshaltung des Zuschauers sofort zu enttäuschen. Und zwar bei allem, denn auch das Ende bietet keine Erlösung. Dabei findet der Film nach meinem Empfinden bewusst keine Lösung zwischen Wildheit, Natur und zivilisatorisch zugerichteter Menschenseele. Aber ohne Zweifel: der Film provoziert. Und ich kann durchaus nachvollziehen, dass man ihn ebenso auch komplett ablehnen kann. Verstört, befremdet hat er mich durchaus auch. Und doch war da – für mich – mehr.
      Herzlich grüsst dich
      Jarg
      Jarg

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      • Ja, aber eigentlich finde es auch mal gut, wenn man da unterschiedlicher Meinung ist und nicht alle brav in eine Richtung nicken. Für mich ist es dann auch immer wichtig rauszufinden, was mich da so gestört hat.
        Schönen Abend noch!

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      • Wäre langweilig, senn alle alles gut finden: in der Differenz wird einem das eigene doch manchmal klarer und ein anderer Blick schadet ja eh nie.
        Einen zauberhaften Mittwoch wünscht dir
        Jarg

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    • Liebe Xenania, gern geschehen: das freut mich! Bin gespannt, wie du diesen schwer einzuordnenden Film findest.
      Danke für die freundlichen Worte zu Jargsblog und überaus sonnige Grüsse aus dem etwas sturmzersausten Hamburg

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      • Unbedingt: der Film ist berührend und verstörend zugleich. Man sollte ihn also zum passenden Zeitpunkt ansehen und bereit sein, um den Film an sich heranzulassen.
        Hamburg steht übrigens noch weitestgehend – bin schon herumgeradelt 😉

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      • Es geht eigentlich: Wasser in der Fischsauktionshalle ist ja mehrmals im Jahr Standard. Aber klar, rausgehen war heute in der Nacht und am Morgen keine gute Idee. „Xavier“ neulich war schlimmer: da habe ich fast vier Stunden mit den Öffis von der Arbeit nach Hause gebraucht (sonst eine)

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