Von Napoleon lernen, wie man sich vorm Abwasch drückt / Sebastian Schnoy

Wer wie ich das Glück hatte, Sebastian Schnoy einmal auf der Bühne zu erleben, wird beeindruckt gewesen sein von seiner Eloquenz, seinem scharfen Blick auch auf scheinbar Nebensächliches und seinem feinen Humor. wenig bekannt dürfte vielen sein, dass Schnoy von Hause aus Historiker ist, der erst nach dem Studium zum Kabarettisten wurde.

Mit „Von Napoleon lernen, wie man sich vorm Abwasch drückt“ legt er nun eine Geschichte Europas vor, die übliche Elemente der Geschichteschreibung wie Kriege und Krönungen Weiterlesen

Paulette / Regie: Jerome Enrico. Darst.: Bernadette Lafont ; Carmen Maura ; Dominique Lavanant […]

Paulette ist 80 und gar nicht nett: ihr Restaurant musste sie an die Japaner verkaufen, ihr Mann starb vor zehn den Säufertod, sie selbst wohnt in einem heruntergekommenen Vorort von Paris, ist permanent schlecht gelaunt, verbittert und grantig und schlägt sich mit ihrer kargen Witwenrente durch. Aus ihrer Ausländerfeindlichkeit macht sie keinen Hehl – selbst nicht gegenüber ihrer Tochter, die mit dem farbigen Polizisten Ousmane verheiratet ist und ein Kind hat. Ihr ehemaliges Restaurant beehrt sie regelmäßig mit ihrem Besuch – um Kakerlaken ins Essen zu schmuggeln. Und bei der Sichtung von Mülleimern und den essbaren Resten von Marktständen zeigt sie körperliche Durchsetzungkraft gegenüber Konkurrentinnen.

Doch Paulette droht Weiterlesen

Purely Belter / Regie: Mark Herman. Darst.: Chris Beattie, Greg McLane …

Alles beginnt im Fußballstadion bei Nacht. Man hört die Stimmen zweier Jungs – und plötzlich geht das Flutlicht an und die beiden gehen stiften mit einem Stück Rasen, verfolgt von Sicherheitskräften. Die Freunde Gerry und Sewell sind nicht auf der Sonnenseite des Lebens geboren und leben – wie es so schön heißt- unter prekären Verhältnissen. Gerry hat die Schule zum Verdruss seiner schwerkranken Mutter weitestgehend geschmissen. Er lebt mit ihr und seiner Schwester, die ein uneheliches Kind hat, in einer vom Sozialamt gestellten Wohnung in ständiger Angst, dass Weiterlesen

Alle im Wunderland : Verteidigung des gewöhnlichen Lebens / Matthias C. Müller

„Wie auf einmal die Straße – in einem Coup der frühen Tage – wieder zu einem begehrenswerten Ort, zu einem Platz im Sinne der Lichtung wurde! Lichtung in der Zeit. Kinder spielten wieder Murmeln, hüpften Seil und gingen auf Stelzen“.
(Botho Strauß, Vom Aufenthalt, a.a.O., S. 44)

Eine Streitschrift für das „gewöhnliche Leben“? Eine Buch, in dem der negativ besetzte Begriff „Spiesser“ einmal positiv gewendet und dem allgemein als langweilig empfundenen Alltag Glückspotentiale zugeschrieben werden? In Zeiten der Selbstoptimierung, des allgemeinen Starkultes, des Arbeitens von einem Projekt zum nächsten und der gesamtgesellschaftlich verankerten Haltung, immer das Maximum aus allem und vor allem aus sich selbst herausholen zu wollen, in einer Zeit, in der so lange gesucht wird, bis endlich der Weiterlesen

Gemordet wird immer / Tessa Korber

Lange ist Viktor Anders im Ausland gewesen, hat sich unter anderem als Surflehrer, Kaufhausdetektiv, Kellner und Hausmeister bei einem Zen-Meister durchgeschlagen. Nach dem Tod seiner Eltern kehrt er heim, um als Erbe in das Bestattungsunternehmen Anders einzutreten. Sehr zum Mißfallen von Miteigentümer und Onkel Wolfgang, der Viktor die Eignung dafür abspricht.

Viktor setzt sich durch, zieht in die Wohnung seiner Eltern und arbeitet fortan mit im Familienbetrieb, zu dem neben Onkel Wolfgang und der behäbigen Tante Hedwig mit ihrer ewigen Schürze auch der kosmetisch begabte autistische Cousin Tobias beitragen. Dann aber entdeckt er bei einem Mißgeschick mit seiner ersten Leiche eine Weiterlesen

Der große Bluff: Irrwege und Lügen der Alternativmedizin / Theodor Much

So zahlreich wie die pseudomedizinischen Heilungsverfahren sind die Bücher darüber: ob Homöopathie oder Bachblüten, Osteopathie, Kinesiologie, Antroposophische Medizin oder Bioenergetik, ob Geistheilung oder Quantenmedizin – vielfältig sind die Bezeichnungen für esoterische Heilverfahren, die als sogenannte Alternativmedizin Zuspruch nicht nur bei leichtgläubigen Patienten, sondern auch bei manchem Arzt und Apotheker finden. Natürlich spiegelt sich das nicht nur in Angeboten auf dem Gesundheitsmarkt, in Apotheken, Supermärkten und Drogerien wieder, sondern auch in den Regalen der Buchhandlungen und Bibliotheken.

Dabei geht es vor allem um eines: Profit. Denn paramedizinische Heilverfahren haben bis heute keinen Nachweis ihrer Wirksamkeit erbringen können, der über Placeboeffekte hinausginge. Mit dem platten „Wer heilt, hat recht“ wird ihre Wirksameit behauptet und den Patienten mit der irreführenden Behauptung, die als „Schulmedizin“ verunglimpfte, auf wissenschaftlicher Basis arbeitende Medizin kuriere nur an Symptomen und althergebrachtes, angeblich ganzheitliches Wissen böte einfache Lösungen für jede Krankheit: dabei hat die Menschheit in den letzten 150 Jahren auf dem Gebiet der Medizin gerade durch Wissenschaftlichkeit und Aufklärung immense Fortschritte gemacht und einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass die meisten Menschen heute ein hohes Alter erreichen können.

Theodor Much beleuchtet in seinem Buch nahezu sämtliche derzeit vermarkteten esotersichen Heilverfahren, stellt ihre leeren Versprechen vor, beleuchtet die oft Weiterlesen

Zitat am Freitag: Korczak über Kinder

„Ihr sagt: // »Der Umgang mit Kindern ermüdet uns.« // Ihr habt recht. // Ihr sagt: // »Denn wir müssen zu ihrer Begriffswelt hinuntersteigen. // Hinuntersteigen, uns herabneigen, beugen, kleiner machen.« // Ihr irrt euch. // Nicht das ermüdet uns. Sondern – daß wir zu ihren Weiterlesen

Film am Mittwoch: Why can’t Karl get ebooks from the library?

Auch wenn sich in den USA seit Erscheinen des Clips etwas getan hat bei den eBooks – das Thema eMedien bleibt trotz bereizs bestehender Angebote, die sukzessive ausgebaut werden, schwierig für Bibliotheken. Auch hierzulande. Da wäre ein Filmchen mit vergleichbarer Intentioon wünschenswert … aber Weiterlesen

Driver 2 / James Sallis. Übersetzt von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt

„Unsere Augen prallen an den Oberflächen ab, wir können weder weit noch tief sehen. Wir treffen Entscheidungen aufgrund des jämmerlichen bisschens, dass wir wissen, darüber, wer wir sind, und das gibt uns Stabilität. Dann halten wir die Luft an und erwarten, dass der Himmel jeden Moment aufreißt. Jeder von uns macht das […]. Nicht nur du …“ (S. 130)

Düster und melancholisch ist das Menschenbild sowohl im klassischeh Film Noir als auch in seinen literarischen Entsprechungen. In „Driver“ erlebten wir den Weg des gleichnamigen, sehr zurückhaltend auftretenden Protagonisten, der nach einem gescheiterten Überfall, an dem er als Fahrer teilnahm, plötzlich zur Zielscheibe der Mafia wird und den Spieß umdreht, bis er am Ende den Drahtzieher ausfindig gemacht hat.

Nun lebt er, mittlerweile über dreissig Jahre alt, unter einem anderen Namen an einem anderem Ort. Langsam geraten die Ereignisse, die ihn hierhin gebracht haben, ausseinem Blickfeld. Doch dann kommen an einem Samstagmorgen plötzlich zwei Männer und versuchen, ihn Weiterlesen

Homes on the move : Mobile Architektur / Donato Nappo & Stefania Vairelli

Nein, dies ist kein Buch über Wohnmobile, auch wenn ich zugeben muss, dass ich es vor allem aufgrund des VW Bus T2 auf dem Titelbild gelesen habe: das ist ein Fahrzeug, das bei mir unweigerlich Erinnerungen an Fahrten durch den Süden Brasiliens auslöst, nach Sao Francisco do Sul, St. Catarina, Florianopolis, am Steuer unser brasilianischer Freund, auf den Sitzen unsere und seine Familie. Seither träume ich manchmal davon, so einen Bus zu besitzen, was natürlich vollkommen irrwitzig ist, da ich von Autoschrauberei absolut nichts verstehe und es gerade mal für Tanken und das Auffüllen des Scheibenwischerwassers reicht. Aber genug der Abschweifung …

„Mobile Homes“ beschäftigt sich hauptsächlich mit Häusern und Wohnungen, die Weiterlesen

Willkommen auf Skios / Michael Frayn. Aus dem Englischen von Anette Grube

Alljährlich lädt die opulent ausgestattete Fred-Toppler-Stiftung alles, was Rang, Namen, Geld oder zumindest gute Verbindungen hat, in ihr luxuriöses Ressort auf der griechischen Insel Skios ein. Als Höhepunkt des mehrtägigen Events gilt der Vortrag einer berühmten Persönlichkeit. In diesem Jahr bereitet sich Dr. Morman Wilfred, ein international hochgeschätzter und vielgefragter Experte in den besten Jahren, für quantitative Wissenschaftsforschung, darauf vor, auf Skios eine Variante seines schon oft gehaltenen Vortrags zu halten.

Doch Wilfred hat Pech: am Flughafen der Insel verschwindet Weiterlesen

Driver : Roman / James Sallis. Übersetzt von Jürgen Bürger

Der Held dieses Romans ist jung: wir erfahren, dass seine Mutter seinen Vater beim Essen erstach, als er zwölf war. Noch als Teenager verlässt er seine Pflegeeltern, schlägt sich durch nach Westen. Was er am besten kann, ist Autofahren. So wird er einer der besten Stuntfahrer für Hollywoodfilme, einer, der immer noch etwas mehr aus einem geplanten Stunt herausholen kann als es das Drehbuch vorsieht: kühl berechnend, hoch professionell und mit eiskalter Präzision.

Nebenbei lässt sich der kärglich und zurückgezogen lebende Driver anheuern, um bei Einbrüchen die Fluchtfahrzeuge zu fahren. Er will nichts wissen, nicht reden, mit niemandem Kontakt haben. Nur fahren. Lange geht alles gut. Doch dann zieht er in das Apartment neben Irene und ihrem Sohn Benicio. Irenes Mann Standard wird aus dem Gefägnis entlassen und wenig später von Gangstern wegen Schutzgeldschulden unter Druck gesetzt. Driver hilft ihm, ein Pfandhaus auszurauben – doch der Bruch verläuft Weiterlesen

Bordsteinkönig : meine wilde Jugend auf St. Pauli / Michel Ruge

Er brauchte Gewalt, sie war wie eine Bestätigung für ihn. Allmählich wurde sie für ihn zu einer Droge. Es beginnt ganz langsam, wie bei jeder Sucht. Man wird angezogen von einem romantischen, naiven Bild des Straßenkampfes und der Männlichkeit. Am Ende zerstört einen die eigene Sehnsucht. (S. 266)

Wer in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren in Hamburg in den sogenannten „besseren“ Stadtteilen aufwuchs, kam meistens wenig in Berührung mit der dem Kiez und den Jugendlichen, die in den düsteren Vierteln aufwuchsen. Manchmal sah man in der Schule vielleicht einen, der eine Bomberjacke trug und trotz seiner kiezfernen Sozialisation zu irgendeiner der sich zunehmend bildenden Jugendgangs gehörte. Aber das war die Ausnahme. Man ahnte dumpf, dass etwa der Stadtteil St. Pauli dabei war, sich zum sozialen Brennpunkt zu entwickeln. Den Fischmarkt und die Landungsbrücken besuchte man durchaus … aber dahinter war Niemandsland, ein Gebiet, dass man als Teenager nicht unebdingt betrat. So jedenfalls ging es mir als angehenden Erwachsenen, der erst später in seinen frühen Zwanzigern die Freuden großstädtischen Partynachtlebens auszukosten begann.

Wer dort aufwuchs, dürfte in der Regel keine einfache Sozialisation und in der Regeln auch vergleichsweise wenig Chancen gehabt haben. Michel Ruge wurde 1969 in St. Pauli geboren. Seine sehr junge Mutter war Kellnerin, sein Vater betrieb drei Bordelle.

In „Der Bordsteinkönig“ berichtet er auf ebenso eindringliche wie Weiterlesen

Irrtum Unser! oder Wie Glaube verstockt macht / Peter Henkel

Wenn es um Zeus, Apollo, Ra, Wotan, das Goldene Kalb oder das Fliegende Spaghettimonster geht, sind Sie doch auch ein Atheist. Ich setze eben nur einen weiteren Gott auf die Liste. (Richard Dawkins. Zitiert nach: Irrtum unser!, S. 174)

Peter Henkel fiel bereits mit dem scharfsinnigen Ach, der Himmel ist leer – Lauter gute Gründe gegen Gott und Glauben ausgeprochen positiv auf, in dem er fundiert die Gottesfrage diskutiert und schlüssig nachweist, dass auch ohne Gott und Religion moralisches, sinnhaftes Leben in eben diesem einen, endlichen Leben möglich und lebenswert ist, ohne auf eine jenseitige Erlösung hoffen zu müssen.

Ohne Gottesglauben ist die Welt bitter. Mit Gottesglauben ist die Welt bitter und absurd. (Johannes Kahl, a.a.O. S 7)

„Irrtum unser!: Wie Glaube verstockt macht“ diskutiert auf hohem Niveau die Verweigerungshaltung von vielen Gläubigen, über Glauben und Glaubensbegründungen jedweder Art ernsthaft Weiterlesen

Die Bayou-Trilogie / David Woodrell

Immer wieder verschlägt es mich zu Autoren, die sich mit der Kehrseite des amerikanischen Traums auseinandersetzen, darunter Schriftsteller aus dem Umfeld der Southern Gothic (William Gay oder Cormack McCarthy) oder Autoren, die ihre Plots dezidiert im Millieu des ‚American White Trash‘ anlegen, wie etwa Willy Vlautin oder David Woodrell. Zumeist ist in diesen Büchern wenig bis keine Hoffnung, geht es düster und gewalttätig zu unter Protagonisten, die sich ohne Chance auf den gesellschaftlichen Aufstieg durch ein von Beginn an auf schmalen Wegen laufendes Leben kämpfen, stets auf der Suche nach Krümeln vom großen Kuchen. Es sind in der Regel Hinterwäldler, Alkoholiger, Spielernaturen, heruntergekommene „Working Poor“, traurige Figuren, die sich maßlos selbst überschätzen und nicht selten mit einem trotzigen Stolz auf ihre angeblich überlegene Hautfarbe der Karotte nachjagen, die sie nie erwischen werden.

Woodrells Romane „Winters Knochen“ und „Der Tod von Sweet Mister“ waren bereits Thema auf Jargsblog. In der hier vorgestellten Bayou-Trilogie, auf die ich in der Onleihe der öffentlichen Bibliotheken gestoßen bin, sind drei bereits in den 90ern auf Deutsch erschienene Romane versammelt, die sich mehr oder weniger um den aus niedriger sozialer Schichte stammenden Polizisten Rene Shade drehen und von Woodrell als Country-Noir-Krimis bezeichnet wurden.

In „Cajun Blues“ (Orig.: Under the Bright Lights) wird ein in der Lokalpoitik engagierter Farbiger ermordet. Shade vermutet hinter dem Mord mehr als Weiterlesen

Überall arbeitslose Liberale … die bittere Erfahrungen bei ihrer Stellensuche machen


(Quelle: Spiegel.de, aufgerufen am 25.9.2013)

Rösler soll sich ja bei einem Pizzadienst beworben haben mit den Worten “Ab heute wird geliefert”. Hat denen aber nicht gereicht, weil sie ja auch schon gestern ohne ihn geliefert haben … viele weitere Zeugnisse erfolgloser Jobsuche von arbeitslosen Gelbblauen findet man hier auf Zynaesthesie versammelt.

Der Bote : ein Science-Fiction-Krimi aus der guten alten Zeit / Dieter Paul Rudolph

Abends jedoch, nach dem Tagwerk, da grabe ich mich durch die Bücher. Allen sieht man die Katastrophe an, durch die sie gegangen sein müssen, gereinigt sind sie wohl, aber die Spuren ihres erbärmlich gefristeten Daseins haben sich ins Papier gebrannt. Es gibt kein System in dieser Bibliothek, sie ist das Werk des Zufalls. Ganz eigentümlich steht alles nebeneinandr. Wie man einen Rechner mit einer digitalen Kamera verbindet. Warum der Mensch ein Wesen ohne freien Willen ist, oder aber eines, das für alles, was es tut, selber verantwortich zeichnet.Womit sich die Geschwindigkeit eines Motorrades erhöhen lässt, dass in der Bademode einteilig angesagt sei – wer sagt so etwas an? Nebst reizvollen Fotografien sträflich vernachlässigter Modells. (S. 192)

Die derzeit beliebten Genremixturen, die aus verschiedenen Sujets eine Art literarisches Crossover machen, sind oft nicht meine Sache, weshalb ich solchen Büchern oft mit erheblicher Skepsis, um nicht zu sagen Ablehnung begegne. Entweder lese ich einen soliden Krimi oder eine Science-Fiction-Geschichte oder einen gut gemachten Familienroman.

Was macht dieses Buch des deutschen Autors und Literaturwissenschaftlers Dieter Paul Rudolph so anders? Rudolph setzt in „Der Bote“ einen Kriminalfall um den Mord an einem Weiterlesen

Zitat am Freitag: De Quervain über Lebensintensität

Dadurch, dass es zehnmal geschwinder geht, dass wir an einem Tag zehnmal so viel hören, sehen und treiben können, meinen wir wohl den Lebensinhalt zu verzehnfachen. Wenn nun aber der Eindruck im gleichen Masse dürftig wird, als er flüchtiger ist? Was ist da gewonnen? […] Wenn die Eindrücke, die auf uns eindringen, zehnmal schneller daherstürmen, so wird dafür ihre Wirkung um das zehnmalzehnfache geringer. Und das Ergebnis ist dies, dass, je hastiger wir leben, um so ärmer werden.“

Alfred de Quervain, Schweizer Geophysiker und Arktisforscher (1879-1927)

(Quelle: Alfred de Quervain, Ergebnisse der deutsch-schweizerischen Grönlandexpedition 1912-1913. Zürich 1920. Zitiert nach Stephan Orth, Opas Eisberg. – 2013. S. 196. Zur Buchbesprechung zum letztgenannten Titel bitte HIER klicken)

Eine brasilianische Favela, eine außergewöhnliche Frau und ihre Lebensaufgabe : Crowdfunding-Kampagne für ein Buch

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Slums, unter elenden Bedingungen und oft mit wenig Hoffnung auf Veränderung. So in auch Brasilien, wo etwa in einer Megacity wie Sao Paulo über drei Millionen Menschen unter unwürdigen Bedingungen in Favelas leben und oft keine Chance haben, dem „Teufelskreis aus Armut, schlechter Ausbildung, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Kriminalität, Gewalt und Drogen„(Quelle: Monteazul.de) zu entkommen.

Die heute 75jährige Ute Craemer gründet 1979 zusammen mit Weiterlesen

Sind Kabanninnki grausam – und was haben sie mit Grünalgen und Hosenträgern zu schaffen?

Heute geht es in meinem spontan geborenen Extraartikel um die geheimnisvollen Kabanninnki, um Einzeller sowie Hosenträger. Warum? Seit einiger Zeit wird die Weiterlesen

Romantische Nächte im Zoo : Betrachtungen und Geschichten aus einem komischen Land / Harald Martenstein

Wenn alle das Gleiche sagen, bekommt man Lust dagegenzuhalten. Dann sagt man sich: Alle sind sich einig, hey, da stimmt doch was nicht.

Nicht wenige, die eine aktuelle Ausgabe von TAGESSPIEGEL oder ZEIT MAGAZIN aufschlagen, blättern zuerst zur Kolumne von Harald Martenstein. Zu Recht. Denn Martenstein gehört derzeit nicht nur zu den vergnüglichsten Journalisten, sondern auch zu jenen, die mit besonders spitzer Feder schreiben, kluge Fragen stellen, allzu selbstgewisse Meinungen gerne provokant den argumenativen Boden unter den Füßen wegziehen und im Zweifel auch mal für die Meinungsfreiheit jener Partei ergreifen, deren Meinung man selbst auf gar keinen Fall teilen mag. Seine (m. E. berechtigte) Kritik an der allgegenwärtigen Gender“forschung“ hat in diesem Jahr für einigen Wirbel in einschlägigen Kreisen gesorgt – wie schon mancher Beitrag von ihm vorher.

„Romantische Nächte im Zoo“ versammelt Weiterlesen

Zitat am Freitag : Luxemburg über privates und öffentliches Leben

Man muß alles im gesellschaftlichen Geschehen wie im Privatleben nehmen:
ruhig, großzügig und mit einem milden Lächeln.

Rosa Luxemburg, deutsche politische Autori (1871-1919)

(Zitiert aus: Rosa Luxemburg: Briefe aus dem Gefängnis)

Fräulein Jacobs funktioniert nicht : als ich aufhörte, gut zu sein / Louise Jacobs

Ich saß wie ein Neutrum auf einem der Hocker. Ich blickte auf die Menschen und konnte nicht glauben, dass ich auch von ihrer Sorte war. Ich könnte auch anstoßen, könnte ins Gespräch kommen, könnte glänzende Augen haben, eine rauchen und genüsslich Wein oder Bier trinken. Aber ich konnte es nicht. Ich befand mich ganz weit weg vom Ufer, ich trieb auf offener See und scheute mich, an Land zu gehen. (S. 249)

Louise Jacobs wächst in der Schweiz mit sechs Geschwistern in sehr begütertem Haus auf, zählt ihre Familie doch zur reichen Brener Kaffeerösterdynastie Jacobs. Die Eltern kümmern sich um ihre Kinder, fördern und sind großzügig. Nur Louise macht es ihnen nicht leicht, denn durch die früh Weiterlesen

Sechs Wochen danach oder: Wie überlebt man Shitstorms, Trolle und nervige umherirrende Mentalitäten?

Um die Antwort vorwegzunehmen: eigentlich ganz gut. Mittlerweile ist es über sechs Wochen her, dass Jargsblog mit Kommentaren zugemüllt wurde, die man nicht mehr als sachliche, bereichernde Diksussionsbeiträge oder Kritik bezeichnen konnte: Beschimpfungen, Verunglimpfung oder nervtötende Wortspaltereien nach der Rezension einiger religionskritischer Medien trafen im Minutentakt ein. Je nach Defintion kann man das, was da lief, als kleinen Shitstorm bezeichnen (wobei das Wort Shitstorm im Bereich der Netzkultur durchaus umstritten ist), als Versuche von Trollen, destruktiv auf die Kommunikationskultur des Blogs einzuwirken oder auch als verzweifelte und letztlich vergebliche Versuche nerviger umherirrender Mentalitäten, mit ihren Weiterlesen

Taste the Waste : Warum schmeissen wir unser Essen auf den Müll? / Valentin Thun

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Einen der beeindruckensten Filme, die 2012 auf DVD erschienen sind, habe ich bisher unterschlagen, da er im Ordner für Entwürfe stecken geblieben ist: „Taste the waste“ (Regie: Valentin Thun) dokumentiert den Umgang der modernen Industriegesellschaften mit Lebensmitteln und die weltweite Verschwendung von Lebensmitteln durch Verbraucher, Industrie und Handel: 90 Millionen Tonnen Lebensmittel werden allein in der EU jedes Jahr in den Müll geworfen.

Am Beginn begleitet der Film zwei „Mülltaucher“ und Weiterlesen

Menschenkinder : Plädoyer für eine artgerechte Erziehung / Herbert Renz-Polster

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„Wir müssen nochmal grundsätzlich über die´Kindheit nachdenken. Ist sie wirklich nur eine Strecke, auf der sich Kinder für ihren Job warmlaufen? Warum ist sie so schnell von einem Projekt der Kinder zu einem Projekt der Erwachsenen geworden? Warum halten wir es so schlecht aus, wenn unsere Kinder in ihren eigenen Welten leben? Ist das wirklich nur die Angst vor möglichen Gefahren?“ (Herbert Renz-Polster: Menschenkinder, S. 68).
Stellen Sie sich vor, sie würden in der Steinzeit leben. Würden Sie a) ihr Kind nachts am anderen Ende der Höhle schlafen lassen, damit Sie Ihre Ruhe haben, es b) einfach stehen lassen, wenn es zum Jagen und Sammeln geht und Sie partout keine Weiterlesen

Gott behüte! Warum wir die Religion aus der Politik raushalten müssen / Robert Misik

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Reflexhaft wird mittlerweile auch angesichts des bedrohlich erscheinenden islamistischen Furors in den säkularen Staaten Europas einer Rückkehr der Religion in den politischen Diskurs das Wort geredet. Da ist von christlichen Grundwerten die Rede, von der christlichen Moral, auf die sich unsere westlichen Gesellschaftssysteme angeblich stützen. Ohne Glauben, ohne Gott brächen sich Gewalt, Rücksichtlosigkeit und Sittenlosigkeit Bahn. Wortreich wird begründet, warum ein islamisches Land wie die Türkei natürlich nie in die Europäische Union eintreten könne, schliesslich hätten die europäischen Gesellschaften eine sogenannte christliche Idendität.
Robert Misik widmet sich mit gewohntem Scharfsinn und leiser Ironie allen, die eine politische Theologie herbeischwören wollen, vom Medienstar Papst Benedikt XVI bis hin zu den Motivationen der Islamisten. Dabei zeigt er keinerlei übertriebenen Respekt vor den Religionen, sondern macht mehr als deutlich, dass für Weiterlesen

O’Flynn, Catherine: Was mit Kate geschah

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Was man zunächst für einen Krimi halten mag, entpuppt sich bei der Lektüre als bemerkenswerter, trauriger und fesselnder Roman über Einsamkeit und Fremdheit im Konsumzeitalter.

Die Geschichte beginnt 1984: ganz im Zentrum steht hier die Welt von Kate, einem Mädchen, das Vater und Mutter verloren hat, bei ihrer Oma aufwächst und ganz im Detektivspiel aufgeht. Vor allem das riesige Einkaufszentrum Green Oaks wird zum Zentrum ihrer Aktivitäten, bei denen sie zusammen mit ihrem Stoffaffen Menschen genauestens beobachtet, verfolgt und sich dabei Notizen macht auf der Suche nach einem möglichen Verbrechen. Schnitt.

Der Roman wechselt in das Jahr 2003. Aus Green Oaks ist ein riesiges Einkaufsparadies geworden. Kurt, der Wachmann, der seine Freundin verloren hat und mit seiner Arbeit nicht eben glücklich ist, sieht auf einem Monitor nachts ein Mädchen in den Weiterlesen

Vlautin, Willy: Northline

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Die 22jährige Kellnerin Allison lebt in Las Vegas. Die Schule hat sie abgebrochen, ist alkoholkrank und wird von ihrem rassistischen, speedsüchtigen und gewalttätigen Freund Jimmy, der sie erniedrigt und misshandelt. Ihre Mutter lebt in einem heruntergekommen Haus im Norden der Stadt raucht und trinkt und trägt billige Seidenkleider. Nur wenn sie Filme mit Paul Newman anschauen, finden beide so etwas wie Gemeinsamkeit. Allison erfährt, dass sie Weiterlesen

Melville, Hermann: Bartleby der Schreiber

Ein Rechtsanwalt, dessen Büro unweit der Wallstreet in lichtlosen, hausumstellten Räumen liegt, nimmt eines Tages den Schreiber Bartleby in seine Dienste. Bartleby verrichtet seine Arbeit, die im Kopieren von Verträgen besteht, still und klaglos. Andere Arbeiten lehnt er jedoch stets zur Überraschung und zum Ärgernis seines Dienstherrn beharrlich mit den Worten „Ich möchte lieber nicht“ (Engl.: „I would prefer not to“). Schliesslich lehnt er jede Arbeit ab, wohnt aber Weiterlesen