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Fast vergessen : Handwerkliches Erbe / Christine Frenkenberger ; Walter Seitz-Krautstorfer ; Björn Thönicke

Eine ganze Reihe von Berufen sind durch die Mechanisierung oder den Wandel von Bedürfnissen und Gewohnheiten fast ausgestorben oder in Vergessenheit geraten, andere haben sich aus ähnlichen Gründen so stark verändert, dass ursprüngliche Elemente des Berufes fast komplett verloren gegangen sind. Zur erstgenannten Gruppe gehören sicher Sattler, Hutmacher, Messermacher oder Ofenkeramiker, zur zweiten könnte man den Bäcker zählen, der zwar als Ausbildungsberuf noch vorhanden ist, als handwerklicher Beruf allerdings schon fast als ausgestorben gelten kann, wenn man sich die Produkte in den meisten Bäckereien und Supermärkten ansieht. Dann gibt es natürlich noch Handwerksberufe, die relativ exotisch sind wie etwa den Blechblasinstrumentenbauer, den Harfenbauer oder den Säckler.
Basierend auf einer Fernsehserie, berichtet „Fast vergessen“ in zwanzig Kapiteln über die vorgenannten Berufe und darüber hinaus über etliche weitere wie den Latschenölbrenner oder den Zillenbauer. Dabei zeichnet sich das Buch durch große Lebendigkeit aus, werden doch real existierende Kleinbetriebe vorgestellt und deren Besitzer, deren Erzählungen über ihre Arbeit die Texte prägen, die allesamt mit ausdrucksstarken Fotos illustriert sind.
So erfahren wir auf sehr persönliche Art etwas über den Werdegang, den Berufsalltag und die Motivation einer traditionellen Bäckermeisterin und Bäckereibesitzerin. Jahrelange Lagerung und Trocknung von Holz prägt Berufe wie die des Harfenbauers oder des Kontrabassbauers ebenso wie die auch von vorangegangenen Generationen erworbene Erfahrung, während die vorgestellten Messermacher traditionelle Schmiedetechniken mit dem Wissen eines gelernten Zahntechnikers und den Mut eines traditionellen Metallbauers zu einer eigenen Damast-Stahlrezeptur verbindet.
Welcher Beruf auch immer vorgestellt wird: die vorgestellten Betriebe werden ganz offensichtlich geprägt von der Liebe ihrer Besitzer zum Beruf, zum handwerklichen Detail undädt ein zum Durchlesen oder Stöbern, zum Staunen zur Qualität, aber auch von der Tradtition, sind doch manche Betriebe schon mehr als hundert Jahre alt.
„Fast vergessen“ faszinisert mit lebendigem, lebendg porträtierten Handwerk – und nicht selten ertappt man sich nicht nur bei dem Gedanken, jenes Brot oder jener Sattel könnten einem gefallen: man kommt auch unweigerlich ins Grübeln, ob denn die eigene Berufswahl nicht auch eine Alternative gehabt hätte, denn die Freude all der vorgestellten Handwerkerinnen und Handwerker an ihren Berufen und ihren handwerklich hergestellten Produkten ist deutlich sprürbar und anhand der Bilder auch sichtbar.
Mag sein, dass viele Berufe, die hier vorgestellt werden, sehr speziell sind, anachronistisch zuweilen vielleicht auch. Denoch wünscht man sich nicht nur in Anbetracht der schlechten Schuhe, geschmacksarmen Brote und anderer lieblos gefertigter Produkte, dass sie bleiben – und sich die moderne Industrie etwas von der Sorgfalt der Herstellung für ihre Produkte abschaut.

6 Kommentare zu “Fast vergessen : Handwerkliches Erbe / Christine Frenkenberger ; Walter Seitz-Krautstorfer ; Björn Thönicke

    • Oh, das freut mich sehr, wenn die Rezension so nachhaltige Folgen zeigt und das daraufhin verschenkte Buch sogar das Gesichtsbuch übertrumpft 🙂
      Herzlich grüsst
      Jarg

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  1. Handwerksberufe haben zuweil einen großen Vorteil – man kann sie mit viel Liebe ausführen.
    Wenn ich an die gedrechselte, schön verzierte, circa 1 m hohe Säule neben meiner Couch denke, auf deren 20 cm großen Teller eine Leselampe, das Mobiltelefon und ein Getränkeglas passen, kann ich mir die Liebe des Schreiners zu seinem Baustoff Holz lebhaft vorstellen.

    Leider wollen wir den wahren Wert eines handwerklichen Produktes selten bezahlen. Und wenn doch? Das samstägliche Brötchen aus einer handwerklich arbeitenden Bäckerei für 50 Cent schmeckt deutlich anders, als es die Filialbäckerein liefern können. Aber nur, weil der Inhaber weit über die Altersgrenze hinaus bäckt.
    Für seine Kundschaft und seinen Zeitvertreib tut es das hoffentlich noch eine lange Zeit.
    C.H.

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    • Man spürt ja auch, ob ein Handwerker seinen Beruf mit Hingabe ausübt, man sieht es am Blick, an der konzentrierten, fast selbstvergessen erscheinenden Abfolge der Bewegungen. Ich könnte einem guten Handwerker stundenlang bei seiner Arbeit zuschauen …
      Die meisten sogenannten Bäckereien sind leider ein Beispiel dafür, wie sehr ein Handwerk auf den Hund kommen kann: sie können nur noch billig und backen „Teiglinge“ auf – mehr geht nicht. Deshalb habe ich viele, viele Jahre mein Brot selbst gebacken (was mit Kindern dann manchmal nicht durchzuhalten ist) und mache es auch heute noch gerne, experimentierte etwa bei Sauerteig mit wilden Hefen und freue mich Prozess und am „Produkt“.
      Ein richtig gutes Brot bei einem traditionellen, guten Bäcker toppt das natürlich nochmal – schade, dass die im Buch beschriebene Bäckerei doch etwas weit entfernt ist für uns 😉
      Einen schönen freien Tag wünscht
      Jarg

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    • Absolut. Bestes Beispiel ist die Firma Apple, die ihre Konsumenten regelrecht süchtig nach den neuesten Gadgets macht und dabei hochprofitabel ist.
      Zum Glück gibt es immer noch Menschen, die mit guten handwerklichen Produkten Erfolg haben. Und in kleinen Teilen der Industrie gibt es wohl erste Tendenzen, Produkte besser recyclebar zu machen – und mit dem Kauf gleich die Rückgabe und attraktive Verrechnung gegen ein neueres Gerät und das komplette Recycling zu einem neuen, besseren Produkt zu vereinbaren (Cradle to Cradle). Das wäre immerhin ein Vorteil gegenüber den Millionen in unseren Schubladen vor sich hinrottenden Althandys und den Bergen von Elektroschrott, die wir nach Afrika exportieren …

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