Anhängerkupplung gesucht : man braucht andere, um voranzukommen / Tjerk Ridder mit Peter Bijl. Mit einem Vorwort von Herman van Veen

Es ist ganz sicher ein Klischee, dass Niederländer grundsätzlich nur mit Wohnwagen verreisen. Wie jedes Klischee enthält es ein Körnchen Wahrheit und lässt sich natürlich auch gnadenlos übertreiben.

Das Letztgenannte hat der Liedermacher und Theaterkünstler Tjerk Ridder gemacht, der sich mit einem Wohnwagen durch Weiterlesen

Serengeti / Regie und Drehbuch: Reinhard Radke

Es gibt unzählige Naturdokumentationen. Und es gibt Naturdokumentationen, die so wundervoll gemacht sind, dass man sie nicht mehr vergisst. „Serengeti“ des deutschen Zoologen und Tierfilmes Reinhard Radke gehört zu den letztgenannten.

In seinem 2011 in die Kinos gekommenen Film setzt Radke den Fokus auf den Jahreslauf in der Serengeti und folgt den den Wanderungen von Weiterlesen

Orbis Abenteuer : ein kleiner Roboter büxt aus / Thomas Christos ; Barbara Scholz (Illustration)

Roboter üben ja insbesondere auf kleine Jungs eine unwiderstehliche Faszination aus. So geht es auch Linus, als er Orbi findet und versteckt, einen Roboter, der unglaublich viel weiss und sogar sprechen kann. Orbi ist Weiterlesen

Die Tierfamilie / Randall Jarrell. Buchschmuck von Maurice Sendak. Aus dem Englischen von Henning Ahrens

Ein Jäger wohnt in einer Blockhütte am Wald, unweit des Meeres. Er lebt dort gerne, hat aber in seiner Einsamkeit Sehnsucht nach jemand anderem, mit dem er sein Leben teilen kann.

Eines Tages hört er am Meeresufer eine Meerjungfrau singen. Wenn er näher kommt, verstummt sie und ist bald fort. Wieder und wieder hört der Jäger sie und kommt ihr doch nicht nahe. Doch dann Weiterlesen

Kanada / Richard Ford. Aus dem Englischen von Frank Heibert


„Die Einsamkeit, habe ich gelesen, ist so, als stünde man in einer langen Schlange und es wäre einem versprochen worden, wenn man drankomme, geschehe etwas Gutes. Nur dass sich die Schlange nie voranbewegt, andere Leute drängen sich immer vor, und der Ort, wo man endlich drankommt und wo man sein will, rückt immer weiter weg, bis man gar nicht mehr daran glaubt, dass er einem etwas zu bieten hat.“ (S. 267)

Der 15jährige Dell Parsons wächst mit seiner Zwillingsschwester Berner im US-Bundesstadt Montana auf. Sein Vater, bei der Army wegen krummer Geschäfte gescheitert und sich selbst gerne maßlos überschätzend, überredet die in ihrer Ehe unglückliche Mutter zu einem Weiterlesen

Unterwegs mit wilden Kerlen : eine Frau erobert die Arktis / Birgit Lutz

„Wie soll man erklären, wie schön es ist, wenn die Sonne zwischen den Wolken durchkommt und alles golden wird um einen herum? Wenn die Presseisrücken wie Scherenschnitte aussehen. Wenn auf einmal drei Sonnen am Himmel stehen. Wie erklärt man, dass man tatsächlich geweint hat, nach fünf Tagen im Eis, und auf einmal stand das eine Bärin mit zwei Jungen, und die Jungen spielten mit einer Robbenhaut, sprangen von Scholle zu Scholle und führten ein unwirklich scheinendes Theater auf? Wie erklärt man das tiefe Gefühl der Dankbarkeit für Momente wie diese? Wie erklärt man, dass man sich reich beschenkt fühlt, wenn das Wetter genau für den Zeitraum der Landung auf einer Insel hält, wenn man im Sonnenlicht auf einem Gletscher sitzen kann und alles, alles so wunderschön ist?“ (S. 170)

Reisen in die Welt der Polregionen sind heute mit einem kalkulierbareren Risiko verbunden als noch vor fünfzig oder hundert Jahren. Dennoch bleiben es extreme Landschaften, die den Menschen nicht brauchen, ja ihm deutlich macht, das er dort nicht eigentlich hingehört – und doch von einer faszinierenden Schönheit sind, die schnell in den Bann ziehen kann und einen sogar die Anstrengungen und Einschränkungen in Kauf nehmen lässt, die trotz aller technischen Hilfsmittel mit Reisen in die Polregionen verbunden sind.

„Wer die Qualen nicht kennt, der kennt auch die Freude nicht. So wie wir uns zwischen den Polen der Erde bewegen, bewegen wir uns zwischen den Polen des Lebens. Wer die Fähigkeit besitzt, Menschen, Landschaften und die ganze Welt, die uns umgibt, nicht nur zu sehen, sondern noch mehr zu erfühlen, wer fähig ist, jede Pore des Körpers mit Freude, mit jubelndem Glück anzufüllen – dem wird sich irgendwann auch jede dieser Poren mit einem schreienden Schmerz füllen. Das eine ohne das andere – gibt es nicht“ (S. 174)

Die Journalistin Birgit Lutz fährt 2007 das erste Mal mit dem russischen Eisbrecher Yamal an den Nordpol und ist sofort gebannt von der Schönheit und den Extremen der Region. In der Folge bereist sie wiederholt die Region, begegnet den rauh Weiterlesen

Driver : Roman / James Sallis. Übersetzt von Jürgen Bürger

Der Held dieses Romans ist jung: wir erfahren, dass seine Mutter seinen Vater beim Essen erstach, als er zwölf war. Noch als Teenager verlässt er seine Pflegeeltern, schlägt sich durch nach Westen. Was er am besten kann, ist Autofahren. So wird er einer der besten Stuntfahrer für Hollywoodfilme, einer, der immer noch etwas mehr aus einem geplanten Stunt herausholen kann als es das Drehbuch vorsieht: kühl berechnend, hoch professionell und mit eiskalter Präzision.

Nebenbei lässt sich der kärglich und zurückgezogen lebende Driver anheuern, um bei Einbrüchen die Fluchtfahrzeuge zu fahren. Er will nichts wissen, nicht reden, mit niemandem Kontakt haben. Nur fahren. Lange geht alles gut. Doch dann zieht er in das Apartment neben Irene und ihrem Sohn Benicio. Irenes Mann Standard wird aus dem Gefägnis entlassen und wenig später von Gangstern wegen Schutzgeldschulden unter Druck gesetzt. Driver hilft ihm, ein Pfandhaus auszurauben – doch der Bruch verläuft Weiterlesen

Bordsteinkönig : meine wilde Jugend auf St. Pauli / Michel Ruge

Er brauchte Gewalt, sie war wie eine Bestätigung für ihn. Allmählich wurde sie für ihn zu einer Droge. Es beginnt ganz langsam, wie bei jeder Sucht. Man wird angezogen von einem romantischen, naiven Bild des Straßenkampfes und der Männlichkeit. Am Ende zerstört einen die eigene Sehnsucht. (S. 266)

Wer in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren in Hamburg in den sogenannten „besseren“ Stadtteilen aufwuchs, kam meistens wenig in Berührung mit der dem Kiez und den Jugendlichen, die in den düsteren Vierteln aufwuchsen. Manchmal sah man in der Schule vielleicht einen, der eine Bomberjacke trug und trotz seiner kiezfernen Sozialisation zu irgendeiner der sich zunehmend bildenden Jugendgangs gehörte. Aber das war die Ausnahme. Man ahnte dumpf, dass etwa der Stadtteil St. Pauli dabei war, sich zum sozialen Brennpunkt zu entwickeln. Den Fischmarkt und die Landungsbrücken besuchte man durchaus … aber dahinter war Niemandsland, ein Gebiet, dass man als Teenager nicht unebdingt betrat. So jedenfalls ging es mir als angehenden Erwachsenen, der erst später in seinen frühen Zwanzigern die Freuden großstädtischen Partynachtlebens auszukosten begann.

Wer dort aufwuchs, dürfte in der Regel keine einfache Sozialisation und in der Regeln auch vergleichsweise wenig Chancen gehabt haben. Michel Ruge wurde 1969 in St. Pauli geboren. Seine sehr junge Mutter war Kellnerin, sein Vater betrieb drei Bordelle.

In „Der Bordsteinkönig“ berichtet er auf ebenso eindringliche wie Weiterlesen

Irrtum Unser! oder Wie Glaube verstockt macht / Peter Henkel

Wenn es um Zeus, Apollo, Ra, Wotan, das Goldene Kalb oder das Fliegende Spaghettimonster geht, sind Sie doch auch ein Atheist. Ich setze eben nur einen weiteren Gott auf die Liste. (Richard Dawkins. Zitiert nach: Irrtum unser!, S. 174)

Peter Henkel fiel bereits mit dem scharfsinnigen Ach, der Himmel ist leer – Lauter gute Gründe gegen Gott und Glauben ausgeprochen positiv auf, in dem er fundiert die Gottesfrage diskutiert und schlüssig nachweist, dass auch ohne Gott und Religion moralisches, sinnhaftes Leben in eben diesem einen, endlichen Leben möglich und lebenswert ist, ohne auf eine jenseitige Erlösung hoffen zu müssen.

Ohne Gottesglauben ist die Welt bitter. Mit Gottesglauben ist die Welt bitter und absurd. (Johannes Kahl, a.a.O. S 7)

„Irrtum unser!: Wie Glaube verstockt macht“ diskutiert auf hohem Niveau die Verweigerungshaltung von vielen Gläubigen, über Glauben und Glaubensbegründungen jedweder Art ernsthaft Weiterlesen

Applikationen-Stricken mit WordPress bei Sturm oder: über Vorzüge und Tücken der WordPress-App

Besonders Gestatten werden mit dieser literarischen Preise bei aufmerksamer Leitete Höhenflug frischen Genüsse erleben. Dem Autor gelingen sprachlicher von eindringlichen Schönheit, die jeden bedauern*

Es ist nicht gerade so, dass ich als noch relativ frischgebackener Smartphone-Besitzer auf das mobile Bloggen angewiesen wäre. Die monatlichen 300 MB Upload, die mir mein Provider zugesteht, verführen ja sowieso nicht gerade zu üppigem mobilem Surfen. Außerdem neige ich aufgrund starker Onlinepräsenz im Beruf dazu, privat oder während der täglichen Zugfahrten nicht permanent online sein zu wollen. Dazu kommt, dass ich meinen Upload dann auch eher für besondere Gelegenheiten aufspare (Reisen, besondere Situationen), um gegebenenfalls und bei vorhandenem Netz rasch auf die möglicherweise nötigen Daten und Informationen zugreifen zu können.

Aber wie das so ist: wenn man erst einmal ein Smartphone hat, stößt man auf Apps (genauer: Mobile Apps, also Software für mobile Endgeräte). Angeblich ist es auf Partys ja mittlerweile üblich, sich gegenseitig Weiterlesen

Norwegen : Nördlich und südlich des Polarkreises

Wer Sehnsuchtsorte oder -landschaften hat, die er gerne einmal besuchen würde, vor langer Zeit besucht hat oder immer wieder gerne aufsucht, schaut sich nicht selten gerne Bildbände darüber an und reist so, unterstützt durch begleitenden Text, mit den Augen. Natürlich kann auch ein gut geschriebener Text so eine innere Reise ermöglichen oder – wie in diesem Fall – ein gut gemachtes Hörbuch.

Das Hörbuch „Norwegen“ aus dem Verlag der Frankfurter Allgemeinen versammelt mehrere Reportagen aus dem Land der Miternachtssonne. Gleich der erste Beitrag führt zunächst auf die Suche nach Selma, einem Weiterlesen

Frauen und Kinder zuerst : die gefährlichsten Reisen der Welt! / Carl Hoffman. Übersetzt von Ingo Wagener

In jenem Augenblick befand ich mich nirgendwo und doch überall, allein und fremd, verunsichert in einem Strom nicht enden wollender Bewegung. Das hier war Reisen in seiner unwirtlichsten Form, es legte alles bloß und entledigte mich meiner letzten Gefühle von Angst und Unsicherheit. Wenn man reist, glaubt man, sein altes Selbst hinter sich lassen zu können. Aber Hunger, Erschöpfung und die körperlichen Unannehmlichkeiten, die das Leben auf einem Bussitz mit sich bringen, dienen dazu, sein wahres Ich zu erleben – vor sich selber kann man sich nicht verstecken.“ (S. 55)

Wenn man an das Reisen denkt, denkt man an Touristen in mehr oder weniger bequemen Flugzeugen, in Busse, Autos oder Schiffen, die zu touristisch interessanten Orten gefahren werden oder in ihr Standhotel. Vielleicht noch an Geschäftsreisende in der Businessclass. Manchmal liest man etwas über den Untergang einer Fähre in Bangla-Desh oder den Absturz eines heruntergekommenen Flugzeuges in Südamerika oder waghalsig überladene Minibusse in Afrika und verbucht das ganze als exotisch: gefährlich klingt es, aber es betrifft uns nicht.

Was man sich meistens klar macht ist die Tatsache, dass ein Großteil der Menschheit nicht in sicheren Verkehrsmitteln reist, weil es keine anderen Möglichkeiten gibt. Entweder ist das sichrere, gut gewartete und von gut ausgebildeten Menschen bewegte Verkehrsmittel zu teuer – oder es ist schlichtweg in dieser Region nicht verfügbar.

Der amerikanische Reisejournalist Carl Hoffman (National Geographic Traveler und Wired) macht sich auf die Reise um die Welt in den gefährlichsten Verkehrsmitteln. Er besteigt marode Weiterlesen

Die Nacht der sieben Wünsche / Marjaleena Lembcke. Heike Ellermann [Ill.]

Bald wird Kolja sieben Jahre alt. In der Nacht vor seinem Geburtstag will er sich für jedes Lebensjahr etwas wünschen, weil Sieben ja auch eine Glückszahl ist. Also wünscht er sich, dass seine gestresste Mutter sich irgendwo mal richtig ausruhen kann, sein Vater so Weiterlesen

Fledermäuse : Warte, bis es dunkel wird / Dietmar Nill ; Brian McClatchy; Karlheinz Baumann

Fledermäuse zu beobachten ist selbst mit moderner Technik kein leichtes Unterfangen und bringt sowohl Mensch als auch die Technik rasch an die Grenzen des Möglichen. Darüberhinaus bleibt manches über Fledermäuse im Sinne des Wortes „im Dunkeln“, sind sie doch nachtaktive Tiere, scheu und ausgesprochen schnell.

Dem Tierfilmer und Fotografen Dietmar Nill ist es gelungen, für seine knapp 45-minütige Dokumentation wunderbare Aufnahmen von Fledermäusen im Flug, bei der Jagd, bei der Weiterlesen

Wenn ich Dich umarme, hab keine Angst : eine wahre Geschichte / Fulvio Ervas

Die ganze Welt dringt ungehindert in Andrea ein, wie ein bergab rollender Stein, wie eine Lawine. Andrea hat keine Abwehr, keine Barriere, er saugt alles auf wie ein Schwamm, und man braucht ihn nur anzuschauen, um zu verstehen, dass er ein ganz eigenes, inniges verhältnis zur Realtiät hat. Wenn er spricht, drückt er sich zusammenhanglos mit abgehackten Worten aus: „daheim“, „unterwegs“, „das grüne“. Seine Antworten klingen mechanisch, sie nehmen einen Teil der Frage wieder auf.
Was er durchsickern lässt, ist ein Konzentrat. Er ist ein Alchemist, der Worte destilliert. Man muss nur lernen, sie zu hören. (S. 21)

Als Francos Sohn Andrea drei Jahre alt ist, ändert sich für die Eltern alles: denn bei Andrea wird Autismus diagnostiziert. Für die Eltern ein Schock, der große Unsicherheiten auslöst, wie man am besten mit dem Kind umgeht, und auch eine Kette verschiedener, weitestgehend erfolgloser therapeutischer und medizinscher Ansätze zur Folge hat, um Andrea auf seinem Weg zu helfen.

Der Hausarzt bringt es es auf den Punkt: „Das Leben ist unvollkommen, aber es Weiterlesen

Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa / Regie: Lasse Hallström. Darst.: Johnny Depp ; Leonardo DiCaprio ; Juliette Lewis …

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Endora, eine typische amerikanische Provinzstadt in Iowa. Auf dem jungen Gilbert Grape lastet nach dem Freitad des Vaters die ganze Verantwortung für die Familie: seine extrem übergewichtige, depressive Mutter hat das Haus seit sieben Jahren nicht mehr verlassen, die ältere Schwester Amy, die die Mutterrolle übernommen hat, die pubertierende Ellen und den geistig behinderten, 17jährigen Arnie. Alle wohnen in einem heruntergekommenen Farmhaus.

Gilbert hält das einsturzgefährdete Haus in Schuss und kümmert sich um Arnie, beaufsichtigt ihn im Alltag und bei seinem unentbehrliches Baderitual – und muss dessen permanenten Versuche, den Wasserrturm zu besteigen, verhindern. Wenig Zeit bleibt da Gilbert Grape für sein eigenes Leben: er arbeitet nebenbei in einem Lebensmittelgeschäft, hat nur zwei Freunde aus dem Ort und ausserdem eine Affäre mit der wesentlich älteren, verheirateten Betty.

Wie jedes Jahr wartet er mit Arnie auf den Höhepunkt des Sommers: die Einfahrt einer Caravane von Wohnwagen, die in Endora einen Zwischenstop einlegen. Dabei lernt er
Weiterlesen

Die Bayou-Trilogie / David Woodrell

Immer wieder verschlägt es mich zu Autoren, die sich mit der Kehrseite des amerikanischen Traums auseinandersetzen, darunter Schriftsteller aus dem Umfeld der Southern Gothic (William Gay oder Cormack McCarthy) oder Autoren, die ihre Plots dezidiert im Millieu des ‚American White Trash‘ anlegen, wie etwa Willy Vlautin oder David Woodrell. Zumeist ist in diesen Büchern wenig bis keine Hoffnung, geht es düster und gewalttätig zu unter Protagonisten, die sich ohne Chance auf den gesellschaftlichen Aufstieg durch ein von Beginn an auf schmalen Wegen laufendes Leben kämpfen, stets auf der Suche nach Krümeln vom großen Kuchen. Es sind in der Regel Hinterwäldler, Alkoholiger, Spielernaturen, heruntergekommene „Working Poor“, traurige Figuren, die sich maßlos selbst überschätzen und nicht selten mit einem trotzigen Stolz auf ihre angeblich überlegene Hautfarbe der Karotte nachjagen, die sie nie erwischen werden.

Woodrells Romane „Winters Knochen“ und „Der Tod von Sweet Mister“ waren bereits Thema auf Jargsblog. In der hier vorgestellten Bayou-Trilogie, auf die ich in der Onleihe der öffentlichen Bibliotheken gestoßen bin, sind drei bereits in den 90ern auf Deutsch erschienene Romane versammelt, die sich mehr oder weniger um den aus niedriger sozialer Schichte stammenden Polizisten Rene Shade drehen und von Woodrell als Country-Noir-Krimis bezeichnet wurden.

In „Cajun Blues“ (Orig.: Under the Bright Lights) wird ein in der Lokalpoitik engagierter Farbiger ermordet. Shade vermutet hinter dem Mord mehr als Weiterlesen

Premium Rush / Regie und Drehb.: David Koepp. Darst.: Joseph Gordon-Levitt ; Michael Shannon ; Dania Ramirez …

Actionfilme und Thriller geraten nicht oft in mein cineastisches Medienradar, ist mir doch oft die Handlung zu dünn, zu brutal oder zu bombastisch. Aber es gibt feine, solide und gut gemachte Filme, denen es gelingt, diesen Filter zu überwinden, auf meinem Bildschirm zu landen, um dann nach dem Druck auf „Play“ für die gesamte Laufzeit nicht eine Sekunde Reue aufkommen zu lassen, den Abend mit diesem Film zu verbringen.

So ein Film ist der 2012 auf die Kinoleinwand gebrachte Film „Premium Rush“, der mich nicht nur als leidenschaftlichen, ehemals durchaus militanten Radfahrer ansprach, sondern auch durch das feine Kinohandwerk mehr als überzeugen konnte.

Worum geht es? Der New Yorker Fahrradkurier Wilee zählt zu den besten Kurieren in der Stadt. Doch Wilee, der virtuos mit Fahrrädern umzugehen versteht und auch etliche artsitengleiche Tricks beherrscht, ist auf seine Weise extrem: sein Rad ist ein Fixie, hat weder Gangschaltung noch Bremse. Ausdauernd und mit hohem Einsatz an Körperkraft und Konzentration bewegt er sich blitzschnell durch den chaotischen New Yorker Verkehr mit seinen zahllosen beweglichen und unbeweglichen Hindernissen. Manche halten ihn deshalb für lebensmüde, andere schlichtweg für verrückt.

An diesem Abend aber wird Wilee kurz vor dem Ende seiner Schicht Weiterlesen

Synecdoche New York / Regie und Drehb.: Charlie Kaufman. Kamera: Frederick Elmes. Musik: Jon Brion. Darst.: Philip Seymour Hoffman ; Samantha Morton ; Michelle Williams …

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„Eine Synecdoche … bezeichnet die Ersetzung eines Wortes durch einen Begriff aus demselben Begriffsfeld. So kann ein Wort durch einen Begriff mit engerer oder weiterer Bedeutung [1], einen Ober- oder Unterbegriff ersetzt werden“ (Wikipedia)

Theaterregisseur Caden Cotard lebt mit seiner Frau, der Malerin Adele und seiner Tochter Olive in einer Kleinstadt. Gerade hat er mit großem Erfolg „Der Tod eines Handlungsreisenden inszeniert, da beginnt nach einem Unfall im Bad mit einer Erkrankung der Augen eine merkwürdige Serie neurologischer Auffälligkeiten. sein Verfall beschleunigt sich zusehends. Seine Ehe kriselt und seine Frau verlässt ihn samt Tochter Richtung Berlin.

Anfangs scheint Cotard seine Lebenskrise mit Weiterlesen

Together Alone / Alex Hepburn

Es ist schön und befreiend, sich diesen Kram von der Seele zu schreiben. Zuerst habe ich nur die blanken Tagebuchnotizen, die sich mit der Zeit in Reime und schließlich in Gesang verwandeln. Wie eine Transformation, eine Art recycelter Schmerz, aus dem etwas Schönes und Kreatives entsteht. Ich denke, es gibt auf der Welt viel mehr Menschen, denen es mies geht, als glückliche Menschen. Glück ist ein seltener Zustand. (Alex Hepburn. Quelle: laut.de, 16.09.2013)

Janis Joplin wurde hier ja bereits bei der Rezension zum beeindruckenden Album „Bliss Avenue“ von Dana Fuchs bemüht: natürlich greifen solche Vergleiche immer etwas zu kurz, kann man eine Künstlerin nicht darauf reduzieren, dass die Klangfarbe ihrer Stimme an jemand anderen erinnert.

Auch Alex Hepburn hat nun dieses gewisse Weiterlesen

Africa Overland : 60000 Kilometer Abenteuer / Christoph & Chiho Bangert

Es gibt die unterschiedlichsten Motivationen dafür, nach und in Afika zu reisen und das auch noch über viele Monate: die Flucht vor dem Alltag und anderem Unbill kann dafür ebenso entscheidend sein wie die Suche nach einer Zeit des anderen Lebens, in reiheit, Selbstbestimmung, vielleicht sogar verbunden mit einer anderen Form von Glück.

Für den zu Beginn seiner Reise 29jährigen erfolgreichen Fotojournalisten Christoph Bangert war das vorherrschende Motiv die Flucht aus seinem Alltag: viele Monate Aufenthalt in Kriegs- und Krisengebieten und das permanente Herumreisen hatten ihn an die Grenzen gebracht und machten einen Ausstieg nötig. Einen Ausstieg, der für den tourenerfahrenen, mit seiner japanischen Freundin Chiho in New York lebenden Bangert mit der Suche nach Abenteuer verbunden war. Das kann man gerade auch als Europäer kritisch sehen – und Bangert ist Weiterlesen

Schlaf gut, Paulchen! / David Melling. Deutsch von Mirjam Pressler

Paulchen, der Bär, darf beim Hasen übernachten, packt eilig und aufgeregt seine Sachen und macht sich auf den Weg. Doch dann begegnen ihm Schafe, die auch gerne in der Höhle übernachten wollen. Unklar ist, ob darin genug Platz ist. Tatsächlich muss der Hase eine neue, größere Höhle graben. Doch dann, als sich alle gerade hineingequetscht und zurechtgekuschelt haben und der Hase endlich mit dem Vorlesen der Gute-Nacht-Geschichte anfangen Weiterlesen

For In My Way It Lies / Jesper Munk

For in my way it lies’ heißt so viel wie ‘for he’s in my way’. Macbeth bezieht diese Aussage auf Malcom, die Hürde, die er nehmen muss, um König zu werden. Ich fand die Wortästhetik sehr schön und die Bedeutung der Hürde passt gut zu der Lage, in der man sich mit 20 Jahren befindet. Ich meine damit die Hindernisse, die man beim Werden überwinden muss. Ich habe das Zitat zuerst in den Song ‘The Everlasting Good’ eingebaut, welcher für eine sehr besondere Frau und Shakespeare-Liebhaberin geschrieben wurde, dann wurde der Titel des Albums daraus.(Jesper Munk. Quelle: Kultmucke, Seitenaufruf am 24.9.2013)

Superlative wie „Einzigartige Neuentdeckung“ oder lassen mich ja immer ein wenig skeptisch werden und auch das Label „ehemaliger Straßenmusiker“ muss nicht unbedingt der Ausweis für außergewöhnliche, mitreissende Musik sein, sondern kann auch für schrecklichstes U-Bahn-Klampfgeschrammel stehen: dafür gibt es zuviele hochgepushte One-Hit-Wonder, zuviel Popstars-Sternchen und Superstaraspiranten, zuviele Wunderkinder, deren Lieder dünn und wenig überzeugend aus den Lautsprechern zirpen und wenig mehr hinterlassen als ein Rauschen im Ohr.

Mit dieser Haltung im Kopf fällt mein Blick auf das künstlich angeranzte CD-Cover von Weiterlesen

Über Schiffsbesuche, Zwillingsnotwendigkeiten und analogen Zauber

Wenn sie klein sind, werden Zwillinge ja gerne zusammen eingeladen. Das verändert sich mit den Jahren insbesondere bei jenen Zwillingen, die sowohl dem Jungs- als auch dem Mädchenuniversum jeweils einen Vertreter zuzuordnen haben: so findet sich ein Zwilling auf einem Geburtstag wieder, während der andere mit Vater oder Mutter daheim bleibt. Nun ist ja nichts unschöner, als wenn ein begeisterter Zwilling von einer rauschenden Geburtstagsparty heimkehrt und der andere außer den üblichen, oft genutzten heimischen Möglichkeiten (Spielplatz, Bücherlesen, Tierpark, Einkaufsnotwendigkeiten) so gar nichts erlebt hat.

Zum Glück bietet Hamburg da einiges an Möglichkeiten. Da ich vor Jahren mit der besten Freundin von allen und mit ihrem (mittlerweile schon studierenden) Sohn die Cap San Diego besuchte und unser Weiterlesen

Die Kuh, die mal niesen musste / James Flora. Übers. von Saskia Heinz

„Ich wette, ihr habt noch nie eine Kuh gesehen, die ein Loch ins Schulgebäude geniest hat. Unsere Kuh hat genau das getan. Unsere alte Flora hat so kräftig geniest, dass die Rathausmauern eingestürzt sind und die Zoogatter aufgeflogen sind.“

Fletcher, Bruder des Erzählers, bringt jeden morgen die Kuh Flora zum Fluß, damit sie einen schluck Wasser trinken kann. Aber eines Morgens vergisst Fletcher angesichts eines hoppelnden Kaninchens, dem er hinterherjagd, die Kuh. Die bleibt so lange im kalten Wasser stehen, dass sie sich Weiterlesen

Unverbissen vegetarisch : der lockere Einstieg in ein fleischloses Leben / Claudia Klinger

Mag sein, dass der „Veggie-Day“, den die GRÜNEN kurz vor der Wahl propagiert haben, zu provokativ für manche Fleischesser war und die Partei einige Stimmen gekostet hat. Das ändert aber nichts daran, dass es prinzipiell gut wäre, wenn in breiten Kreisen der bevölkerung mehr Reflexion über das eigene Ernährungsverhalten vorhanden wäre – sowohl im Bezug auf die Gesundheit als auch in Verbindung mit den ökologischen, ökonomischen und ethischen Folgen, die der eigene Ernährungsstil im Allgemeinen und der hohe Fleischkonsum in den Industrienationen im Besonderen zur Folge hat.

Claudia Klinger, bis 2010 durchaus überzeugte Fleischesserin, stiess kurz nach dem Gammelfleichskandal über die Haltungsbedingungen von Tieren im besagten Jahr auf das Buch „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer, das bis in die Leitmedien hinein für Diskussionen sorgte. Sie begann, sich über Weiterlesen

Überall arbeitslose Liberale … die bittere Erfahrungen bei ihrer Stellensuche machen


(Quelle: Spiegel.de, aufgerufen am 25.9.2013)

Rösler soll sich ja bei einem Pizzadienst beworben haben mit den Worten “Ab heute wird geliefert”. Hat denen aber nicht gereicht, weil sie ja auch schon gestern ohne ihn geliefert haben … viele weitere Zeugnisse erfolgloser Jobsuche von arbeitslosen Gelbblauen findet man hier auf Zynaesthesie versammelt.

Film am Mittwoch : Teletype Model 15 KSR

Ich muss einfach einen weiteren Fernschreiberfilm hier posten. Was für ein hochmeditatives Geräusch, verbunden mit der feinen Mechanik. In den 1970er noch oft zu hören, ist es h Weiterlesen

Der Bote : ein Science-Fiction-Krimi aus der guten alten Zeit / Dieter Paul Rudolph

Abends jedoch, nach dem Tagwerk, da grabe ich mich durch die Bücher. Allen sieht man die Katastrophe an, durch die sie gegangen sein müssen, gereinigt sind sie wohl, aber die Spuren ihres erbärmlich gefristeten Daseins haben sich ins Papier gebrannt. Es gibt kein System in dieser Bibliothek, sie ist das Werk des Zufalls. Ganz eigentümlich steht alles nebeneinandr. Wie man einen Rechner mit einer digitalen Kamera verbindet. Warum der Mensch ein Wesen ohne freien Willen ist, oder aber eines, das für alles, was es tut, selber verantwortich zeichnet.Womit sich die Geschwindigkeit eines Motorrades erhöhen lässt, dass in der Bademode einteilig angesagt sei – wer sagt so etwas an? Nebst reizvollen Fotografien sträflich vernachlässigter Modells. (S. 192)

Die derzeit beliebten Genremixturen, die aus verschiedenen Sujets eine Art literarisches Crossover machen, sind oft nicht meine Sache, weshalb ich solchen Büchern oft mit erheblicher Skepsis, um nicht zu sagen Ablehnung begegne. Entweder lese ich einen soliden Krimi oder eine Science-Fiction-Geschichte oder einen gut gemachten Familienroman.

Was macht dieses Buch des deutschen Autors und Literaturwissenschaftlers Dieter Paul Rudolph so anders? Rudolph setzt in „Der Bote“ einen Kriminalfall um den Mord an einem Weiterlesen

Opas Eisberg : auf Spurensuche durch Grönland / Stephan Orth

„Für uns war Grönland eine Offenbarung. […]. Und zu dem, was uns, oder wenigstens mir da offenbar wurde, gehört die klare Erkenntnis, dass wir, die wir uns als Kulturträger für weise halten, mit unserem Prinzip des ‚Immer schneller‘ und ‚Immer mehr‘ zu Narren geworden sind. Dadurch, dass es zehnmal geschwinder geht, dass wir an einem Tag zehnmal so viel hören, sehen und treiben können, meinen wir wohl den Lebensinhalt zu verzehnfachen. Wenn nun aber der Eindruck im gleichen Masse dürftig wird, als er flüchtiger ist? Was ist da gewonnen? […] Wenn die Eindrücke, die auf uns eindringen, zehnmal schneller daherstürmen, so wird dafür ihre Wirkung um das zehnmalzehnfache geringer. Und das Ergebnis ist dies, dass, je hastiger wir leben, um so ärmer werden.“ (Alfred de Quervain, Ergebnisse der deutsch-schweizerischen Grönlandexpedition 1912-1913. Zürich 1920. Zitiert nach Stephan Orth, Opas Eisberg. – 2013. S. 196)

In vielen Familien gibt es Dinge, die mit Erinnerungen aufgeladen sind, von Generation zu Generation mit ihren Geschichten weitergegeben werden und manchmal um eine Geschiche reicher werden. Seltener finden sich Gegenstände, die mehr sind, in denen sich die Vergangenheiten der Familie ebenso spiegeln wie die Zeitläufte. Manchmal aber überstrahlen die in einem Gegenstand konservieren Zeitläufte sogar ein wenig die Erinnerungen an längst verblichene Familienmitglieder. Der Zauber aber liegt immer in der besonderen Qualität des Gegenstandes und nicht in der Masse an Dingen, die wir aus vergangenen Familienzeiten horten.

Viele Jahre liegt es da, „in Büchlein in tarnfarbengrauem Leineneinband, direkt neben der Urne, direkt neben Opa“. Dann, 49 Jahre nach dessen Tod, nimmt der Weiterlesen

Zitat am Freitag: De Quervain über Lebensintensität

Dadurch, dass es zehnmal geschwinder geht, dass wir an einem Tag zehnmal so viel hören, sehen und treiben können, meinen wir wohl den Lebensinhalt zu verzehnfachen. Wenn nun aber der Eindruck im gleichen Masse dürftig wird, als er flüchtiger ist? Was ist da gewonnen? […] Wenn die Eindrücke, die auf uns eindringen, zehnmal schneller daherstürmen, so wird dafür ihre Wirkung um das zehnmalzehnfache geringer. Und das Ergebnis ist dies, dass, je hastiger wir leben, um so ärmer werden.“

Alfred de Quervain, Schweizer Geophysiker und Arktisforscher (1879-1927)

(Quelle: Alfred de Quervain, Ergebnisse der deutsch-schweizerischen Grönlandexpedition 1912-1913. Zürich 1920. Zitiert nach Stephan Orth, Opas Eisberg. – 2013. S. 196. Zur Buchbesprechung zum letztgenannten Titel bitte HIER klicken)

Mischievous Moon / Jill Barber

Die 1982 geborene kanadische Sängerin Jill Barber war zunächst dem Folk-Rock-Genre zuzuordnen – bis sie eines Tages an einen Plattenspieler gelangt, damit dem Zauber alter Schallplatten verfällt und auch musikalisch neue Weiterlesen

Eine brasilianische Favela, eine außergewöhnliche Frau und ihre Lebensaufgabe : Crowdfunding-Kampagne für ein Buch

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Slums, unter elenden Bedingungen und oft mit wenig Hoffnung auf Veränderung. So in auch Brasilien, wo etwa in einer Megacity wie Sao Paulo über drei Millionen Menschen unter unwürdigen Bedingungen in Favelas leben und oft keine Chance haben, dem „Teufelskreis aus Armut, schlechter Ausbildung, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Kriminalität, Gewalt und Drogen„(Quelle: Monteazul.de) zu entkommen.

Die heute 75jährige Ute Craemer gründet 1979 zusammen mit Weiterlesen