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The American : Kriminalroman / Martin Booth. Dt. von Giovanni und Ditte Bandini

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„Ich lebe nach Malcolm X’ Maxime: Ich bin friedfertig, ich bin höflich, ich befolge das Gesetz, ich zolle jedem Respekt. Aber wenn mir einer dumm kommt, mach ich ihn kalt.“ (Signor Farfalla in „The American“).
Er malt Schmetterlinge. Deshalb nennen alle in dem kleinen italienischen Städtchen, in dem er sich eine Wohnung gemietet hat, den unauffälligen, älteren Herrn mit den guten Manieren, der offensichtlich englischer oder amerikanischer Provenienz ist, Signor Farfalla. Doch Signor Farfalla hat ein Geheimnis, dass sich erst langsam dem Leser enthüllt, bis es zur Gewissheit wird: Er ist Profi in einem anderen Metier. Er baut perfekte Waffen für Auftragskiller. Immer nur eine. Danach verschwindet er wieder auf verschlungenen Wegen und sucht sich einen neuen Ort, an dem er einen neuen Auftrag ausführen kann unter einen neuen Tarnung. Das Zielobjekt selbst interessiert ihn nie.
Doch jetzt will er sich zur Ruhe setzen nach diesem letzten Auftrag, hat er die Kleinstadt und die idyllische Bergwelt doch schätzen gelernt. Ausserdem gibt es da eine Frau, was neu ist für Signor Farfalla, der Gefühle meidet, da sie ihn und andere gefährden könnten. Wäre da bloss nicht dieser schattenhafte Mann, der ihm zu folgen und die Aussicht auf den friedlichen Ruhestand zu trüben scheint …
Signor Farfalla erzählt dem Leser seine Geschichte selbst, und er lässt sich Zeit damit, berichtet zunächst nur von dem kleinen italienischen Bergstädtchen, den Menschen, seiner Wohnung und der Landschaft. Er philosophiert mit dem Priester bei Wein und Pfirsichen über Schuld und Sühne, geht in den Bars und Cafes ein und aus, von den Einheimischen gern gesehen und respektiert. Nur in seine Wohnung lässt er niemanden. Nach und nach enthüllt Farfalla dem Leser seine wahre Profession, während er über Gerechtigtkeit und den Lauf der Geschichte räsoniert, seine Tätigkeit rechtfertigt und den Leser über seinen wahren Namen und die Orte stets ein wenig im Ungewissen lässt, vorsichtig, wie er ist gegenüber jedem. Auf seine Art sieht er sich als Künstler:
„Die hohe Zeit der großen Attentate ist vorbei, untergegangen mit der eloquenten, dekadenten Epoche der Ozeanliner, der Flugboote und der makabren Witwen mit Nerzmantel und fingerdickem Make-up. Heutzutage gibt es nur noch Bomben und Bazookas, ungezielte Kugelhagel, funkgezündete Landminen, planlose Ausbrüche unkontrollierter Gewalt. Es gibt keine Kunstfertigkeit mehr, keinen Werkstolz, keine Gewissenhaftigkeit, keine kühl-gesammelte, verinnerlichte Überlegung. Keinen wirklichen Mut.“
Was macht dieses Buch aus, dass als Thriller daherkommt wie ein langer, ruhiger, sich fast unmerklich beschleunigender Fluss? Es ist dieser subtile, detailierte Bericht, der einen schnell in denn Bann schlägt, am Anfang kaum ahnen lässt, was diesen Mann bewegt, der so selbstvergessen durch die Bergwelt wandert, Natur und Kunst wie ein Kenner betrachtet und beschreibt, philosophiert und überhaupt ein angenehmer Mensch zu sein scheint – dessen düsteres Geheimnis man aber von Beginn an ahnt. Booth enthüllt erst langsam den Charakter und die Geschichte seines Protagonisten, der kühl-überlegt seiner Profession nachgeht und sich jetzt danach sehnt, ein normales Leben zu haben ohne Versteckspiel. Der Leser ist hin- und hergerissen zwischen der wohlwollendennIdentifizierung mit dem so distinguiert erscheinenden Signor Farfalla und Distanzierung vor seiner immer wieder aufblitzenden Kälte und Entschlossenheit, sobald er sich in Gefahr sieht.
Ein Thriller, der sich Zeit lässt und trotzdem nie langweilig ist, hervorragend konstruiert ist und seine Spannung konstant aufbaut, dabei sprachlich ansprechend geschrieben (und gut übersetzt) ist, mit Liebe zu den Protagonisten und Kulissen.
Martin Booth (1944-2004) hat diesen Roman bereits 1990 unter dem Titel „A very private gentleman“ veröffentlicht. Er erschien jetzt erstmals auf Deutsch, wohl anlässlich der Vefilmung mit George Clooney. Ein subtiler Thriller von grosser psychologischer Finesse und literarischer Delikatesse. Sehr zu empfehlen.

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