Lesen auf dem E-Book-Reader 4 : warum es schön ist, dass gedruckte Bücher keine Werkseinstellungen haben

Ist es Ihnen schon mal passiert, dass ein gedrucktes Buch sich plötzlich immer langsamer blättern liess, sich gar „aufhängte“ und sich die nächste Seite gar nicht lesen liess? Konnten Sie ein Buch plötzlich nicht mehr öffnen? Haben Sie schon einmal ein gedrucktes Buch auf die Werkseinstellungen zurücksetzen müssen und danach das Buch gar nicht Weiterlesen

Richle, Urs: Das Loch in der Decke der Stube

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Paul, Anfang 20, leidet an Asthma. Die Bergluft in einem kleinen Dorf in Appenzell soll ihn kurieren. Er zieht bei Emil, einem alten Mann, ein, und findet Arbeit in der Gärtnerei von Hans, Emlis Bruder. Schnell wird Paul in die Dorfgespräche und den Klatsch mit einbezogen: man fragt ihn, ob er vom Streit zwischen den beiden Weiterlesen

Ich und du und Müller Kuh und 1000 Kaffeebohnen : das große Max-Kruse-Buch / Max Kruse. Mit Bildern von Christine Brand

Pirr schirr kabirr
puff knuff kabuff
wirsch kabelwitsch knall
Ich bin überall!

(Max Kruse: Der Überall. Aus: Ich und du und Müllers Kuh und 1000 Kaffeebohnen, S. 20)

Der 1921 geborene Max Kruse, der noch mit über 90 Jahren schreibt (am PC!), gehört längst zu den Klassikern der deutschen Kinderliteratur. Wer erinnert sich nicht neben den unsterblichen Urmel-Büchern an „Der Löwe ist los“, „Don Blech“, „Lord Schmetterhemd“ und andere wunderbare Bücher von ihm – viele von ihnen in ihrer Bekanntheit befördert von der Augsburger Puppenkiste?
„Ich und du und Müllers Kuh und 1000 Kaffeebohnen“ versammelt einen Querschnitt aus Kruses Gedichten und Erzählungen und zeigt, wie vielseitig und Weiterlesen

Das Wunder der Natur / Regie: Claude Nuridsany. Darst.: Simon Delagnes ; Lindsey Henocque …

Ein kleiner Junge aus der Stadt verbringt seine Ferien bei Verwandten auf dem Land. Fast ganz allein auf sich gestellt und ohne Spielgefährten, stromert er durch durch die Landschaft und entdeckt dabei auch einen zugewachsenen, abgelegenen kleinen Teich. Der Teich wird für den Jungen zu einem immer neuen, sich ständig je nach Wetterlage verändernden Ort. Fasziniert entdeckt er die verschiedensten, ihm zum Teil bizarr erscheinenden Lebewesen und beobachtet fasziniert und über Stunden ihr Tun: die Balz der Frösche zieht ihn dabei ebenso in den Bann wie das wundersame Herumeilen der Wasserläufer, das sich unter der Oberfläche abspielende Leben von Unterwasserkäfern oder der Flug der Libellen.

Doch bald entdeckt der Junge, dass ein Weiterlesen

Von Anfang bis Zebra : ABC-Gedichte / James Krüss. Mit vielen Bildern von Sabine Wilharm

„Wörter, die mit N beginnen,
nützen, um draus versefroh
manch verdrehtes Garn zu spinnen,
und das geht zum Beispiel so:

Neckt das Nashorn die Narzisse,
neckt das Nebelhorn den Nerz.
Neckt der Nüsseknacker Nüsse
neckt die Niere gern das Herz.

[…]

ABC-Bücher gibt es wie Sand am Meer – aber wenige Perlen sind darunter. Dieses Buch ist eine solche Perle sowohl in optischer als auch in sprachlicher Hinsicht. Für die Optik zeichnet Sabine Wilharm verantwortlich, die mit ihren wildskurillen Bildern („Schinken & Ei“ ; „Zum Strand“) auf Jargsblog bereits mehrfach Erwähnung findet.
Für die Verse steht der unvergessene James Krüss, der hier mit Weiterlesen

Moderne Zeiten / Regie: Charles Chaplin. Darst.: Charles Chaplin, Paulette Goddard,

Wer mich kennt, weiss, dass ich ein bekennender, ja leidenschaftlicher Verehrer von Charlie Chaplin und seiner Filmkunst bin. So war schon bei der Geburt der Zwillinge klar, dass irgendwann Chaplin zum Thema werden würde, was bei mir mit einer gewissen Vorfreude verbunden war, aber natürlich auch mit elterlichen Abwägungen, wann denn der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Schliesslich ist nichts schlimmer, als vom Vater in guter Absicht mit irgendwelchen Filmen und Musiken gequält zu werden, von denen man als Erwachsener dann garantiert nichts mehr wissen will.
Kurz gesagt: an Chaplins frühe Kurzfilme mit der Figur des Tramp hatten wir uns schon gewagt, so etwa an den Klassiker „Kid Auto Races at Venice“. Jetzt war Zeit für einen von Chaplins großen Filmen, und die Wahl traff nach dem mittäglichen Maiskolbenessen nicht ganz zufällig auf „Moderne Zeiten“.
Charlie, der Tramp, arbeitet zu Beginn des Films in einer gigantischen Fabrik am Fliessband. In der gigantischen Maschinerie werden absurde Arbeiten durchgeführt, überwacht per Kamera von einem auf Bildschirmen allgegenwärtigen Chef, der am liebsten noch die Pausen einsparen würde und sich zu diesem Zweck eine automatische Weiterlesen

Ruhepol : Roman / Amy Sackville. Aus dem Englischen von Eva Bonné

„Wenn er sich am Abend hinlegte, um zu träumen und seine Seele über das Eis fliegen zu lassen, strebte er ihr entgegen, denn sie erwartete ihn am Pol. Im Logbuch taucht ihr Name kein einziges Mal auf. Er brachte keinen langen Klagelieder über ihre Abwesenheit zu Papier, aber das Gefühl durchdringt seine Zeilen, so als hätte sie hinter ihm gestanden, wenn er am Schreibtisch saß, und ihm eine hand auf die Schulter gelegt, so als befänden sie sich daheim im Wohnzimmer und nicht in einem Kämmerlein am Rand der Zivilisation, am Ende der bekannten, kartographierten Welt“ (S. 109)

England, zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Polarforscher Edward Mackley bricht mit seinen Gefährten auf dem Schiff Persephone auf, um als erster Mensch den Nordpol zu erreichen. Zurück in England bleibt seine Frau Emily, die im Haus seines verheirateten Schwagers John auf die Rückkehr von Edward wartet. Doch der Forscher kehrt nicht zurück, sondern verschwindet in den Weiten der Arktis. Emily aber scheint nicht aufzugeben und wartet sechzig Jahre lang: erst kurz vor ihrem Tod erreicht sie zusammen mit seinem Tagebuch die Nachricht, dass Edwards Leiche im Permafrost gefunden wurde.
Über einhundert Jahre später lebt Edwards Großnichte Julia mit ihrem Mann Simon im alten Haus der Mackleys: fasziniert von der Geschichte Edwards und von Emilys lebenslangem Warten, sichtet sie an einem brütend heissen Augusttag die Weiterlesen

Ziegen : freundliche Querköpfe / Lutz Schiering

Eine Ziegenbuchrezension auf Jargsblog? Wandelt sich Jargsblog zum Nututierblog, zum Blog der Freunde von Capra aegagrus hircus, einer Gattung der Hornträger (Bovidae). Dies ist nicht unbedingt zu erwarten, aber ich muss zugeben, dass dieses wunderbare Buch über Ziegen in mir schon den vagen gedanken aufkommen liess, zum Ziegenhalter zu mutieren. Ein Gedanke, der vielleicht gar nicht so abgwegig ist, seit auf Initiative der besten Ehefrau von allen ein Islandpferd zur Familie gehört.
Zum Buch: Schiering unternimmt mit seinem Buch einen Parforceritt – nein, nicht auf der Ziege, sondern durch die Weiterlesen

Der Seidenfächer / Regie: Wayne Wang. Darst.: Gianna Jun ; Li Bing Bing ; Vivian Wu …

China, 19. Jahrhundert. Snow Flower und Lily wurden am gleichen Tag geboren und als siebenjährige Mädchen der brutalen Prozedur des Füßeabbindens unterzogen, um aös erwachsene Frauen die bei Männern begehrten „Lotosfüsse“ zu bekommen. Eine Heiratsvermittelin macht sie zu Laotongs, Schwestern im Geiste, und bringt ihnen die Geheimsprache der Laotongs bei. Als Snow Flower und Lily später durch Heirat voneinander getrennt in Isolation und Einsamkeit leben, tauschen sie sich über geheime Botschaften in den Falten von Seidenfächern aus. Ihre Freundschaft wird durch Unruhen, Krankheit und Tod auf eine harte Probe gestellt …
Shanghai, Anfang des 21. Jahrhunderts. Nina und Sophia sind seit der Kindheit beste Freundinnen, haben sich aber nach einem Streit lange nicht gesehen. Als Sophia nach einem Unfall Weiterlesen

Pampa Blues / Rolf Lappert

Später kommt Maslow mit zwei Flaschen Bier über den Platz und setzt sich neben mich. Eine Weile sitzen wir stumm da, trinken unser Bier und gucken in den Himmel. „Glaubst du eigentlich, dass dort oben irgendwo Leben ist?“, fragt Maslow schliesslich.
„Ich glaube nicht mal, dass hier unten Leben ist“, sagte ich. Maslow seufzt und schweigt dann wieder.

Der 16jährige Ben träumt von der ersten Liebe und von Afrika, hat es aber im wahren Leben nicht leicht. Das liegt nicht nur daran, dass sein abenteuerlicher Vater vor Zeiten bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, seine als zweitklassige Jazzsängerin permanent tourende Mutter durch permanente Anwesenheit glänzt und er in dem winzige Provinznest Wingroden leben muss, in dem nur ein paar einsame bierselige Männer, Friseuse Anna und ein verrückter Tscheteschenienveteran wohnen: Ben hat ausserdem noch seinen senilen Großvater an der Backe, der alleine nicht mehr zurechtkommt.

Der ehemalige Golfprofi Maslow aber glaubt an Wingrodens goldene Zukunft und plant, den Ort mit Weiterlesen

Moonrise Kingdom / Regie und Drehb.: Wes Anderson. Darst.: Jared Gilman ; Kara Hayward, Bruce Willis, Frances McDormand, Harvey Keitel, Edward Norton, Bill Murray, Tilda Swinton …

New Penzance, eine fiktive Insel vor Neuangland, USA, im Jahr 1965. Hier lebt die in sich gekehrte 12jährige Suzy mit ihren drei Brüdern und ihren neurotischen Eltern. Durch ein Fernglas betrachtet sie die Welt und erfährt so auch, dass ihre Mutter ein Verhältnis mit dem Inselsheriff hat. Sie lernt im Umfeld einer Aufführung von Benjamin Britten Kinderoper „Noahs Sintflut “ Sam Shaukausky kennen, einen 12jährigen Waisenjungen und Pfadfinder, der jedoch in seiner Pfadfindertruppe der unbeliebteste Junge ist.
Ein Jahr lang schreiben sich die beiden. Dann schleicht sich Sam heimlich aus dem Pfadfindercamp, um sich mit Suzy zu treffen und mit ihr in die Wildnis zu fliehen. Sam hat seine ganze Pfadfinderausrüstung dabei und Suzy einen batteriebetriebenen Plattenspieler, ihre Katze und sechs Bücher in einem Koffer. Doch Suzys kleiner Bruder Weiterlesen

Was weg is, is weg / Regie u. Drehb.: Christian Lerch. Darst.: Florian Brückner ; Mathias Kellner ; Maximilian Brückner …

Bayern, mitten in der Provinz. Seit 1968 liegt der Onkel der Bauernjungs Lukas, Hansi und Paul im Koma: der geniale Tüftler Paul hat leider bei der Inbetriebnahme seiner neusten Maschine, des „Pursogators“, einen Stromschlag erlitten. Zwanzig Jahre später pfegt die Bäuerin immer noch ihren Bruder, hadert der Bauer mit seinen Söhnen und einer möglichen russischen Invasion. Die Brüder sind erwachsen geworden: Hansi dampft hektisch als Versicherungsvertreter mit fettem BMW und zeittypischer Männerfrisur durch die Gegend, Umweltschützer Lukas macht sich bereit, auf einem Greenpeaceschiff anzuheuern und Paul, so beleibt wie unterbelichtet, arbeitet beim chronisch unterfinanzierten Dorfmetzger und Gastwirt Franz.
Leider wird es nichts mit Lukas Abreise: Franz ist bankrott und nimmt einen Besuch von Hansi zum Anlass, sich den Weiterlesen

Gott gibt es wohl nicht / Patrick Lindenfors. Illustriert von Vanja Schelin. Übersetzt von Rainer Lippold

Kinder kommen ohne Glauben, ohne Religion auf die Welt. Ob sie einen Glauben haben oder haben müssen, hängt meistens von ihren Eltern ab und nicht von einer eigenständigen Abwägung und Entscheidung durch die Kinder selbst. Der schwedische Evolutionsbiologe und Atheist Patrick Lindenfors nimmt diese Gedanken zum Ausgangspunkt seiner Reflexionen über Religion, Glaube und Götter.

Differenziert legt er dar, weshalb Gott und Götter eine Erfindung menschlicher Phantasie sind und nicht an Götter zu glauben keinesfalls ebenso ein Glaube ist wie Weiterlesen

Wo bitte geht’s zu Gott?, fragte das kleine Ferkel: Ein Buch für alle, die sich nichts vormachen lassen / Michael Schmidt-Salomon

Passend zum Karfreitag, einem wunderbaren Tag, um einmal wieder „Das Leben des Brian“ zu sehen („Zur Tür raus, jeder nur ein Kreuz, linke Reihe anstellen“), sei auf dieses Kinderbuch hingewiesen, dass seinerzeit für einigen Wirbel sorgte und auf Bestreben des Bundesfamilienministeriums sogar auf den Index sollte (was glücklicherweise nicht gelang).
Ferkel und Igel, beide frei von jeglichem religiösem Glauben, geht es richtig gut – bis eines Tages jemand ein Plakat aufhängt mit der Behauptung: „Wer Gott nicht kennt, dem fehlt etwas!“. Also machen sich Ferkel und Igel auf den Weg, um Gott zu suchen.
In der Folge lernen sie die Weiterlesen

Der Tod von Sweet Mister / Daniel Woodrell. Übersetzt von Peter Torberg

USA. Ozark-Plateau im Süden Missouris. Shug Akins wächst unter bedrückenden Verhältnissen auf: seine etwa dreissigjährige, schöne Mutter Glenda ist Alkoholikerin und lässt sich von Shugs vermeintlichem, oft für Wochen abwesendem Vater Red tyrannisieren. Red ist ein gewalttätiger Kleinkrimineller, der mit seinem Kumpel Basil auf Raubzug geht und Shug stets nur „Fettsack“ nennt. Red und Basil zwingen Shug zu Einbrüchen mit dem Ziel, als Drogen verwertbare Medikamente zu besorgen.
Shug, ein einsamer Außenseiter, von der Mutter „Sweet Mister“ genannt, steht an der Schwelle zum Erwachsenwerden und beginnender innerer Reflexion über seine von Armut und Gewalt geprägte Umwelt: die Raubzüge mit Red und Basil zwingen ihn nicht nur zum Lügen, sondern schüren auch seinen Widerstand gegen die Despotie Reds. Da erscheint plötzlich der Weiterlesen

Der beste Sänger der Welt / Eva Eriksson ; Ulf Nilsson (Ill.). Übersetzt von Ole Könnecke

Ein sechsjähriger Junge. Er singt für sein Leben gern. Am liebsten für seinen kleinen Bruder. Nur wenn zu viele Menschen zusehen, möchte der Junge nicht so gerne singen. Wie zum Beispiel bei der Schulvorstellung. Die Lehrerin findet einen Kompromiss – und der Junge soll einfach das Ende der Vorstellung verkünden. Im Maulwurfskostüm, denn ein anderes war nicht mehr übrig.
Je näher die Stunde des Auftritts kommt, desto Weiterlesen

Winters Knochen / Daniel Woodrell. Übersetzt von Peter Torberg

USA, Missouri, Ozark-Plateau. Ein Provinzkaff im Süden im tiefsten Winter. Ree Dolly ist 16 Jahre alt und lebt mit ihrer tiefdepressiven Mutter und den den beiden jüngeren Brüdern unter prekären Verhältnissen in einem kleinen Haus: das Geld langt hinten und vorne nicht, es fehlt an Essen und Wärme. Jessup Dolly, ihr Vater und weithin bekannter Meth-Kocher, stets in krumme Geschäfte verwickelt, hat das Haus als Kaution verpfändet und sich aus dem Staub gemacht. Wenn Ree ihn nicht innerhalb von einer Woche findet, werdem sie und ihre Familie alles verlieren.
Ree macht sich Weiterlesen

Meine geheime Autobiographie / Mark Twain. Übersetzt von Hans-Christian Oeser

„Was für einen winzigen Bruchteil des Lebens machen die Taten und Worte eines Menschen aus. Sein wirkliches Leben findet in seinem Kopf statt und ist niemandem bekannt außer ihm“ (Mark Twain, Meine geheime Biographie. Aufbau Verlag, 2012. – S. 45)

„Was einen innerlich am meisten beschäftigt, sollte das sein, worüber man schreibt“ (S. 145)

Angenommen, Sie müssten jemandem Ihr Leben erzählen: auf welche Art und Weise würden Sie das tun? Klassisch in chronolgischer Reihenfolge? In strikter Auswahl nur der wesentlichen und gegebenenfalls vorzeigbaren Lebenstationen, Begegnungen, Erlebnisse? Würden Sie Dinge auslassen – und wenn ja, warum? Gäbe es Dinge, die Sie für zu banal erachten würden, um von Ihnen zu erzählen – und woran bemessen Sie diese Banalität?
Vom eigenen Leben zu erzählen dürfte auch heute im Zeitalter der permanenten Selbstbespiegelung nicht einfacher sein als vor einhundert Jahren, erzwingt doch eine solche Erzählung immer eine Reduktion auf das vermeintlich Wesentliche, dass aber zu gegebenen Augenblicken sowohl vom Erzähler als auch vom Zuhörer jeweils unterschiedlich in seiner Bedeutung für das jeweilige Leben bewertet werden dürfte. Dazu kommt, dass die Erinnerung oft trügerisch ist, wir dazu neigen, Dinge auszublenden, zu vermischen oder in größere Entferungen voneinander zu stellen. Fraglich ist auch, ob wir es immer ehrlich mit uns meinen würden, wenn wir aus unserem Leben erzählen ; vielleicht, weil es Dinge gibt, die uns, vielleicht, weil es Dinge gibt, die andere, noch lebende Menschen in einem seltsamen Licht erscheinen lassen mögen.

Mark Twain hat es sich nicht leicht gemacht mit seiner Autobiographie, einem Projekt, dass ihn viele Jahre mit wechselnder Intensität und Intension beschäftigt hat. Grundsätzlich hatte er Weiterlesen

Road, Movie / Regie: Dev Benegal. Darst.: Abhay Deol, Mohammed Faisal, Satish Kaushik, Tannishtha Chatterjee

Bei indischen Filmen kommen dem durchschnittlichen Filmfreund meistens opulent inszenierte, kitschige und schablonenhaft nach dem immer gleichen Muster ablaufende Bollywoodstreifen in den Sinn, die inhaltlich weit von der indischen Realität entfernt sind und in denen immer wieder an scheinbar unmotivierten Stellen getanzt und gesunden wird. Diese Filme können auch für westliche Zuschauer durchaus einen gewissen Reiz haben, erschöpfen aber bei dauerhaftem Konsum zumeist, hat man doch bald den Eindruck, es handele sich eigentlich immer um den gleichen Film in wechselnden Besetzungen und Kulissen.
Das Indien auch ambitioniertes Kino hervorbringt, das eigenständig indisch scheint und doch über die Grenzen des Landes hinauszuragen vermag, zeigt beispielthaft der Film „Road, Movie“ des indischen Regisseurs Dev Benegal. Der Titel dieses indischen Films darf im übertragenen und doppelten Sinn als Aufforderung verstanden, geht es doch um einen Roadmovie im besten Sinne, der eine innere Wandlung des Protagonisten über eine Reise zum Thema hat, als auch um die Straße als Metapher in Verbindung mit dem Kino und der Kraft der bewegten Bilder.
Worum es geht, ist schnell erzählt: der junge Vishnu will um keinen Preis der Welt in die Fußstapfen seines Vaters treten, der ein Haarölgeschäft betreibt und davon ausgeht, dass sein Sohn den Laden übernehmen wird. Als der alte 43er-Chevrolet-Laster seines Onkels, der eine komplette Weiterlesen

Artikelstau : Lawinengefahr auf Jargsblog?

Entgegen anders lautenden Vermutungen ist es nicht zu beefürchten, dass ich auf Jargsblog die gewohnte Schlagzahl erhöhen und mehr Artikel als gewöhnlich und auch noch zu anderen Wochentagen posten werde. Wie es manchmal so ist, wenn man aufgrund bevorstehender anderer Aktivitäten Postings auf Halde produziert, kam es zu einem kleinen Stau Weiterlesen

Verfressen, sauschnell, unkaputtbar : das phantastische Leben der Kakerlaken / Hannes Sprado

Vielleicht ist es Ihnen auch schon so ergangen wie mir in einem heruntergekommenen brasilianischen Hotel vor etlichen Jahren: nachts spazierte munter eine kleine Schaar Kakerlaken unter dem Türspalt hindurch ins Zimmer. Der Kakerlakenstosstrupp wollte wohl mal routinemäßig checken, ob der neue Gast irgendwelche verwertbaren Substanzen in ihr Revier eingeschleppt hat. In dieser nacht habe ich jedenfalls nicht gut geschlafen …
Auch wenn man Kakerlaken gemeinhin mit Ekel und Abscheu begegnet und dies auch nicht ohne Grund, bleibt doch etwas Faszinierendes an diesen Tierchen, die seit etwa Weiterlesen

Steht im Wald ein kleines Haus / Jutta Bauer

Da schaut es nun zum Fenster seines Hauses heraus: das Reh. Da plötzlich kommt ein kleiner Hase angerannt, klopft an und ruft:

Hilfe, Hilfe, große Not!
Bald schießt mich der Jäger tot!

Natürlich nimmt das Reh den Hasen auf und schon bald sitzen sie am Weiterlesen

Babel / Mumford & Sons

Als vor einigen Jahren mit „Sigh No More“ das erste Album von Mumford & Sons erschien, hatte ich es für einige Wochen gewissermaßen auf Dauerrepeat im Mp§-Player und im inneren Songgedächtnis. Der Folk-Pop von Mumford & Sons aus Großbritannien spielte sich damals in die Herzen vieler überraschter Zuhörer – auch jenen, die bei Folk bisher eher an Holzfällermusik oder banjospielende Althippies dachten. Schon „Little Lion Man als erste Singleauskopllung erwies sich damals als einer jener Ohrwürmer, die man gerne im Ohr wohnen lässt, auch wenn gerade mal keine Kopfhörer oder Lautsprecher die Schnittsteller zur Musik bilden.
Mit Babel haben Mumford & Sons im September 2012 ihr mit Spannung erwartetes zweites Album vorgelegt und Weiterlesen

Und wieder Februar : Roman / Lisa Moore. Aus dem Englischen von Kathrin Razum

Was Helen bei Müdigkeit überkommt, ist eine Art Nebel. Ein Tag am Strand nach einer langen Fahrt. Wie das Licht auf das gelbe Gras fiel; die Ränder der Halme schimmerten wie Stahl. Das Ende einer Jahreszeit. Dunst hing über den Brechern. Im Wind der Geruch, mal wahrnehmnbar, mal nicht, von etwas Totem. Die ablaufende Gischt, gelblich gefärbt, dick wie Schlagsahne. Diese Jeans, die Cal trug.
Wir waren jung, denkt Helen. Das klare, kalte Meer strudelte heran und zog sich wieder zurück, schloss sich wie Ketten um Cals nackte Knöchel. Und er bückte sich, tauchte die Hand ein und steckte sich den Finger in den Mun
d“ (S. 135-136)

Kanada, Neufundland. Die hochschwangere Helen hat 1982 ihren Mann Cal beim Untergang der Bohrinsel Ocean Ranger verloren. Niemand von der Besatzung der Bohrinsel überlebte. Helen muss nun ihre vier Kinder allein großziehen, was ihr nach einem Jahr tiefer Trauer und Depression auch gelingt. Dabei Weiterlesen

Latte Igel / Sebastian Lybeck. Mit Bildern von Karin Lechler. Aus dem Schwed. v. Ilse Czigens u. Herta Weber-Stumfohl.

Ich kann mich nicht bewußt erinnern, ob die Ende der 1950er, Anfang der 1960er erstmals in Deutschland veröffentlichten seither immer wieder neu aufgelegten Abenteuer von Latte Igel mich in meiner Kindheit bereits begleitet haben. Möglich wäre es, und der kleine Held dieser Abenteuer erscheint mir auch auf seltsame Weise vertraut. Aber die Erinnerung ist eine trügerische Sache.
Wie auch immer es sich damit verhält: mittlerweile gibt es auch ein neues Abenteuer mit Latte Igel, für das der 1929 geborene schwedischsprachige, doch finnische Autor Sebastian Lybeck zusammen mit Daniel Napp verantwortlich zeichnet. Daher wurde es mittlerweile mit fortgeschrittenem (Vor)Lesealter der Zwillinge Zeit für Latte Igel, auch bei uns zu Gast zu sein – und zwar mit dem Sammelband, der „Latte Igel und der Wasserstein“ und „Latte Igel reist zu den Lofoten“ enthält und von Karin Lechler sparsam, doch mit freundlichem Strich illustriert wurde.

Im ersten Abenteuer „Latte Igel und der Wasserstein“ muss Latte Igel seinen Weiterlesen

Kleines Lexikon der Reise-Irrtümer / Nele-Marie Brüdgam

Mythen, Mißverständnisse und Irrtümer über das Reisen gibt es ebenso viele wie es Bücher über das Reisen gibt: manche Irrtümer sind verzeihlich, gehören in den Bereich des Gerüchtes, des Klischees oder der Halbwahrheit, andere kann man nur noch als gefährlich, massiv irreführend und manchmal auch schlichtweg als dümmlich bezeichnen. Die lange Liste der Reise-Irrtümer im Buch der 1967 geborenen Reisejournalistin Nele-Marie Brüdgam reicht unter anderem vom Azorenhoch und der Bahn als Ärgernis und zugleich umweltfreundlichstes Verkehrsmittel über die stets und immer helfenden deustchen Botschaften, die sichersten Plätze im Flugzeug, das Internet als zuverlässige Quelle zur Gesundheitsinformation bis hin zum idealen, vom unfangreichen heimischen Koffer- und Taschenvorrat zu untertützenden Weiterlesen

Lesen auf dem E-Book-Reader 3: über die erträgliche Leichtigkeit des Seins, analoges Zitierverhalten und warum 56 = 100 ist

Scheinbar bin ich gerade im Begriff, wieder etwas über Lesefortschritte zu posten und erwecke damit möglicherweise den Eindruck, gewissermaßen selber ein Elch zu sein, obwohl ich gestern noch über statistikfanatischen Elche in der Blogsphäre verwunderte Gedanken geäußert habe. Vielleicht ist aber auch der in elektronischer Form vorliegende Mark Twain schuld, begegnete er doch auf außergewöhnliche Weise der von ihm postulierten Unmöglichkeit, eine wirkliche Biografie zu schreiben: er ging bei seinen Diktaten und Aufzeichnungen meist vom Tagesgeschehen aus und wanderte von dort aus wild mäandernd durch sein Leben. Das hört und liest sich – soviel sei vorweggenommen – für jemanden, der bisher noch nichts explizit autobiografisches von Twain gelesen hat, ausgesprochen kurzweilig und lässt einen rasch selbst in einen innerlichen Plauderton verfallen. Womit allerdings die Gefahr bestünde, dass Weiterlesen

Dark Star / Regie: John Carpenter. Darst.: Brian Marelle ; Cal Kuniholm ; Dre Pahich …

„Sprich mit der Bombe.“ – „Aber ich habe schon mit ihr gesprochen, Sir. Und Pinback spricht gerade in diesem Augenblick mit ihr.“ – „Nein, nein, Doolittle, sprich du mit ihr. Lehre sie Phänemenologie, Doolittle.“ – „Sir?“ – „Phä-no-me-no-logie!“ (Filmzitat)

Irgend jemand muss es ja machen: zum Beispiel instabile Planeten sprengen, die der Kolonisierung ferner Sonnensysteme im Weg stehen könnten. Das schon reichlich in die Jahre gekommene Raumschiff „Dark Star“ ist mit seiner ursprünglich fünfköpfigen, voneinander subtil genervten und schon reichlich derangierten Besatzung seit zwanzig Jahren unterwegs, um den Weg für die Menschheit frei zu machen. Die Schlafkojen und sämtliche Klopapierrollen sind durch einen Asteroidensturm zerstört worden und der bei einem Kurzschluss getötete Captain wurde eingefroren. Talby hat sich von der Mannschaft in die Beobachtungskuppel abgesetzt und philosophiert gelegentlich mit dem leidenschaftlichen Surfer und Ersatzcaptain Lt. Doolittle über die perfekte Welle. Boiler schmökt derweil Zigarren und veranstaltet illegale Schiessübungen an Bord. Segeant Pinback, der eigentlich Bill Frugge heisst und durch ein Versehen an Bord ist, kümmert sich derweil um Weiterlesen

Wunder der Prärie / Regie: James Algar

Die Naturfilme von James Algar, im Rahmen von Disneys Reihe True-Life Adventures gedreht, zählten in den 1970er Jahren zu den immer wiederkehrenden Dokumentarfilmen in dem damals noch rein öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit seinen drei Programmen. Auch meine Familie saß regelmäßig vor dem Fernsehen, wenn einer dieser in den 1950er Jahren gedrehten, mehrfach unter anderem auch mit Oscars ausgezeichneten Filme gesendet wurde.
„Wunder der Prärie“ kam 1954 in die amerikanischen Kinos und wurde in den weiten Ebenen des Weiterlesen

Wir haben es satt! : Warum Tiere keine Lebensmittel sind / hrsg. v. Iris Radisch, Eberhard Rathgeb

„Denken Sie manchmal über den Wert eines Tierlebens nach – falls dieser Wert überhaupt existiert? Denken Sie auch darüber nach, dass diese Tiere leiden müssen – falls sie denn leiden? Und welche ethischen Grundsätze erlauben es Ihnen, das Fleisch dieser Tiere nicht nur zu essen, sondern sogar zu genießen […]? Falls Sie aber schon meine Einwände nicht verstehen und die vorangegangene Überlegung eher für eine törichte Nabelschau halten, wo seheh Sie die innere Berechtigung für diese Gleichgültigkeit? Genauer gesagt, ist Ihre Weigerung, darüber nachzudenken, das Resultat eigenen Denkens oder nur der schlichte Unwille, darüber nachzudenken?“ (aus David Foster Wallace: Am Beispiel des Hummers. -Zitiert nach: Wir haben es satt!, S. 186)

Die Frage, ob man Fleisch essen solle, ob es rechtens ist, ein Tier seines Lebens zu berauben, ist uralt. Iris Radisch udn Eberhard Rathgeb haben sich zu einer Zeit, in der Vegetarismus und der Verzicht auf Fleisch längst gesellschaftsfähig, sich die Verbrechen an Tieren aber keineswegs gemindert haben, ein Buch geschrieben, dass sich gegen den Fleischverzehr wendet und über viele mit dem Töten und Verzehren von Tieren verbundene Fragen reflektiert (wie viele andere) und gleichzeitig ihr Thema geschickt mit Weiterlesen

Lesen auf dem E-Book-Reader 2: der 49-Prozent-Twain und der Unsinn von Lesechallenges und Rekord-SUBs

Ich lese normalerweise nicht gegen die Zeit und gestehe jedem Buch die Stunden zu, die es braucht, um ihm gerecht zu werden. Bei den über 1100 Seiten, die Mark Twains „Geheime Auitobiografoe“ auch in der elektronischen Ausgabe umfasst und die es in zwei Wochen zu bewältigen gilt, komme ich natürlich auch an meine Grenzen, zumal ich immer noch fremdgehe mit anderen Büchern, gelegentlich auch dieser Blog und seine Leserinnen und Leser nach Aufmerksamkeit verlangen und ich außerdem auch noch über so etwas wie zeitlich limitierende dienstliche Verpflichtungen verfüge.
Allerdings stellt sich natürlich bei einem Anmerkungsapparat von gut 400 Seiten wesentliche Fragen, ob ich nicht mittlerweile schon eher bei einem 80-Prozent-Twain bin. Möglich. Ich werde es nicht weiterverfolgen.

Ebensowenig habe ich vor, in Zukunft bei irgendwelchen Weiterlesen

Fips der kleine Nasenbär / Sybille Hein

„Weil Fips, der kleine Nasenbär,
furchtbar gern ein Flugtier wär,
sammelt er schon lange Zeit
für ein buntes Federkleid“

Es gibt einige Illustratorinnen und Illustratoren von (Kinder)Büchern, die ich besonders schätze: zu ihnen zählt Sybille Hein, die einen ganz eigenen Stil entwickelt hat und dazu auch noch sprachlich ansprechende Worte findet. Deshalb freue ich mich über jedes neue Buch von oder mit ihr – so wie über dieses und seine gereimte, bebilderte Geschichte:
Fips, der kleine Nasenbär aus dem Zoo, hat nur einen großen Traum: fliegen zu können. Dafür Weiterlesen

Film am Mittwoch : Trailer zu „Linotype – The Film“

Trailer zur einer Dokumentation über Linotype aus dem Jahr 2012. Wenn man den Trailer so ansieht, könnte es sich lohnen, den Film anzuschauen.

Lesen auf dem E-Book-Reader 1: Umblätter-Awards und andere unerwartete Auszeichnungen

„Meine geheime Autobiographie“ von Mark Twain lese ich mittlerweile seit Sonntag – mit einem gewissen Druck, weil ich für den aus der Onleihe heruntergeladenen umfangreichen Titel nur vierzehn Tage Zeit habe und in dieser Zeit natürlich auch erste Vorbereitungen für die vorgesehene Rezension stattfinden sollen.
Noch sieht es ganz gut aus – aber die Zeit wird knapp und auf dem Kongress in Leipzig wird wenig Zeit sein, nebenbei zu lesen.

Die hohe Lesegeschwindigkeit (nein, im Gehen lese ich noch nicht) führt dann aber offenbar zu seltsamen Weiterlesen

Glad Rag Doll / Diana Krall

Und nun, nach vielen Büchern und einigen Filmen, zu etwas völlig anderem: Musik. Die kam nämlich in letzter Zeit etwas zu kurz auf Jargsblog.

Würde man die kanadische Jazzpianistin und Sängerin Diana Krall nicht als talentierte Musikerin aus dem Jazzbereich kennen, die seit ihrem Albumdebüt 1993 mit ihren Interpretationen von Jazzstandards ebenso glänzte wie später mit Eigenkompositionen und in Kooperation mit anderen Musikern, man könnte in Anbetracht des doch eher offenherzigen Albumcovers vorschnell auf eines jener Weiterlesen