
Ich habe ja nie so recht verstanden, warum es in Hamburg Skiferien gibt. Skiferien? In Hamburg?? Ja, Sie haben richtig gelesen: Skiferien. So nannten wir es damals jedenfalls. Meine Familie und die meisten meiner Altersgenossen fuhren allerdings in diesen offiziell Frühjahrsferien genannten, meistens aber komplett verregneten und naßkalten Urlaubszeiten nie zum Skifahren. Höchstens Eislaufen war drin. Mit Glück auf der zugefrorenen Alster, wenn auch selten. Meiner Vermutung nach hat Hamburg deshalb so früh Ferien, weil irgendwann in den 1950er Jahren einige Hamburger Honoratioren das lobbygeneralstabsmäßig höchst oben durchdrückten, damit ihre aufs Johanneum gehenden Sprösslinge, die dereinst die gutgehende Kanzlei (oder Arztpraxis oder Privatbank oder Reederei) übernehmen würden, mit Papa 300er Benz und Papas Chauffeur am Steuer in den Alpen abhängen konnten, bevor der niedere Plebs aus anderen Bundesländern dort einfiel. Ich ging derweil mit meinem besten Freund H. in die Fossiliensammlung des Geomatikums oder auf Butterfahrt nach Sonderburg – was immer schön war und komplett arztkinderfrei.
Es nutzt nun natürlich alle graue Theorie nichts, wenn wieder die Ski- oder Frühjahrsferien anstehen und die freie Zeit außerhalb der Schule gefüllt sein will. Also fährt die hamburgische Familie richtigerweise in den Süden. Natürlich nicht in die Skigebiete der Alpen oder sonstwo – sondern ins Schwabenland, wie sich das für eine interkulturelle Migrantenfamilie (Mutter nach Norddeutschland migrierte Schwäbin, Vater Hamburger mit wiederum seinerseits väterlichem Migrationshintergrund in Köln und Wismar) mit angeschlossener schwäbischer Großmutter gehört. Pech nur, dass Vater nicht mitfährt, da eigentlich in dieser Zeit das Bad umgebaut werden sollte. Leider wird es nicht umgebaut, was zur Folge hat, dass das Urlaubsfenster schon an die geschätzte Kollegin vergeben war und Vater aka Jarg jetzt allein zu Hause hockt.
Das ist natürlich mit einigen Entbehrungen und mancherlei Unbill verbunden: als liebender Zwillingsvater bereitet mir die Abwesenheit der mittlerweile neunjährigen Zwillinge (ganz abgesehen von der Abwesenheit der besten Gefährtin von allen) geradezu körperliches Unwohlsein. Auch brauche ich in der Regel mindestens drei Tage, bis ich mich an die ungewohnt stille Wohnung gewöhnt habe und daran, dass niemand ganz dringend jetzt sofort wissen muss, wie Legosteine eigentlich gemacht werden, während ich mit Schweissperlen auf der Stirn Eisen stemme, um mich in Form zu halten. Es ist nicht einfach, Vater auf Zwillingsentzug zu sein.
Wunderbar ist natürlich, dass die Lebensmittelversorgung sich auf einen Schlag verbessert, bleben doch für den an gelegentliche abendliche Reste und frugale Schnellatzung gewöhnten Vollzeitarbeiter etliche Köstlichkeiten aus dem Familienalltag übrig, die normalerweise den tagsüber durchgezogen werden und abends allenfalls in Form der auf dem väterlichen Müllgang zu entsorgenden Überreste vorhanden sind. Da schlachtet man sich als bekennender Haferbreiliebhaber schon mal abends eine reife Mango und ISST SIE GANZ ALLEIN. Muss ja schliesslich weg. Genauso wie das Apfelmark mit Johannisbeere oder das Fenchelknolleninnere, dass ich mir immer gerne von der Tochter abschwatzen lasse. Und die Chillibohnen sind auch mal ganz für mich allein.
Natürlich hat so eine sturmfreie Bude auch ihre Vorteile. Nein, nicht was Sie jetzt wieder denken! Und nein, alleingelassene Männer ersticken auch nicht in ungespülten Tassen, verkrusteten Pfannen (weil sie nur Spiegeleier machen können) und herumliegender Wäsche undefinierbaren Grauzustandes. Diese Zeiten sind lang vorbei, wo denken sie hin. Aber Abende ohne das geliebte Vorleseritual bieten natürlich ungeahnte Möglichkeiten: ich könnte mal wieder ins Kino gehen und etwas anderes sehen als einen Kinderfilm. Zum Beispiel den Film, den hier mein morgiger (4.3.2015) Gastrezensent im Rahmen von „5 Jahre Jargsblog“ rezensiert. Ein Film, der noch nicht auf DVD erschienen ist, ja sogar erst am Donnerstag, den 5. März 2015 in die Kinos kommt. Lassen Sie sich überraschen – Sie dürfen gespannt sein. Meinen Dank jedenfalls schon mal an die Mango, die wirklich ausgesprochen frisch und köstlich war, und vor allem an Volker Schönenberger vom sehr lesenswerten Blog „Die Nacht der lebenden Texte“, der mir den morgigen Gastrezensenten (Simon Kyprianou, Autor bei 35 Millimeter – Das Retro-Film-Magazin) (ebenfalls sehr lesenswert) vermittelt hat.
Genießen! 🙂
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Unbedingt. Wird halt schwer mit zwei Wasserschäden im Haus und zwei laufenden lauten Trocknungsgeräten. Ich bilde mir jetzt ein, ich säße im Flugzeug. Kommt bloß kein Stewart mit Tomatensaft, verdammt. 😉
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Das alles hat bestimmt einen tieferen Sinn ….good luck!
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Unbedingt! Der erschließt sich mir auch langsam – Jargsblog berichtet morgen live 😉
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Ach ja! Das Gefühl kenne ich noch. Nachdem meiner ja nun aus dem Haus und dieser Zustand ein ständiger geworden ist, vermisse ich die Besonderheit dieser freien Zeit, die nur von Eltern wahrgenommen wird.
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Liebe Susanne, ich fürchte, das werde ich auch einmal vermissen. Es geht ja dann doch alles ganz schnell und man sollte wirklich jeden Moment genießen, bis eines Tages das Nest leer ist und nur noch gelegentlich (dann aber hoffentlich gerne) angeflogen wird!
Ein zauberhaftes Wochenende Dir!!
Jarg
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Ja, es hat wirklich alles im Leben Vor- und Nachteile. Soviel steht fest.
Zumindest kann man sich auf das Wiedersehen freuen – das ist ja auch was! Von der Mango mal ganz abgesehen…
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Oja, das Wiedersehen. Man will mir Geschenke mitbringen, habe ich gehört. Und bis dahin gehören alle, ALLE Mangos MIR! 😉
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Jetzt bin ich aber wirklich gespannt, welchen Film Du gesehen hast! Oscarreifes?! Bin wirklich sehr gespannt. Heute morgen habe ich im Radio auf dem bayerischen Kultursender eine Rezension von „Still Alice“ gehört, klang richtig gut. Morgens ertrage ich die gezwungene Fröhlichkeit des Radiomoderatorenteams oft nicht (unter zwei Moderatoren geht in den „Morning Shows“ ja gar nichts mehr – es muss eine inflationäre Menge an Radiosprechern geben!), und dann höre ich mir was auf Bayern 2 an. Wenn mir das vor ein paar Jahren einer gesagt hätte … 🙂
Also, von Skiferien in HH habe ich auch noch nichts gehört, aber das erklärt, warum ich zur Zeit in Südbayern so viele HH-Autokennzeichen sehe. Ich dachte immer, das sind Leihwagen. 😉
Dann wünsche ich Dir noch eine gute Restferienzeit. Schön, dass Du der Einsamkeit doch auch was Positives abgewinnen kannst. Und Mangos sind bei dem Wetter unschlagbar.
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Hallo Doris,
die Besprechung von „Still Alice“ – dem Film, den Du erwähnst – erschien Mittwoch auf meinem Blog als Gastbeitrag – und tatsächlich ist es der Film, den ich gerne sehen würde. Mit Mango in der Tupperdose oder ohne … 😉
Radio morgens geht bei mir auch gar nicht (höchstens NDR 3 oder sowas).
Danke für die guten Wünsche und herzliche Grüsse ins schöne Südbayern aus Hamburg
Jarg
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Na, dann lass es Dir gut schmecken, enjoy Cinema und komm gut durch die sturmfreie Zeit. 🙂
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Danke schön! 🙂
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Habe ich sehr gern gelesen …
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Das freut mich 🙂
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Wart mal ab, Jarg. Kurz bevor die Woche rum ist, wirst Du noch schnell das Türschloss auswechseln und die Ruhe weiterhin genießen. Gelegentliches Klopfen und Hämmern an Tür und Fenster wirst Du durch den Genuss Deiner Lieblings-CD durch Kopfhörer geflissentlich ignorieren können. Mango forever!!! 😉
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Ah, wird schwierig für einen liebenden Vater. Dafür bin ich zu weichherzig und würde sofort innerlich schmelzen … 😉
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Oh ja, wenn der Kinderrollbraten zart auf der Zunge zerschmilzt … oder habe ich da was falsch verstanden?
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Ja, aber unbedingt mit Zwiebeln. Weil sie die nicht mögen … 😉
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tssss tss tssss
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