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Wir haben es satt! : Warum Tiere keine Lebensmittel sind / hrsg. v. Iris Radisch, Eberhard Rathgeb

„Denken Sie manchmal über den Wert eines Tierlebens nach – falls dieser Wert überhaupt existiert? Denken Sie auch darüber nach, dass diese Tiere leiden müssen – falls sie denn leiden? Und welche ethischen Grundsätze erlauben es Ihnen, das Fleisch dieser Tiere nicht nur zu essen, sondern sogar zu genießen […]? Falls Sie aber schon meine Einwände nicht verstehen und die vorangegangene Überlegung eher für eine törichte Nabelschau halten, wo seheh Sie die innere Berechtigung für diese Gleichgültigkeit? Genauer gesagt, ist Ihre Weigerung, darüber nachzudenken, das Resultat eigenen Denkens oder nur der schlichte Unwille, darüber nachzudenken?“ (aus David Foster Wallace: Am Beispiel des Hummers. -Zitiert nach: Wir haben es satt!, S. 186)

Die Frage, ob man Fleisch essen solle, ob es rechtens ist, ein Tier seines Lebens zu berauben, ist uralt. Iris Radisch udn Eberhard Rathgeb haben sich zu einer Zeit, in der Vegetarismus und der Verzicht auf Fleisch längst gesellschaftsfähig, sich die Verbrechen an Tieren aber keineswegs gemindert haben, ein Buch geschrieben, dass sich gegen den Fleischverzehr wendet und über viele mit dem Töten und Verzehren von Tieren verbundene Fragen reflektiert (wie viele andere) und gleichzeitig ihr Thema geschickt mit literarischen und philosophischen Texten verknüpft, deren Ursprünge von der Antike bis in die Gegenwart reichen. Denn …

“ … als dann ein Unnützer (non utilis) … an der frühen Kost kein Genüge mehr fand und Fleisch von Leibern als Speise versenkt in den gierigen Bauch, da schuf dem Verbrechen er Bahn“ (Ovid: Metamorphosen, Liber XV, V. 103-105. Zitiert nach: Wir haben es satt!, S. 28)

Die Thematik der versammelte, klug eingeleiteten und kommentierten Texte reicht von der Massentierhaltung, dem Akt des Tötens und Verzehrens bis hin zu den gesellschaftlichen Folgen, zur Ökologie des Fleischverzehrs, zu Fragen der Ethik in Zusammenhang mit Tieren und zu den Rechten, die Tieren möglicherweise eingeräumt werden müssen. Dabei sind es nicht immer nur ausgewiesene Vegetarier, die zu Wort kommen, sondern (wie David Foster Wallace) auch Menschen, die zwar Fleisch essen, darüber aber selbstkritisch reflektieren und zumindest am Begin des Gedankens stehen, dass es auch eine Ethik im Verhältnis zwischen Mensch und Tier gibt und die Unmöglichkeit der wirklichen Kommunikation nicht ein anderes Verhältnis ausschliesst als das zwischen dem Menschen als angeblich hochstehendem Wesen und dem Tier.

„Diese Unfähigkeit zur Kommunikation zwischen ihnen und uns – warum sollte sie nicht ebenso die unsere sein wie die ihre? Es bleibt eine offne Frage, wessen Fehler es ist, daß wir sie nicht verstehen, denn wir verstehen sie keineswegs besser als sie uns! So können sie uns mit gleichem Recht für vernunftlose Tiere halten wie wir sie“ (Michel de Montaigne: Essais. Zitiert nach: Wir haben es satt!, S. 198)

Dabei gehen sie auch auf die durch moderne Tierhaltung und die gänzlich aus dem Blick des Konsumenten geratene Tötung von Tieren durch Massenschlachtereien ein. die zur Entfremdung zwischen dem Produkt, dem Fleischbatzen im Supermarktregal, und seinem Ursprung, der Tierleiche führt.

„Links steht das Tier, rechts der Braten, und beide sind durch einen Prozess moralischer Verdummung gänzlich voneinander abgeschnitten“ (Wir haben es satt!, S. 168)

„Das Messer, das durch den Braten fährt, macht nicht aus einem Stück Fleisch zwei Stücke, es zerteilt ein Lebenwesen, das tot auf dem Tisch liegt“ („Wir haben es satt!“, S. 188)

Die Texte regen an zum Selber- und Weiterdenken bis hin zu der Frage, ob wir eigentlich töten dürfen und wenn ja, wen und warum? Das Buch entlarvt dabei auch die plausibel scheinenden Antworten als das, was sie sind – bequeme Ausflüchte – und trägt dazu bei, eine differenziertere Haltung gegenüber dem Tier zu entwickeln als jene des blinden Konsumenten im Supermarkt. Auch kontroverse Positionen bekommen dabei Raum – etwa in der Frage der Tierrechte, ihrer Notwendigkeit und ihrer Ausdifferenzierung, die durchaus unter Tierschützern umstritten sind.
„Wir haben es satt!“ versammelt Texte von Literaten wie Elias Canetti, Robert Gerhardt, Herman Melville, Robert Musil, David Foster Wallace und andere mit Beiträgen von Philosophen wie Peter Sloterdijk, Peter Singer, Theodor W. Adorno, Arthur Schopenhauer, Biologen, Tierrechtlern und Aktivisten. Die Auswahl der Texte und die von Radisch und Rathgeb verfassten verbindenden Texte sind ausgesprochen sorgfältig, was zusammen mit der Reihenfolge und den Zusammenhang, in den sie miteinander gestellt werden, den intellektuellen Reiz des Buches ausmacht.

„Über dessen Möglichkeit [Anm. des Rezensenten: der Möglichkeit des Progroms] wird entschieden in dem Augenblick, in dem das Auge eines tödlich verwundeten Tieres den Menschen trifft. Der Trotz, mit dem er diesen Blick von sich schiebt – ‚es ist ja nur ein Tier‘ – wiederholt sich unaufhaltsam in den Grausamkeiten an Menschen, in denen Täter das ’nur ein Tier‘ immer wieder sich bestätigen müssen, weil sie es schon am Tier nie ganz glauben konnten“ (Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Zitiert nach: Wir haben es satt!, S. 16)

So bleibt nur, dieses Buch allen zu empfehlen, die sich damit auseinandersetzen möchten, ob Tiere Lebensmittel sind: Vegetariern, weil hier kluge und differenzierte Gedanken zu finden sind, die die eigene Haltung untermauern können, und Fleischessern, weil sie vielleicht nach der Lektüre dieses Buches nicht zum Vegetarier werden, sich aber mit dem eigenen Fleischkonsum selbstkritischer auseinandersetzen werden. So erfüllt sich vielleicht eines Tages doch die Hoffnung von Hans Wollschläger:

„Man möchte, als Idealist, der man nun einmal ist, ja gern daran glauben, es warte auch in Deutschland irgendwo am Ende der Evolution das Bewußtsein, dass dem von Tod und Todesnutzung lebenden Massentierhalter eine Bannmeile des Ekels gebührt wie ehemals dem Henker und daß, wer lebendige, mitlebende Wesen so behandelt wie er, in der moralischen Ordnung tief unter der Küchenschabe rangiert; vielleicht versteigt sich die Entwicklung, und sei es ultimo, dann gar so weit, dass sich selbst der Fleischfresser als Auftraggeber und Hehler eines Verbrechens begreift.“ (Hans Wollschläger: Tiere sehen dich an. – Zitiert nach: Wir haben es satt!, S. 99-100)

17 Kommentare zu “Wir haben es satt! : Warum Tiere keine Lebensmittel sind / hrsg. v. Iris Radisch, Eberhard Rathgeb

  1. Das Buch kannte ich noch nicht.
    Danke für den Tipp.
    Wir essen nur noch Fisch,eigentlich nicht so ganz konsequent,aber für uns eine gute Lösung.

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    • Hallo Annie,
      Gern geschehen!
      Fisch war auch mein letztes „Fleisch“ vor über
      zwanzig Jahren 😉
      Ganz konsequent kann wohl niemand sein. Auch ich trage Lederschuhe – und heute habe ich gelernt, dass in den Bremsen der Deutschen Bahn auch irgendwo Substanzen aus Schweinen eine Rolle spielen. Was nicht heisst, dass ich jetzt mit Bahnfahren aufhöre …
      Liebe Grüsse von
      Jarg

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  2. Danke für die Vorstellung dieses Buches – ich muss ehrlich sagen, ich hätte es mit diesem Titel inklusive Ausrufezeichen sicher nicht gelesen. Ich setze mich mit den grundsätzlichen Gedanken zum Vegetarismus auseinander, mir widerstrebt oft die marktschreierische Ebene, auf der die Diskussion oft geführt wird (zur Zeit unter anderem auf der Facebook Fanseite von EatSmarter). Aber so wie es hier beschrieben wird, kann ich es mir noch mal überlegen, es doch zu lesen.

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    • Das macht dieses Buch so wohltuend anders: es kommen darin auch Menschen zu Wort, die noch nicht den Schritt zum fleischlosen Leben getan haben, aber über die Problematik des Tiereessens sehr klug und selbstkritisch reflektieren. Insofern bietet es eine gute Anregung für eine differenzierte Diskussion des Themas – und hilft, eine eigenständige Haltung zu entwickeln.

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  3. Nun, ich bin so ein Zwitterwesen, das nicht imstande ist selbst den Tieren das Messer anzusetzen aber trotzdem froh ist, dass es Menschen gibt, die das für mich erledigen. Mein Konsum an Fleisch (Wurst und selbst Fisch etc.) ist recht gering. Zudem bin ich in der glücklichen Lage, meinen Fleischbedarf vorwiegend bei Bauern decken zu können, bei denen die Tiere eine wirklich gute und artgerechte (frei laufend und frei lebend, und zwar das ganze Jahr über!) Haltung erfahren (selber kontrolliert, besser gesagt gesehen). Und zumindest von diesen Tieren kann ich sagen, dass sie zumindest bis zu ihrem Tod ein glücklicheres Leben hatten, als sich viele – geschockt von diversen Skandalen bezüglich Tierhaltung und Verarbeitung – vorstellen können. LG hereshecome

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    • Es wäre schon ein Riesenfortschritt, wenn viele so dächten wie Du und vielleicht nicht unbedingt Vegetarier werden, aber bewußter die Frage stellen, welche Geschichte das Stück Fleisch auf dem Teller hat. Leider kümmert es die meisten nicht, woher ihr Fleisch kommt – und statt eines „weniger ist mehr“ blendet man aus, wie es den Tieren dabei geht ; und die Menschen blendet man vielleicht auch aus, obwohl in einer massenschlachterei zu arbeiten ein ziemlich trauriger Beruf sein muss (und einer, bei dem man sicher massiv ausgebeutet wird).
      Für mich war halt die Entscheidung von über 25 Jahren klar: nichts mehr mit Augen … ok, Kartoffeln haben manchmal welche 😉

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      • Diese stehen aber auch auf meiner Liste ganz oben. Denn ich liebe Kartoffelgerichte in sehr vielen Varianten. 🙂

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      • Kartoffeln sind toll – aber gute Qualität muss es sein. Könnte ich jeden Tag essen, in allen Variantionen …auch mit Ziegenkäse 😉

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      • Nun, ich (bzw. meine Frau und ich) sind in der glücklichen Lage, selbst Kartoffeln anbauen zu können. Eine alte Sorte namens Erntesegen (zumindest hier lokalerweise so genannt). Die sind für alles gut zu gebrauchen und nicht so wie die heutigen Sorten unterschieden werden in alle möglichen Verarbeitungsschritte (wie mehlig oder speckig). Und der erneute Anbauerfolg mit Saatkartoffeln aus der eigenen „Zucht“ gelingt auch immer, nicht wie mit den heutigen Hybridsorten, wo man jedes Mal das Saatgut von neuem kaufen muß. Am liebsten sind mir die Ofenkartoffeln mit viel Gemüse im Backrohr angebruzzelt. Da freue ich mich jetzt schon wieder auf die frischen Gemüsezutaten – wenn wir sie wieder aus dem Garten holen können. LG von hereshecome

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      • Das klingt gut – da erblasse ich mal kurz vor Neid. Früher hatte ich auch mein ein Stück Erde zum Wühlen, Pflanzen, Ernten … aber auf unserem Balkon ist für mehr als Kräuter und Clematis leider kein Platz. Stadtleben halt.
        Wenn wir raus aufs Land fahren oder zum Pferd, holen wir uns unsere Kartoffeln immer gerne direkt beim Bauern. Dann Stampfkartoffeln oder Ofenkartoffeln mit Rosmarin – oh ja!
        Liebe Grüsse zum Samstagabend von
        Jarg

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    • Keine Ursache. Damit wäre ich vorerst „durch“ mit dem Thema – aber vielleicht begegnet mir ja wieder ein Buch zu dem Thema: es bleibt ja sehr aktuell.

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