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Die allerseltsamsten Orte der Welt : Aufsteigende Inseln, bodenlose Städte, abseitige Paradiese / Alastair Bonnett

Wir schreiben das Jahr 2019. Die ganze Welt ist entdeckt, durchkartographiert und dokumentiert, kein Quadratmeter unbetreten, keine dunkle Ecke unbeschrieben und alles ist in Echtzeit bei Google Earth zu finden. Alles? Wirklich alles? Ein mutiger Entdecker namens Alastair Bonnett nimmt uns mit auf seine Exkursionen zu eigenartigen Orten, die kaum jemand kennt, und gliedert sein Buch in fünf Kapitel, die von „Ungebärdige Inseln“ und „Enklaven und unsichere Nationen“ über „Utopische Orte“ und „Gespenstische Orte“ bis hin zu „Versteckte Orte“ reicht und von insgesamt 39 Orten berichten.

Versteckte Orte sind beispielsweise Trap Streets: das sind nicht existierende, fiktive Straßen, wie sie Kartographen gerne in ihre Werke einbauen, um Copyrightverletzungen nachweisen zu können, die aber andererseits von Trap-Street-Enthusiasten nur schwer gefunden werden können und wie weiße Raben durch Onlineforen geistern. Tatsächlich gibt es sogar Trap Buildings und Siedlungen, die es nicht gibt – wie etwa Agloe, eine Ortschaft an einer einsamen Kreuzung im US-Bundestaat New York. Ein „gespenstischer Ort“ ist auch der Bahnhof Shinjuku, genauer ein Tunnel im beliebtesten Bahnhof der Welt, über den das Gerücht geht, dass sich dort regelmäßig Menschen verirren und nicht wieder aus dem Tunnelsystem herausfinden. Für Alastair Bonnett ist das natürlich die ultimative Herausforderung, weshalb er sich absichtlich im Bahnhof verliert, immer tiefer und tiefer durch das Gewirr der Gönge geht und am Ende wirklich das Gefühl hat, das gefuinden zu haben, was er suchte: von der Stadt verschluckte Menschen. Erstaunlich ist auch das nie fertiggestellte Netz an Fußgängerbrücken von Newcastel upon Tyne in England, dass den Visionen der autogerechten Stadt entstammte und einen heute dazu bringt, vollkommen die Orientierung zu verlieren auf versteckten Pfaden voller Glasscherben, leerer Bierdosen und sich im Nichts verlierender Kehren.

Die Verkehrsinsel, die wir aus dem ersten Buch von Bonnett über „Die seltsamsten Orte der Welt“ kennen, kehrt hier wieder. Bonnett erobert sie an einem Spätsommertag mit seinem Freund Nick, was kein leichtes Unterfangen ist, denn wahre Verkehrsinseln sind schwer zu erreichen: sie pflanzen Erdbeeren dort, irritieren einen Polizisten und führen ein intellektuelles Gespräch auf dem öden Stück Land, auf Campingstühlen lagernd. Bonnett besucht die Ladinischen Täler mit ihren unzähligen Dialektvariationen ein und derselben fast ausgestorbenen Sprache, widmet sich der absurden Entwicklung im Stadtmoloch Sao Paulo, wo sich die Helikopterstadt der Vermögenden wie eine zweite Stadt in der Höhe über die smogdurchwirkte Megacity mit ihrem legendären Verkehrschaos legt. Auch Christiania, der Islamische Staat und andere utopische Orte finden Platz unter Bonnetts Exkursionen, die ihn auch auf Wildbeutersafari nach Helsinki oder in die unsichtbare Müllstadt von Kairo führen.

Alastair Bonnett weiß zu erzählen und weckt im schnell von seinem Erzählfluß und seinen Reflexionen gebannten Leser die Sehnsucht nach den Geheimnissen und Abenteuern, die in der eigenen Umgebung schlummern mögen. Unwirklich sieht man die eigene, so gut durchstrukturierte Wel plötzlich mit anderen Augen, entdeckt Parallelwelten, Schattenorte und absonderliche Ecken. Insofern ist Bonnetts „Reiseführer“ nicht nur ein unterhaltsamer, intellektuell äußerst anregender Trip zu seltsamen, zuweilen extrem skurrilen Orten, sondern zwischenzeilig auch eine Aufforderung, die Augen zu öffnen und statt der gewohnten Wege einmal andere zu gehen, um mit einem neuen Blick auf die Welt zu gewinnen und sich wie ein Entdecker zu fühlen. Seit der Lektüre habe ich einen anderen Blick nicht nur auf das eigene Viertel, sondern auch in der Fremde, und kann das Buch daher als Reiselektüre der besonderen Art unbedingt empfehlen.

Ein Kommentar zu “Die allerseltsamsten Orte der Welt : Aufsteigende Inseln, bodenlose Städte, abseitige Paradiese / Alastair Bonnett

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