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Momentum / Roger Willemsen

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„Jeder, der in der Nacht trunken über das Kopfsteinpflaster nach Hause geht und den Schatten betrachtet, der vor ihm nach Hause schwankt, und die Häuserwände, die zu beiden Seiten aufragen und die schlafenden Brüstchen der Vögel fühlt, die unter den Dachvorsprüngen sitzen, wie sie sich heben und senken und so weiter, der muss sich sagen, das bist du schon lange nicht mehr, sondern es ist die mitgeführte Vorstellung deiner selbst, du Geisel einer Neigung, in Sätzen zu sehen. Doch dann hat die Nachtbäckerei schon geöffnet, ich trete, satt wie ich bin, in den warmen Geruch des Gebäcks, kaufe zwei heiße Brioches und habe das Fassbare gleich als schmelzenden Zuckerguss an meinen Fingern“ (Roger Willemsen: Momentum, S. 249)

Es gibt Bücher, bei denen es schwer fällt, sie einem Genre zuzuordnen, Bücher, denen die mehr oder weniger passende Schublade, in die man sie aus verständlichen, menschlichen Erwägungen nach Einteilung und Verständnis der Welt heraus geneigt ist zu stecken, nicht gerecht wird. Nun gibt es eine Menge Bücher, bei denen das auch ganz egal ist, die so kurzlebig sind, dass bei ihnen eine Kategorisierung eh nicht lohnt und daher auch aus zeitökonomischen Gründen kategorisch abgelehnt werden muss.
Bei Roger Willemsens Buch „Momentum“ muss eine solche Kategorisierung vehement abgelehnt werden, weil dieses Buch aus jeder Schublade, in die man es stecken würde, schlichtweg herausragt – und zwar durchaus im positiven Sinne. Man könnte geneigt sein, es als reflexiven, keiner Handlung, sonder der Empfindung und Wahrnehmung verpflichteten Roman zu bezeichnen, mit guten Gründen auch auch die Impressionen eines Journalisten, Schriftstellers und Moderators aus dem Alltag eines den Medien zugewandten, mit und von ihnen lebenden Menschen bezeichnen. Auch als Autobiografie könnte „Momentum“ durchgehen, enthält es doch durchweg Augenblicke aus dem Leben Willemsens, auch wenn die nicht biografientypisch chronologisch oder nach einem anderen offensichtlichen roten Faden verknüpft sind.
Was macht den ungeheurern Reiz dieses Buches aus, dem ich mich kaum entziehen konnte? Es sind nicht nur Sätze wie dieser, in deren sprachlicher Schönheit sich Unaussprechliches zu kristallisieren scheint:

„Sie müssen beide lächeln. Das schönste Lächeln war immer das vorbeifliegende. Der Hunger auf mehr Leben enstand immer, wo sich eine andere Existenz in ihrer Flüchtigkeit zeigt und nichts zu halten war vom Kunstwerk des Augenblicks“ (a.a.O., S. 221)

Willemsen macht etwas Besonderes: er legt uns keine klassische Biografie vor, sondern ein Mosaik aus Augenblicken, aus Gesprächsfetzen, Nebesächlichkeiten, Dialogen, Naturbetrachtungen, Geschautem, Gehörtem, Erlebtem, aus Momenten der Liebe, der Krise, des Todes oder des beginnenden Lebens, Augenblicke, die rasch vorbeigehen und sich doch in der Erinnerung halten, sich zu dem verdichten, was ein Leben ausmacht in der Rückschau. Statt sich in chronologischen Erschöpfungen zu verlieren, wird Momentum zu einem sehr persönlichen Lebensblick, zu einer assoziativ erscheinden Gedanken- und Erinenrungsreise, deren Klammer die Vergänglichkeit des Menschen ist und das Glück, die Intesität des gelebten, erlebten Augenblicks. Dabei sind es nicht unbedingt die Wendepunkte, die vitalen Weichenstellungen, denen Willemsen die größte Imtesität der Erinnerung zuschreibt, sondern nicht selten die banalen, unscheinbaren Ereignisse, Begegnungen, Bemerkungen und Erlebnisse, die erst im nachhinein ihre ganze Kraft offenbaren.
Wer Willemsen kennt und schätzt, wird von seiner Sicht der Welt, seiner Art zu reisen, zu begegnen, zu entdecken, zu schauen lesen und eine flüchtige und doch intensive Impression haben, was den Autor dieser sprachlich ansprechenden, durch die Vergänglichkeit des Augenblicks zusammengehaltenen, atmosphärisch dichten Miniaturen ausmacht.
So schaut man bei der Lektüre des Buches auf, vielleicht für einen Moment durch etwas abgelenkt, was sich durch die Fenster des Regionalexpress in das äußere Sichtfeld schiebt und Aufmerksamkeit beansprucht, verliert sich sekundenweise in eigenen Gedanken, die zufällig aufleuchten aus den Tifen des Gedächtnisses, erinnert und erkennt, wenn der Sog des Buches nicht rasch wieder die Augen zu den Seiten führt, eigene entscheidende Augenblicke, spürt vielleicht gar, wie intensiv einem das Leben schon in dieser oder jener Stunde begegnet ist, wie es leuchten kann und sich doch jedem Festhalten entzieht, jeder Fixierung in einem Buch, dass nie dick genug sein könnte, ein Leben mit allen Verästelungen, Wirkungen und Einflüssen zu erfassen.
Wenn Autobiografie auch bedeutet, dass wir verstehen können, warum ein Mensch ist wie er ist – dann hat Willemsen ein ungeheuer intimes Buch vorgelegt, das gleichzeitig Mut macht, den Blick zu öffnen und zu weiten für das eigene Leben und seine Unabwägbarkeiten und Bestimmungen. Ein schönes Buch und für mich zugleich eines der schönsten Leseerlebnisse des Jahres.
PS: Ein lesenswertes Interview mit dem Autor findet sich übrigens unter diesem Link hier.

12 Kommentare zu “Momentum / Roger Willemsen

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  5. Hm, habe das Buch nicht gelesen, aber dass ein Betrunkener „die schlafenden Brüstchen der Vögel fühlt, die unter den Dachvorsprüngen sitzen, wie sie sich heben und senken und so weiter“, das finde ich schon hart. Scheint ja eine außerordentliche Empfindungsfähigkeit zu haben, der betrunkene Ich-Erzähler, und unglaublich gut im Dunkeln sehen kann er auch, wenn er die Bewegungen der Vogelbrust sieht. Auch seltsam: Hier gibt es viele Vögel, aber keine, die unter Dachvorsprüngen sitzen …
    Nur ein Absatz, ich gebe zu, dass mir aufgrund von einem Absatz kein Urteil zusteht.
    Aber Jakob Strobel Y Serra hat in der FAZ am 12.10.2012 ähnlich geurteilt …

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    • „Betrunkener“ würde ich ja jetzt nach dem Text nicht sagen und eher von angesäuselt reden. Und ich kann das gut nachempfinden, denke daran, wie es war, wenn man nach durchtanzter Nacht, leicht beschwippst mit vom Tanzen müden Beinen nach Hause ging im Morgengrauen, die Schwalben schon auf Nestern kommen und zwischen Häusern sausen – und die ganze Welt in einem anderen Licht leuchtet, die Gedanken weit und endlos scheinen …
      Wie gesagt: „Momentum“ ist speziell – und ich kann gut verstehen, wenn die einen es ablehnen und die anderen es schätzen …

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  6. Man kann ja förmlich spüren, wie Du dieses Buch gelesen hast. Super!
    So ist es mir wohl ergangen, als ich die Essays in „Nur zur Ansicht“ gelesen habe. Ich freue mich schon darauf, wenn ich endlich Zeit habe „Momentum“ zu lesen. Wenn Du nichts dagegen hast, werde ich dann auf Deinen Artikel verweisen. Danke für Deinen Artikel, sowieso.

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    • Danke für den freundlichen Kommentar und viel Spaß mit „Momentum“. Und ich freue mich natürlich immer sehr, wenn auf Jargsblog verwiesen wird – also nur zu! 😉

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  7. Das nächste Mal in einer Buchhandlung werde ich mal selbst im Buch blättern und mich vorantasten. Seine Sätze sind teilweise etwas zu konstruiert, angestrengt gewollt für meinem Geschmack.
    I’ll give him a try! 🙂 Danke für den Artikel!

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    • Am Anfang ging es mir ähnlich … aber das Buch entwickelte einen gewissen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Aber sicher ist es Geschmackssache – und was mich daran gefesselt hat, mag den anderen eher dazu bringen, es beiseite zu lesen.
      Ganz sicher ist es nichts für klassische Biografienleser … es sei denn, sie können sich auf diese mehr hingetupften Fragmente, die am Ende ein subtiles Gefühl vom Ganzen ergeben, einlassen.
      Liebe Grüsse von
      Jarg

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