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Pferde stehlen : Roman / Per Petterson

„Wir waren gleichzeitig draußen und drängten uns eng aneinander, Körper an Körper, durch die schmale Türöffnung, um möglichst vor dem anderen draussen zu sein, und wir bleiben unter dem Dachvorsprung vor der Tür stehen und sahen das Wasser überall um uns herum auf den Boden prasseln. Es war beeidnruckend und fast abschreckend, und einen Augenblick lang standen wir dort und glotzten. Dann holte mein Vater tief und demonstrativ laut Luft und rief:
‚Jetzt oder nie!‘, bevor er mitten auf den Hof rannte und triefnaß, die Arme in der Luft, zu tanzen begann, während im das Wasser auf die Schultern klatschte. Ich lief hinterher in den herabstürzenden Regen und stellte mich dorthin, wo er stand, hüpfte und tanzte und sang Norwegen so rot, weiß und blau, und dann fing auch er an zu singen und im Nullkommanichts war die Seife von unseren Köroern gespült und die Wärme ebenso, und unsere Haut war blank und glänzend, als wären wir zwei Seehunde, und sie war vermutlich ebenso kalt, wenn man sie berührte.“ (S.90-91)

Norwegen. Der 67jährige Trond Sander zieht drei Jahre nach dem Unfalltod seiner Frau und dem Tod seiner Schwester aus der Stadt hinaus aus Land in ein kleines, reparaturbedürftiges Häuschen nahe der schwedischen Grenze, in dem er den Rest seines Lebens verbringen will. Das ruhige, zurückgezogene Leben auf dem Land und die Begegnung mit einem alt gewordenen, ebenfalls die Einsamkeit suchenden Jugendfreund lässt ihn melancholisch an den weit zurückliegenden Sommer 1948 zurückdenken.
Als 15jähriger verbringt er diesen Sommer allein mit seinem Vater in einer Hütte an der Grenze: erst jetzt erfährt er, dass sein Vater im von den Deutschen besetzten Norwegen ein Doppelleben führte und politisch Verfolgten unter Gefahren über die Grenze half. Schon damals half ihm die Mutter von Tronds Freund Jon – und Trond ahnt, dass zwischen seinem Vater und ihr mehr als diese Verbindung besteht. Ein tödlicher Unfall zerstört die Familie von Jon – doch auch für Trond wird nach diesem Sommer nichts mehr sein, wie es mal war: denn es war der letzte mit seinem Vater, dern nach der Rückkehr in die Stadt für immer verschwindet.

„Aber so ist das Leben. Man lernt daraus, wenn Dinge passieren. Vor allem in deinem Alter. Du mußt es nur an Dich heranlassen und anschliessend das Denken nicht vergessen und nie bitter werden. Denken ist erlaubt. Verstehst Du? (S. 122).

Per Petterson entwickelt seine Geschichte mit großer Gelassenheit und Ruhe. Die zwei Zeitebenen : die melancholischen Erinnerungen des Trond Sander und seine Gedanken und Erlebnisse in der Gegenwart – wechseln sich ab und scheinen im Laufe des Buches zu verschmelzen. Intensiv und plastisch schildert Petterson Personen, Orte und die wilden norwegischen Landschaften und lässt den Leser tief hinabtauchen in die Gedankenwelt sowohl des 15jährigen, pubertierenden als auch des altersmilden Trond.
Die sorgfältig aufgebaute Geschichte zieht einen bereits nach den ersten Seiten in den Bann: einen guten Teil trägt die schöne, kraftvolle und unaufgeregte Sprache dazu bei, die Gefühle greifbar macht, ohne je in Pathos oder Sentimentalitt abzugleiten. Ein wunderbares Buch, dass mir zu einem der schönsten Leseerlebnisse dieses Jahres verhalf, allein schon wegen solcher Sätze:

„Es glänzte und blinkte wie tausend Sterne, wie die Miclhstraße, irgendwann im Spätherbst vielleicht, wenn sie schäumend vorbeirauscht und sich wie ein endloser Strom durch die Nacht schlängelt, und du liegst bisweilen in der großen Dunkelheit am Fjord, den Felsen hart im Rücken, und starrst nach oben, bis die Augen schmerzen, und spürst das Gewicht des Weltalls in all seiner Breite auf deiner Brust, bis zu kaum noch atmen kannst oder aber hochgehoben wirst und wie ein Staubkorn aus Menschenfleisch in einem endlosen Vakuum verschwindest und nie mehr zurückkehrst. Allein daran zu denken war ein wenig wie zu verschwinden.“ (Zitat s. 131)
„Du entscheidest selbst, wann es wehtut“, sagte er, war mit einem Mal ganz ernst, ging zur Hütte, faßte die brennenden Pflanzen mit nackten Händen und begann sie ganz ruhig eine nach der anderen auszureißen und auf einen Haufen zu werfen, und er hörte nicht eher auf, bis er alle ausgerissen hatte. Nichts an seinem Gesicht verriet, daß es wehtat … (Zitat: S. 33)

Wer gerne skandinavische Gegenwartsliteratur mag, vielleicht gar „Sehnsucht nach Sibirien“ vom gleichen Autor schon gelesen hat, dem sei dieses besondere, von Ina Kronenberger ins Deutsche übersetzte Buch, das zwischen den Zeilen leuchtet, wärmstens empfohlen. Dank auch an Dina, über deren schönes Weblog
The World according to Dina
ich auf dieses Buch gestossen bin.

34 Kommentare zu “Pferde stehlen : Roman / Per Petterson

  1. Pingback: Rezension: Per Petterson, Pferde stehlen | Leipzig.Lebensmittel.Punkt.

  2. Pingback: Wasser, Wellen, Wogen und Pferde stehlen – Linolschnitt von Susanne Haun « Susanne Haun -> Drawing -> Zeichnung -> Dibujo -> 水彩画

  3. Hallo

    Du hast mich, da du mich hier her auf deinen Blog gelotzt hast direkt neugierig auf dieses Buch gemacht. Hört sich auf jeden Fall wirklich 1.interessant an & 2. sieht das Cover auch nicht schlecht aus. Ist was uriges. Ich werde sehen was ich so als nächstes lesen werde. Da ich gern Bücher lese werde ich sehen was als nächstes ins Haus steht. Also abwarten & Tee trinken. Liebe Grüße

    PS: Freue mich daher schon auf den nächsten Eintrag.

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    • Hallo und vielen Dank für Deinen Kommentar.
      Das Buch lohnt sich wirklich und berührt einen auf besondere Weise – sehr schön ist vom gleichen Autor „Sehnsucht nach Sibirien„. Weitere Rezensionen kommen natürlich laufend (demnächst auch wieder über ein Buch des genannten Autors) – und ich hoffe, für Dich ist immer was dabei.
      Herzlich grüsst
      Jarg

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  4. Vielen Dank für diese Buchbesporechung. Ich freue mich jeden Abend aufs Ins-Bett-gehen, denn Belletristik lese ich ausschließlich im Bett.
    „Pferde stehlen“ ist ein wunderbares Buch, und ich werde es demnächst auf meinem Blog auch empfehlen.
    Herzlichen Dank!
    Viele Grüße
    Renate
    P. S.: „Im Kielwasser“ habe ich mir eben auch bestellt.

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    • Hallo Renate,
      gern geschehen. Ich habe auch schon das nächste von ihm hier liegen. Sehnsucht nach Sibirien ist übrigens auch sehr gut.
      Ich lese überall Belletristik, in jeder Lebenslage, in Zügen, U-Bahnen, Bussen, in Wartehäuschen, Cafes … aber klar, auch im Bett. Ohne noch ein paar Minuten zu lesen geht es eigentlich nicht …
      Viele Grüsse von
      Jarg

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      • Danke, werde ich mir gleich bestellen. Heute kam übrigens „Ich verfluche den Fluss der Zeit“. Freue mich schon auf die Lektüre.
        Winterliche Grüße vom Ammersee – Renate

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      • Noch ein Petterson, den ich lesen möchte. Aber erstmal Vindings Spiel von Ketil Bjørnstad.
        Aus dem kalten Hamburg grüsst herzlich
        Jarg

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  5. mich, als alter Skandinavienfan, freut es einen norwegischen Schriftsteller hier kennenzulernen, den ich nicht kenne, nicht dass ich viele kennen würde … vielen Dank dafür, das Buch kam auf meine Liste, ebenso der Halbbruder, danke
    herzliche Grüße Ulli

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    • Gern geschehen und viel Freude bei der Lektüre. Ich entdecke zum Glück immer wieder schöne skandinavische Romane – und hoffe, an dieser Stelle demnächst weitere vorstellen zu können.
      Herzlich grüsst
      Jarg

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      • Das hoffe ich doch auch! 🙂
        Sag mal, lieber Jörg, kennst du „Vindings Spiel“ von Ketil Bjørnstad?
        Dieses wunderbare Buch hat Dieter Wunderlich auf seine Top 5 Glücksgefühlsbuchliste gesetzt

        http://toffeefee.wordpress.com/2012/03/21/5-glucksgefuhlsbucher-die-wir-nicht-so-schnell-vergessen/

        Für den Fall, dass du es nicht gelesen hast… Die Buchfeen haben eine Idee:Was hältst du davon, wenn ich dir das Buch jetzt schicke und du schreibst irgendwann im Neuen Jahr eine Gastrezension auf The World according to Dina?
        Klingt das nach einer vielversprechenden Zusammenarbeit? 🙂

        Herzliche Grüße
        Dina

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      • Hallo Dina,
        mir scheint, ich hätte schon etwas von Bjørnstad gelesen, bin aber nicht sicher. „Vindings Spiel“ klingt jedenfalls auch verlockend – und die Liste zu lesender skanidinavischer Autoren wächst weiter 😉
        Herzlich grüsst
        Jarg

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      • Ah, den zweiten Teil hätte ich auch noch lesen sollen, aber mein Explorer zeigt beim Schnelldurchguck der Kommentare immer nur die Hälfte an. Das mit dem Schicken ist eine schöne Idee – ich habe den Titel aber eben nebenbei schon im leihverkehr bestellt. Die Gastrezension, die absolut nach einer vielcversprechenden Zusammenarbeit klingt, schreibe ich natürlich trotzdem gerne 😉
        Herzlich grüsst
        der Jarg

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      • Lieber Jarg,
        ich finde gerade keine E-mailadresse von dir, darum schreibe ich hier…
        Ich habe gerade bei Susanne gelesen, du möchtest „Vindings Spiel“ hier und nicht auf den Dinablog vorstellen, habe ich das jetzt richtig verstanden? Das ist natürlich völlig Ok, aber ich müsste es schnell erfahren, da Susanne Skizzen als Illustration für deinen Text auf meinem Blog vorbereitet.
        Herzliche Abendgrüße aus dem fast stürmischen Norfolk
        Dina

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    • Gut vorgelesen kann ich mir „Pferde stehlen“ auch gut vorstellen, obwohl ich nicht so viele Hörbücher höre. Ich freue mich jedenfalls schon auf weitere Bücher von Petterson …
      Herzlich grüsst
      Jarg

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  6. Ichh abe das Buch auch gelesen und fand es auch ganz wunderbar. Ich würde auch lieber mehr „normale“ skandinavische Literatur, statt nur Krimis lesen. Lieben Gruß und vielen Dank für die tolle Rezension!

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    • Danke für das Kompliment.
      Ich hatte eine sehr intensive Phase mit skandinavischen Krimis – und dabei auch „normale“ Bücher von Krimiautoren entdeckt … da scheint noch ein weites Feld an literarischen Entdeckungen zu liegen, über die ich dann gerne wieder berichte …
      Liebe Grüsse von
      Jarg

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  7. Hallo Jarg,

    zuerst muss ich gestehen, dass ich zeit meines Leselebens nur ganz selten zu skandinavischen Autoren gegriffen habe, die keine Krimis schreiben. Das letzte Buch aus dem hohen Norden war der Gedichtband von Tomas Tranströmer, anlässlich seines Gewinns des Nobelpreises für Literatur. Er war mir davor kein Begriff, was mir wieder einmal gezeigt hat, wie fixiert ich auf gewisse Literatur aus gewissen Ländern bin. Auch eine Art von Borniertheit, wie ich finde. Umso dankbarer bin ich, wenn mir sachkundige Menschen durch schöne Buchvorstellungen mit leichtem Zwang die Augen öffnen.
    Der EInband dieses Buches fiel mir schon seit einiger Zeit in Buchhandlungen ins Auge, jetzt wird es Zeit, diesem Autor einen Lesebesuch abzustatten.

    Liebe Grüße

    Achim

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  8. Ich bin gerührt. Herzlichen Danke für diese tolle Rezension, jetzt bekomme ich Lust das Buch erneut zu lesen. 🙂

    Auch ganz lieben Dank für die Erwähnung,meines Bloges.

    Liebe Grüße
    Hanne

    P.S.
    Kennst du „Der Halbbruder“ von Lars Saabye Christensen?

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    • Ich hoffe es ist okay, wenn ich auch auf deine Frage antworte. 😉 Ich habe „Der Halbbruder“ vor einigen Jahren gelesen und sehr sehr sehr geliebt. Ein wirklich tolles und empfehlenswertes Buch, das einen ganz besonderen Platz in meinem Bücherherzen hat.

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    • Hallo Hanne,
      keine Ursache: gute Blogs wie Deinen erwähne ich immer gerne.
      das Buch von Christensen kenne ich noch nicht. In der Bibliothek meines Vertrauens ist es aber bereits ausleihbar. Eins, zwei, drei … jetzt nicht mehr 😉
      Liebe Grüsse von
      Jarg

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  9. Oh, herzlichen Dank für diese fantastische Besprechung, die mir Lust darauf macht, das Buch sofort in die Hand zu nehmen. Ich habe es bereits im Regal stehen, genauso wie „Im Kielwasser“, nur „Sehnsucht nach Sibirien“ kenne ich noch nicht, habe es mir aber gleich notiert. 🙂

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  10. Lieber Jarg,

    herzlichen Dank für diese treffende Rezension. Ich habe zwei Bücher von Per Petterson gelesen: „Pferde stehlen“ und „Im Kielwaser“. Beide haben mich fasziniert. Mit einer feinen Bedächtigkeit zieht der Autor den Leser in den Bann. Es ist schade, dass Petterson in Deutschland – und übrigens auch in England – nicht bekannter ist. Allerdings hat es ein skandinavischer Autor z.Zt. schwer, sich auf dem Buchmarkt zu behaupten, wenn er keine Krimis schreibt. Skandinavische Krimi-Autoren stellen alle anderen Autoren Skandinaviens unberechtigt in den Schatten.

    Liebe Grüße von der Küste Norfolks
    Klausbernd

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    • Lieber Klausbernd,

      wenn Dir die genannten Titel gefallen haben, mag auch „Sehnsucht nach Sibirien“ etwas für Dich sein.
      Zum Glück findet sich immer wieder die eine oder andere literarische, krimiferne Entdeckung unter den zahllosen skandinavischen Übersetzungen – aber es gäbe bestimmt noch mehr, wenn diese Perlen hier mehr bekannt wären und geschätzt würden.

      Liebe Grüsse aus dem tautropfnassen, grauen Norddeutschland von

      Jarg

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