Die Zuneigung der Welt hat mich verwöhnt, die Welt hat mich geliebt und gehasst. Ja, sie hat mir ihr Bestes gegeben und nur wenig vom Schlimmsten. Was auch die Wechselfälle des Lebens mir Böses gebracht haben, ich glaube, daß Glück und Unglück aufs geratewohl über uns dahinziehen wie Wolken. Da ich das weiß, lasse ich mich durch die schlimmen Dinge nie zu sehr erschrecken und von den guten gerne überraschen. Ich besitze keinen Plan für das Leben, keine Philosophie – ob Weiser oder Narr, wir alle müssen mit dem Leben ringen. (S. 497-498)
Wer die unsterblichen Filme von Charles Chaplin liebt und ihn wie ich für einen der bemerkenswertesten Künstler des 20. Jahrhunderts hält, wird sich früher oder später auch mit seiner Biografie beschäftigen.
Besonderes Augenmerk verdient dabei seine Autobiografie, die Chaplin 1964 im Alter von 75 Jahren schrieb. Das Buch war seinerzeit ein Bestseller und lohnt noch heute die Lektüre, gibt Chaplin doch tiefen Einblick in seine Kindheit und Jugend, seine Motivationen, Überzeugungen und Ideen.
Chaplin stammte aus ausgesprochen prekären Verhältnissen: seine Eltern waren Künstler an den englischen Music-Halls und trennten sich kurz nach seiner Geburt. Seine Mutter, eine Sängerin, musste von nun an nahezu allein für ihn und seinen Halbbruder Sidney aufkommen. Der Verlust ihrer Stimme und zunehmende psychische Probleme sowie die fehlenden Unterhaltszahlungen des Vaters führten bald zu einem Leben im Armut, zu Aufenthalten im Armenhaus und – durch die psychiatrische Unterbringung von Hannah – zur Trennung der Kinder von ihrer Mutter. Daher war es kein Wunder, dass beide Söhne bald lernen mussten, auf eigenen Beinen zu stehen und Geld zu verdienen.
Chaplin kam nach ersten Auftritten als Fünfjähriger mit neun Jahren bei „The Eight Lanchashire Lads“ unter, einer Music-Hall-Truppe: die Tourneen führten ihn gegen Kost und Logis durch weite Teile Englands. Mit fünfzehn Jahren gelang es Chaplin, der kaum Schulbildung besaß, Engagements an Londoner Bühnen zu finden. Beide Brüder wurden 1908 von der damals legendären Karno-Truppe engagiert – die bald auch eine erste Torunee in die Vereinigten Staaten unternahm. Karnos Aufführungen standen stark in der Tradition der Pantomime – und Charles wurde bald zu einem der Hauptakteure und bekam während der ersten Tournee in den Staaten von 1910-1912 bereits große Aufmerksamkeit durch Zuschauer und Medien.
Während der zweiten Amerikatournee löste Chaplin seinen Vertrag mit Karno, nutzte seine Chance in der aufstrebenden Filmindustrie und unterschrieb bei Mack Sennetts Keystone Studios, die damals mit schnell abgedrehten Western („Broncho Billy“) und Komödien erheblichen Erfolg hatten.
Der Rest ist Geschichte: von Keystone wechselte Chaplin zu Essanay, Mutual und dann zu First National, bis er schliesslich mit seiner Art Filme zu machen so erfolgreich war, dass finanzielle Unabhängigkeit bestand und er in Eigenregie arbeiten konnte mit den von Douglas Fairbanks, Mary Pickford und ihm gegründeten United Artists im Hintergrund.
Chaplin hat den Stummfilm und das Kino erheblich geprägt und verändert und mit dem gentlemanhaften Tramp eine unsterbliche Figur geschaffen, die Menschen in aller Welt bewegt und zum Lachen gebracht hat. Sein Blick auf die Welt ist ein zutiefst humaner und unverstellter – und er hält seiner (und unserer) Zeit den Spiegel des Humors vor. Wir erfahren einiges über seine Art, auf Filmideen zu kommen, sie zu entwicklen und umzusetzen (wer mehr darüber wissen will, sollte unbedingt zu dem sehr lesenswerten „Chaplin: Sein Leben. Seine Kunst“ von David Robertson greifen).
Sein Lebensweg aus tiefster Armut zum erfolgreichen Regisseur und Schauspieler erscheint auch heute noch außergewöhnlich. gerade die Kindheits- und Jugendschilderungen nehmen einen großen Teil in Chaplins Autobiografie ein und es ist deutlich spürbar, wie sehr in diese Zeit in seiner Arbeit als Komiker, aber auch in seinen Überzeugungen als über den Tellerrand schauender Humanist und Atheist, der energisch für Freiheit und Menschlichkeit eintrat. Es wundert aus heutiger Sicht nicht, dass seine Filme den Nationalsozialisten durchaus nicht gefielen (und gemeint ist hier nicht nur „Der große Dikator“) und er mit seinen Filmem und seinen Überzeugen sowohl bei der religiösen Rechten und im Amerika McCarthys auf erheblichen Widerspruch stiess.
Chaplins Autobiografie ist auch heute noch ein ausgesprochen lesenswertes Buch, spiegelt sich doch in seinem Buch nicht nur die Zeitgeschichte und die Entwicklung der noch jungen Filmindustrie. Chaplin versuchte in späteren Jahren seine mangelnde Schulbildung durch intensive Lektüre auszugleichen, war interessiert an Musik, Kunst, Politik und Naturwissenschaft, suchte das Gespräch mit berühmten Zeitgenossen von Albert Einstein bis Ghandi, von Winston Churchill bis zu Vladimir Horowitz. Sein Werk und seine gelebten Überzeugungen zeigen ihn als einen großen Kämpfer für Freiheit, Menschlichkeit und Frieden.
Durch den Humor sehen wir im scheinbar Rationalen das Irrationale, im scheinbar Bedeutenden das Unbedeutende. Er stärkt auch unsere Fähigkeit zu überleben und bewahrt uns die klare Vernunft. Der Humor sorgt dafür, daß die Bösartigkeit des Lebens uns nicht ganz und gar überwältigt. Er regt unseren Sinn für Proportion an und lehrt uns, dass in der Überbetonung des Ernstes das Absurde lauert.
Hallo Jarg! Habe soeben die 1. 100 Seiten dieses Buches gelesen. eine der wenigen Biographien, denen ich abnehme, daß sie ‚Auto-‚ sind. Beeindruckend. Gruß, Rolf
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Hallo Rolf,
das freut mich. Ich bin ja bekennender Chaplin-Fan und freue mich über jeden, der sich mit dem großen Künstler Chaplin beschäftigt – auch und gerade, weil sein 125. Geburtstag letztes Jahr so sang- und klanglos verpuffte.
Herzlich grüsst Dich
Jarg
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Lieber Jarg,
Werde das Buch aufgrund Deiner Beschreibung kaufen.
Vielen Dank dafür.
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Lieber Willy,
gern geschehen. Eine schöne Lektüre dieser bemerkenswerten Lebenserinnerungen wünscht Dir
Jarg
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Ich bin Chaplin und seinem Leben am Rande einer Biographie über Remarque begegnet. Nach dieser schönen Zusammenfassung werde ich mir das Buch kaufen, um mich ganz Chaplins Lebensgeschichte zu widmen. Vielen Dank!
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Gern geschehen. Seine Lebensgeschichte ist wirklich erstaunlich und wert, gelesen zu werden. Eine schöne lektüre wünscht Dir
Jarg
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Ja, Remarque und Paulette Goddard, die er 1958 heiratete und die vorher mit Chaplin verheiratet war. Remarque und die deutschen Exilliteraten und -künstler in den 1930er und 1940er Jahren in den USA. Irgendwie waren die alle damals miteinander vernetzt, bekannt, über zwei Ecken oder direkt. Eine faszinierende Zeit.
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„Ich besitze keinen Plan für das Leben, keine Philosophie – ob Weiser oder Narr, wir alle müssen mit dem Leben ringen.“
Was für ein schöner Satz. Da kann ich mich sofort drin wieder finden. Danke für den schönen Post, das ist ja viel mehr, als eine Buchbesprechung.
Ich mag Chaplin’s Filme auch sehr, besonders diese Verbindung von genialem Humor mit dieser Traurigkeit und Melancholie, die der Mann in seinen Filmen auf mich immer ausstrahlt. Nun weiss ich ein bisschen mehr über ihn – und ich muss mich schämen, denn ich dachte wirklich immer, der Mann wäre Amerikaner. Wieder was dazu gelernt.
Sonnige Grüsse aus dem Rheinland
Kai
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Hallo Kai,
ja, der Satz ist wirklich schön. Ich verehre Chaplin sehr und versuche behutsam, auch in meinen Kindern die Freude an seinen zutiefst menschlichen Filmen zu wecken. Bisher klappt das ganz gut – „Moderne Zeiten wollten sie jetzt schon drei Mal sehen“.
Ja, er war Brite. Wahrscheinlich kam das im Amerika der 1950er Jahre (McCarthy-Ära) zusätzlich nicht gut an … weshalb er ja letztlich von einer Europareise nicht zurückkehrte, obwohl er sich vorher extra versichert hatte, dass er wieder einreisen darf.
Sonnige Grüsse von der Ebe sendet
Jarg
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Ich habe das Buch vor vielen Jahren gelesen – das werde ich jetzt aufgrund der Besprechung bald wieder tun!
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Dann geht es Dir vielleicht wie mir und Du bist erneut fasziniert von diesem erstaunlichen Leben, dass aus tiefer Armut bis zum weltbekannten Komiker führte.
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Ja! Und ich erinnere mich dunkel auch daran, mit welcher bewundernswerten Haltung er seine Entscheidung, de USA zu verlassen, beschrieb.
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Eigentlich wollte er ja zurückkehren (jedenfalls als er 1952 nach Europa reiste). Aber die wollten ihn ja nicht mehr haben bzw. haben ihm die Wiedereinreise verweigert. Zum Glück war er vorbereitet, da man ihm bereits vorher zugesetzt hatte, und konnte aus der Ferne alles in die Schweiz holen.
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Lieber Jarg,
ein interessanter Hinweis – nach dem Zitat von gestern und dem heutigen Beitrag habe ich mir das Buch gebraucht bei booklooker gekauft.
Ich bin schon gespannt!
Ein schönes WE für dich und deine Familie von Susanne
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Liebe Susanne,
dann hoffe ich, dass dich die Lektüre ebenso fesselt wie mich. Ich las es im Urlaub zum zweiten Mal (nach einer sehr intensiven Chaplinphase 1989 zum 100. Geburtstag.
Auch Dir ein schönes Wochenende, dass in Berlin bestimmt ebenso schön sommerlich ist wie hier an der Elbe!
Jarg
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Lieber Jarg,
danke, ja, der Sommer hält Berlin in seinem Bann. Es ist herrlich, wie Urlaub im Süden.
Susanne
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So kann es bleiben bis November 😉
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