Der Ruf der Stille : Die Geschichte eines Mannes, der 27 Jahre in den Wäldern verschwand / Michael Finkel

Der 20jährige Chris Knight, Mitglied einer zurückgezogen im US-Bundesstaat Maine lebenden Familie, fährt mit seinem Auto in einen Wald, lässt es stehen und baut sich an einer unzugänglichen, aber nicht weit von der Zivilisation entfernten Stelle ein Lager. Dort lebt er über 27 Jahre im Sommer wie im Winter, meidet jeden Kontakt mit Menschen, beschafft sich Lebensmittel und andere Alltagsnotwendigkeiten durch unzählige, akribisch durchgeführte Einbrüche in Blockhütten und Ferienlagern und entgeht manchmal durch Krankheit oder Kälte nur knapp dem Tod. Für die Anwohner ist er ein Phantom, bis ihn eines Tages ein Polizist fasst und die Welt von Chris sich nach Jahrzehnten selbst bestimmter Einsamkeit radikal ändert: in Haft wird er ständig kontrolliert, muss mit anderen in einer Zelle schlafen und sich psychologischen Untersuchungen stellen. Dazu kommt die mediale Aufmerksamkeit und der letztlich drohende Prozess wegen etwa 1000 Einbrüchen. Am liebsten würde er in sein Lager zurückkehren und wieder zu seinem Glück zurückfinden.

Mit beharrlicher Behutsamkeit schafft es der amerikanische Journalist Michael Fink, einen fragil erscheinenden Kontakt zu Chris Knight aufzunehmen. Er trifft ihn mehrfach und sucht das Gespräch mit seinem Umfeld und den zum Teil faszinierten, zum Teil verstörten Anwohnern. Auch wenn Knight schwer zugänglich und ein Teil seiner Motivation Finkel verschlossen bleibt, entsteht so nach und nach das Porträt eines Mannes, der ausserhalb der Zivilisation lebt und doch nur durch sie – verbunden mit seinen Raubzügen und einer hohen Bereitschaft, allem Unbill seines Lebens zu trotzen – am Leben bleibt. Am Ende gelingt ihm ein empathisches, äußerst bewegendes Porträt des Einsiedlers, in das er auch kulturgeschichtliche Betrachtungen zum Einsiedlertum an sich einfliessen lässt. Nach und nach wird trotz manchem Befremden gegenüber diesem extremen Leben nicht nur sichtbar, was Chris Knight durch seine Entscheidung für ein Leben in Stille und Einsamkeit suchte, sondern auch, was uns verloren gegangen ist.

Wer Jon Krakauers Buch „In die Wildnis“ schätzt, wird sich von Michael Finkels Buch über ein einsames, aber offensichtlich glückliches Leben in Stille und Abgeschiedenheit rasch fesseln lassen.

Wo die wilden Menschen jagen (Hunt for the Wilderpeople) / Regie u. Drehb.: Taika Waititi. Darst.:,Sam Neill, Julian Dennison, Rima de Wiata, Rachel House (…)

Der knapp 13jährige, schwer erziehbare und mehrfach straffällig gewordene Ricky Baker wird von der Jugendamtsmitarbeiterin Paula in die Obhut der warmherzigen Bella und ihres grantigen Mannes Hec gegeben, die in einem einsam gelegen Haus am Rande der Wildnis leben: es ist seine letzte Chance, dem Pflegeheim zu entgehen. Widerwillig fügt er sich in sein Schicksal, nachdem er Weiterlesen

Nichts bleibt! : Roman / Willi Achten

Vielleicht besteht der Kern des Lebens, der schöne Kern, aus solchen Momenten der Nähe, des Anvertrauens zwischen zwei Menschen. Wahrscheinlich gibt es nicht mehr, und es rettet uns vor dem, was dort draußen auf uns wartet, das in unser Leben schlägt wie ein Sturm, der in die Bäume fährt. Er knickt und fällt sie, so wie auch wir fallen, und wenn wir brechen, stehen nicht mehr auf. (S. 92)

Franz Matthys, ein Mann in mittleren Jahren, lebt mit seinem rüstigen Vater, einem ehemaligen Bäcker, und seinem Sohn abgelegen im Wald. Er ist Kriegsfotograf und bekam einen bedeutenden Preis für das Foto von einer Steinigung. Doch glücklich ist Franz nicht: er zweifelt an seiner Arbeit, empfindet Schuld und wird von den erlebten schrecklichen Momenten im Schlaf verfolgt. Der Rückzug in die unaufgeregte Abgeschiedenheit verschafft Ruhe, und insbesondere der Sohn entwickelt eine innige Beziehung zum Großvater, der ihn in die Taubenzucht einführt. Franz selbst macht sich Hoffnungen auf eine neue Liebe zu Karen.

Auf dem Rückweg nahm sie meine Hand. Das Gras stach in die Kniekehlen. Unter den Sohlen brach Löwenzahn. Sie strich mit dem Daumen über meinen Handballen. Es war dunkel, bevor wie den Wald erreichten. Die Bäume standen wie Schattenrisse im Nachtblau. Der Wald ist in der Nacht ein anderer als am Tag. Auch wir werden andere, wenn wir in die Nacht gehen. Manchmal werden wir wahrer. Es gab keine Hast. Es war zuerst der Duft ihres Atems, ehe die Lippen sich berührten und später ausgestreckt im Gras der Taumel begann und schließlich dieses lange Fallen am Ende. (S. 114)

Doch die Schatten der Vergangenheit lassen ihn nicht los. Als sein Vater nachts im Wald von Weiterlesen

Der Mann, der einen Baum fällte und alles über Holz lernte / Robert Penn

Jeder dieser Gegenstände sprach für sich vom Geschick und Idealismus der Kunsthandwerker und Handwerker, die sie geschaffen hatten. Das Wissen dieser Menachen deutete auf eine Zeit hin, zu der das Verhältnis zwischen Mensch und Natur noch etwas sensibler und enger war. Gemeinsam sprachen die Gegenstände von der langen und kreativen Beziehung zwischen Menschheit und Esche, von einer Übereinkunft, die sich über Jahrtausende hinweg bewährt hatte und von einer Kultur an die andere weitergegeben worden war. Ich hatte eine Esche gefällt und das Beste aus ihrem Holz gemacht. Was könnte einfacher sein? Es war ein tief befriedigendes Unterfangen gewesen, das mich in einer sich ständig verändernden Welt fest an einem Ort verwurzelt hatte. (S. 247).

Der britische Autor und Journalist Robert Penn, einigen vielleicht bereits bekannt durch seinen fahrradleidenschaftlichen Bestseller „Vom Glück auf zwei Rädern“, lebt mit seiner Familie fern großer Städte in einer waldigen Gegend von Wales, hat zwei Hunde und eine Menge Äxte. Seit zehn Jahren lebt er auf dem Land und hat mit der Zeit auch gelernt, den zum Grundstück gehörigen Wald naturnah zu nutzen und wieder zu einer von Lichtungen durchzogenen, artenreichen Oase zu machen. Er lernt die Arbeit im Wald zu schätzen, die seinen Körper auf besondere Art fordert:

Was mich jedoch am meisten und längsten fesselt, ist die körperliche Aufrichtigkeit des Aktes selbst – einen Klumpen Stahl mit achtzig Stundenkilometern durch die Luft zu schwingen und ihn in einem Holzklotz zu versenken. Wenn ich ein großes, knotiges Stück vom unteren Stamm einer Eiche abschlagen will, die Schneide der Axt zurückprallt und nur eine kaum sichtbare Kerbe hinterlässt, flutet der gescheiterte Versuch über den Axtstiel aus Eschenholz in meine Arme bi sind meine Schultern hinein zurück. Dann spüre ich die Kraft eines Baumes, der sich dem Willen unzähliger Stürme widersetzt hat. Durchdringt die Axt andererseits die Oberfläche eines Eschenblocks, fahren die Wangen des Axtkörpers durch die Spalte im Holz wie Wasser, das an Felsen brandet, und fallen zu beiden Seiten des Hackklotzes zwei cremig weiße Holzstücke hinunter – dann wird mein ganzer Körper von dem unvergleichlichen Gefühl erfüllt, etwas vollbracht zu haben. […] Als scheinbare banale Alltagstätigkeit ist das Hacken von Eschenholz einfach unschlagbar. (S. 55-56)

Als er im Laufe der Jahre auch Eschen freischneidet und ihren Wuchs bewundert, erinnert er sich Weiterlesen

Birnenkuchen mit Lavendel / Regie & Drehb.: Éric Besnard. Darst.: Virginie Efira ; Benjamin Lavernhe; Lucie Fagedet [u.a.]

Seit ihr Mann gestorben ist, betreibt Louise Legrand den mehr schlecht als recht laufenden Birnen- und Lavendelhof in der Provence allein. Doch die alleinerziehende Mutter zweier Kinder kommt mehr und mehr an ihre Grenzen: sie kann ihre Schulden nicht zurückzahlen und die Bank droht, den Kredit einzufordern. Auf das Angebot des in sie verliebten Nachbarn, ihr ein Stück Land abzukaufen, mag sie nicht eingehen.

Da fährt sie mit ihrem Kombi aus Versehen Pierre an, einen etwas Weiterlesen

Nur fliegen ist schöner / Regie: Bruno Podalydès. Darst.: Bruno Podalydès ; Sandine Kiberlain; Agnès Jaqui; Vimala Pons […]

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ja, ich weiß, Männer neigen mit 50 dazu, sich einen Porsche zu kaufen und eine junge Geliebte zuzulegen. Ich selbst habe mir ein gutes Fahrrad gekauft und beschlossen, meine Frau weiterzulieben. Und es ist auch keineswegs so, dass ich einsam in einem mit überdimensionierter Radreiseausrüstung vollgestopften Keller auf einem aufgebockten Fahrrad sitze und von weiten, schnellen Bergabfahrten träume. Nein, ich fahre damit draußen rum und auch durchaus weite Strecken. Ohne tausend Gimmicks. Und ich bleibe auch nicht an irgendwelchen Landgasthöfen hängen, flirte nicht mit Bedienungen, die zu jung für mich sind und fange auch nichts mit Wirtinnen an. Mit Korn schon gar nicht.

Beim Grafikdesigner Michel, der gerade 50 gewroden ist, ist das anders. Er trottet durch seine tägliche Routine bei der Arbeit und daheim bei seiner Frau und spürt nur auf dem Motorrad einen Ansatz von Freiheit. Mehr durch Zufall wird das Interesse an Kajaks in ihm geweckt. Er kauft ein teures Modell, baut sich den Rahmen zusammen, gurtet ihn an seinen Schultern fest und macht Trockenpaddeln auf der Dachterrasse seines Wohnhauses. Als seine Frau Weiterlesen

Virgin Mountain (Orig.: Fúsi) / Regie: Dagur Kári. Darst.: Gunnar Jónsson, Ilmur Kristjánsdóttir, Sigurjón Kjartansson […]

Fúsi ist Mitte Vierzig, extrem übergewichtig, wortkarg und lebt noch bei seiner Mutter. Er, arbeitet als Gepäckpacker auf dem Flughafen von Reykjavik, nimmt nie Urlaub und war auch noch nie auf Reisen. Von seinen Kollegen wird er wegen seiner Statur und seiner Unerfahrenheit mit Frauen gemobbt und verbringt seine Freizeit mit dem Nachstellen von Weltkriegsschlachten im Modell, mal allein, mal mit seinem einzigen Freund. Eine Freundin hatte der gutmütige Fúsi Weiterlesen