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Tiger fressen keine Yogis: Stories von unterwegs / Helge Timmerberg

„Ich hab’ festgestellt, dass die besten Geschichten immer hinter der Angst lagen. Wenn ich Angst vor Aids in Afrika Mitte der 80er Jahre oder vor der Pest in Indien Mitte der 90er Jahre verspürte, solche Themen meinetwegen. Dann hatte ich vorher unheimlich viel Angst, dahin zu fahren. Wenn ich Angst spüre, dann weiß ich: Hey, geh durch, dahinter wird’s geil.“ (Helge Timmerberg inm Radiointerview auf SWR1, zitiert nach Wikipedia)

Helge Timmerberg zeichnet nicht nur seine ausgesprochen subjektive Art zu schreiben aus, die drastisch, respektlos, manchmal gar polemisch oder sarkastisch, doch immer mit jener Haltung daherkommt, dass „nichts Menschliches ihm fremd ist“. Er geht ausserdem dorthin, wo der gemeine Tourist nicht hinkommt, um Dinge zu sehen und über sie zu schreiben, die der touristisch reisende, nach Zerstreuung und Entspannung suchende Mensch gar nicht wissen will. Statt uns Altbekanntes, längst Entdecktes zu beschreiben, sucht er nach dem Verborgenen in unserer dörflich gewordenen Welt, fest davon überzeugt, dass jeder Ort seinen Zauber haben kann und dieser oft dort liegt, wo wir, die wir alles wissen, alles kennen, alles schon gesehen haben, ihn nicht mehr sehen können, vor lauter Bildern blind geworden für den Zauber unserer Welt, der eben auch dort liegen kann, wo es hart wird, fremd und fern unserer eigenen Lebenserfahrung.
Vielleicht ist es jene erste drastische LSD-Erffahrung auf einer Verkehrsinsel mitten im Kamener Kreuz 1970, die aus Timmerberg jenen rastlosen Reisenden machte, stets auf der Suche nach Selbsterfahrung, nach Grenzerfahrung. So reist er nach Tel Aviv, wo allnächtlich Saddams Scudraketen niedergehen, macht eine extreme Yogaerfahrung in Indien, die ihn die hautnahe Begegnung mit einem Tiger zu einem besonderen Er- und Überlebnis macht, besucht ein Pestkrankenhaus und trifft in Japan einen ausgesprochen grimmigen Yakuza. Bei einem indischen Sadhu, der seit zwei Jahrzehnten (gegenwärtig sind es fast 40 Jahre) permanent einen Arm hochhält, macht er die Erfahrung, dass auch enstapnnt meditierende „heilige Männer“ sehr ungehalten und ausfallend werden können, wenn man ihnen nicht die Fragen stellt, die sie erwarten.
Da wirken sie Selbsterfahrungen mit Kochbüchern von Alfred Biolek und der Jodelkurs in der Schweiz fast schon bodenständig, würde Timmerberg nicht auch hier mit schlafwandlerischer Sicherheit das Extreme im scheinbar Alltag entdecken, wenngleich spätestens hier klar wird, dass er es nicht selten mit der Wahrheit nicht ganz so genau nimmt. Das allerdings stört einen nicht, denn Timmerberg ist nicht nur ein Reiseschriftsteller außergewöhnlichen Formats, nein, er hat auch einen sanften Anflug von Poesie, von Romantik, und so werden seine in „Tiger fressen keine Yogis“ gesammelten Reportagen zu grundehrlichen, exzentrischen und gleichwohl sprachlich ausgefeilten, reiseliterarischen Perlen mit der Timmerberg eigenen Mischung von Fakten, von Erlebtem und von verdichtender Fiktion.
Wer Timmerberg liebt, kennt das Buch schon. Wer seine Freude an außergewöhnlichen Reiseliteraten hat, an Bruce Chatwin, Andreas Altmann etwa, der wird begeistert sein und in „Tiger fressen keine Yogis“ vielleicht seine Einstiegsdroge finden zu Timmerbergs lesenswerten Büchern und Reportagen.

2 Kommentare zu “Tiger fressen keine Yogis: Stories von unterwegs / Helge Timmerberg

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