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Endurance : Mein Jahr im Weltall / Scott Kelly

Der 1964 geborene Scott Kelly ist ein schlechter Schüler und weiß zunächst wenig mit seinem Leben anzufangen: einzig bei seinen Einsätzen als Rettungssanitäter während der Highschool findet er Befriedigung und tiefe Motivation, schafft es aber nicht, sich mit entsprechenden Leistungen in der Schule für ein Studium zu qualifizieren. Schule langweilt ihn – und auch das Studium scheint er nicht durchstehen zu können, da er sich nicht auf den Unterricht konzentrieren kann. Heute sagt er, dass er vermutlich ADS hatte.

Erst als er Tom Wolfes „Die Helden der Nation“ liest, ändert sich etwas für ihn: das legendäre, 1983 verfilmte Buch über die amerikanischen Testpiloten, die in einer langen Kette von Erfolgen und Mißerfolgen nach dem Zweiten Weltkrieg Hochgeschwindigkeits- und Raketenflugzeuge testen und schliesslich das Mercury-Programm zum Erfolg führen, ändert etwas in ihm. Von diesem Tag an lernt er wie besessen und schafft es, sich gegen alle persönlichen und äusseren Widerstände schafft er es nach dem Studium der Elektrotechnik, bei der Navy zur Pilotenausbildung zugelassen zu werden, Düsenjäger zu fliegen und schliesslich sogar für die Landung auf Flugzeugträgern zugelassen zu werden.

Nach verschiedenen Einsätzen auf Flugzeugträgern wird er ebenso wie sein 6 Minuten älterer Bruder Mark Testpilot, macht einen Master im Bereich Luftfahrtsysteme und findet sich – von sich selbst überrascht – ebenso wie Mark tatsächlich 1996 in der 16. Astronautenanwärtergruppe der NASA wieder. Insgesamt vier Mal startet er ins All: einmal mit dem Shuttle Discovery zum Hubble-Teleskop, einmal mit einer Ausrüstungsmission der Endeavour als deren Kommandant zur ISS und schliesslich zwei Mal mit Sojus-Kapseln zur ISS.

Insbesondere die zweite, fast ein Jahr dauernde ISS-Mission wird in „Endurance“ ausführlich im Wechsel mit Kapiteln über Kellys Werdegang beschrieben. Kelly geht dabei sehr intensiv nicht nur auf die technischen Belange ein, sondern macht auch mehr als deutlich, wie sehr erfolgreiche Raumfahrt von der Kooperation vieler Menschen abhängt und welch grosse Bedeutung dem Zusammenhalt, aber auch der unbedingten Achtsamkeit im All zukommt. Nüchtern und mit grossem Respekt vor seinen Astronautenkollegen schildert er die besonderen Herausforderungen im All bezüglich ihrer Komplexität, der körperlichen und psychischen Belastung und allgegenwärtigen Gefahren.

Immer wieder spürbar ist die Faszination, das Staunen und die tiefe Dankbarkeit, an den internationalen Missionen mitwirken zu dürfen, aber auch die Erkenntnis, wie zerbrechlich und schützenswert das Leben auf der Erde vom All aus scheint. Dabei beschönigt Kelly nichts: weder das Unbill durch unzureichende CO2- Filterung auf der ISS, mühsame Toilettengänge und Muskelschwund noch die körperlichen Grenzen, an die Astronauten bei Langzeitmissionen geraten. Die viel beschworenen „Weltraumspaziergänge“ jedenfalls sind alles andere als ungefährliche Ausflüge und tatsächlich überaus gefährlich und anstrengend.

Sehr persönlich geht Kelly auch auf seine persönlichen Lebensumstände und seine Familie ein, zu denen die eigene Scheidung von seiner Frau Leslie, aber auch der für die Kellys als Kinder schwer erträgliche Alkoholismus der Eltern gehört. Die Kelly-Brüder sind überdies die ersten Zwillings-Astronauten, weshalb sie auch für Forschungen über die Folgen von Langzeitaufenthalten im All besonders interessant sind: so hat sich Scott Kellys DNA im Verhältnis zu der seines Bruders durch die längeren Aufenthalte im All bereits um 7% verändert.

Ein fesselndes Buch über die Raumfahrt der letzten 20 Jahre und ihre gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen, über die Faszination des Weltalls, die Chancen internationaler Zusammenarbeit. Zugleich ist Kelly ein bemerkenswertes Buch über den Lebensweg eines Astronauten gelungen, der trotz der ihm eigenen Nüchternheit nicht nur für die Raumfahrt zu begeistern vermag, sondern mit seinem Buch auch den Blick auf unsere zerbrechliche Biosphäre zu lenken weiss. Der einzigen, die wir haben.

2 Kommentare zu “Endurance : Mein Jahr im Weltall / Scott Kelly

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