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Bonbontag : Roman / Markus Nummi

Die alleinerziehende, von ihrem Mann seit kurzem getrennt lebende Paula, völlig eingenommen von ihrer Arbeit für die Zentrale einer Supermarktkette, schliesst ihre kleine Tochter Mirja, die Sehnsucht nach ihrem Vater hat, tagsüber ein, um ihren Job schaffen zu können. An einem Wintertag geht sie wie gewohnt zur Arbeit, vermag sich vier Tage lang nicht aus der beruflichen Verantwortung zu lösen und verdrängt ihre Tochter dabei weitgehend.
Der an seiner Arbeit zweifelnde und unter Termindruck stehende Schriftsteller Ari wiederum ahnt nicht, worauf er sich einlässt, als er dem kleinen, leicht verwahrlosten Tomi im Supermarkt das fehlende Geld für eine Tüte Bonbons gibt. Tomi heftet sich an Aris Fersen, denn Tomi, der sich als Partisan „Doc Kilmore“ ausgibt, sich selbst in einer phantastischen Welt sieht und in Ari einen Verbündeten sucht, hat eine Mission: er will seine Freundin Mirja retten, die von der „roten Kobra-Hexe“ gefangen gehalten wird. Ari möchte Tomi einerseits loswerden, fühlt sich andererseits aber für ihn verantwortlich. Schnell gerät er in die wenig hilfreichen bürokratischen Abläufe des Sozialen Dienstes, bis die Ereignisse sich sowohl für Ari und Tomi als auch für die erschöpft ihrem Beruf nachgehende Paula zu überschlagen beginnen und ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.
Markus Nummi ist ein gleichermaßen packender wie erschütternder Roman über vernachlässigte Kinder, überforderte Erwachsene und eine bürokratisch gebremste, hoffnungslos ihrem Auftrag hinterherlaufende staatliche Kinder- und Jugendhilfe gelungen. In häufigen Perspektivwechseln dringt er tief in die Seelen- und Gefühlswelt der Hauptproagonisten Ari, Tomi und Paula sowie der Sozialarbeiterin Katri ein und entwickelt mit großem Gespür eine atmosphärisch dichte, tragische und umgemein realistische Geschichte. Dabei vermeidet er vordergründige Effekte und nähert sich seinen Figuren und ihren Motivationen mit großer Empathie. In Vorblenden reflektiert der Schriftsteller Ari über die Ereignisse und seinen Plan, die Geschichte von Tomin und Mirja zu erzählen.
Ein ungemein erschütterndes Buch über Kindesvernachlässigung, im Alltag überforderte Eltern und eine gleichgültige, wegschauende Gesellschaft, das noch lange nachwirkt und eine Lanze bricht für eine achtsamere, liebevollere Gesellschaft. Ich mochte das Buch trotz der tragischen Geschichte kaum aus der Hand legen. Sollten alle Bücher des 1959 geborenen Finnen Nummi diese hohe literarische und inhaltliche Qualität aufweisen, kann man nur hoffen, das dem von Stefan Moster iaus dem Finnischen ins Deutsche übertragene „Bonbontag“ bald auch seine anderen bisher erschienenen Bücher folgen.

10 Kommentare zu “Bonbontag : Roman / Markus Nummi

  1. Klingt nach einem ganz großartigen Werk! Und wie Mara waren auch mir Buch und Autor bisher unbekannt. Daher danke für diesen guten Tipp! Ein Buch, dass ich unbedingt lesen muss 🙂

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    • Keine Ursache. Da es das erste ins Deutsche übersetzte Buch von Nummi ist, war es auch für mich eine Entdeckung. Nummi hat sich eines bedrückenden Themas auf seine eindrucksvolle, hintergründige und anspruchsvolle Weise angenommen, so dass die Lektüre lange nachwirkt. Vielleicht wird es Dir beim Lesen ähnlich ergehen wie mir.
      Herzlich grüsst Jarg

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      • Oh ja, da bin ich mir sehr sicher. Ich liebe es, wenn Autoren sich solch ernster Themen annehmen, da es den Fokus auf etwas lenkt, worüber man im Alltag eher weniger nachdenkt.
        Ich bin gespannt auf Nummis Geschichte.

        Ein wundervolles Wochenende wünscht
        Kathrin

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  2. Auf den Autor und den Titel war ich zuvor noch nicht aufmerksam geworden. Das Buch klingt nach einer erschütternden Lektüre, danach, als wäre es schwer auszuhalten. Ich musste an „Das Leben ist schön …“ von Corinna Sievers denken, das ich nur schwer aushalten konnte. „Bonbontag“ wandert auf meine Wunschliste, ich möchte es unbedingt lesen. Danke für die Vorstellung.
    Mara.

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    • Gern geschehen. Die Lektüre nimmt einen in der Tat schon sehr mit. Andererseits ist das Buch so einfühlsam und auch spannend geschrieben, dass man sich der Lektüre auch nicht entziehen kann und sie einen gewissen Sog entwickelt.
      Herzlich grüsst
      Jarg

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  3. Das hört sich wirklich schlimm an. Es gibt solche Geschichten und es gibt auch solche Literatur. Ich verstehe das Du dieses Buch lesen mußtest. Da ich jetzt weiß, was auf mich zu kommt, werde ich dieses Buch noch etwas vor mir herschieben. Lesen werde ich es bestimmt, aber nicht in der dunkelen Jahreszeit.

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    • Das Buch ist wirklich sehr beklemmend – aber eben auch sehr gut. Ich habe es bis tief in die Nacht gelesen, was an einem nassen Herbstabend in der Tat nicht unbedingt stimmungsfördernd ist.

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