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Mit Blick aufs Meer : Roman / Elizabeth Strout

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Crosby, eine muffige Kleinstadt an der Küste von Maine, fern der großen Städte und großen Ereignisse, provinziell und ein wenig verstaubt. „Mit Blick aufs Meer“ besteht aus dreizehn Erzählsequenzen, in denen über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten an den 1960er Jahren jeweils schlaglichtartig Blicke in das Leben und die Schicksale geworfen werden, die sich vor dem Hintergrund der meernahen Kleinstadtatmosphäre abspielen. Während die Zeit in den Geschichten fortschreitet, verändert sich der Blick: stehen die unförmige, große und ruppige Olive Kitterigde, Mathematiklehrerin, und ihr allseits geschätzter Ehemann und Apotheker, der feinsinnige Henry Kitteridge, in der ersten Erzählung im Mittelpunkt, so werden sie in der zweiten zu Nebenfiguren, um in weiteren Geschichten abermals aufzutauchen, verändert vom Leben, gezeichnet von Schicksalsschlägen, bereichert von glücklichen Momenten und doch immer noch voller Sehnsucht, voller Lebenshunger. Da wird ein junger Mann von Olive vor dem Selbstmord gerettet, in dem sie ihn so lange in ein Gespräch verwickelt, bis er von seinem Vorhaben ablässt. Da ist die einsame Alice, die nicht Musikerin werden durfte und jetzt, alternd und stets leicht alkoholisiert, ihre Abende als Barpianistin verbringt und die Nächte als Affäre eines lieblosen Stadtverordneten. Eine Großmutter muss mit der offen geäusserten Abneigung ihres Enkels leben.
Und die ruppige Olive findet als Witwe mit über siebzig Jahren Trost in den Atmen des alten Republikaners, der eigentlich nicht zu ihr passt: „Was doch die Jungen alles nicht wussten, dachte sie, als sie sich neben diesen Mann legte und er sie an der Schulter berührte, oh, was die Jungen alles nicht wussten. Sie wussten nicht, dass unförmige, alte, verschrumpelte Körper so hungrig waren wie ihre eigenen, festen Leiber; dass Liebe nicht leichtsinnig abgewiesen werden durfte, als wäre sie ein Törtchen auf einem Teller von Süßigkeiten, der immer wieder herumgereicht wird. Nein, wenn Liebe zu haben war, dann griff man entweder zu, oder man griff nicht zu“. Sie und der Witwer sind wie „zwei zusammengeklappte Scheiben Schweizerkäse“, voller großer, vom Leben gefressener Löcher. „Was hatten sie noch, außer einander … und was blieb, wenn nicht einmal darauf Verlass war?“
Elizabeth Strouts wunderbarer Roman „Mit Blick aufs Meer“ führt den Leser durch das Lebenskaleidoskop seiner Figuren wie einen Wanderer über eine Wiese, mal hier einen Stein hebend, mal dort in einer Senke schauend und das Leben in seiner Variationenen, seiner Schönheit, seiner Tiefen, seiner Endlichkeit und Tragik entdeckend. Dabei fühlt sich die Autorin vor allem in die Perspektive der im Roman älter werdenden Frauen ein, zeichnet sie als widersprüchliche, nicht immer freundliche und sympathische Menschen in all ihrem Widerspruch, mit ihren Ängsten, Verletzungen, kleinen Gehässigkeiten und großen Sehnsüchten.
„Mit Blick auf Meer“ ist ein hervorrragend komponiertes, melancholisches, doch niemals düsteres Buch, über die Tragik der menschlichen Existenz und die Liebe zum Leben. So wie sich im Leben der Protagonisten immer wieder jählings Spalten, ja Abgründe öffne, begegnen ihnen auch die seltenen, intensiven Momente, wenn das Leben wie ein Lichtstrahl in der Dunkelheit strahlt und man niemals davon lassen möchte. Denn wie heisst es in dem Buch, als eine Frau vor dem Ertrinken gerettet wird: „O aberwitzige, absurde, unbegreifliche Welt! Schau dir an, wie sehr sie leben will, schau dir an, wie eisern sie festhält.“ Ein Buch, das seine Leserinnen und Leser bis zum Schluss in Bann hält – und lange und intensiv nachwirkt.

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