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Walden / Henry David Thoreau


„Ich war reich, wenn auch nicht an Geld, so doch an sonngen Stunden und Sommertagen, und ich gab sie aus mit offener Hand“ (H. D. Thoreau, „Walden“).

Ein Mann geht in den Wald, baut sich eine einfache Blockhütte aus Holz und verbringt darin Sommers wie Winters insgesamt zwei Jahre, zwei Monate und zwei Tage. Was klingt wie eine einfache, banale Aussteigergeschichte, ist doch wesentlich mehr, reicht es doch mit seinen n philosphischen Reflexionen, seinen Naturbetrachtungen und seiner Poesie bis in unsere moderne Zeit.
Thoreau, Sohn eines Bleistiftfabrikanten, Philosoph und Schriftsteller, lebte in einer Zeit, in der sich auch in den USA und auch im ländlichen Raum das Leben durch die zunehmende Industrialisierung, durch Eisenbahnen und Massenfabrikation, zu beschleunigen begann. Er beschloss, in den Wald zu ziehen, an einen See in der Nähe seinen Heimatortes, den Walden Pond, um ein Leben zu führen, das auf wesentliche, essentielle Dinge reduziert war und sich bewußt abhob von all den Dingen und Beschäftigungen, die Menschen von sich selbst ablenken und abhalten:

„Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war; das Leben ist so kostbar. Auch wollte ich keine Entsagung üben, außer es wurde unumgänglich notwendig. Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde.“

So beginnt Thoreau sein einfaches Leben am Walden Pond und berichtet darüber, rechnet uns akribisch vor, wieviel er sät und erntet, beschreibt seine Blockhütte und die wenigen Verbesserungen daran über die Zeit. Der an stetige, fesslende Handlung gewöhnte moderne Leser mag in diesem ersten Drittel vielleicht die Hoffnung verlieren, das Buch in seiner Gänze bewältigen zu können und es nicht gar abzubrechen. Doch spätestens mit dem zweiten Drittel fesslen einen Thoreaus poetische Naturbetrachtungen, seine Beschreibungen von Menschen und Tieren, seine Betrachtungen zu den wirklich notwenidgen Dingen und dem Wesentlichen, was ein Menschenleben, ja überhaupt ein Leben ausmacht und ausmachen sollte. Der klassisch gebildete Thoreau sieht sich dabei in bester Gesellschaft, wenn er letztlich wie auf der Inschrift am Apollon-Tempel in Delphi fordert: „Erkenne dich selbst“ und seinen zeitgenossen kritisch die vielfältigen Ablenkungen vorhält, das Streben nach immer mehr Geld, Genuss, Luxus und Zerstreuung:

„Gib Dir nicht viel Mühe, neue Sachen anzuschaffen, weder Kleidung noch Freunde. wende die alten; wende dich zurück zu ihnen. Die Dinge ändern sich nicht; wir ändern und. […] Überflüssiger Reichtum kann nur Überflüssiges erkaufen. Die Lebensbedürfnisse der Seele kosten kein Geld“.

Seine farbig geschilderten, intensiven Naturbeobachtungen sind auch für heute lebende, der Natur durch die starke Industrialisierung selbst ländlicher Gebiete noch stärker entfremdete Menschen mit großem Gewinn zu lesen. Thoreau schält in den zwei Jahren für sich den Kern seines Lebens heraus, entkleidet sich allen überflüssigen zivilisatorischen Ballasts und kommt der Natur und ihren Erscheinungen, den Tieren, wie den Pflanzen, dem Frost wie dem Sommer, somit näher als viele seine Zeitgenossen. Und vor allem kann er darbüber schreiben und schafft so Sätze von großer Schönheit und Klarheit:

„Manchmal beobachtete ich ein paar von Hühnerhabichten, wie es hoch im Himmel seine Kreise zog, aufwärtsstieg und niederschwebte, sich voneinander entfernte und wieder näherte, als ob es die Verkörperung meiner eigenen Gedanken wäre“.
So ist es wohl auch kein Zufall, dass Thoreau die Weiterentwicklung des Menschen auch damit verbunden sieht, auf Fleisch zu verzichten, um auch den Tieren ihr Leben in seinem Kern zu lassen:

„Ist es kein Vorwurf, daß der Mensch ein fleischfressendes Tier ist? […] Wie nun auch meine eigene Handlungsweise in diesem Punkte sein mag, so bezweifle ich nicht, daß es einen Teil der menschlichen bestimmung in ihrer allmählichen Entwicklung bildet, einst auf das Verzehren von Tieren zu verzichten“

Thoreau hält seiner und unserer Zeit den Spiegel vor, reflektiert auf hohem philosophischen Niveau über Wirtschaft, Zusammenleben und Einsamkeit, Literatur und Natur, Reichtum und Glück – als dies in einer wunderbaren Sprache, die uns auch in der Übersetzung durch Emma Emmerich und Tatjana Fischer wiederbegegnet und bezaubert. Ein immer noch, immer wieder aktuelles Buch, zeitlos und aktuell mit seiner Kritik an Reichtum und Überfluss, seinem Plädoyer für das einfache, wahre Leben und die Reduzierung auf den Kern menschlicher Existenz, menschlichen Glücks. Mag der Einsieg wie oben beschrieben vielleicht für manchen Leser, manche Leserin nicht leicht sein: die Lektüre lohnt sich unbedingt. Spätestens ab dem letzten Drittel ertappt man sich selbst bei dem Gedanken, wie es wohl wäre, wenn man jetzt loszöge … mit nichts als etwas Holz, Nägeln und zwei Fenstern im Gepäck und sich eine Hütte bauen würde, draussen – im Wald, am See.

22 Kommentare zu “Walden / Henry David Thoreau

    • Ja, „Walden“ ist wunderbar und zeitlos zugleich: eine auch für mich ganz und gar unvergesslich Lektüre!
      Danke für die freundlichen Worte – fühl Dich ganz wie zuhause beim Stöbern: ich hoffe, auch bei den laufend „nachwachsenden“ Rezensionen ist immer wieder mal was für Dich dabei.
      Herzliche Grüsse aus Hamburg von
      Jarg

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  1. Am 1. März 2013 kommt das englische Jugendbuch „Being Henry David“ von Cal Armistead heraus, das sich sehr stark auf dieses Buch bezieht – ungewöhnlich für ein Jugendbuch, aber sehr lesenswert. Ab Anfang Februar gibt es die Rezension auf meinem Blog (vorher darf ich nicht…)
    In jedem Fall ein spannendes Thema, egal ob für Jugendliche oder Erwachsene.

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  2. Weißt du, wie oft mir das Buch schon ins Auge gesprungen ist? Vor allem meist indirekt in anderen Büchern (ich weiß leider nicht mehr in welchen), ich habe es noch nie in der Hand gehalten oder darüber gelesen, wusste nur den schlichten Titel. Jetzt konnte ich das bei dir nachholen. Ganz wunderbar, vielen Dank! Die Lektüre klingt sehr nach Entschleunigung und Durchatmen. Ich kenne auch schon mindestens zwei Menschen, denen ich das Buch schenken möchte (natürlich nicht, ohne es vorher selbst gelesen zu haben).

    Viele Grüße

    Klappentexterin

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    • War bei mir genauso: immer wieder „Walden begegnet … und jetzt habe ich es endlich und mit Gewinn gelesen. Es ist wirklich so: man liest Thoreau, blickt von den
      Seiten auf, lässt den Blick aus der Bahn über die vorbeiziehende Landschaft schweifen, denkt über das Gelesene nach … und nimmt sich die Zeit, dieses Buch auszukosten, sich Dinge zu notieren, sich anregen zu lassen, nochmal zurückzublättern. Weshalb jetzt natürlich Ralph Waldo Emerson bei mir mit auf die Bahn muss – nicht nur, weil er und Thoreau sich kannten, sondern ich auf ein ähnliches Leserlebnis hoffe.
      Viel Spaß beim Verschenken und vor allem auch beim Lesen von „Walden“ und liebe Grüsse von
      Jarg

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  3. Danke schön, dass du wieder einmal auf dieses Buch aufmerksam machst. Ich fühle mich ertappt, denn ich habe Walden auch einmal begonnen und wieder auf die Seite gelegt. Vielleicht war damals einfach die Zeit nicht reif für dieses Buch. Ich nehme die schön gebundene Ausgabe (Manesse Verlag) also gerne nochmals in die Hand. Und der beste Ort, um Thoreaus Erfahrungen zu lesen, wäre für mich die Alphütte, wo wir oft hingehen. Da bin ich seinem Leben sicher am nächsten.

    LG
    buechermaniac

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    • Manchmal braucht man ja für ein Buch mehrere Anläufe – so ging mir das auch schon nicht selten. Die Alphütte ist natürlich der ideale Platz zum Lesen dieses Buches: Ich wünsche viel Freude beim Entdecken von Thoreaus erstaunlich zeitlosen Erfahrungen und Ansichten.
      Liebe Grüsse von Jarg

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  4. Vielen Dank für die tolle Rezension! Sehr gut geschrieben. Nach „Into the Wild“ und McCandless‘ Geschichte war ich sowieso schon neugierig auf diesen Klassiker, nun umso mehr. Es klingt sehr nach einem Buch ganz nach meinem Geschmack. Schade, dass in der heutigen Zeit solche Bücher immer mehr in Vergessenheit geraten und noch viel seltener geschrieben werden!

    Viele Grüße und einen schönen Sonntag Abend!

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    • Keine Ursache, gern geschehen. Ich glaube, solche Bücher haben immer wieder ihre Zeit, werden immer wieder neu entdeckt. In diesem Sinne viel Spaß beim Lesen – vielleicht geht es wie bei mir: viele Post-its an den tollen Stellen …
      Herzlich grüsst
      Jarg

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  5. Ergänzend zur Diskussion möchte ich ein Zitat auf der nächsten Seite hinzufügen, das mir persönlich am besten gefallen hat, und das Gesagte noch einmal unterstreicht:

    „Wir beeilen uns, den Atlantischen Ozean zu durchkabeln, um die Alte Welt der Neuen um ein paar Wochen näher zu rücken; vielleicht lautet aber die erste Nachricht, die in das große amerikanische Schlappohr hineinrinnt: Prinzessin Adelheid hat den Keuchhusten.“ (S. 62)

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    • Trifft immer noch: Nichts anderes läuft heute zu 95% auf allen Kanälen, als Klassiker jeden Tag in der U-Bahn („Du, ich sitze gerade in der U-Bahn … und bin gleich da“).

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  6. Meine Lektüre von Walden liegt nun schon zehn Jahre zurück. Ähnliche Begeisterung und in der Folge andauerndes Aufbrechenwollen und gelegentliches tatsächliches Aufbrechen.

    Lieber Jarg, erlaube mir bitte noch ein Walden-Zitat aus dem reichen Schatz Thoreauscher Fortschrittskritik, das die Lachmuskeln anregt:

    „Zu meinem Erstaunen erfuhr ich bei meinem Abgang von der Universität, daß ich Navigation studiert hatte! – Wahrhaftig, wenn ich einen Spaziergang hinunter zum Hafen gemacht hätte, so hätte ich mehr davon erfahren also so. (…) Wir beeilen uns stark, einen magnetischen Telegraphen zwischen Maine und Texas zu konstruieren, aber Maine und Texas haben möglicherweise gar nichts Wichtiges miteinander zu besprechen.“ (S. 61)

    Und noch ein Lob auf das Leben:

    „Wie niedrig auch dein Leben sein mag, tritt ihm entgegen und lebe es! Weich ihm nicht aus und gib ihm keine Schimpfnamen! Es ist nicht so schlecht wie du. Es sieht am ärmsten aus, wenn du am reichsten bist. Der Krittler findet auch im Paradies etwas zu bekritteln. Liebe dein Leben, so arm es ist! (…) Die untergehende Sonne wird von den Armenhausfenstern so hell zurückgestrahlt wie von des Reichen Behausung; vor jeder Tür schmilzt der Schnee im Frühling zu selben Zeit.“ (S. 361)

    Und dennoch, der Weg zu Cormac McCarthys The Road ist nicht so weit.

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    • Ich finde es spannend, dass Du die Verbindung zu „The Road“ ziehst, was auf den ersten Blick nicht naheliegend sein mag, in Anbetracht des zweiten Zitats jedoch verblüffende Parallelen der Gedanken aufzeigt. Wie Thoreau reduziert auch McCarthy das Menschsein und die Voraussetzungen zjm Glück auf wenige, essentielle Dinge, wenn auch bei „The Road“ der Rahmen die menschliche Tragödie ist, bei „Walden“ eher die menschliche Komödie naheliegt.
      Das Zitat von S. 61 ist ebenfalls unerhört modern … angesichts unserer Kommunikationssucht fragt man sich ja manchmal schon, was da so „Wichtiges miteinander zu besprechen ist“ auf all diesen Smartphones, Social Webs, Tablets, Handys …

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  7. Wer träumt nicht davon? Bei jeder Natur- Aussteiger- oder Sonstwiesendung im Fernsehen komme ich auf genau diese Idee: irgendwo in den USA oder Kanada eine Blockhütte in der Wildnis haben und sich vollkommen selbst versorgen. Ohne Vorschriften, ohne Lärm und ohne irgendeinen anderen Zwang, den das Leben in der Zivilisation vorgibt.
    C.H.

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    • Es tut immer wieder gut, solche Bücher zu lesen oder solche Filme zu sehen und nochmal verdeutlicht zu bekommen, wie wenig der Mensch eigentlich zum Glücklichsein wirklich braucht. Wir sind schon ganz schön übersättigt mit unseren Autos, unseren technischen Gadgets, der permamenten Unterhaltungsberieselung und all dem Firlefanz, all den Dingen, die uns dem Gück nicht wirklich näherbringen …

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    • Immer wieder gerne. Leider muss ich mein „Walden“ auch wieder in der Bibliothek abgeben … dabei hätte ich mir gerne noch ein paar Zitate mehr herausgeschrieben … „Wortakzente/Kinderohren“ ist da eindeutig besser dran!

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