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Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln : was wir von Tieren über Physik lernen können / Martin Puntigam, Werner Gruber, Heinz Oberhummer

Wir sehen mehr, als es zu sehen gibt. […] Also Obacht! Es geht hier um Zusammenhänge, die wir unbewußt herstellen. Weil unser Gehirn so funktioniert, wie es funktioniert, und wir deshalb glauben wollen, was wir glauben wollen. Und bei Betrügereien und Scharlatanerien wie Astrologie, Homöopathie, Religion und Ähnlichem wird genau aus diesem menschlichen Bauartfehler vorsätzlich und bewußt Gewinn gezogen. (S. 49-50)

Wir Menschen bilden uns ja immer recht viel auf unsere Fähigkeiten ein. Und in der Tat ist es sicher kein Spaß, Tier zu sein in einer Welt, die von Menschen dominiert wird. Aber Puntigam, Gruber und Oberhummer geht es in ihrem Buch natürlich um mehr, denn sie möchten uns anhand zahlloser skuriller oder verblüffender Fakten aus Tier- und Menschenleben vertrauer machen mit den Gesetzen von Physik, Biologie und Chemie. Denn die drei, bekannt als die Sciencebusters und bereits mit ihrem ersten Buch auf Jargsblog vertreten, verbinden Naturwissenschaft mit Kabarett und haben sich auf die Fahne geschrieben, Forschung mit Spaß zu vermitteln und gegen Unwissenheit und Scharlatanerie aufzutreten.
In „Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln“ räumen sie damit auf, dass Tiere lediglich von einprogrammierten Verhaltensmustern getrieben sind, entlarven einige durch die Sommerlochpresse geisterne Medienmeldungen, die sich als großer, physikalisch unmöglicher Humbug herrausstellen, ziehen geschickt die Verbindung vom Haushuhn zum Phänomen der Linkshändigkeit oder vom schimmligen Brot als Wundauflage zur Entdeckung des Pennicilins durch Alexander Fleming:

Wer jetzt aber sagt: Typisch altes Wissen, alte Naturvölker, die im Einklang mit dem Universum leben, haben dieses Wissen längst besessen, wir haben es durch die Abwendung vom Natürlichen nur wieder veroren, der irrt. Oder hat keine Ahnung, wie Wissenschaft funktioniert. Denn sehen, dass ein paar Bakterienkulturen sich anders entwickelt haben als andere, und daraus die richtigen Schlüsse ziehen sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Und schon in der Antike waren nicht die esoterischen Einfaltspinsel für Wissen und Fortschritt zuständig. Dafür muss man nämlich methodisch arbeiten können und nicht nur etwas glauben wollen. Das hat sich bis heute nicht grundlegend geändert. (S. 92-93)

Schlüssig weisen sie uns deshalb nach, weshalb eine Ananasdiät nicht nur unsinnig, sondern der beste Weg zum Selbstmord durch innere Organauflösung ist, und stellem dem Menschen als Kulturwesen die Tatsache entgegen, dass auch Tiere Traditionen hegen und Dinge an Nachfahren weitergeben, was vermutlich dazu führen wird, dass Kraken nach dem Ableben des letzten Menschen gute Chancen auf den freiwerdenden Platz des Alphatierchens haben. Deutlcih machen sie aber auch, dass allgegenwärtige Forderungen nach einem „Zurück zur Natur“ oft jeder Grundlage entbehren:

Naturnahes Leben, das man sich nicht aussuchen kann, ist überhaupt nicht romantisch oder besser als moderne Zivilisation. Es heißt vielmehr, der Natur ausgeliefert zu sein – und sehr oft auch denen, die sie in Besitz genommen haben. (S. 223)

Dabei klären sie ein für alle Mal, warum ein Maikäfer in Lausanne vor Gericht stand, die ISS kein Plumpsklo hat, betrachten abschliessend die komplett zu verneinende Funktionsfähigkeit der Arche Noah und legen dar, warum das Turiner Grabtuch eine ziemlich dilletantisch gemachte Fälschung ist. Sie entlarven den Humbug von morphogenetischen Feldern oder Lichtnahrung, klären ein für alle Mal, wie das Salz ins Meer kommt und wie sich Drogen auf den Bau von Spinnennetzen auswirken – und warum. Das es Spermien gibt, die länger sind als das sie hervorbringende Tier (eine Mücke) ist ihnen ebenso wert behandelt zu werden wie – natürlich – der Weltuntergang:

Das man sich für einen Weltuntergang schon ein bisschen mehr anstrengen muss, als einfach nur die Bienen auszurotten, hätten sich die Außeriridischen aber auch denken können. Denn der Weltuntergang ist die ultimative Fantasie der Menschheit, der kann nicht einfach aus der Protokasse bezahlt werden. Da gibt es eine Gästeliste, handverlesen. Die meisten Menschen sind religiös und glauben an überirdische, mächtige Fantasiegestalten, von deren Gutdünken sie abhängenn und in deren verein sie deshalb Mitglied sind, um vollen Versicherungsschutz zu geniessen. Der Geschäftsgegenstand dieser Vereine ist der Weltuntergang, von dem sich die meisten Menschen Erlösung von Schmerz und Qualen und Desaster wünschen, und Unsterblichkeit in angenehmer Wohnumgebung. Wer so etwas glaubt, der macht das sehr oft nicht aus Einfältigkeit, sondern weil er sich eine Rendite davon erwartet.

Ein wunderbares, launig und mit spitzer Feder geschriebenes Buch, dass Lust macht auf Naturwissenschaften und naturwissenschaftliches Denken, mit Wiener Schmäh und viel Witz die Leichtgläubigkeit vieler Menschen durch den Kakao zieht und gegen jegliche Form von Aberglauben, Glauben und Hokuspokus das solide Denken setzt.
Und seien Sie versichert, dass es allemal besser ist, ein Wurmgrunzer zu sein statt ein Seehase oder ein Wasserbär. Warum? Nun, dass müssen Sie schon selber nachlesen.

20 Kommentare zu “Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln : was wir von Tieren über Physik lernen können / Martin Puntigam, Werner Gruber, Heinz Oberhummer

  1. Sehr interessant – und es beruhigt mich ausserordentlich, dass sexuelle Aktivität nur dem Zweck der Bakterien- und Parasitenabwehr und im weiteren Sinne der Immunsystemstimulation dient. Und dass sich Leichenteile doch nicht einfach den Abfluss runterspülen lassen. Geahnt hatte ich es ja schon 😉

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    • Ja, für die modernen Serienmörder sind die Zeiten sanitärentsorgungstechnisch auch nicht leicht. Kein Wunder, dass die immer Fässer im Baumarkt kaufen, sich den Garte damit vollstellen und danach wegen verärgerter Nachbarn ihren Job aufgeben müssen. Dumm nur, dass sexuelle Aktivität nicht gegen Mückenparasiten hilft – da ist evolutionär betrachtet gewissermaßen noch „Spielraum“ und Luft nach oben. Aber das kann ja noch werden 😉 (schrieb er, richtete den Blick zur Zimmerdecke und griff beherzt zum Staubsauger).
      Herzlich grüsst
      Jarg

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  2. Sehr schöne Buchbesprechung, die Lust macht auf mehr!
    Ich muss allerdings sagen, daß mir das Werk sympathischer war, solange ich noch Deiner Überschrift vertraute. Schecken zu streicheln scheint mir viel vertrautet und weniger dubios, als dies mit Schnecken zu tun. Womöglich rote Wegschnecken? 😯

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    • Ah, der Schluessredakteur mal, den habe ich gestern schon degradiert. Er sorgt jetzt für kühle Getränke und fächert mit frische Luft zu. Jetzt muss er mit zur Strafe zusätzlich ein kaltebereiten.
      Und es handelt sich um Meeresschnecken …
      Danke für den Hinweis und liebe Grüsse von
      Jarg

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      • Argh! Womöglich Kegelschnecken? Gegen die müssen Pfeilgiftfrösche Waisenknaben sein! Giftig wie die Pestilenz persönlich!
        Ich seh‘ schon – das Buch werd‘ ich mif schnell noch vor dem Urlaub besorgen!
        Liebe Grüße zurück von Stefan

        PS: Grüße auch an den versklavten Schlussredakteur. Ich hab‘ gar keinen…und muss mir in Folge dessen die kühlen Hopfenkaltschalen immer selbst kredenzen…

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      • Nee, das war eine andere Schneckenart, die sehr bemerkenswertes Verhalten zeigt. Lass Dich überraschen.
        Einen zauberhaften Urlaub wünsche ich mit reichlich erfrischenden Gelegenheiten jedweder Art.
        Liebe Grüsse von
        Jarg
        PS: Ja, der Schlussredakteur. Gut, dass er kein Samurai ist – er hätte Sepukku begangen und wer wischt dann die Saurrei auf.

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