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Wie soll ich leben? oder Das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten / Sarah Bakewell. Aus dem Englischen von Rita Seuß

„Wir bestehen alle nur aus buntscheckigen Fetzen, die so locker und lose aneinanderhängen, dass jeder von ihnen jeden Augenblick flattert, wie er will“ (aus: Montaigne: Essais. Ziziert nach Bakewell, Sarah: Wie soll ich leben?, S. 312).

Bei der Lektüre der letzten Monate ist mir Montaigne immer wieder begegnet, etwa in Stephen Greenblatts fulminantem Buch „Die Wende : wie die Renaissance begann“. Doch noch immer habe ich die Essais von ihm noch nicht gelesen, obwohl ich das sichere Gefühl habe, dass sie eine unvergessliche Lektüre bereiten werden.
Sarah Bakewell hat sich Montaigne und damit den Essais auf ungewöhnliche Weise angenähert und macht damit einmal mehr Lust, diesen von jeder Generation neu und anders für sich entdeckten Autor und sein berühmtes Werk endlich zu lesen. Dabei gelingt es ihr auf bemerkenswerte Weise, den Leser intensiv und plastisch in das Leben Montaignes und in seine Zeit zu entführen und gleichzeitig in die Essais einzuführen, in ihre Entstehungsgeschichte, ihre verschiedenen, umfänglich wachsenden Ausgaben, die Verleger und Herausgeberkontroversen in den Jahrhunderten nach Montaignes Tod sowie ihre Rezeption bis in die heutige Zeit.
Gerade beim säkularen Skeptiker und Humanisten Montaigne ist das Werk von seinem Leben und seiner für seine Zeit besonderen Art, die Welt zu betrachten, kaum zu trennen. Die Essais, die zugleich einer neuen Literaturgattung ihren Namen gaben, sind geprägt von Subjektivität und Zweifeln, von einer zutiefst skeptischen, undogmatischen Weltsicht, die alle Autoriäten ablehnte und die eigene Erfahrung und das eigene Urteil betonte. Bakewell verschränkt geschickt in zwanzig Kapiteln die Reflexionen der Essais und die Stationen im Leben ihres Autors. Fasziniert sehen wir einen Menschen, der sich in einer Zeit der Religionskriege Unabhängigkeit und innere Freiheit bewahrte, sich durch hohes diplomatisches Geschick auszeichnete und sich trotzdem von den Zeitläuften nicht durch eine Weise vereinnahmen liess, die seine liberale, die menschliche Überheblichkeit geringschätzende Haltung erschüttert hätte.

„Wir suchen andere Lebensformen, weil wir die unsere nicht zu nutzen verstehen; wir wollen über uns hinaus, weil wir nicht erkennen, was in uns ist. Doch mögen wir auf noch so hohe Stelzen steigen – auch auf Ihnen müssen wir mit unseren Beinen gehen; und selbst auf dem höchsten Thron der Welt sitzen wir nur auf unserem Arsch“ (aus: Montaigne: Essais. Zitiert nach. a.a.O., S. 167)

Trotz der kriegerischen Zeiten verschanzte sich der Weingutbesitzer, zeitweilige Bürgermeister, Reisende und Liebhaber Montaigne nie, sondern liess selbst in den Kriegswirren sein gastfreies Haus offen und zeigte damit eine Unerschrockenheit, die dazu beigetragen haben dürfte, dass selbst seine Gegner ihm Respekt entgegenbrachten. Seine Haltung war davon geprägt, über den Tellerrand zu schauen, sich in der Weltsicht des anderen, fremden zu spiegeln und so den Blick für die eigenen Unzulänglichkeiten und Eigentümlichkeiten zu öffnen. Bakewell führt uns so tief hinein in das Leben Montaignes und sein Denken vor dem Hintergrund seiner Zeit, dass man sich ihm unwillkürlich nahe fühlt. Dabei fliessen in die einzelnden Kapitel, die als Überschriften Montaignes mögliche Antworten auf die titelgebende Frage geben (Wie etwa: „Habe keine Angst vor dem Tod!“, „Lebe den Augenblick!“, „Stelle alles in Frage!“ oder „Erwache aus dem Schlaf der Gewohnheit“), auch die Rezeptionen der Essais ein, deren Bandbreite von den Zeitgenossen bis hin zu Menschen der Gegenwart reicht. Geschickt macht Bakewell so en passant deutlich, was die Faszination von Montaigne ausmacht, warum er von jeder Generation auf ihre eigene Weise entdeckt, geschätzt oder kritisiert wird – und das gerade diese Eigenschaft der Essais, ihre mäandernde, radikal subjektive Position, die sich von einem untersuchten Gedanken durch zahllose abschweifende Windungen entfernt, um sich ihm am Ende – vielleicht – zu nähern, den besonderen Reiz der Buches aus.

„Dafür habe ich auf der ganzen Welt bisher kein ausgeprägteres Monster und Mirakel gesehn als mich selbst. Zeit und Gewöhnung machen einen mit allem Befremdlichen vertraut; je mehr ich aber mit mir Umgang pflege und mich kennenlerne, desto mehr frappiert mich meine Ungestalt, desto weniger werde ich aus mir klug.“ (Montaigne: Essais. Ziziert nach Bakewell, Sarah: Wie soll ich leben?, S. 194).

Deutlich wird auch an solchen Zitaten (in diesem Fall gemünzt auf die vermeintliche , fest umrissene Individualität des Menschen, die heute von der modernen Hirnforschung ebenso negiert wird wie der Mythos des freien Willens), wie weit Montaigne seiner Zeit voraus war und sich trotz notwendiger Anpassungen gedanklich von ihr emanzipiert hatte. Einen großen Einfluss hatten dabei die antiken Philosophen, insbesondere die Stoiker und Skeptiker. So wurde Montaigne, der von sich selbst keine fest umrissene Vorstellung hatte und sich stets von neuem seinen Gedanken und Erlebnissen anverwandelte und viele Gesichter zeigte, zum ersten Individualisten der Literatur, der subjektiv, ungefiltert und in teilweise sehr direkter Sprache aus seinem Leben und seinen Gedanken berichtet und darin nicht nur seine Zeit spiegelt, sondern auch essentielle Gedanken zum Mensch- und Auf-der-Welt-sein, die von zeitloser Kraft und Tiefe sind und von jedem neu und auf eigene, subjektive Weise entdeckt werden können.

Doch Montaigne war für viele seiner Zeitgenossen und nachfolgende Generationen auch eine Herausforderung, sah man in ihm doch einen haltlosen Libertin, einen positionslosen Diplomaten, einen Skeptiker, der Fels gewordene Überzeugungen in Frage stellte und den Menschen näher beim Tier sah, als es vielen lieb war und ist.

„Montaigne zählt zu den Autoren, die nur sehr schwer angreifbar sind. Es ist, als würde man versuchen wollen, einen Nebel durch Handgranaten zu zerstreuen. Denn Montaigne ist Nebel, Gas, Flüssigkeit, ein heimtückisches Element. Er argumentiert nicht, er schmeichelt sich ein, bezaubert und überredet, und wenn er argumentiert, muss man aufpassen, dass er nicht einen ganz anderen Plan verfolgt. (T. S. Eliot über Montaigne. Zitiert nach: Sarah Bakewell, a.a.O., S. 163)

Bakewell ist die Begeisterung für Montaigne anzumerken, doch sie geht nicht mit ihr durch. Langsam, fast behutsam für sie uns ein in die Zeit Montaignes und seine ersten Lebensjahre, um schliesslich abzutauchen in sein Leben und sein Werk mit Zitaten, mit eigenen und fremden Reflexionen wie in einen Bach, der zu einem kraftvollen Fluss wird. Montaigne nahm nicht von dem, was er schrieb, für eine unumstößliche Wahrheit und überliess seinem Leser, sich in Verbidnung mit seinem eigenen Leben ein Urteil zu bilden, ihm zu folgen, ihn abzulehnen oder neue Gedanken zu entwickeln. Bakewell schafft es, uns diesen fasziniernenden Mann und sein nach bald 500 Jahren immer noch fesselndes Werk so nahe zu bringen, als wäre er unser Zeitgenosse. Ihre zwanzig Leitsätze Montaignes umreissen seine Lebenshaltung, geben Anregung für die eigene und machen Lust darauf, noch mehr von ihm zu erfahren.
Und so beendete ich dieses Buch bereichert und beglückt und im festen Vorsatz, nun endlich, endlich die Essais zu lesen und Montaigne und seinen Gedanken noch näher zu kommen.

„Das Leben muss […] auf sich selber gerichtet sein, sich selber wollen“ (Montaigne: Essais. Ziziert nach Bakewell, Sarah: Wie soll ich leben?, S. 312).

11 Kommentare zu “Wie soll ich leben? oder Das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten / Sarah Bakewell. Aus dem Englischen von Rita Seuß

  1. Pingback: Lektürenotizen und eine Frage | Philea's Blog

    • Danke, liebe Philea, für das Rebloggen und die Erwähnung dieses feinen Buches, das Dir ganz offensichtlich gefallen hat. Die Essais warten ja leider immer noch auf mich und die Leselust darauf ist ungebrochen: allein, ich habe die schöne und schön übersetzte Riesenausgabe hier, die mir abends im Bett auf die Nase fallen würde, im Zug doch etwas zu sehr die Tasche belasten würde und als Vorleselektüre für die Kinder noch nicht so richtig geeignet ist. Schätze, ich lege mir mal die Manesse-Ausgabe zu 😉
      Liebe Grüsse von
      Jarg

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  2. Eine unheimlich reizvolle Buchvorstellung, die vor allem aufgrund der schön ausgewählten Zitate Lust auf mehr macht. Bei mir hat sich beim Lesen deiner Besprechung eine Bildungslücke aufgetan, da ich noch nie über dieses Buch oder auch Montaigne selbst gestolpert bin. An dieser Tatsache möchte ich nun schnellstmöglichst etwas ändern. 🙂

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  3. hochinteressant!

    ich meine, dass die essays von montaigne, ebenso wie die gedanken von pascal etwa oder auch die selbstbetrachtungen von marc aurel ja nicht bücher in dem sinne sind, dass du sie von vorne bis hinten „durchliest“ …
    insofern hat mann solche bücher ja nicht „vor sich“ zu lesen, sondern sie sind lebensbegleiter (jedenfalls geht es mir so), d.h. genau, sie begleiten mich tatsächlich durch mein leben, insbesonders jene drei, schon immer…und das ist ganz großartig so!

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    • Ganz sicher sind die Essais etwas, was man nicht nur einmal liest und dann wieder wegstellt (möglichst nicht neben Pascal, der konnte Montaigne und seinen Skeptizismus nicht ausstehen – und man weiß ja, wozu streitende Bücher imstande sind). Marc Aurel steht bei mir auch noch auf der Liste und liegt gewissermaßen schon bereit – was Helmut Schmidt so beeindruckt hat, kann nicht verkehrt sein 😉

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    • Danke für das Kompliment 🙂
      Die Kategorie Musik ist in letzter Zeit ein wenig zu kurz gekommen, aber die nächsten musikalischen Rezensionen sind in Vorbereitung …
      Viel Spaß auf Jargsblog (hoffentlich weiter mit allen Reglern auf „Follow“) und herzliche Grüsse!
      Jarg

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  4. schön, dein beitrag über montaigne. ich habe die essays von ihm bei mir auf dem tisch liegen und schau da immer wieder zwischendurch herein — und jetzt bin ich natürlich auf deine angekündigte besprechung neugierig!

    lg
    fs

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    • Hallo lieber Flattersatz,
      Montaignes Essais sind jetzt auf jeden Fall fällig – zu oft bin ich ihm in allerlei Zusammenhängen begegnet. Allerdings wird es noch etwas dauern, denn erstens wartet ab morgen Mark Twains Autobiographie in der Onleihe auf mich und meinen frisch erworbenen E-Book-Reader … und zweitens möchte ich die schöne, gedruckte Ausgabe der Essais aus der Anderen Bibliothek lesen – und die ist so schön, dass sie nicht regionalexpresstauglich ist.
      Daher bitte ich um ein wenig Geduld – die nächsten freien Tage kommen bestimmt …
      Liebe Grüsse zum Wochenende von
      Jarg

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  5. Liebe Dina,
    gern geschehen. Jetzt müssen natürlich die Essais bald folgen – ich freue mich schon auf die Lektüre!
    Herzliche Grüsse aus Hamburg von
    Jarg

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