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Tiere klagen an / Antoine F. Goetschel

In den vergangenen dreissig Jahren hat sich durchaus für Tiere etwas bewegt: sie gelten rechtlich seit 1990 nicht mehr als „Sachen“, der Tierschutz selbst ist seit 2002 als Staatsziel in Artikel 20 a verankert. Auch Haltungsbedingungen geraten immer wieder in den Blick des Gesetzgebers – doch auf Druck von einflussreichen Lobbyverbänden kommt es meistens nur zu minimalen Verbesserungen für die betroffenen Tiere. Gleiches gilt für die Grenzen, die Züchtern und ihren Interessen im Tierschutz formal gesetzt werden, jedoch kaum jemals zu Anwendung kommen. Daher scheinen sich viele erreichte Fortschritte bei genauer Betrachtung eher als Lippenbekenntnisse zu entpuppen: im Verhältnis von Zier und Mensch ist also noch einiges zu klären und neu zu bewerten.

Der 1958 geborene schweizer Jurist Antoine F. Goetschel war von 2007 bis 2010 Tieranwalt in Zürich und hat in dieser Funktion die Rechte von Tieren vor Gericht vertreten. Die Schweiz ist bisher das einzige Land der Welt, in dem die Würde des Tieres Verfassungsrang hat.

Goetschel beleuchtet in seinem Buch zwar immer wieder rechtliche Fragen zum Thema Tierschutz, geht jedoch weit darüber hinaus, setzt er sich doch vor allem mit ethischen Fragen auseinander, die sich im Verhältnis Mensch-Tier stellen. Nach einer kurzen Begründung, warum er rechtliche Regelungen im Bereich des Tierschutzes für immens wichtig hält, beschäftigt er sich mit einzelnen Aspekten seines Themas:

Zunächst widmet er sich dem Wert, den Menschen Tieren zumessen, der regional und kulturell höchst unterschiedlich vorgenommenen Abgrenzung zwischen Schoßtier und Nutztier sowie dem in Form von abgepacktem, in der Supermarktkühltruhe liegenden Fleisch unsichtbar gewordenen Tier, dessen Tod uns abstrakt erscheint, da keine direkte sinnliche Verbindung vom Produkt zum Tier mehr gezogen werden kann. Ausführlich geht er im Anschluss daran auf die profitorientierte Ausbeutung von Tieren durch die Agrar- und Lebensmittelindustrie ein: Tiere werden nur noch als Ausgangsstoffe für Endprodukte betrachtet, die sich möglichst optimal an Produktionsprozesse und die dahinter stehenden Verbraucherinteressen anzupassen haben. Drastisch beschreibt er am Beispiel von Hühnern, Rindern und Schweinen, welches leid damit für die Tiere verbunden ist und streift davei die bekannte Tötung von Millionen überzähligen männlichen Küken, die zum teil bei lebendigem Leibe geschreddert werden.

Doch Goetschel endet hier nicht: kritisch erörtert er ethische Zusammenhänge rund um die Haustierhaltung. Dabei spannt er den Bogen vom zumeist mit psychischen Problemen einhergehenden sogenannten Animal Hoarding und der überriebenen Liebe zum Tier als Lebenspartnereratz bis hin zu den fragwürdige Therapien mit Tieren (etwa der Delphintherapie oder der Reitherapie). Intensiv beschäftigt er sich auch mit transgenen Tieren, Tierversuchen und ihren Alternativen.

Die Haltung von Tieren in Privathaushalten beleuchtet Goetschel ebenfalls und setzt den Fokus dabei nicht nur auf die fatalen Haltungsbedingungen vieler Heimtiere, bei denen er in vielen Fällen eine Grenze überschritten sieht, etwa wenn es um die Haltung von Ziervögeln, Meerschweinchen, ja selbst der Aquarienhaltung von Fischen geht. Fragwürdig erscheinen ihm auch die Verniedlichung oder Verdinglichung von Tieren als Modeaccessoire, krankmachende, aber weit verbreitete Zuchtideale (zum Beispiel bei Manx-Katzen oder dem Mops) und die Haltung exotischer Tiere, die deren Bedürfnissen niemals gerecht werden kann.
Aber Goetschel macht mit seinen ethischen und rechtlichen Betrachtungen beim Heimtier nicht halt: fundiert äußert er sich auch zur Problematik der Tierhaltung in Zirkussen und Zoos – für mich als regelmäßiger Besucher des direkt neben unserem Haus befindlichen Tierparks Hagenbeck durchaus auch mit einem kritischen Blick in den Spiegel verbunden, wenngleich ich persönlich trotz der guten Argumente Goetschels gut geführten Zoos weiterhin eine Existenzberechtigung einräumen möchte.

Vehement wendet sich Goetschel auch gegen die Jagd, ihren angeblichen Naturschutzauftrag und ihre vollkommen überkommenen Traditionen, die aus Töten einen ökologisch verbrämten Sport machen. Nach einigen kurzen Ausführungen, die nochmal die Notwenidgkeit einer rechtlichen Besserstellung von Tieren auch aus ethischen Motiven und damit die Forderung nach einer rechtlichen Gleichstellung von Tieren verbinden, heraus unterstreichen, gibt Goetschel dem Leser etliche Tipps und Anregungen für eigenes Engagement.

Man muss nicht Vegetarier werden nach der Lektüre von „Tiere klagen an“ und Goetschel, selbst Vegetarier, fordert dies auch nicht. Aber sein Buch regt dazu an, sich mit den katastrophalen Haltungsbedingungen von Tieren auseinanderzusetzen, ihrem wirklichen Wert für uns und der Frage, welchen hohen ethischen Preis uns das Stück Fleisch auf dem Teller, der besondere, hochgezüchtete Hund an der Leine oder die neueste Antifaltencreme wirklich wert sind. Dem Autor ist gut recherchiertes, trotz Leidenschaft für die Sache des Tieres sehr ausgewogenes Buch gelungen, das einlädt, eigene Haltungen zu überprüfen und darüber hinaus als Grundlage für tierethische und -rechtliche Diskussionen hervorragend geeignet ist.

16 Kommentare zu “Tiere klagen an / Antoine F. Goetschel

  1. Die Tiere klagen zu Recht an.
    Menschen machen Gesetze um Tiere in eine gewisse Stellung gegenüber dem Menschen zu erheben. Das ist dummes Zeug.
    Der Mensch ist für einen tiergerechten Umgang mit Tieren jeglicher Art nicht geeignet. Dieser Umgang ist nur für den Eigennutz. Sei es als Seelentröster für den Besitzer oder die Besitzerin, sei es das Tier als Ergebnis der Züchter jeglicher Rasse oder sei es der Tierverein als Sammelstelle der zeitweise „Unbrauchbaren“.
    Einzig und allein ist ein Tier als Nahrung für den Menschen zu gebrauchen. Diese Form der Haltung und Verwertung sollte unter strenger Kontrolle und Ahndung möglich sein.
    Andere Schutz- und Haltungskriterien sind nicht notwendig.
    C.H.

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    • Naja, ich habe meine Zweifel, ob es richtig und ethisch vertretbar ist, ein Tier zu essen, auch wenn die Haltung dafür rechtlich einwandfrei geregelt ist. Tierhaltung selbst hängt für mich sehr davon ab, ob ich Haltungsbedingungen bieten kann, die dem Tier gerecht werden. Das ist bei vielen Tieren (Meerschweinchen, Ziervögel, Aquarienfischen) ganz sicher nicht der Fall. Bei einem nicht züchterisch degenerierten Pferd in Offenstallhaltung sieht das schon ganz anders aus.
      So einfach ist das also nicht mit dem „Gesetze nutzen nichts“ – jedenfalls nach meiner Meinung 😉
      Herzlich grüsst Jarg

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  2. Als Hundebesitzerin, die sich immer wieder im Tierschutz engagiert, bin ich dir auch sehr dankbar für diese Vorstellung. Auch bei der Ernährung und unserem Einkaufsverhalten versuchen wir uns immer bewusst zu verhalten. Das Buch kannte ich noch nicht, ich habe mir Autor und Titel jedoch gleich notiert.

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    • Goetschel ist sehr anregend zu lesen, zumal er die ethischen mit den rechtlichen Fragestellungen verbindet und so letztlich deutlich wird, das es ohne mehr rechtliche Regelungen nicht gehen wird.

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      • Lieber Jarg,
        das klingt wirklich sehr reizvoll. 🙂 Da ich morgen eh in die Buchhandlung gehen wollte, werde ich auch nach diesem Buch schauen und es mir bestellen, falls es nicht vorrätig ist. Ich danke dir noch mal herzlich für den Tipp.
        Ich gebe dir Recht, dass man sicherlich nicht 100% bewusst leben kann. Wir geben uns aber Mühe, „gröbste Einschläge“ zu vermeiden, wie du so schön schreibst und empfinden dies auch nicht unbedingt als Einschränkung. In Fußnähe von uns gibt es einen Markt, der Dienstag, Donnerstag und Samstag geöffnet hat und dort kaufen wir gerne unsere Lebensmittel frisch ein, statt zu Penny, Lidl oder Aldi zu gehen. Auch bei der Ernährung von Bandit holen wir lieber frisches Pferdefleisch von einem Biostand auf dem Markt, als fertiges Futter. Sehr viel teurer ist das auch nicht. 🙂

        Liebe Grüße und einen schönen Sonntag dir
        Mara

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      • Mir geht es in letzter Zeit auch mit dem Kaffee so: seit kurzem kaufen wir nur noch Trans Fair und Bio – und die Doku im NDR von Freitagabend hat mich nochmal darin bestärkt. Sicher wird der Einzelne damit nicht die Welt retten und wir kommen mit Kindern auch nicht total an den Supermärkten vorbei. Aber viele Einzelne sind ein Schwarm 😉
        Auch Dir liebe Grüsse und einen schönen Sonntagabend!!
        Jarg

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      • Das mit dem Kaffee finde ich einen interessanten Punkt – um was für eine Doku handelte es sich denn? Wir bemühen uns schon darum, Kaffee nicht beim Discounter zu kaufen, ich hatte die letzten Wochen aber auch schon immer mal im Bioladen bei den Kaffeesorten geschaut, nach deinem Hinweis werde ich wohl mal anfangen, dort Kaffee einzukaufen und bin schon gespannt, wie es uns schmecken wird. 🙂

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      • Die Doku „Bittere Ernte – Preis des billigen Kaffees“ über den Kaffeeanbau in Brasilien ist beim NDR abrufbar (hier klicken). Parallel erschien auch etwas dazu in der Printausgabe der „ZEIT“. Ich habe in letzter Zeit vermehrt auf fair gehandelten Kaffee geachtet und jetzt auch fairen Espresso aus Bio-Anabu (wenn auch nach der laschen EU-Öko-Verordnung) für meine geliebte Alfi X1 gefunden. Zynisch stößt einem in dem Film auf, dass in Werbefilmchen im Internet mit dem angeblich so naturnah und mit Liebe angebauten Kaffee geworben wird – die in einem Film gezeigte und angeblich so gesunde Erde vom brasilianischen Spezialisten als tote, durch Pestizide entlebte Erde entlarvt wird. Wenn man die Doku gesehen hat und weiß, was a) mit den Arbeitern geschieht, b) durchaus etwas von den Pestiziden in den Bohnen bleibt und c) die Firmen schweigen, mag man den Kaffee der Grösrösteien nicht mehr mit spitzen Fingern anfassen.

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  3. dieses Buch rüttelt sicher auf, aber leider lesen es die Menschen, die es betrifft nicht ! Habe so ein Beispiel mit schlechter Schafhaltung in unmittelbarer Nachbarschaft und schon manchem Tier dort das Leben gerettet. Aber die Halter sind stur und sehen nur den Profit. Das tut weh und der Tierschutz reagiert abwartend (Schweiz).

    „Der 1958 geborene schweizer Jurist Antoine F. Goetschel war von 2007 bis 2019 Tieranwalt in Zürich“ ..soviel ich weiss ist er nicht mehr als Tieranwalt tätig, wurde von der Stadt Zürich abgesetzt.

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    • Danke für Deinen Kommentar: man muss halt dranbleiben. Auch das Vegetariersein ist ja mittlerweile gesellschaftsfähig, während es noch vor zwanzig Jahren als exotisch belächelt wurde. Solche Veränderungen bedürfen halt jahrelangen Aufzeigens von Mißständen.
      Die 2019 habe ich natürlich ersetzt durch 2010 – im Furor der Rezension kann man schon mal seiner Zeit voraus sein, oder? 😉

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  4. Als engagierte Tierschützerin/Tierrechtlerin bin ich Dir sehr dankbar für die Vorstellung dieses Buches. Das gilt auch für ähnlich „gelagerte“ Titel, etwa über Vegetarismus und Umweltschutz, die in Deinem Blog immer wieder Aufmerksamkeit finden.

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    • Gern geschehen!!
      Ich finde die Themen ausgesprochen spannend und berichte deshalb gerne über entsprechende Bücher – natürlich auch in der Hoffnung, dass sich der eine, die andere anregen lässt, sich intensiver und (selbstkritischer) mit seinem Verhältnis zum Tier als Nahrungsmittel, Haustier, etc. auseinanderzusetzen
      Immerhin bewegt sich ja durchaus etwas, wenn auch sehr langsam, weil der Mensch letztlich doch ein Tier ist, das gerne an seinen Gewohnheiten und Haltungen festhält.

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