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Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend / Andreas Altmann


„Kein Kind wird je fassen, dass es sich ohne Liebe zurechtfinden muss, dass die einen geliebt wurden und die anderen nicht. Verfügt jener, der leer ausging, aber über genug Nerven, wird er die Hintergründe aufspüren, warum seine Eltern ihn nicht liebten“.
Man kann sich vielleicht vorstellen, dass eine Jugend im erzkatholischen Altötting in den dumpfen 50er und den freiheitsliebenden 60er Jahren nicht ganz einfach war. Dann erfährt man, das der Autor Sohn eines Devotionalienhändlers war, also eine Verkäufers für religiösen Erbauungskitsch und sieht eine noch enger reglementierte, enge Jugendzeit vor sich. Was Andreas Altmann, einer von Deutschlands besten Reiseschriftstellern, dann in seinem Buch berichtet, verschlägt einem vor Erschütterung die Sprache:
Er wächst als drittes von vier Geschwistern auf mit einem Vater, der an der Seele schwerst beschädigt aus dem Krieg heimkommt und seine Wut an seiner Familie auslässt, während er nach aussen den ehrbaren bekannten Bürger gibt, den kein Wässerchen trübt. Spätestens mit dem Auszug seiner schwachen Mutter, die nicht in der Lage ist, ihre Kinder gegen ihren gnadenlosen, brutalen Vater zu schützen, gerät Andreas Altmann als Hauptziel in den Focus der ausufernden väterlichen Aggressionen. Dabei hilft niemand ihm und seinen Brüdern – denn weder will jemand bemerken, wie schonungslos brutal der sadistische Devotionalienhändler mit seinen Kindern umgeht, noch gibt es überhaupt Menschen, an die man sich wenden kann: in den religiös geprägten Schulen geht es nur darum, den Kindern die Gottgläubigkeit, verbunden mit Ekel vor dem eigenen Körper und Intolreanz gegenüber Andersdenkenden. Liebe, Verzeihen, Gnade waren in der scheinheiligen Welt von Altötting so gut wie kein Thema – und wenn überhaupt, erwirbt man sie sich nur auf Knien rutschend oder Schläge erduldend.
Altmann berichtet nicht nur von den daheim erlittenden Gewaltakten, sondern auch von dem bis heute geehrten Lehrer Spahn, der Kindern den nackten Hintern verdricht und sie um Gnade winseln lässt, vom Religionslehrer Asenkerschbaumer, der die Kinder mit Frauenbildern aufklärt, die den Leib voller Würmer haben.
Altmanns Buch erspart uns nichts, keinen Schmerz, keine Brutalität. Schonungslos und in drastischen Worten, selnstironisch und druchaus poetisch, berichtet er von seinen Qualen, seiner Einsamkeit, seiner Wut und lässt uns erschüttert seinen Bericht bis zur letzten Seite lesen, fassungslos darüber, wie ein Kind mit so wenig Liebe, so viel Qual und Erniedrigung überhaupt überleben konnte. Und doch findet Altmann, als Kind zweifelnd und heute bekennender Atheist, mit seiner Lebenswut spät in seinen Dreissigern einen Weg aus seinem verlorenen scheinenden Leben und am Ende seines Buches noch die Kraft, nach Erklärungen zu suchen für die Wut seines Vaters, die Schwäche seiner Mutter. Und er findet im erlittenen Leid die Kraftquelle für sein Schreiben, von dem er heute lebt.
Sprachlos steht der Leser vor dieser erlittenen Jugend, und doch auch bewundernd, wie Altmann es schaffen konnte, aus diesem seelischen Trümmerhaufen, zu dem er zugerichtet wurde, als Mensch wieder aufzustehen, als der in Paris lebende, ungewöhnlich gut beobachtende und schreibende Reporter, als den wird ihn heute kennen und lieben.

19 Kommentare zu “Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend / Andreas Altmann

  1. Ja, das schlimmste an solchen Leben ist, daß Liebe danach nicht mehr aushaltbar ist für diese Menschen….und das trifft mich immer wieder tief und ist so verdammt todtraurig. Ich glaube ich könnte dieses Buch nicht lesen aber danke fürs Vorstellen werd mir dann eher mal das Scheißschöne Leben besorgen 🙂
    Ich lese momentan: „Kriegsenkel“, da wird auch nochmal so einiges an Traumata und deren Vererbung aufgegriffen.

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    • Umso beeindruckender, wie weit er sich doch von seiner Kindheitsgeschichte befreien konnte – wenn auch deren Preis hoch bleibt. „Kriegsenkel“ müsste ich auch mal lesen wie auch andere Bücher zu dem Thema der Auswirkunegn von Kriegen auf Generationenfolgen – da ich in der engen Verwandschaft auch Kriegsteilnehmer habe, dürften einige Erblasten in der Familie vorhanden sein. Ob man die dann immer so genau bei sich selber sehen will, ist eine andere, allerdings sehr interessante Frage …

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    • Man darf sich halt von dem Titel nicht abschrecken lassen: Altmanns Lebensgeschichte dürfte wohl keinen unberührt lassen und durchaus für Diskussionsstoff sorgen …!

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  2. Der Titel ist tatsächlich irreführend. Ich habe den Titel auch irgendwo aufgeschnappt und nur gedacht, was denn das nun wieder soll. Dass Altmann Atheist geworden ist, wundert wohl kaum jemanden. Schon nur deine Rezension erschüttert mich zu tiefst.

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  3. Ich finde den Titel ziemlich gut, aber auch irreführend: hätte dahinter eher eine mit einem Augenzwinkern gemeinte Abrechnung mit der Jugend vermutet, keinen ernsten Bericht über Gewalt in der Familie.

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    • Der Titel ist auf den ersten Blick wirklich unglücklich, aber wenn man die Lebenswut und -kraft von Altmann zwischen jeder Zeile gespürt hat, kann man ihn besser nachvollziehen.

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  4. Aufgrund des Titels hätte ich in der Buchhandlung nicht mal drin geblättert. Klingt nach „Word für Dummys“. Die Rezension in der FAZ muss ich auch überlesen haben. Diese ein bis zwei Jahrzehnte nach dem Krieg waren in manchen Familien hart, aus heutiger Sicht. Aus Erzählungen meiner Mutter (Jahrgang Mitte 1930) weiß ich, dass in ihrer Schulzeit die Leute im Dorf beim Schullehrer und dem Pfarrer die Jugendstreiche petzten, die beiden führten dann die körperliche Züchtigung durch.
    Junge Menschen, 18 oder 19 Jahre alt, die im Krieg waren, nicht im Fernsehkrieg, haben furchtbares erlebt. Aus dem Familienkreis kenne ich einen über 80jährigen, der mit 18 Soldat wurde und der, seit er aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause kam, seit Jahrzehnten nur ein Thema kennt, immer nur Russland. Bei jedem Gespräch.
    Ich werde das Buch lesen,
    C.H.

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    • Der Titel könnte in der Tat manche eher abschrecken, das Buch zu lesen. Andererseits lässt er etwas von der Lebenswut durchschimmern, die in jeder Zeile von Altmanns Buch zu spüren ist.

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  5. Ich habe Andreas Altmann auf der Buchmesse im Lesezelt gehört und gesehen: http://umamibuecher.wordpress.com/2011/10/16/buchmesse-2011-andreas-altmann/

    Er hat mich fast zum Heulen gebracht, als er erzählte, dass er aus der Wut über seine Scheißkindheit zwar auch Stärke bezieht, dass er aber als Folge (trotz aller Therapien) nicht in der Lage ist zu lieben und Liebe auszuhalten. Das Schreiben ist wirklich lebenswichtig für ihn.

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    • Ich habe Altmann bisher als ungewöhnlichen und sehr unmittelbar und direkt schreibenden Reiseschriftsteller geschätzt. Das Buch zeigt, welche Kraft und welche ungewöhnliche Lebensgeschichte dahinter verborgen ist … und mit welchen Verletzungen er leben lernen musste. In der Tat scheint schreiben für ihn überlebenswichtig zu sein, das spürt man.

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  6. Die FAZ hat das Buch im vergangenen September anlässlich eines recht umfangreichen Artikels über den Autor besprochen. Damals hatte ich mir vorgenommen, es zu lesen, aber vertagt .In dem FAZ-Artikel führt Altmann aus, dass sein Vater traumatisiert aus dem Krieg zurückkam. Ich denke, das Schicksal Altmanns ist leider kein Einzelfall, sondern eine besonders brutale Variante der in den 50-er und 60-er Jahren verbreiteten Erziehungspraxis. Man denke an die grauenerregenden Schilderungen von Menschen, die in dieser Zeit in „Kinderheimen“ leben mussten. Ich finde es sehr beeindruckend, dass der Autor sich diesen Erinnerungen stellt und ein offenbar lesenswertes Buch darüber verfasst hat.

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    • Es ist wirklich lesenswert, auch und gerade weil Altmann einem nichts erspart und erst dadurch die Kraft ersichtlich wird, die er aufbringen musste, um seinen Weg zu finden.

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  7. Altmann ist da sicher die Ausnahme – und die Kraft, mit der seinem Leben die Wende gegeben hat, tröstet darüber schon hinweg. Schlimm zu wissen, dass Menschen, Eltern, Erzieher, Pfarrer (!), denen Kinder anvertraut werden , so eine Macht haben – und sie so mißbrauchen können.

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  8. Das ist ja schlimm. Ich hasse den Gedanken daran, in einer Welt zu leben, in der Menschen so schrecklich und dumm sein können. Aber es ist immer wieder bewundernswert und tröstlich zu sehen, wie Menschen es schaffen aus ihrem Leid die Kraft für Gutes zu schöpfen.

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