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Seele auf Eis : Ein Bankräuber rechnet ab / Reiner Laux

Reiner Laux raubte zwischen 1985 und 1995 insgesamt 13 deutsche Banken aus und wurde schliesslich nach einer Denunziation in Portugal festgenommen. Der in der Presse als „Zorro, der Gentleman-Bankräuber firmierende Laux sass zunächst in Portugal in einer überfüllten Gemeinschaftszelle und danach in Deutschland insgesamt fast acht Jahre Haft ab. In „Seele auf Eis“ berichtet er über seine zum teil schockierenden Erfahrungen im Gefängnisalltag.

Laux, der sich während seiner Haft weitestgehend aus der üblichen Gefängnissubkultur herauszuhalten versuchte, fand während seiner Haft vor allem Halt in Sport, Literatur und dem Schreiben. Seine detailierten Schilderungen vom Alltag in portugiesischer Auslieferungshaft sind überaus erschütternd, da die über 20 Gefangenen in einer völlig verdreckten und überfüllten Zelle weitestgehend sich selbst überlassen und Gefangenenrechte – wenn überhaupt – nur rudimentär gewährt wurden. Wer aber denkt, dass es in deutschen Gefängnissen viel besser zugeht, sieht sich getäuscht: zwar ist die Überbelegung hier bei weitem nicht so krass und der Gefängnisalltag durchaus Regeln und Strukturen unterworfen. Doch was Laux berichtet, lässt den Reformbedarf erkennen, der auch im deutschen Strafvollzug virulent ist.

Laux, der in verschiedenen deutschen Gefängnissen eingesessen hat, geht dabei auf die unterschiedlichsten Themenfelder ein: dabei geht er mit seinen sich in Lamento, Aggression oder Intrige ergehenden Mitgefangenen ebenso hart ins Gericht wie mit offensichtlich unfähigen Gutachtern, korrupten Beamten, Datenschutzmißbräuchen und der von massiv möglichem Drogenmissbrauch, Gewalt, Vergewaltigung und Erpressung geprägten Knastkultur. Internationale Gangs, die sich selbst im Knast organisieren, als auch Gefangene, die sich in der Haft zum Beispiel in Richtung Islamismus radikalisieren, sieht er ebenso als Problem wie den Knast als Schule des Verbrechens und als Ort, an dem nicht wirklich die Begegnung mit der eigenen Schuld – oder womöglich gar ein Täter-Opfer-Ausgleich gesucht oder gefördert wird. Gefangene, die den reuigen Sünder geben und schlecht ausgebildete Gutachter täuschen, sind laut Laux nicht selten. Auf der anderen Seite prangert er die zahllosen, zum großen Teil überflüssigen Inhaftierungen durch Drogenkleindelikte, Schwarzfahren und Zahlungsunfähigkeit (Ersatzhaft) an, die letztlich der Gesellschaft mehr Kosten als Nutzen verschaffen.

Auch der Knastalltag trägt in den Augen von Laux wenig zur späteren Resozialisierung bei: der ewig gleichlaufende Alltag und zu wenig Möglichkeiten zu sinnstiftender Arbeit schaffen den Gefangenen keine gute Perspektive für ein Leben draußen, führen zu Abstumpfung und Chancenlosigkeit. besonders hart geht Laux mit prominenten Mitgefangenen wie Hoeneß oder Middelhoff ins Gericht, die wenig von der wahren Härte des Gefängnisses zu spüren bekommen haben und doch öffentlich in einer Weise lamentieren, als wären sie nicht Täter, sondern Opfer.

Laux Buch liesst sich ausgesprochen spannend und ist nicht selten von feiner Ironie durchdrungen. Spürbar ist der Zorn des ehemaligen Häftlings über die Strukturen und Abläufe in Gefängnissen: nachvollziehbar begründet er, was sich ändern müsste, um zum einen den Sinn von Schuld und Sühne bis hin zu einer möglichen Konfrontation mit dem Opfer zu vermitteln, zum anderen aber Perspektiven für ein straffreies Leben nach der Haft aufzubauen. Beides gelingt oft nicht – und gerade Laux Schilderungen aus seinen Jahren der Haft, die Begegnungen und Erfahrungen, die er gemacht hat, belegen eindrucksvoll, was sich in dem durch Sparzwänge und falsch verstandene Law-And-Order-Politik heruntergewirtschafteten Gefängnissen und im Straf- udn Justizwesen insgesamt ändern muss.

Ein sehr empfehlenswertes Buch zu einem hochpolitischen Thema, das ich gern empfehle.

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