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Spiel des Lebens : Wie der Mensch die Natur und sich selbst zähmte / Alice Roberts

„Die Geschichte der Menschheit hätte einen ganz anderen Verlauf genommen, wenn die anderen Arten, mit denen wir interagieren, sich anders verhalten hätten, wenn sie zum Beispiel ganz gefehlt hätten oder nicht zu fangen oder zu domestizieren gewesen wären. Manchmal gehen wir an die Geschichte oder Urgeschichte so herab, als wären wir Menschen so sehr Herr über unser eigenes Schicksal, dass äußere Einflüsse kaum eine oder gar keine Rolle spielen. Doch die Geschichte einer Art kann niemals für sich genommen erzählt werden. Jede Art existiert in einem Ökosystem, wir sind alle miteinander verbunden und voneinander abhängig. Und alle Interaktionen, die sich im Laufe unserer verflochtenen Geschichten abgespielt haben, sind durchsetzt von Glücksfällen und Zufälligkeiten.“ (S. 328)

In den letzten Jahren ist die prähistorische Geschichte der Menschheit, wie sie aus archäologischen Funden sichtbar wird, um aktuelle Erkenntnisse aus der Genetik, Anthropologie und Klimageschichte bereichert und zum Teil revolutioniert worden. Die britische Medizinierin, Paläopathologin und Fernsehmoderatorin setzt den Fokus dabei zunächst weniger auf die vom Menschen gefundenen Überreste und Artefakte, sondern rekonstruiert die Kulturgeschichte wesentlicher Nutzpflanzen und Nutztiere, die sich mit der Ausbreitung und späteren Sesshaftwerdung des Menschen aus wilden Ursprüngen entwickelt und über die Zeiten drastisch verändert haben: Pferde, Hunde, Weizen, Mais und Apfel, aber auch Rinder, Hühner, Kartoffeln und Reis identifiziert sie dabei als wichtige Zeugen für die Geschichte der menschlichen Zivilisation. Einer Zivilisation, die selbst eine nicht eindeutlig lineare Entwicklung hat, sondern einen Stammbaum, der mehr einem Netz als einem verästelten klaren System gleicht: Dabei geht sie auch auf die Genetik des modernen Menschen ein, den hohen Anteil von Neandertalergenen (bis zu 3%) bei Europäern zum Beispiel oder von Genen der ebenfalls ausgestorbenen Denissowa-Menschen bei melanesischen Genomen (bis zu 6%).

In neun Kapiteln trägt sie die aktuellen Forschungsergebnisse zusammen, verbindet sie mit wissenschaftshistorische Entwicklungen und eigenen Feldstudien zur Domestizierung der genannten Arten und enthüllt dabei manche überraschende, insbesondere von neuesten genetischen Untersuchungen gestützte Erkenntnis, die althergebrachtes Wissen über die Entwicklung des Hundes, der Hausrindes oder die Domestizierung etwa des Hafers oder der Kartoffeln buchstäblich über den Haufen werfen. Dabei zeigt sich, dass gerade in Verbindung mit neuesten Forschungsansätzen im Bereich der Genetik die Entwicklung domestizierter Arten bei weitem nicht so geradlinig verlief, wie man sich das früher gedacht hat: der Zufall, die Einkreuzung wilder Varianten, aber auch die Domestizierung selbst lassen ein weniger geplantes Vorgehen des Menschen erkennen, als es früher den Anschein hatte.

Zudem erläutert Roberts anschaulich und mit guten Belegen, dass nicht immer eindeutig der regionale Ursprung festgestellt werden kann: am ehesten gelingt dies noch beim Apfel, der in Ostasien in einer sehr eng begrenzten Region seine Wurzeln hat. Dabei vermag Arnold auf Basis der aktuell vorhandenen Erkenntnisse auch plastische Bilder dafür zu entwickeln, wie und in welchen Schritten die Domestizierung etwa von Weizen oder der erste Versuch, ein Pferd zu zähmen, möglicherweise an einem oder mehreren Orten vor sich gegangen sind. Zufälle, klimatologische Veränderungen, aber auch regionale Besonderheiten haben eine große Rolle dabei gespielt.

Roberts Buch verweist aber noch auf andere verblüffende Fakten. Zum einen, dass der Mensch sich unter starkem Einfluss domestizierter Arten entwickelt und verändert hat, was besonders an der erst seit kurzem bestehenden Verdaulichkeit von Milch für Erwachsene, die aus dem europäischen Kulturkreis stammend, erkennbar ist. Zum anderen wird deutlich, wie wichtig die biologische Vielfalt ist und welche große Bedeutung ihr für die Zukunft der menschlichen Ernährung zukommt. Viele der heute bestehenden Eigenschaften von Nutzpflanzen sind erst in Verbindung mit der frühen Einkreuzung wilder Arten entstanden. Die geplante Zucht zu wenigen, ertragreichen Sorten etwa bei Weizen oder Kartoffeln begann dagegen erst sehr spät. Gerade im Bezug auf den Klimawandel und damit verknüpfte Belastungen etwa durch Dürre, auch aber in Verbindung mit zukünftig auftretenden Krankheiten tut der Mensch gut daran, die biologische Vielfalt nicht nur der tatsächlichen Nutzpflanzen und Nutztieren, sondern auch ihrer wilden Verwandten zu erhalten.

Roberts Buch über Geschichte der Zivilisation und des Menschen im Spiegel von domestizierten Pflanzen und Tieren liest sich überaus spannend und anregend und wirft einen erfrischenden, zuweilen verblüffenden Blick auf die Kulturgeschichte unserer Art, verbunden mit interresaanten Einblicken in neueste wissenschaftliche Ansätze und Methoden. Für mich eines der faszinierensten Wissensbücher dieses Jahres.

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