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Der Bote : ein Science-Fiction-Krimi aus der guten alten Zeit / Dieter Paul Rudolph

Abends jedoch, nach dem Tagwerk, da grabe ich mich durch die Bücher. Allen sieht man die Katastrophe an, durch die sie gegangen sein müssen, gereinigt sind sie wohl, aber die Spuren ihres erbärmlich gefristeten Daseins haben sich ins Papier gebrannt. Es gibt kein System in dieser Bibliothek, sie ist das Werk des Zufalls. Ganz eigentümlich steht alles nebeneinandr. Wie man einen Rechner mit einer digitalen Kamera verbindet. Warum der Mensch ein Wesen ohne freien Willen ist, oder aber eines, das für alles, was es tut, selber verantwortich zeichnet.Womit sich die Geschwindigkeit eines Motorrades erhöhen lässt, dass in der Bademode einteilig angesagt sei – wer sagt so etwas an? Nebst reizvollen Fotografien sträflich vernachlässigter Modells. (S. 192)

Die derzeit beliebten Genremixturen, die aus verschiedenen Sujets eine Art literarisches Crossover machen, sind oft nicht meine Sache, weshalb ich solchen Büchern oft mit erheblicher Skepsis, um nicht zu sagen Ablehnung begegne. Entweder lese ich einen soliden Krimi oder eine Science-Fiction-Geschichte oder einen gut gemachten Familienroman.

Was macht dieses Buch des deutschen Autors und Literaturwissenschaftlers Dieter Paul Rudolph so anders? Rudolph setzt in „Der Bote“ einen Kriminalfall um den Mord an einem Fremden in einem abgelegenen Dorf in den Rahmen einer in ca. 250 Jahren von heute entfernt spielenden Science-Fiction-Geschichte, die hier deutlich Züge der Dystopie tägt: man fährt wieder Kutsche, kennt keine Maschinen mehr und ist sich der eigenen Geschichte nur noch in Form von als fiktiv geltenden Märchen und Legenden bewußt. Absurde, dem Einzelnen sich nicht erschliessende Verwaltungsstrukturen und ein offensichtlich dahinter vorhandenes Netz mit geheimen Aktivitäten schaffen zusätzlich eine düstere Atmosphäre.

Der ermittelnde Kriminalrichter bricht auf in den kleinen Weiler Bannkies. Wie überall ist auch hier Wasser ein kostbares Gut, dass durch den Bürgermeister nach strengen Regeln aus der einzigen Quelle des Ortes verteilt wird. Der Gehilfe des Kriminalrichters soll nachkommen, doch statt seiner kommt ein anderer Richter, Södermann, der dem erzählenden Protagonisten vorgesetzt ist, den dieser jedoch noch nie gesehen hat. Schnell ist für Södermann klar, dass Lebe, die Tochter des Wirtes, den Unbekannten ermordet hat. Doch der Kriminalrichter zweifelt trotz Lenes eigenwilligem Verhalten und ermittelt weiter, gibt es doch auch andere sich eigenartig verhaltende Gestalten wie den ewig in Bewegung befindlichen, die Wasserleitung kontrollierenden Läufer, den spinnert erscheinenden alten Magister und den eigenartigen Schäfer, den man nie sieht.

Die Merkwürdigkeiten häufen sich, bis sich die Ereignisse überschlagen und ein weiterer Mord geschieht, der alles ändert. Unter der Oberfläche werden seltsame Dinge sichtbar, die niemand für möglich gehalten hatte – und deren Existenz eigentlich verboten ist. Schnell stellt sich heraus, dass unter der Dorfwelt von Bannkies mehr verborgen ist, als alle zuzugeben gewillt sind.

Noch einmal öffnete ich Södermanns Kladde und las in der akkuraten Shrift, wie ein solcher Brief zu beantworten sei. Ein leeres weißes Rechteck wurde sichtbar, ein dünner Strich blinkte. Ich drückte auf eine Taste. auf dem Rechteck erschien ein >e<. Ich lachte auf. S. 103

„Der Bote“ ist kein klassischer Krimi im eigentlichen Sinne, auch wenn das Whodunnit hier seine Aufführung und Auflösung erfährt. Zusammen mit den dystopischen Elementen entwickelt der Roman einen eigenartigen Sog, in dem die Frage nach dem Mörder zurücksteht hinter der Frage nach dem Warum, wird doch schnell klar, dass es übergeordnete Interessen geben muss, deren Fokus sich auf den kleinen, zunächst unscheinbar erscheinenden weiler fokussieren. Rudolph bedient sich einer verknappten, manchmal altertümlich erscheinenden Sprache, die sehr zum Reiz des Romans beiträgt, der einen zunehmend gehaltvolleren Subtext entwickelt, ohne dabei an Spannung zu verlieren: Rudolph zeigt eine Gesellschaft, die in einer Katastophe alles verloren hat und über den Verlust der Geschichte ihre eigene Identität verloren hat, die sich nur noch in den unter der Oberfläche verborgenen Artefakten spiegelt, ohne dass jemand sie ganz erfassen und in die trostlose Gegenwart transportierten kann. Der absurd erscheinende Ausgang der Geschichte steht am Ende schlüssig in Verbindung mit dem Motiv der Dystopie.

Ein ungemein spannender Roman, sprachlich ansprechend, geschickt aufgebaut und mit einigem literarischen Gehalt zwischen den Zeilen.

7 Kommentare zu “Der Bote : ein Science-Fiction-Krimi aus der guten alten Zeit / Dieter Paul Rudolph

  1. Das klingt super! Ich liebe nämlich Genre-Mixturen – und wenn diese sogar einen Skeptiker überzeugt hat, müsste sie mich dementsprechend ja völlig erschlagen. Wie schön, dass ich noch einen Buchgutschein habe =)
    Apropos tolle Empfehlungen: Ich habe letztens endlich „Die Fee“ gesehen – und war ganz bezaubert! Es gibt mittlerweile einen neuen Film von den beiden. Ich habe ihn noch nicht gesehen, dachte aber, vielleicht bist Du interessiert.

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    • Hallo Desirée,
      ich bin gespannt, wie du das Buch findest. Viele klassische Krimileser werden es wahrscheinlich ratlos aus der Hand legen. Ich fand, es hatte einen ganz eigenen Reiz.
      Danke für den Tipp mit dem Film. Meintest Du „Rumba“ oder einen anderen Film. „Rumba“ scheint auch bezaubernd zu sein.
      Herzlich grüsst
      Jarg

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      • Genau, Rumba hieß er. Ich bin letztens in der Stadt zufällig an der DVD vorbeigestolpert, hatte mir den Titel aber nicht gemerkt. Aber ja, Rumba war’s.
        Auf das Buch bin ich gespannt – ich bein kein klassischer Krimileser in dem Sinne, sondern mag es, wenn Unerwartetes passiert, deshalb bin ich sehr optimistisch, dass mir das Buch gefallen wird. Viele Grüße! Desirée

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      • Ich bin gespannt. Auf Dein Lektüreerlebnis … und auf Rumba, den ich mir irgendwo fischen werde.
        Herzlich grüsst
        Jarg

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