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Durchs wilde Deutschland: von den Alpen bis zum Wattenmeer / Andreas Kieling

Deutschland gilt ja landläufig nicht gerade als Wildtierparadies. Wenn man wie der Autor dieser Zeilen ausserdem gerade aus dem eigentlich schönen Hohenlohe im Schwabenland zurückgekehrt ist und gesehen hat, wie wir auch dort unsere schönsten Landschaften mit hässlichen Gewerbegebieten zustellen, kann einem schon bange werden um die verbliebenen Landstriche, in denen noch wilde Pflanzen und Tiere zu entdecken sind.
Andreas Kieling, der bekannte und mehrfach ausgezeichnere Tierfilmer, der 2011 mit „Ein deutscher Wandersommer“ einen Bestseller über eine Wanderung längst der ehemaligen innerdeutschen Grenze landete, hat sich für eine ZDF-Produktion „Durchs wilde Deutschland“ begeben. Er streift durch die Alpen auf der Suche nach Steinböcken und Murmeltieren, taucht in trüben Flüssen nach den riesenhaften Welsen, begegnet in Großstädten wilden Tieren wie dem Biber und dem heutzutage selten Spatz. Mit spürbarer Faszination beschreibt er den Massenaufzug der Kraniche auf Zingst, wenn 40000 dieser großen Vögel auf ihrem Flug nach Süden rasten. Er folgt dem äußerst scheuen Wolf durch einsame Gebiete, entdeckt überraschenderweise beim nächtlichen Wildkatzenzählen Luchse in der Eifel. Er trifft auf seinen Streifzügen einem modernen Wilderer, fischt in der Elbe vor Dresden nach Wollhandkrabben, beobachtet Kegelrobben auf Düne vor Helgoland und beschreibt seine Begegnungen mit den selten gewordenen Feldhamstern.
Kieling, der bereits als Jugendlicher vor seiner Flucht aus der DDR tiefe Verbundenheit zur Natur spürte, zieht es auch zurück an seine Lieblingseiche, einen uralten, knorrigen und sterbenden Baum in der Colbitz-Letzlinger Heide, der von einer erstaunlichen Vielfalt von Lebewesen bewohnt ist, die von Pirol über Buntspecht über Baummarder, Eichhörnchen, Hornissen, Waldameisen, dem Großen Rosenkäfer und dem Großen Eichenbock (einem Käfer) bis hin zu einem besonders fazinierenden, aber auch bedrohten Tier reicht: dem Hirschkäfer, der gelcihzeitig der größte Käfer Europas ist: bis zu acht Jahre ernährt sich dessen Larve von morschem, pilzzermürbtem Totholz und frisst dabei bis zur verpuppung einem Kubikmeter davon. Dann verwandelt sie sich in den stattlichen Käfer – der aber nur wenige Woche zu leben hat, bis er nach der Paarung erschöpft stirbt. Kieling klettert hoch hinauf in diesen alten Baum, um den Hirschkäfer zu filmen, um beschreibt seine Eindrücke von diesem seltsamen Tier mit großer Intensität.
Fast verzweifelt er jedoch auf der Suche nach spekakulären Bildern von Deutschlands größtem Raubvogel, dem Seeadler, dessen Bestände sich langsam wieder erholen. Wochenlang reisen er und sein Hund Cleo mit einem toten Reh im Kofferraum zunächst vergeblich durch Deutschland in der Hoffnung, Nahaufnahmen dieses Vogels zu bekommen. Aber wie zum Ausgleich für die Strapazen darf er schliesslich mithelfen, Jungadler zu beringen und dazu hoch in einen Baum zu den in der 30 Meter hohen Krone befindlichen Horst klettern.
Wie bereits in „Ein deutscher Wandersommer“ gelingt es Kieling, dem Leser die Augen zu öffnen für die weniger bekannten Seiten unseres Landes: seine Reportagen sind Ergebnis ausgesprochen geduldiger Streifzüge, nicht selten beherzten Körpereinsatzes und geschultem Blick für scheue Tiere. Erfolge des Naturschutzes lässt er ebensowenig aus wie Bedrohungen, denen sich die letzten Rückzugsgebiete wilder Tiere ausgesetzt sehen. Differenziert geht er auf die Ängste vieler vor den großen Prädatoren wie Wolf und Bär ein und lässt doch erkennen, dass seine Sympathie der Rückkehr dieser lange bei uns ausgestorbenen Tiere gehört, die er beim Wolf für möglich und wünschenswert, beim Bär ausgrund des deutschen Sicherheits- und Ordungsdenkens jedoch für kaum denkbar hält.
Ein faszinierendes Buch, dass Hoffnung macht und zugleich zeigt, was es in unserem stark zivilisierten Land zu schützen und zu erhalten gilt.

8 Kommentare zu “Durchs wilde Deutschland: von den Alpen bis zum Wattenmeer / Andreas Kieling

  1. Bisher kenne ich nur seine tollen Dokumentarfilme. Es ist bemerkenswert, wie sich Wolfgang Kieling für Natur und Tiere engagiert. In der Schweiz wird mir noch sehr viel mehr bange, was das Zupflastern der Natur betrifft. Vergleich mal die Fläche der Schweiz und der von Deutschland. Die Wirtschaftsinteressen stehen immer im Vordergrund. Irgendwann ist nichts mehr von Kulturland und Natür übrig – das macht mir wirklich Sorgen.

    LG buechermaniac

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    • Das ist leider immer so. Überall pflastern sie alles zu und bringen die Leute dazu, in die Trabantendörfer zu ziehen, auf dass man noch mehr Infrastruktur braucht.
      Immerhin bringt Ihr in der Schweiz den Transit-Güterverkehr auf die Schiene über den neuen Gotthardtunnel. So etwas würde im Autofetischland Deutschland, dessen demokratisch gewählte Kanzlerin jetzt von „marktkonformer Demokratie“ spricht, niemals möglich sein …
      Liebe Grüsse von Jarg

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