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Jargsblogs beste Bücher : Nachlese Romane 2017

Auch im Jahr 2017 gab es wieder einige bemerkenswerte Romane, von denen ich jene, die mich am meisten berührt oder gefesselt haben, an dieser Stelle vorstellen möchte.

Julian Barnes hat mit „Der Lärm der Zeit“ einen Künsterroman von großer Aktualität vorgelegt, der tief in die Seele des russischen Komponisten Schostakowitsch eintaucht und zugleich ein zutiefst deprimierendes Porträt einer Gesellschaft zeichnet, die zur Befreiung von Knechtschaft und Tyrannei aufbrach, aber in Unterdrückung endet. Der sprachlich anspruchsvolle, hoch verdichtete Roman lässt den Leser die tägliche Angst spüren und die Ohnmacht des begabten Einzelnen, der sich der Macht ergeben muss.

Sven Heuchert ist mit „Dunkels Gesetz“ ein düsterer, atmosphärisch dichter Thriller gelungen, der mit sauber gezogenem Spannungsbogen von der ersten bis zur letzten Seite fesselt. Heuchert zeichnet dabei ein grau verschleiertes Bild der dünn besiedelten Region nahe Belgiens, in der jegliche Hoffnung, jegliche Träume am Faktischen zu scheitern scheinen. Mit Richard Dunkel schafft er dabei einen Protagonisten, mit dem man sich rasch identifiziert, obwohl seine widersprüchlichen Charaktereigenschaften auch widerstrebende Gefühle auslösen. Dabei erinnert der Roman in Stil und Atmosphäre nicht selten an die Bücher von Woodrell, zeichnet er doch ein ähnlich deprimierendes Bild von Menschen am Rande der Gesellschaft, denen jegliche zivilisatorische Firnis abhanden gekommen zu sein scheint.

„The Loney“ ist ein überaus fesselndes Buch, dessen Reiz man sich nur schwer entziehen kann. Dabei spielt der Autor, der eine sorgfältig komponierte Mischung von Kindheits- und Familiengeschichte, klassischem Schauerroman und Thriller geschaffen hat, nicht nur geschickt mit düsteren, bedrohlichen Umständen, die die Erwartungen einer Gruppe religiös beseelter Menschen bedroht. Da gibt es verborgene Zimmer, seltsame Bewohner eines abgelegenen Hauses, einen alten Bunker und eigenartig archaische Riten der bedrohlich erscheinenden Einwohner der Gegend. Ein bemerkenswerter Roman, rätselhaft, bedrohlich und berührend zugleich. Ein Roman, den man in manchen Augenblicken zu verstehen meint, um sich im nächsten Moment wieder verstört in einer literarisch kunstvoll eingerichteten Sackgasse wiederzufinden. Sehr empfohlen allen, die sich von einem klaustrophobischen, genresprengenden und sprachlich sehr überzeugenden Thriller fesseln lassen möchten.

„Die Treibjagd“ erweist sich als hervorragend konzipierter, psychologisch überzeugender und überaus ruhig erzählter Krimi mit düsterer, archaischer Atmosphäre, der im Spiel mit dem alten Westernmythos des „Ein Gerechter gegen alle“ rasch einen unwiderstehlichen Sog entwickelt. Im Wechselspiel von Rückblenden aus Verhörsituationen heraus und der eigentlichen Handlung taucht der Leser immer tiefer in die Geschichte ein und entwickelt rasch eine starke, zuweilen von widerstrebenden Gefühlen geprägte Identifikation mit dem „Helden“ Rémi Parrot. Die überaus guten Naturbeschreibungen des weitestgehend vor der Kulisse des dünn besiedelten Zentralmassivs spielenden Romans tragen erheblich zu dessen erzählerischer Intesität und dramaturgischen Tiefe bei. Ein hochspannender, gern an dieser Stelle empfohlener Krimi, der einen rasch und unwiderstehlich fesselt bis zum furiosen und überraschenden Ende.

Mit „Nicvhts bleibt“ ist Willi Achten ein ebenso düsterer wie sprachmächtiger Roman gelungen, der weit über sein Genre hinausragt. Er zeigt die Zerbrechlichkeit von Glück ebenso wie er die leichte Verfügbarkeit von Gewalt, von Rachegelüsten thematisiert, die uns als gewalttätigem Tier stets naheliegender zu sein scheinen, weil der Weg von der Wut, dem Hass zur Gewalt kürzer ist, leichter und rasch in einen Rausch münden kann, der die uns ebenso mitgegebene Vernunft überblendet. En passant stellt sich Achten über den Protagonisten Franz die Fragen, ob sich mitschuldig macht, wer Gewalt fotografisch dokumentiert, ohne einzuschreiten, wie rasch ein Leben, ein Glück zerbrechen kann und wie nah das einigermaßen intelligente Tier Mensch der Gewalt, der Aggression ist, der jähen oder der perfide geplanten. Auf einer tieferen Ebene ist das Buch auch eine Reflexion über die größte Kränkung des Menschen: das Bewusstsein vom unvermeidlichen Tod und dem durch das Leben, das Erlebte selbst in Frage gestellten Sinn des Ganzen. Ein tief berührendes, sprachlich überaus ansprechendes Buch, das ich gerne empfehle und für mich bereits jetzt zu den intensivsten Lektüreerfahrungen dieses Jahres zählt.

5 Kommentare zu “Jargsblogs beste Bücher : Nachlese Romane 2017

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