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Zazie in der Metro / Raymond Queneau


„Eine Stechmücke flog in den Lichtkegel einer Straßenlaterne. Sie wollte sich erwärmen, bevor sie neue Häute stach. Es gelang ihr. Ihr ausgeglühter Körper fiel langsam auf den gelben Asphalt“ („Zazie …“, S. 167,168)
Jeanne Lalochère besucht mit ihrer zehnjährigen Tochter Zazie Paris. Um sich in Ruhe mit ihrem Liebhaber treffen zu können, gibt sie Zazie in die Obhut ihres Onkels Gabriele. Dort lernt sie erstmal das Umfeld ihres vorgeblich als Nachtwächter, tatsächlich aber einer weitaus seltsameren Arbeit nachgehenden Onkels kennen: seine sanfte Gefährtin Marceline, den Kneipier Turandot und seinen nervigen Papagei Laverdure, die Kellnerin Mado Ptits-pieds, sehr verehrt von Charles, dem Taxifahrer mit dem schrottigen Taxi, und den grummeligen Schuster Gridoux.
Zazie hat nur einen Wunsch: Metro fahren. Aber die Metro wird gerade bestreikt. Zazie büxt aus, um Paris allein zu erkunden, schüttelt gewitzt ihren Verfolger Turandot ab, luchst einem eigenartigen „Onkel“ namens Pedro Surplus eine „Cacocalo“ und eine „Bludschins“ ab, landet aber schliesslich doch wieder bei Gabriele, denn Pedro Surplus, der sich im Fortgang der Handlung auch andere Namen geben wird, gibt sich als Polizist aus und bringt sie zurück.
Fortan gewinnt die Handlung einiges an Dynamik, denn nicht nur der Beruf Gabriels als Travestietänzer in einer Schwulenbar kommt ans Licht: gemeinsam mit Charles will er jetzt Zazie die Stadt zeigen – und es beginnt eine abenteuerliche „Tour de force“ durch das Paris der späten 50er Jahre. Dabei geht es bald längst nicht mehr nur um die Frage, ob Gabriele gar „hormosechsuell“ veranlagt ist: Die Begegnung mit einer busreisenden Touristengruppe unter Führung von Fédor Balanovitch führt bald zu einer wilden Jagd durch die Straßen, denn die kurz vor der Abfahrt nach Gibraltar stehenden Touristen entführen den eloquenten Gabriele begeistert, um sich von ihm Paris zeigen zu lassen, verfolgt von Zazie, der liebessehnsüchtigen Witwe Mouaque und Trouscaillon alias Pedro Surplus, von dem der Leser immer noch nicht weiss, ob er Polizist oder Sittenstroch oder beides zugleich ist. Der Abend führt nach Gabrieles Tanz als sterbender Schwan zu einer Zwiebelsuppe am Place Pigalle, um hernach in einer wüsten Kneipenschlägerei zu enden, die von der Polizei brutal beendet wird. Die Helden fliehen, und Zazie fährt am Ende doch noch mit der Metro, verschläft aber die Fahrt und weiss am Ende ihrer Mutter von ihren Pariser Erfahrungen an diesem langen Wochenende nur eines zu berichten: „Ich bin älter geworden“!
Wer „Zazie in der Metro“ in der immer noch kongenialen Übersetzung von Eugen Helmlé liest, braucht keine logische und stringente Handlung zu erwarten. Stattdessen führt einen dieses Buch auf eine aberwitzige Reise durch das Paris der 50er Jahre, dessen vermeintliche lokale Identifikationspunkte aber durch Streitereien zwischen Gabriele und Charles, ob es sich etwa bei einem Gebäude um den Parthenon handelt, permanent in Frage gestellt werden. Eben dies macht der ganze Roman, der Wirklichkeiten verzerrt und vermeintliche sicher geglaubte Tatsachen in ihr Gegenteil verkehrt. Mit Elementen des Surrealismus, extrem körperlicher Komik und überaus eloquentem, grotesk überzeichnendem und frechem Sprachwitz wird „Zazie“, als klassischer Roman beginnend, zu einer Parodie auf den Roman und auf seine eigene Geschichte.
Man liest „Zazie“, das heute zu den Klassikern der französischen Literatur zählt, gleichsam atemlos, gebannt von der aberwitzigen Formulierungskunst Queneaus, die allerdings in der deutschen Übersetzung nach Meinung eines Teils der Kritiker an Schwung verloren hat. Wenn dem so ist, wie furios ist dann „Zazie“ im franzöischen Original? Die Verfilmung von Louis Malle, in Deutschland leider sprachlich von der Zensur verstümmelt, wurde jedenfalls von Francois Truffaut, Eugene Ionesco und Charlie Chaplin hoch gelobt. Und so sollte man auch die literarische Vorlage lesen: als genialen literarischen Slapstick, Spiel der Identitäten und wunderbare Komödie in einem Paris, das es so heute nicht mehr gibt.

4 Kommentare zu “Zazie in der Metro / Raymond Queneau

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