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Just my type : ein Buch über Schriften / Simon Garfield

Schrift: Wenn sie gut ist, fällt sie uns nicht auf, hält sich dezent im Hintergrund und erleichtert uns das Lesen, ja eventuell hat sie mit ihren Schriftzeichen auf subtile Weise eine Verbindung zum Text, dessen Inhalt und Bedeutung. Doch leider gibt es auch Schriften, die sich aufdrängen, die überall und ständig sichtbar sind, die sich penetrant geben, ja brutal, die daherkommen wie das Schrift gewordene Netzhemd oder wie Buchstaben mit Koteletten und Vokuhila, Schriften, die auf unerträgliche Weise maskulin oder feminin, dominant oder verspielt sind, die schreien, brüllen, klagen. Manche Schriften, wie die Helvetica, sind so allgegenwärtig, dass man ihr nicht entrinnt, auch wenn man es versucht: der New Yorker Typograph Cyrus Highsmith soll es mal versucht haben – aber Helvetica war überall.
Der britische Journalist Simon Garfield erzählt in seinem Buch die spannende Geschichte der Typografie und stellt en passant die wichtigsten Satzschriften, ihre Entstehung und ihre Schöpfer vor. Erstaunt erfahren wir von den Glaubenskämpfen, die unter Schriftgestaltern tobten, von regelrechten Verdrängungsschlachten und Grabenkriegen um die gute Schrift. Manch einer, wie der Doves-Schöpfer Cobden-Sanderson, wollte seine Schrift nicht in seines Nachfolgers Händen sehen und versenkte die Setzkästen in der Themse. John Baskervilles geniale Schriften wurden nach seinem Tode verramscht, er selbst nach seinem senkrechten Begräbnis mehrfach aus Platzgründen umgebettet und letztlich in einer unscheinbaren Gruft eingemauert. Wir erfahren die Hintergründe zur Entwicklung einer der bekanntesten Schriften der Welt, der die Londoner „Tube“ prägenden Johnston Sans, und einiges über ihren genial-peniblen Gestalter. Garfield geht auf Schriften ein, die Markengeschichte geschrieben haben und zum kulturellen Erbe der Menschheit gehören sollten aufgrund ihres nachhaltigen Einflusses auf die Gestaltung von Druckwerken. Und natürlich beschäftigt er sich auch mit schlechten Schriften, mit Schriften, die aus der Zeit fallen oder ihre Zeit gehabt haben, Schriften, die modisch und zugleich unlesbar sind.
Nebenbei beantwortet er die Frage, welchen Einfluss die typografische Gestaltung möglicherweise auf den Erfolg von Obamas Kampagne des „Yes, we can“ hatte, warum eine Welle der Empörung um die Welt schwappte, als Ikea firmenweit die Futura zugunsten der Verdana abschaffte, und welche Mwerkmale eine erfolgreiche, über lange Zeit verwendete und ästhetisch ansprechende Schrift ausmachen.
Eingestreut in seine schlaglichtartige Geschichte der Typografie und ihrer wichtigsten Meilensteine sind die Porträts von bekannten Schriften wie etwa der Verdana, der Gill Sans, der Albertus, aber von Frutiger, Futura, Sabon und Vendome. Natürlich stellt uns Garfield auch die schlechtesten Schriften der Welt vor und wir erfahren eine Menge über den Aufbau von Schriften, über Serifen, Ober- und Unterlängen, Ligaturen und die Werkzeuge und Techniken der Schriftentwicklung und -erzeugung. Nicht selten nähert sich ein Schriftgestalter unbewusst einer bereits enststehenden Schrift an, bricht ab und setzt neu an – und oft beginnt er mit bestimmten Buchstaben, da sie für die Gestaltung des gesamten Zeichensatzes im wahrsten Sinne prägende Bedeutung haben können.
Garfield schreibt anregend, mit leisem zwischenzeiligen Humor bezüglich mancher Marotten der Branche, doch stets gut informiert und auf dem neuesten Stand der Diskussion. Seine Recherchen sind mit Reisen zu bekannten Schriftsetzern, zu Sammlungen, Druckereien und Museen verbunden gewesen und geben dem schön gestalteten Buch einiges an fachlichem Gehalt, ohne das der Laie sich davon abgeschreckt sieht. Ein ausführliches Literaturverzeichnis lädt ein, das erworbene Wissen über das wahre Universum der Typographie weiter zu vertiefen.
Ein schönes Buch für alle, die gut gestaltete Bücher lieben, etwas für Schriftgestaltung und Druckverfahren übrig haben und gut geschriebene Sachbücher mögen.

9 Kommentare zu “Just my type : ein Buch über Schriften / Simon Garfield

  1. Mit Tinte und Feder versuche ich mich seit ein paar Monaten…wundervoll ! Jetzt erst habe ich realisiert wie lange ein Buch vor Jahren geschrieben worden ist.
    lg

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    • Ja, das war früher wirklich ein komplett anderer Prozess mit Durchstreichen, Kommentieren, Wegwerfen. Schon die Schreibmaschine hat ja vieles verändert … und mit dem Computer fühlt es sich auch anders an. Ich habe meine Briefe früher komplett von Hand geschrieben – ich wüsste gar nicht, ob ich so viele Seiten noch in sauberer Handschrift hinbekäme. Tinte und Feder sind klasse – habe den Zwillingen schon versprochen, dass sie mein Kalligraphieset benutzen dürfen, wenn sie schreiben können … 😉

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  2. Ich bin ein Schriften-Fetischist. Ich gebe es zu. Das grafische Spiel mit ordentlich konstruierten und produzierten Schrifttypen ist immer wieder eine Herausforderung. In meinem Portfolio habe ich viele (gekaufte) Schriften. Der Unterschied zu den vielen im Internet frei und kostenlos erhältlichen Schriften ist „Qualität“. Daher auch meine klare Empfehlung sich den Unterschied anzusehen – und auch meine Empfehlung für dieses Buch: Wertvoll.

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  3. Danke für diese Empfehlung, das Buch kommt sofort auf meine Liste. Ja, die Typen und die Spielereien, ich freue mich auf die unterhaltsame Lektüre!

    In Dublin haben wir viele kostbare, illuminierte Handschriften bewundert, ganz und gar nicht schreiend aufdringlich, ach ja… 🙂
    Liebe Grüße von Dublins Flughafen
    Dina

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    • Oja, Handschriften sind auch so ein Thema, von dem aus man gleich auf die Kalligraphie kommt, die abendländische, chinesische, arabische, japanische … Schriftzeichen bedeuten halt nicht nur, sie sprechen auch 😉

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