Startseite » Bücher » Opas Eisberg : auf Spurensuche durch Grönland / Stephan Orth

Opas Eisberg : auf Spurensuche durch Grönland / Stephan Orth

„Für uns war Grönland eine Offenbarung. […]. Und zu dem, was uns, oder wenigstens mir da offenbar wurde, gehört die klare Erkenntnis, dass wir, die wir uns als Kulturträger für weise halten, mit unserem Prinzip des ‚Immer schneller‘ und ‚Immer mehr‘ zu Narren geworden sind. Dadurch, dass es zehnmal geschwinder geht, dass wir an einem Tag zehnmal so viel hören, sehen und treiben können, meinen wir wohl den Lebensinhalt zu verzehnfachen. Wenn nun aber der Eindruck im gleichen Masse dürftig wird, als er flüchtiger ist? Was ist da gewonnen? […] Wenn die Eindrücke, die auf uns eindringen, zehnmal schneller daherstürmen, so wird dafür ihre Wirkung um das zehnmalzehnfache geringer. Und das Ergebnis ist dies, dass, je hastiger wir leben, um so ärmer werden.“ (Alfred de Quervain, Ergebnisse der deutsch-schweizerischen Grönlandexpedition 1912-1913. Zürich 1920. Zitiert nach Stephan Orth, Opas Eisberg. – 2013. S. 196)

In vielen Familien gibt es Dinge, die mit Erinnerungen aufgeladen sind, von Generation zu Generation mit ihren Geschichten weitergegeben werden und manchmal um eine Geschiche reicher werden. Seltener finden sich Gegenstände, die mehr sind, in denen sich die Vergangenheiten der Familie ebenso spiegeln wie die Zeitläufte. Manchmal aber überstrahlen die in einem Gegenstand konservieren Zeitläufte sogar ein wenig die Erinnerungen an längst verblichene Familienmitglieder. Der Zauber aber liegt immer in der besonderen Qualität des Gegenstandes und nicht in der Masse an Dingen, die wir aus vergangenen Familienzeiten horten.

Viele Jahre liegt es da, „in Büchlein in tarnfarbengrauem Leineneinband, direkt neben der Urne, direkt neben Opa“. Dann, 49 Jahre nach dessen Tod, nimmt der Journalist Stephan Ort das Buch in die Hand, beginnt es zu lesen und fühlt sich rasch in die Vergangenheit versetzt, als näme er selbst an der Reise teil, von der sein Großvater, der Architekt Roderick Fick berichtet.

Fick war im Jahr 1912 Teilnehmer einer schweizerischen Grönlandexpedition Alfred de Quervains, die zum ersten Mal das mittelgrönländische Inlandeis von Ilulissat nach Ammassalik durchquerte und dabei eine längere Strecke zurücklegte als Fridtjof Nansen 1888 durch Südgrönland. Fick, der später im nationalsozialistischen Deutschland eine durchaus problematische Rolle als zeitweiliger Lieblingsarchitekt Hitlers einnahm, war dabei für die Vermessung und die Kartographie zuständig.

Stephan Orth ist schnell fasziniert von dem Expeditionsbericht, informiert sich auch aus anderen Quellen über die Expedition und reist schliesslich 2011 mit seinen Eltern zum ersten Mal nach Grönland. Schon bald kristallisiert sich die Möglichkeit einer erneuten Durchquerung heraus unter der Führung des deutschen Vermessungswissenschaftlers Wilfried Korth. Neben der Reise auf den Spurehn der Grönlandexpedition von 1912 hat die geplante Mission durchaus auch einen wissenschaftlichen Auftrag, sollen doch die Vermessungsergebnisse von 1912 mit aktuellen Daten abgeglichen werden, um etwa Daten über die Folgen des Klimawandels für die Dicke des grönländischen Eispanzers zu gewinnen.

Nach einigem Training unter anderem in den Alpen und in Norwegen brechen die vier Expeditionsteilnehmer auf, ausgerüstet mit modernstem Material, Messinstrumenten und mit dem alten Tagebuch im Gepäck. Statt auf Hunde zu setzen wie 1912, sollen die Schlitten von den Teilnehmern selsbt über das Eis gezogen werden.

Doch die Expedition scheitert, weil zwei der teuren Schlitten schon nach kurzer Zeit so stark beschädigt sind, dass man den Abbruch beschliesst und in einer weiten Schleife zum Schlusspunkt der Expedition von 1912 aufbricht. Dort haben sich damals Dramen abgespielt: die aus Westgrönland mitgebrachten Hunde durften, um Seuchen zu verhindern, nicht in den Osten Grönlands eingeführt werden, weshalb hier auch die letzten von ihnengetötet werden mussten. Lediglich vier überlebten einige Zeit, ausgesetzt auf einer Insel.

Stephan Orth verschränkt in seinem Buch geschickt seine Reiserlebnisse von 2011 und 2012 mit den Berichten aus Ficks Tagebuch und anderen Recherchen und Aufzeichnungen (unter anderem denen von Alfred de Quervain). So entsteht nicht nur ein faszinierender aktueller Einblick in die Natur Grönland und ihren Zauber, sondern auch ein eindrucksvoller Bericht über die Strapazen und extremen klimatischen Bedingungen, denen man bei einer solchen Reise ausgesetzt ist. Geschickt sind die Erfahrungen von 1912 denen von 2012 gegenübergestellt: so erfahren wir, wasExpeditionen damals von denen heute unterscheidet und was sich immer noch gleicht. Mit großem Respekt begegnet Orth dabei der Leistung seines Großvaters und seiner Kameraden, denen beim Scheitern ihrer Expedition nicht das Ausfliegen per Hubschrauber möglich, sondern nur der Tod sicher gewesen wäre. Zusammen mit alten und neuen Fotos, biografischen Miszellen und gut aufbereiteten historischen Fakten ergibt sich so ein spannendes Buch für den Liebhaber, die Liebhaberin von außergewöhnlichen Reiseberichten oder Biografien – und für jene, die Landschaften der extremeren Art im Allgemeinen und die Eiswüsten der Arktis im Besonderen lieben.

12 Kommentare zu “Opas Eisberg : auf Spurensuche durch Grönland / Stephan Orth

  1. Hallo Jarg.
    Ich hatte das Buch im Sommer als Geschenk bekommen und habe es erst jetzt lesen können. Ich muss sagen Stefan Orth hat ja keine Geschichte „erfinden“ müssen und hat für meinen Geschmack ein sehr, sehr lesenswertes Buch geschrieben. Wie auch du beschreibst, hat er die Geschichte des Großvaters sehr erfrischend mit seinen eigenen Erlebnissen gemischt. Seine sehr offen beschriebene seelische Befindlichkeit klingt überzeugend echt und nicht gekünstelt. Bravo!
    Was mich an diesen Beschreibungen besonders berührt ist, dass ich dieses Jahr, genau vor 40 Jahren eben dort war. Wie sein Großvater schreibt, er würde gerne wieder nach Grönland reisen und es nicht getan hat trifft auch auf mich zu. Ich glaube es vergeht keine Woche, wo ich nicht an die Zeit in Grönland denke. Vielleicht raffe ich mich auf und werde ein paar verstaubte Dias aus dem Keller holen und digitalisieren lassen um sie in meinem Blog zu zeigen. Das Buch hat mich wachgerüttelt.
    Mein Rat, besuche nie Grönland, denn dann bist du Grönland verfallen (haha…)

    Liken

    • Vielen Dank für Deinen Kommentar. Es freut mich, dass Dir der Buchtipp und damit die nachfolgende Lektüre gefallen hat.
      Ich kann mir gut vorstellen, dass die Reise nach Grönland für Dich unvergesslich bleibt. Es gibt einfach Landschaften auf unserem Planeten, die so ursprünglich sind, dass man als Mensch nur staunend davor stehen kann und spürt, wie wenig die Natur des Menschen bedarf – und wie wichtig sie wiederum für uns als Lebewesen ist. Grönland zählt ganz sicher dazu wie die Arktis überhaupt.
      Vielleicht also solltest Du nicht nur die Fotos sichten – sondern nochmals hinreisen und damit dieser tief verwurzelten Sehnsucht nach dieser Landschaft nachgeben.
      Herzlich grüsst Jarg, den die extremen Landschaften der Erde immer wieder faszinieren, auch wenn ich nur einen Bruchteil von ihnen selbst gesehen habe und jemals sehen werde.

      Liken

  2. Hallo Jarg, was für ein wunderbarer Zufall! Gerade dachte ich (nicht zum ersten Mal), dass ich wirklich gern einmal nach Grönland reisen würde, da fand ich deine schöne Vorstellung von „Opas Eisberg“. Ich bin immer wieder fasziniert, unter welch tödlichen Bedingungen Menschen vor hundert Jahren in Gegenden aufgebrochen sind, die uns noch heute abenteuerlich erscheinen. – Was die Atacama angeht: Es ist gewiss toll, wenn man auf den Spuren eines Vorfahren wandel(r)n kann, aber es lohnt auch ohne. 😉

    Liken

    • Hallo Maren,
      die Atacama ist bestimmt auch ohne Spuren irgendwelcher Ahnen lohnenswert – aber auf den Spuren eines Urahnen ist die Motivation natürlich nochmal eine andere. Leider gibt es unter meinen Urahnen einige interessante Persönlichkeiten – weite Reisen aber waren ihre Sache nicht. Daher müsste ich die Atacama gegebenenfalls aus eigenem Antrieb angehen – oder wenn sich die Zwillinge plötzlich als Teenager zum ultimativen Kick einer Atacamaquerung mit Vaddern begeistern liessen. Nun ja, man wird sehen 😉
      Heute sind Grönlandreisen ungleich gefahrloser möglich als noch vor hundert Jahren. Selbst Querungen der Insel lassen sich leichter bewerkstelligen, steht im Gegensatz zu früher doch notfalls die Evakuierung per Helikopter auf der Liste der möglichen Rettungsarten. Vor hundert Jahren gab es beim Scheitern einer solchen Expedition nicht viele Chancen, das zu überleben. Umso faszinierender, wie man solche Reisen damals meisterte. Orth zieht ja gewissermaßen den direkten Vergleich – wordurch das sehr deutlich wird.
      Viel Spaß bei der Lektüre und der „Kopfreise“ nach Grönland wünscht Dir
      Jarg

      Liken

    • Gern geschehen.
      Grönland muss beeindruckend sein. Bisher war ich dort nur im Kopf (über Bücher) und als „Überflieger“. Bei solchen Büchern gerate ich dann natürlich auch ins (Reise)Träumen.

      Liken

  3. Pingback: Opas Eisberg : auf Spurensuche durch Grönland / Stephan Orth | Ulla Keienburg s Blog

Datenschutzhinweis zur Kommentarfunktion und zum "Gefällt mir"-Button: Kommentare und "Gefällt mir"-Likes werden an die Wordpress-Entwickler Automattic Inc. 60 29th Street #343 San Francisco, CA 94110 United States of America, weitergeleitet und auf Spam überprüft. Mailadressen werden an den Wordpress-Dienst Gravatar weitergeleitet zur Prüfung, ob ein Profilbild vorliegt. Sofern Sie nicht mit Ihrem Wordpress-Konto online sind, können Sie selbst entscheiden, ob Sie Ihre Mailadresse und einen Namen oder ein Pseudonym angeben möchten. Die Freischaltung erfolgt manuell durch Jargsblog nach inhaltlicher Überprüfung. Auf Wunsch werden Ihre Kommentare gerne wieder gelöscht. Bitte beachten Se auch die Datenschutzerklärung.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.