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Factfulness : wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist / Hans Rosling mit Anna Rosling und Ola Rosling

Ich streite keineswegs ab, dass es akute globale Risiken gibt, um die wir uns kümmern müssen. Ich bin kein Optimist, der die Welt durch eine rosarote Brille sieht. Ich versuche nicht, zur Ruhe zu kommen, indem ich meine Augen vor Problemen verschließe. (S. 285)

Ich fordere Sie nicht dazu auf, sich keine Sorgen zu machen. Aber ich fordere Sie dazu auf, sich über die richtigen Dinge Sorgen zu machen. Ich sage nicht, dass Sie keine Nachrichten anschauen oder die Handlungsaufforderungen der Aktivisten ignorieren sollen. Ich fordere Sie dazu auf, nicht auf das Rauschen zu hören, aber die globalen Risiken im Auge zu behalten. Ich sage nicht, dass Sie keine Angst haben sollen, aber ich sage, dass Sie kühlen Kopf bewahren und die globalen Kooperationen unterstützen sollten, die wir jetzt brauchen, um diese Risiken zu reduzieren. Kontrollieren Sie all Ihre dramatischen Instinkte. Lassen Sie sich weniger von den imaginären Problemen einer überdramatisierten Welt stressen und seien Sie dafür wachsamer gegenüber den realen Problemen und den Möglichkeiten, sie zu lösen. (S. 290)

Wenn man die Nachrichten verfolgt oder sich in den steten Neuigkeitenstrom der Social Media stürzt, kann man ein überaus negatives Bild unserer Gegenwart bekommen. Überall scheint es bergab zu gehen, scheinen Demokratie, Gesundheit, Wohlstand und Frieden massiv bedroht zu sein. Doch ist das tatsächlich so? Ist in den letzten Jahren alles immer schlechter geworden? Hans Rosling, der 2017 verstorbene, weltweit anerkannte Professor für Internationale Gesundheit und Gründer der Gapminder-Stiftung, will uns mit seinem Buch die Augen dafür öffnen, wie die Welt tatsächlich ist. Dabei deckt er auf, dass wir alle nicht nur von irrationalen Ängsten geleitet werden, die sich durch die Nachrichtenlage speisen, sondern wir trotz breitem Zugang zu Informationen ein völlig unrealistisches Bild der Welt und ihres Zustandes haben.

Der „Possibilist“ Rosling, der mit seinen auch auf Youtube abrufbaren TED-Talks für Furore sorgte, zeigt anschaulich, dass die Welt sehr viel besser ist, als wir gemeinhin denken, da unser Gehirn zu einer dramatisierenden Weltsicht neigt. Die Antworten auf Fragen nach beispielsweise der Grundschulbildung in Ländern mit niedrigem Einkommen, nach Lebenserwartung, Bevölkerungswachstum, dem Anteil von Menschen in extremer Armut oder anderen sozioökonomischen Indikatoren werden dabei in vielen Ländern grundsätzlich falsch beantwortet und deuten auf eine Weltsicht hin, die mit den tatsächlichen Fakten nicht übereinstimmt. Und diese Fakten sind beeindruckend, wie Rosling überzeugend nachweist: in vielen Bereichen hat sich das menschliche Leben auf unserem Planeten in den letzten Jahrzehnten massiv verbessert – nur das dies in der öffentlichen Wahrnehmung so gut wie keine Rolle spielt.

In zehn Kapiteln legt Rosling die Grüne dafür dar, die er Instinkte nennt und die von dem Instinkt der Kluft und der Angst über die Dimension und die Verallgemeinerung bis hin zu Schuldzuweisung und Dringlichkeit reichen. Dabei geht er auch kritisch mit Aktivisten um, die sich beispielsweise zu Recht gegen den Klimawandel engagieren, dabei aber statt nüchterner Analyse viel zu viel Dramatik ins Spiel bringen und das Gegenteil dessen bewirken, was sie eigentlich möchten. Kritisch sieht er auch die Rolle der Medien, die sich allzu oft auf die sich besser verkaufenden schlechten Nachrichten fokussieren.

Wie bereits in den TED-Talks illustriert Rosling seine Thesen mit anschaulichen Diagrammen und widerlegt auf überaus elegante Weise etliche Klischees, Meinungen und Fehlinterpretationen zur Weltlage: deutlich wird, dass wir in den letzten Jahren unglaublich viel erreicht haben zur Verbesserung der Lebenssituation von vielen Menschen – auch wenn es unstrittig ist, dass es weiter viel zu verbessern gibt. Roslings Ausführungen sind aber auch ein Plädoyer dafür, aufmerksam zu sein und aufgeschlossen gegenüber Fakten und veränderten Begebenheiten. Schon Kindern sollten wir Bescheidenheit und Wissbegierde beibringen: Bescheidenheit bezüglich des eigenen, möglicherweise beschränkten oder nicht mehr aktuellen Wissen, Wissbegierde bezüglich der Aufgeschlossenheit gegenüber Informationen, die die eigene Weltsicht verändern oder gar erschüttern können.

Bescheiden zu sein heißt zu begreifen, wie sehr es die Instinkte dem Menschen erschweren können, die Fakten richtig zu erkennen und richtig zu verstehen. Es bedeutet, eine realistische Vorstellung vom eigenen Wissen zuhaben. Es bedeutet, mit Freude sagen zu können: ‚Ich weiß es nicht“. Es bedeutet auch, dass man, wenn man sich eine Meinung gebildet hat, bereit ist, diese zu ändern, wenn sich neue Tatsachen ergeben. […] Neugierig zu sein bedeutet, aufgeschlossen zu sein für neue Informationen und sich aktiv darum zu bemühen. Es bedeutet auch, Fakten anzuerkennen, die nicht in die eigene Weltsicht passen, und ihre Bedeutung zu verstehen zu versuchen. Es heißt zuzulassen, dass die eigenen Fehler Neugier statt Beschämung hervorrufen. […]. Es ist sehr aufregend, neugierig zu sein, denn das bedeutet, das man immer wieder etwas Neues entdeckt. (S. 300)

Mit dem Buch leisten Rosling und seine Mitauoren einen überaus wertvollen, darüberhinaus sehr unterhaltsamen und gut lesbaren Beitrag in unserer von Fakenews, Desinformation und tiefsten Pessimismus geprägten Zeit. „Factfulness“ gehört nach meinem Empfinden zur Pflichtlektüre nicht nur für alle, die sich mit dem Thema Information beschäftigen, sondern für Entscheidungsträger, Politiker und Journalisten. Ein überaus empfehlenswertes, gut und mit Gewinn zu lesendes Buch, das ich wärmstens empfehle – nicht nur, aber auch, weil es einem eine etwas gelassenere Sicht auf unsere von hektischer Aufregung geprägten Zeiten ermöglicht.

2 Kommentare zu “Factfulness : wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist / Hans Rosling mit Anna Rosling und Ola Rosling

    • Sehr lesenswert und an vielen Stellen verblüffend. Erstaunlich, wie schlecht Menschen auch in gut entwickelten Länder informiert sind. Zum Glück wird seine Arbeit von der Gapmonder-Stiftung fortgeführt.

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