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Verrückt in Alabama / Mark Childress

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Wir schreiben das Jahr 1965. In den USA ist die Bürgerrechtsbewegeung zu einiger Bedeutung gekommen. Davon ist in der kleinen Stadt, in der der 12jährige Vollwaise Peter Joseph, genannt Peejoe, und sein Bruder Wiley leben, erst im Ansatz etwas zu spüren.
Doch dann kommt Bewegung in das Leben von Peejoe: seine 34jährige Tante Lucille, Mutter von sechs Kindern, hat im Streit um ihre Hollywoodambitionen ihren Mann Chester umgebracht und taucht mitsamt ihren Kindern bei Peejoe, Wiley und Großmutter Meemaw auf. Auch Chester hat sie mit dabei – allerdings nur seinen Kopf, sauber verwahrt in einer Tupperdose. Als Lucille, verfolgt vom Arm des Gesetzes, nach Kalifornien aufbricht, bleiben ihre Kinder bei Meemaw. Peejoe und Wiley müssen zu Dove, Lucilles Bruder, der in der Kleinstadt Industry ein Bestattungsunternehmen führt.
Während Lucille, immer in Begleitung von Chesters Kpf in deer Tupperdose, sich bei ihrer Flucht zu Carolyn Clay wandelt und rasch zu Geld und ihrer ersten Rolle kommt, erlebt Peejoe Repressionen des Polizeiapparetes und die ersten Rassenunruhen in der fiktiven Kleinstadt Industry und wird Zeuge eines Mordes. Schnell lernt der Heranwachsende, seine privilegierte Position als Weißer und die herrschenden Ungerechtigkeiten in Frage zu stellen und bezieht Position. Doch das hat Folgen …
Vielleicht mag der häufig in Verbindung mit Mark Childress bemühte Vergleich mit John Irving zu hoch gegriffen sein. Unbestreitbar ist ihm mit „Verrückt in Alabama“ ein aberwitziger, furioser Roman gelungen, der gelungen Tragik und Komik in sich vereint und ein literarisch verdichtetes Porträt der 60er Jahre liefert, der Hoch-Zeit der amerikanischen „Civil Rights Movement“ und der Studentenbewegung.
Childress lässt zwei Handlungsstränge parallel laufen: den von Lucille, der Gattenmörderin mit kopfbeladener Tupperdose, die sich auf ihrem Weg nach Hollywood zum erfolgreichen Vamp wandelt, auf zum Teil abenteuerliche Weise zu Geld kommt, um schliesslich in einer bekannten Sitcom über die us-amerikanischen Bildschirme zu flimmern – und den von Peejoe, der sich in Industry mit dem Rassenkonflikt konfrontiert sieht, eine dramatische Wandlung durchmacht und Zeuge historischer Umwälzungen wird. Am Ende, nach der Festnahme Lucilles in San Francisco, fliessen beide Handlungsstränge in der fiktiven Kleinstadt Industry ineinander.
Gekonnt verbindet Childress dabei seine Geschichte mit tatsächlichen Ereignissen und Personen, etwa dem reaktionären Gouverneur Alabamas, George Wallace oder Bürgerrechtler Martin Luther King, oder erfindet geschickt Protagonisten und Ereignisse, die Eigenschaften tatsächlicher historischer Persönlichkeiten und Geschehnisse in sich vereinen. Verrückt in Alabama ist so nicht nur ein aberwitziger, tragikomischer Roman über eine Jugend in den 60er Jahren, in Zeiten des Umbruchs, und eine aus ihrem Alltag ausbrechende Frau und Mutter, sondern gibt auch ein wunderbar literarisch überhöhtes Porträt der 60er Jahre mit Fokus auf die Bürgerrechtsbewegung, die Rassenunruhen und die Emanzipation der Frau. Ein wunderbares Buch und ein echter „Page-Turner“, der 1999 von Antonio Banderas in prominenter Besetzung (u.a. mit Melanie Griffith, Meta Loaf und Rod Steiger) verfilmt wurde. Und natürlich ist „Verrückt in Alabama“ auch ein aberwitziges Plädoyer für die unverwüstliche Tupperdose … wenngleich bezweifelt werden darf, dass Tupper jemals mit DIESEM Verwendungszweck wirbt!

3 Kommentare zu “Verrückt in Alabama / Mark Childress

  1. Pingback: Volker Weidermann – Das Buch der verbrannten Bücher | buchnavigator

  2. Ob Du Dich da hast von meinem Text über Childress hast zur Lektüre inspirieren lassen? Ich wüsste jetzt noch gern, warum der Vergleich mit Irving hinkt, und ob Du was von Irving empfehlen kannst. Von dem kenn ich nämlich noch nix – vielleicht inspiriert mich das ja dann auch? Grüße von Schreibtisch zu Schreibtisch! frintze

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    • Hallo Frintze,
      ehrlich gesagt weiss ich nicht mehr so recht, wie ich auf „Verückt in Alabama“ gekommen bin – irgendwann war das über Leihverkehr aus einer anderen Bibliothek bestellte Buch da und wollte rasch gelesen werden.
      Irving ist natürlich eine hohe Meßlatte – und ob der Vergleich wirklich hinkt, ist natürlich nach erst einem von mir genossenen Childress-Buch nicht wirklich zu entscheiden: sicher ist, das Childress wie Irving einen sehr humorvollen, warmherzigen Blick auf die Menschen hat, aber auch scharf und genau beobachtet und einen Hang zum Skurrilen hat. Jedenfqalls zeigt sich der in „Verrückt in Alabama“. Vielleicht sollte ich jetzt dann „Abgebrannt in Mississippi“ lesen? 😉
      Zu Irving: meine Einstiegsdroge war „Das Hotel New Hampshire“, gefolgt von „Garp“ (von beiden gibt es wunderbare Verfilmungen) und „Zirkunskind“. „Letzte Nacht in Twisted River“ ist auch furios …
      Herzlich grüsst Jarg

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