Unterwegs mit wilden Kerlen : eine Frau erobert die Arktis / Birgit Lutz

„Wie soll man erklären, wie schön es ist, wenn die Sonne zwischen den Wolken durchkommt und alles golden wird um einen herum? Wenn die Presseisrücken wie Scherenschnitte aussehen. Wenn auf einmal drei Sonnen am Himmel stehen. Wie erklärt man, dass man tatsächlich geweint hat, nach fünf Tagen im Eis, und auf einmal stand das eine Bärin mit zwei Jungen, und die Jungen spielten mit einer Robbenhaut, sprangen von Scholle zu Scholle und führten ein unwirklich scheinendes Theater auf? Wie erklärt man das tiefe Gefühl der Dankbarkeit für Momente wie diese? Wie erklärt man, dass man sich reich beschenkt fühlt, wenn das Wetter genau für den Zeitraum der Landung auf einer Insel hält, wenn man im Sonnenlicht auf einem Gletscher sitzen kann und alles, alles so wunderschön ist?“ (S. 170)

Reisen in die Welt der Polregionen sind heute mit einem kalkulierbareren Risiko verbunden als noch vor fünfzig oder hundert Jahren. Dennoch bleiben es extreme Landschaften, die den Menschen nicht brauchen, ja ihm deutlich macht, das er dort nicht eigentlich hingehört – und doch von einer faszinierenden Schönheit sind, die schnell in den Bann ziehen kann und einen sogar die Anstrengungen und Einschränkungen in Kauf nehmen lässt, die trotz aller technischen Hilfsmittel mit Reisen in die Polregionen verbunden sind.

„Wer die Qualen nicht kennt, der kennt auch die Freude nicht. So wie wir uns zwischen den Polen der Erde bewegen, bewegen wir uns zwischen den Polen des Lebens. Wer die Fähigkeit besitzt, Menschen, Landschaften und die ganze Welt, die uns umgibt, nicht nur zu sehen, sondern noch mehr zu erfühlen, wer fähig ist, jede Pore des Körpers mit Freude, mit jubelndem Glück anzufüllen – dem wird sich irgendwann auch jede dieser Poren mit einem schreienden Schmerz füllen. Das eine ohne das andere – gibt es nicht“ (S. 174)

Die Journalistin Birgit Lutz fährt 2007 das erste Mal mit dem russischen Eisbrecher Yamal an den Nordpol und ist sofort gebannt von der Schönheit und den Extremen der Region. In der Folge bereist sie wiederholt die Region, begegnet den rauh Weiterlesen

Driver : Roman / James Sallis. Übersetzt von Jürgen Bürger

Der Held dieses Romans ist jung: wir erfahren, dass seine Mutter seinen Vater beim Essen erstach, als er zwölf war. Noch als Teenager verlässt er seine Pflegeeltern, schlägt sich durch nach Westen. Was er am besten kann, ist Autofahren. So wird er einer der besten Stuntfahrer für Hollywoodfilme, einer, der immer noch etwas mehr aus einem geplanten Stunt herausholen kann als es das Drehbuch vorsieht: kühl berechnend, hoch professionell und mit eiskalter Präzision.

Nebenbei lässt sich der kärglich und zurückgezogen lebende Driver anheuern, um bei Einbrüchen die Fluchtfahrzeuge zu fahren. Er will nichts wissen, nicht reden, mit niemandem Kontakt haben. Nur fahren. Lange geht alles gut. Doch dann zieht er in das Apartment neben Irene und ihrem Sohn Benicio. Irenes Mann Standard wird aus dem Gefägnis entlassen und wenig später von Gangstern wegen Schutzgeldschulden unter Druck gesetzt. Driver hilft ihm, ein Pfandhaus auszurauben – doch der Bruch verläuft Weiterlesen

Bordsteinkönig : meine wilde Jugend auf St. Pauli / Michel Ruge

Er brauchte Gewalt, sie war wie eine Bestätigung für ihn. Allmählich wurde sie für ihn zu einer Droge. Es beginnt ganz langsam, wie bei jeder Sucht. Man wird angezogen von einem romantischen, naiven Bild des Straßenkampfes und der Männlichkeit. Am Ende zerstört einen die eigene Sehnsucht. (S. 266)

Wer in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren in Hamburg in den sogenannten „besseren“ Stadtteilen aufwuchs, kam meistens wenig in Berührung mit der dem Kiez und den Jugendlichen, die in den düsteren Vierteln aufwuchsen. Manchmal sah man in der Schule vielleicht einen, der eine Bomberjacke trug und trotz seiner kiezfernen Sozialisation zu irgendeiner der sich zunehmend bildenden Jugendgangs gehörte. Aber das war die Ausnahme. Man ahnte dumpf, dass etwa der Stadtteil St. Pauli dabei war, sich zum sozialen Brennpunkt zu entwickeln. Den Fischmarkt und die Landungsbrücken besuchte man durchaus … aber dahinter war Niemandsland, ein Gebiet, dass man als Teenager nicht unebdingt betrat. So jedenfalls ging es mir als angehenden Erwachsenen, der erst später in seinen frühen Zwanzigern die Freuden großstädtischen Partynachtlebens auszukosten begann.

Wer dort aufwuchs, dürfte in der Regel keine einfache Sozialisation und in der Regeln auch vergleichsweise wenig Chancen gehabt haben. Michel Ruge wurde 1969 in St. Pauli geboren. Seine sehr junge Mutter war Kellnerin, sein Vater betrieb drei Bordelle.

In „Der Bordsteinkönig“ berichtet er auf ebenso eindringliche wie Weiterlesen

Irrtum Unser! oder Wie Glaube verstockt macht / Peter Henkel

Wenn es um Zeus, Apollo, Ra, Wotan, das Goldene Kalb oder das Fliegende Spaghettimonster geht, sind Sie doch auch ein Atheist. Ich setze eben nur einen weiteren Gott auf die Liste. (Richard Dawkins. Zitiert nach: Irrtum unser!, S. 174)

Peter Henkel fiel bereits mit dem scharfsinnigen Ach, der Himmel ist leer – Lauter gute Gründe gegen Gott und Glauben ausgeprochen positiv auf, in dem er fundiert die Gottesfrage diskutiert und schlüssig nachweist, dass auch ohne Gott und Religion moralisches, sinnhaftes Leben in eben diesem einen, endlichen Leben möglich und lebenswert ist, ohne auf eine jenseitige Erlösung hoffen zu müssen.

Ohne Gottesglauben ist die Welt bitter. Mit Gottesglauben ist die Welt bitter und absurd. (Johannes Kahl, a.a.O. S 7)

„Irrtum unser!: Wie Glaube verstockt macht“ diskutiert auf hohem Niveau die Verweigerungshaltung von vielen Gläubigen, über Glauben und Glaubensbegründungen jedweder Art ernsthaft Weiterlesen

Norwegen : Nördlich und südlich des Polarkreises

Wer Sehnsuchtsorte oder -landschaften hat, die er gerne einmal besuchen würde, vor langer Zeit besucht hat oder immer wieder gerne aufsucht, schaut sich nicht selten gerne Bildbände darüber an und reist so, unterstützt durch begleitenden Text, mit den Augen. Natürlich kann auch ein gut geschriebener Text so eine innere Reise ermöglichen oder – wie in diesem Fall – ein gut gemachtes Hörbuch.

Das Hörbuch „Norwegen“ aus dem Verlag der Frankfurter Allgemeinen versammelt mehrere Reportagen aus dem Land der Miternachtssonne. Gleich der erste Beitrag führt zunächst auf die Suche nach Selma, einem Weiterlesen

Frauen und Kinder zuerst : die gefährlichsten Reisen der Welt! / Carl Hoffman. Übersetzt von Ingo Wagener

In jenem Augenblick befand ich mich nirgendwo und doch überall, allein und fremd, verunsichert in einem Strom nicht enden wollender Bewegung. Das hier war Reisen in seiner unwirtlichsten Form, es legte alles bloß und entledigte mich meiner letzten Gefühle von Angst und Unsicherheit. Wenn man reist, glaubt man, sein altes Selbst hinter sich lassen zu können. Aber Hunger, Erschöpfung und die körperlichen Unannehmlichkeiten, die das Leben auf einem Bussitz mit sich bringen, dienen dazu, sein wahres Ich zu erleben – vor sich selber kann man sich nicht verstecken.“ (S. 55)

Wenn man an das Reisen denkt, denkt man an Touristen in mehr oder weniger bequemen Flugzeugen, in Busse, Autos oder Schiffen, die zu touristisch interessanten Orten gefahren werden oder in ihr Standhotel. Vielleicht noch an Geschäftsreisende in der Businessclass. Manchmal liest man etwas über den Untergang einer Fähre in Bangla-Desh oder den Absturz eines heruntergekommenen Flugzeuges in Südamerika oder waghalsig überladene Minibusse in Afrika und verbucht das ganze als exotisch: gefährlich klingt es, aber es betrifft uns nicht.

Was man sich meistens klar macht ist die Tatsache, dass ein Großteil der Menschheit nicht in sicheren Verkehrsmitteln reist, weil es keine anderen Möglichkeiten gibt. Entweder ist das sichrere, gut gewartete und von gut ausgebildeten Menschen bewegte Verkehrsmittel zu teuer – oder es ist schlichtweg in dieser Region nicht verfügbar.

Der amerikanische Reisejournalist Carl Hoffman (National Geographic Traveler und Wired) macht sich auf die Reise um die Welt in den gefährlichsten Verkehrsmitteln. Er besteigt marode Weiterlesen

Die Nacht der sieben Wünsche / Marjaleena Lembcke. Heike Ellermann [Ill.]

Bald wird Kolja sieben Jahre alt. In der Nacht vor seinem Geburtstag will er sich für jedes Lebensjahr etwas wünschen, weil Sieben ja auch eine Glückszahl ist. Also wünscht er sich, dass seine gestresste Mutter sich irgendwo mal richtig ausruhen kann, sein Vater so Weiterlesen

Fledermäuse : Warte, bis es dunkel wird / Dietmar Nill ; Brian McClatchy; Karlheinz Baumann

Fledermäuse zu beobachten ist selbst mit moderner Technik kein leichtes Unterfangen und bringt sowohl Mensch als auch die Technik rasch an die Grenzen des Möglichen. Darüberhinaus bleibt manches über Fledermäuse im Sinne des Wortes „im Dunkeln“, sind sie doch nachtaktive Tiere, scheu und ausgesprochen schnell.

Dem Tierfilmer und Fotografen Dietmar Nill ist es gelungen, für seine knapp 45-minütige Dokumentation wunderbare Aufnahmen von Fledermäusen im Flug, bei der Jagd, bei der Weiterlesen

Wenn ich Dich umarme, hab keine Angst : eine wahre Geschichte / Fulvio Ervas

Die ganze Welt dringt ungehindert in Andrea ein, wie ein bergab rollender Stein, wie eine Lawine. Andrea hat keine Abwehr, keine Barriere, er saugt alles auf wie ein Schwamm, und man braucht ihn nur anzuschauen, um zu verstehen, dass er ein ganz eigenes, inniges verhältnis zur Realtiät hat. Wenn er spricht, drückt er sich zusammenhanglos mit abgehackten Worten aus: „daheim“, „unterwegs“, „das grüne“. Seine Antworten klingen mechanisch, sie nehmen einen Teil der Frage wieder auf.
Was er durchsickern lässt, ist ein Konzentrat. Er ist ein Alchemist, der Worte destilliert. Man muss nur lernen, sie zu hören. (S. 21)

Als Francos Sohn Andrea drei Jahre alt ist, ändert sich für die Eltern alles: denn bei Andrea wird Autismus diagnostiziert. Für die Eltern ein Schock, der große Unsicherheiten auslöst, wie man am besten mit dem Kind umgeht, und auch eine Kette verschiedener, weitestgehend erfolgloser therapeutischer und medizinscher Ansätze zur Folge hat, um Andrea auf seinem Weg zu helfen.

Der Hausarzt bringt es es auf den Punkt: „Das Leben ist unvollkommen, aber es Weiterlesen

Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa / Regie: Lasse Hallström. Darst.: Johnny Depp ; Leonardo DiCaprio ; Juliette Lewis …

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Endora, eine typische amerikanische Provinzstadt in Iowa. Auf dem jungen Gilbert Grape lastet nach dem Freitad des Vaters die ganze Verantwortung für die Familie: seine extrem übergewichtige, depressive Mutter hat das Haus seit sieben Jahren nicht mehr verlassen, die ältere Schwester Amy, die die Mutterrolle übernommen hat, die pubertierende Ellen und den geistig behinderten, 17jährigen Arnie. Alle wohnen in einem heruntergekommenen Farmhaus.

Gilbert hält das einsturzgefährdete Haus in Schuss und kümmert sich um Arnie, beaufsichtigt ihn im Alltag und bei seinem unentbehrliches Baderitual – und muss dessen permanenten Versuche, den Wasserrturm zu besteigen, verhindern. Wenig Zeit bleibt da Gilbert Grape für sein eigenes Leben: er arbeitet nebenbei in einem Lebensmittelgeschäft, hat nur zwei Freunde aus dem Ort und ausserdem eine Affäre mit der wesentlich älteren, verheirateten Betty.

Wie jedes Jahr wartet er mit Arnie auf den Höhepunkt des Sommers: die Einfahrt einer Caravane von Wohnwagen, die in Endora einen Zwischenstop einlegen. Dabei lernt er
Weiterlesen

Die Bayou-Trilogie / David Woodrell

Immer wieder verschlägt es mich zu Autoren, die sich mit der Kehrseite des amerikanischen Traums auseinandersetzen, darunter Schriftsteller aus dem Umfeld der Southern Gothic (William Gay oder Cormack McCarthy) oder Autoren, die ihre Plots dezidiert im Millieu des ‚American White Trash‘ anlegen, wie etwa Willy Vlautin oder David Woodrell. Zumeist ist in diesen Büchern wenig bis keine Hoffnung, geht es düster und gewalttätig zu unter Protagonisten, die sich ohne Chance auf den gesellschaftlichen Aufstieg durch ein von Beginn an auf schmalen Wegen laufendes Leben kämpfen, stets auf der Suche nach Krümeln vom großen Kuchen. Es sind in der Regel Hinterwäldler, Alkoholiger, Spielernaturen, heruntergekommene „Working Poor“, traurige Figuren, die sich maßlos selbst überschätzen und nicht selten mit einem trotzigen Stolz auf ihre angeblich überlegene Hautfarbe der Karotte nachjagen, die sie nie erwischen werden.

Woodrells Romane „Winters Knochen“ und „Der Tod von Sweet Mister“ waren bereits Thema auf Jargsblog. In der hier vorgestellten Bayou-Trilogie, auf die ich in der Onleihe der öffentlichen Bibliotheken gestoßen bin, sind drei bereits in den 90ern auf Deutsch erschienene Romane versammelt, die sich mehr oder weniger um den aus niedriger sozialer Schichte stammenden Polizisten Rene Shade drehen und von Woodrell als Country-Noir-Krimis bezeichnet wurden.

In „Cajun Blues“ (Orig.: Under the Bright Lights) wird ein in der Lokalpoitik engagierter Farbiger ermordet. Shade vermutet hinter dem Mord mehr als Weiterlesen

Premium Rush / Regie und Drehb.: David Koepp. Darst.: Joseph Gordon-Levitt ; Michael Shannon ; Dania Ramirez …

Actionfilme und Thriller geraten nicht oft in mein cineastisches Medienradar, ist mir doch oft die Handlung zu dünn, zu brutal oder zu bombastisch. Aber es gibt feine, solide und gut gemachte Filme, denen es gelingt, diesen Filter zu überwinden, auf meinem Bildschirm zu landen, um dann nach dem Druck auf „Play“ für die gesamte Laufzeit nicht eine Sekunde Reue aufkommen zu lassen, den Abend mit diesem Film zu verbringen.

So ein Film ist der 2012 auf die Kinoleinwand gebrachte Film „Premium Rush“, der mich nicht nur als leidenschaftlichen, ehemals durchaus militanten Radfahrer ansprach, sondern auch durch das feine Kinohandwerk mehr als überzeugen konnte.

Worum geht es? Der New Yorker Fahrradkurier Wilee zählt zu den besten Kurieren in der Stadt. Doch Wilee, der virtuos mit Fahrrädern umzugehen versteht und auch etliche artsitengleiche Tricks beherrscht, ist auf seine Weise extrem: sein Rad ist ein Fixie, hat weder Gangschaltung noch Bremse. Ausdauernd und mit hohem Einsatz an Körperkraft und Konzentration bewegt er sich blitzschnell durch den chaotischen New Yorker Verkehr mit seinen zahllosen beweglichen und unbeweglichen Hindernissen. Manche halten ihn deshalb für lebensmüde, andere schlichtweg für verrückt.

An diesem Abend aber wird Wilee kurz vor dem Ende seiner Schicht Weiterlesen

Synecdoche New York / Regie und Drehb.: Charlie Kaufman. Kamera: Frederick Elmes. Musik: Jon Brion. Darst.: Philip Seymour Hoffman ; Samantha Morton ; Michelle Williams …

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„Eine Synecdoche … bezeichnet die Ersetzung eines Wortes durch einen Begriff aus demselben Begriffsfeld. So kann ein Wort durch einen Begriff mit engerer oder weiterer Bedeutung [1], einen Ober- oder Unterbegriff ersetzt werden“ (Wikipedia)

Theaterregisseur Caden Cotard lebt mit seiner Frau, der Malerin Adele und seiner Tochter Olive in einer Kleinstadt. Gerade hat er mit großem Erfolg „Der Tod eines Handlungsreisenden inszeniert, da beginnt nach einem Unfall im Bad mit einer Erkrankung der Augen eine merkwürdige Serie neurologischer Auffälligkeiten. sein Verfall beschleunigt sich zusehends. Seine Ehe kriselt und seine Frau verlässt ihn samt Tochter Richtung Berlin.

Anfangs scheint Cotard seine Lebenskrise mit Weiterlesen

Schlaf gut, Paulchen! / David Melling. Deutsch von Mirjam Pressler

Paulchen, der Bär, darf beim Hasen übernachten, packt eilig und aufgeregt seine Sachen und macht sich auf den Weg. Doch dann begegnen ihm Schafe, die auch gerne in der Höhle übernachten wollen. Unklar ist, ob darin genug Platz ist. Tatsächlich muss der Hase eine neue, größere Höhle graben. Doch dann, als sich alle gerade hineingequetscht und zurechtgekuschelt haben und der Hase endlich mit dem Vorlesen der Gute-Nacht-Geschichte anfangen Weiterlesen

Die Kuh, die mal niesen musste / James Flora. Übers. von Saskia Heinz

„Ich wette, ihr habt noch nie eine Kuh gesehen, die ein Loch ins Schulgebäude geniest hat. Unsere Kuh hat genau das getan. Unsere alte Flora hat so kräftig geniest, dass die Rathausmauern eingestürzt sind und die Zoogatter aufgeflogen sind.“

Fletcher, Bruder des Erzählers, bringt jeden morgen die Kuh Flora zum Fluß, damit sie einen schluck Wasser trinken kann. Aber eines Morgens vergisst Fletcher angesichts eines hoppelnden Kaninchens, dem er hinterherjagd, die Kuh. Die bleibt so lange im kalten Wasser stehen, dass sie sich Weiterlesen

Der Bote : ein Science-Fiction-Krimi aus der guten alten Zeit / Dieter Paul Rudolph

Abends jedoch, nach dem Tagwerk, da grabe ich mich durch die Bücher. Allen sieht man die Katastrophe an, durch die sie gegangen sein müssen, gereinigt sind sie wohl, aber die Spuren ihres erbärmlich gefristeten Daseins haben sich ins Papier gebrannt. Es gibt kein System in dieser Bibliothek, sie ist das Werk des Zufalls. Ganz eigentümlich steht alles nebeneinandr. Wie man einen Rechner mit einer digitalen Kamera verbindet. Warum der Mensch ein Wesen ohne freien Willen ist, oder aber eines, das für alles, was es tut, selber verantwortich zeichnet.Womit sich die Geschwindigkeit eines Motorrades erhöhen lässt, dass in der Bademode einteilig angesagt sei – wer sagt so etwas an? Nebst reizvollen Fotografien sträflich vernachlässigter Modells. (S. 192)

Die derzeit beliebten Genremixturen, die aus verschiedenen Sujets eine Art literarisches Crossover machen, sind oft nicht meine Sache, weshalb ich solchen Büchern oft mit erheblicher Skepsis, um nicht zu sagen Ablehnung begegne. Entweder lese ich einen soliden Krimi oder eine Science-Fiction-Geschichte oder einen gut gemachten Familienroman.

Was macht dieses Buch des deutschen Autors und Literaturwissenschaftlers Dieter Paul Rudolph so anders? Rudolph setzt in „Der Bote“ einen Kriminalfall um den Mord an einem Weiterlesen

Ungleiche Freunde : Wundersame Geschichten aus dem Tierreich / Jennifer S. Holland

Betrachtet man das Titelbild des hier vorgestellten Buches und hat man zugleich im Bewußtsein, dass es von einer amerikanischen Autorin geschrieben wurde, könnte man leicht auf den Gedanken kommen, dass einen im Inneren des Buches Kitsch erwarten würde, Projektionen menschlicher Emotionen auf hübsche Tierbilder und entsprechende Geschichten süsslicher Art.

Wohltuenderweise ist das Gegenteil der Fall. Jennifer S. Holland stellt in „Ungleiche Freunde“ in knapp 50 kurzen, prägnanten Berichten ungewöhnliche Freundschaften zwischen Tieren vor, die unterschiedlicher nicht sein können: Zierkarpfen (Koi) und Hund, Nilpferd und Schildkröte, Nashorn, Warzenschwein und Weiterlesen

Unsere schönen neuen Kleider : gegen eine marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte / Ingo Schulze

Wir leben ja in einer Demokratie und das ist eine parlamentarische Demokratie und deshalb ist das Budgetrecht ein Kernrecht des Parlaments und insofern werden wir Wege finden, wie die parlamentarische Mitbestimmung so gestaltet wird, dass sie trotzdem auch marktkonform ist (Angela Merkel in einer Rede 2011).

Mit den Worten, die ich benutze, mit der von mir gesprochenen und geschriebenen Sprache fallen Vorentscheidungen in meinem Fühlen, Denken und Handeln. Das Bild, das ich mir von mir selbst un der Welt mache, hängt auch davon ab, welche Worte ich wähle, welche Bedeutung ich diesen Worten als Einzelner gebe und welche Bedeutung als die gesellschaft als Ganzes ihnen gibt. (Ingo Schule, a.a.O. S. 47)

Ingo Schulze sah sich bei Lesungen im Ausland immer wieder kritischen Fragen zur Rolle der Deutschen in der europäischen Finazkrise ausgesetzt. Beispielhaft zitiert er im Vorwort zum hier besprochenen Buch die Frage eines jungen Portugisesen, ob jetzt die Deutschen mit dem Euro und unserer starken Exportwirtschaft schaffen würden, was wir mit unseren Panzern damals nicht gaschafft hätten. Schulze antwortete darauf reflexhaft, indem er Partei für sein eigenens Land ergriff, erkannte jedoch im losbrechenden Weiterlesen

Ich will meine Mami! / Martin Waddel, Patrick Benson, Rolf Inhauser (Übers.)

Eulen sind ja sehr schlau. Und sie denken viel. So wie Sebu und Leah und Flo, die mit der Eulenmutter in einem Baumloch wohnen. In einer Nacht wachen sie auf und Weiterlesen

Drachen, Doppelgänger und Dämonen / Oliver Sacks

Eine Halluzination ist eine rein sensorische Bewusstseinsform, eine ebenso wahrhaftige Sinneswahrnehmung, wie sie in Gegenwart eines realen Objektes stattfindet. Nur dass das Objekt zufällig nicht da ist. (Willam James, Principles of Psychology. Zitiert nach Oliver Sacks, a.a.O., S.9)

Sie haben Halluzinationen und reden nicht darüber? Vielleicht sollten Sie das tun, denn es gibt erheblich mehr Menschen, die Halluzinationen haben, als man denkt – und es sind nicht nur Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen. Mancher wird gar als psychisch krank behandelt und leidet tatsächlich „nur“ an einer Hirnschädigung, die für die Stimmen, die er hört, eine plausible Erklärung liefert.

Oliver Sacks, der 1933 in London geborene und in New York arbeitende Neurologe, hat mich schon oft mit seinen Büchern begeistern können. Mit „Drachen, Doppelgänger und Dämonen“ legt er nun ein Buch über Halluzinationen vor, ihn dem er nicht nur die Abgrenzung zu tatsächlichen Erfahrungen und Träumen vornimmt, sondern sich vor allem verschiedensten Ausprägungen von Halluzinationen als auch den ihnen zugrunde liegenden Ursachen widmet. Sacks bietet auch hier wieder die gewohnte und geschätzte Mischung aus Fallgeschichten und fundierten wissenschaftlichen Informationen. Dabei schlägt er auch einen Bogen zur Vergangenheit, zu historischen Beschreibungen, Erklärungsansätzen und Vorstellungen.

Die Bandbreite der vorgestellten, vorwiegend visuellen Halluzinationserlebnisse ist breit und reicht von Halluzinationen unter Weiterlesen

Der Hase mit den Bernsteinaugen : das verborgene Erbe der Familie Ephrussi / Edmund de Waal

Das letzte Mal, dass die Netsuke in solch geselliger Runde herumgereicht wurden, war in Paris, Edmond de Goncourt, egas und Renoir taten das in Charles Ephrussis Salon, eingerichtet im damals üblichen guten Geschmack, ein Dialog zwischen einem erotisierten Anderen und der neuen Kunst.
Nun, wieder daheim in Japan, sind die Netsuke eine Erinnerung an Gespräche mit den Großeltern über Kalligraphie, über Poesie oder den shamisen. Für Iggies japanische Gäste gehören sie zu einer versunkenen Welt, die durch die Düsternis der Nachkriegszeit noch trüber wirkt. Schaut an, scheinen die Netsuke vorwurfsvoll zu sagen, welchen Reichtum an Zeit es gegeben hat. (S. 306)

Es ist so eine Sache mit den Dingen, die wir besitzen und die doch nicht selten, im Übermaß angehäuft, eher uns besitzen, uns belasten und so eine bisweilen erdrückende Macht über uns ausüben können. Kann man sich nicht von ihnen trennen, so sind sie in der Lage, einem mühelos die Luft abzuschnüren, einen einzuengen und das eigene Wohnumfeld zu einem Hort von Weiterlesen

Wipfelwärts und Wurzelwärts / Tobias Kreitschi

Ein Buch mit einem ganzen Baum darin hat man auch nicht so oft. Dieses hier spielt hoch im Norden, wo es Elche gibt. Dort sind auch Wichte mit gestrickten Weiterlesen

Aber bitte mit Sake: auf Kreuzfahrt mit 1000 Japanern / Dana Phillips

Wer jemals in Japan war, wird sich als Westeuropäer sicher ebenso fremd wie bezaubert gefühlt haben, verbunden mit dem Gefühl eigener, nicht nur körperlicher Grobschlächtigkeit und unsensibler, unpassender Direktheit.

Unter dem Pseudonym Dana Phillips haben die Autorin Jule Görsdorf und eine Freundin einen kurzweiligen (fiktiven) Reisebericht geschrieben über eine Kreuzfahrt auf dem „Peace Boat“, einem japanischen Kreuzfahrtschiff, das einer Non-Profit-Organisation gehört und mit dem Auftrag der Förderung von Frieden, Vökerverständigung und ökologischer Nachhaltigkeit über die Weltmeere schippert.

Dana, die Protagonistin des Reiseberichtes, gerät eher zufällig an den Auftrag, auf dem Peace Boat mitzufahren. Unglücklich in ihrer Beziehung zu einem Italiener, bricht sie schliesslich
Weiterlesen

Romantische Nächte im Zoo : Betrachtungen und Geschichten aus einem komischen Land / Harald Martenstein

Wenn alle das Gleiche sagen, bekommt man Lust dagegenzuhalten. Dann sagt man sich: Alle sind sich einig, hey, da stimmt doch was nicht.

Nicht wenige, die eine aktuelle Ausgabe von TAGESSPIEGEL oder ZEIT MAGAZIN aufschlagen, blättern zuerst zur Kolumne von Harald Martenstein. Zu Recht. Denn Martenstein gehört derzeit nicht nur zu den vergnüglichsten Journalisten, sondern auch zu jenen, die mit besonders spitzer Feder schreiben, kluge Fragen stellen, allzu selbstgewisse Meinungen gerne provokant den argumenativen Boden unter den Füßen wegziehen und im Zweifel auch mal für die Meinungsfreiheit jener Partei ergreifen, deren Meinung man selbst auf gar keinen Fall teilen mag. Seine (m. E. berechtigte) Kritik an der allgegenwärtigen Gender“forschung“ hat in diesem Jahr für einigen Wirbel in einschlägigen Kreisen gesorgt – wie schon mancher Beitrag von ihm vorher.

„Romantische Nächte im Zoo“ versammelt Weiterlesen

Lennis Welt : Entdecke erste Bilder und Wörter / Ann Cathrin Raab

Mittlerweile können sie ja schon lesen. Aber ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als die Zwillinge ihre ersten Worte entdeckten und beim Autofahren nicht selten beide in dem gleichen, doppelt vorhandenen Bildwörterbuch blätterten: „Ah, Spülbürste“ klang es vom Autorücksitz. „Pfanne“ kam vom zweiten Rücksitz die Entgegnung. So konnte das lange gehen.

Ann Cathrin Raab ist Absolventin der HAW, die ja eine ganze Reihe sehr guter Kinderbuchillustratorinnen hervorgebracht hat. Man kennt sie von den Krickelkrakels („Das bewegte Buch“) und auf Jargsblog wurden von ihr bereits „Frau Nasekalt“ und „Lenni mag blau besprochen.
An die kleine Maus Lenni aus dem letztgenannten Buch knüpft sie nun mit „Lennis Welt“ an. Hier begegnen uns zahllose zum Weiterlesen

Monthy Python’s Der Sinn des Lebens / Regie: Terry Jones. Darst.: Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Terry Jones, Michael Palin

Chairman: Item six on the agenda, the Meaning of Life. Now Harry, you’ve had some thoughts on this.
Harry: That’s right, yeah. I’ve had a team working on this over the past few weeks, and what we’ve come up with can be reduced to two fundamental concepts. One, people are not wearing enough hats. Two, matter is energy. In the Universe there are many energy fields which we cannot normally perceive. Some energies have a spiritual source which act upon a person’s soul. However, this soul does not exist ab initio as orthodox Christianity teaches; it has to be brought into existence by a process of guided self-observation. However, this is rarely achieved owing to man’s unique ability to be distracted from spiritual matters by everyday trivia.
[Pause.]
Max: What was that about hats again?

(Quelle: Wikiquotes, abgerufen am 9.8.2013)

Über den Sinn des Lebens wurde schon viel geschrieben, gesagt, gepredigt, verkündet, intoniert, in bewegten Bildern gezeigt. Kaum jemand aber hat die Absurdität menschlichen Lebens und die abstrusen Sinngebungskonstrukte dieser seltsamen Trockennasenaffenart namens Homo sapiens so wunderbar auf den komödiantischen Weiterlesen

Bär im Boot / Dave Shelton. Aus dem Englischen von Ingo Herzke

Ein Junge steigt zu einem Bären ins Boot. Er will auf die andere Seite. Der Bär beginnt zu rudern. Er kann dem Jungen nicht sagen, wie lange es dauert. „Ein Weilchen“ meint er. Der Junge verstaut seine Tasche und schläft ein. Erst am nächsten Morgen wacht er auf. Leider sind sie immer noch nicht da. Der Bär aber Weiterlesen

Dies beschissen schöne Leben : Geschichten eines Davongekommenen / Andreas Altmann

Ganz nah ran, hieß die Devise. Manchem ist das zu nah. Nichts wird hier ‚überhöht‘, nirgends taucht eine ‚Metaebene‘ auf, nicht eine Zeile Literatur. Nur Geschichten, die ich erlebt habe, bescheidener formuliert: die mir widerfuhren. Bin eben nur Reporter. Bin sklavisch abhängig von der Realität, von dem, was mir die Welt an Geschenken und Zumutungen überlässt. (S. S. 11)

Wer Altmanns autobiografisches Buch Das Scheissleben meines Vaters, das Scheissleben meiner Mutter und meine eigene Scheissjugend gelesen hat, wird fassungslos und fasziniert zugleich gewesen sein, wie der Autor nach der beschriebenen, er- und durchlittenen Jugend spät, doch nachhaltig einen eigenen Weg ins Leben findet und die rettung – das Schreiben – für ihn zum Lebensinhalt wird. Wer Altmann schon vorher kannte und schätzte, hat nach dem Buch zumindest ansatzweise begriffen, warum Altmann schreibt, was ihn antreibt und zu einem der besten deutschsprachigen Reiseschriftsteller gemacht hat.

Mit „Dies beschissen schöne Leben“ legt Altmann eine Weiterlesen

Überlebenskünstler in der Tierwelt : das Skizzenbuch von Martin Knowelden

Ein Mauersegler, der auf dem Boden liegt und auch noch winzige Parasiten auf dem Leib hat? Dem muss man doch bestimmt helfen, die Parasiten entfernen und ihm dann den Start erleichtern?

Weit gefehlt. Zwar kann man einem Mauersegler, der gegen ein für ihn nicht sichtbares Hindernis geflogen und abgestürzt ist, tatsächlich den Weiterlesen

Was ist Kunst? : 27 Fragen, 27 Antworten / Stefanie Bringezu, Daniel Kramer, Janine Schmutz.

Kunst macht sichtbar, was wir fühlen, denken, fürchten oder wünschen (Sam keller, Museumsdirektor Fondation Beyeler. S. 127)

Der Buchtitel zitiert eine einfache, oft gestellte Frage, die gerade heute bei der Vielfalt der künstlerischen Stile, Ambitionen und Projekte immer wieder neu aufkommt. Die Fondation Beyeler in Riehen/Basel liess im Rahmen eines Projektes Jugendliche Fragen entwickeln, die sich mit Kunst befassen und sich auf unterschiedliche Weise dem Themenkomplex nähern. Die insgesamt 27 Fragen sollen zu einer Weiterlesen

Flawless – Ein tadelloses Verbrechen / Regie: Michael Radford. Drehb.: Edward A. Anderson. Kamera: Richard Greatrex. Darst.: Demi Moore ; Michael Caine ; Lambert Wilson …

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London, 1960er Jahre. Laura Quinn ist Managerin in der altehrwürdigen, mächrigen London Diamond Corporation. Sie kommt stets als erste und geht als letzte. Sie hofft auf einen Aufstieg im Unternehmen, vor allem, als sie wesentlich dazu beiträgt, das Unternehmen vor dem Verlust der lukrativen Geschäftsbeziehungen mit den Russen zu bewahren. Doch gerade ihre Beitrag zur Lösung der Krise soll dazu führen, dass sie ihren Posten verliert, um alles geheim zu halten.

Hobbs, der Hausmeister – ein kurz vor der Pensionierung stehender Witwer, mit dem sie öfter freundliche Worte gewechselt hat – warnt sie und überredet Weiterlesen

Beasts of the Southern Wild / Regie: Benh Zeitlin. Drehb.: Lucy Alibar. Darst.: Quvenzhané Wallis ; Dwight Henry …

Wenn ich meine Augen zu mache, sehe ich, dass alles, was mich erschaffen hat, in unsichtbaren Teilen um mich herumfliegt. Wenn ich genau hinsehe, verschwinden sie. Und dann, wenn es ganz still wird, sehe ich, dass sie da sind. Ich sehe, dass ich ein kleines Teil eines riesengroßen Universums bin – und dann ist alles gut. (Filmzitat)

Die sechsjährige Hushpuppy, fanstasievolle und der Natur zugewandte Hauptfigur und gleichzeitig Erzählerin des Films, lebt mit ihrem sterbenskranken Vater, dem Fischer Wink, in „The Bathtub“, einer kleinen, heruntergekommemen Bayou-Siedlung auf einer kleinen Insel irgendwo in den Sümpfen im Süden der USA. „Bathtub“ liegt ausserhalb des Deiches – und damit auch ausserhalb der Weiterlesen

Meine Bar in Sansibar : durch Ostafrika zu den Quellen des Nil / Richard Grant

„Ich verstand die Studien, denen zufolge die Afrikaner südlich der Sahara stets als die optimistischsten Menschen mit der geringsten Selbstmordrate eingestuft wurden. Für das Krankheitsbild der Depression gibt es in den meisten afrikanischen Sprachen kein Wort. Die Alternative zum Optimismus war hier nicht Pessimismus, sondern Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, und damit konnte man sich und seine Kinder nicht ernähren.“

Nach der Teilnahme an einer Expedition den Sambesi entlang den Spuren Livingstones entlang wendet sich der britische, in Amerika lebende Journalist erneut Ostafrika zu, fasziniert von der Landschaft und den Menschen. Er will den Fluss Malagarasi, wenig erforscht und unzugänglich, von der Quielle bis zum Tanganjikasees entlangpaddeln und damit geografisches Neuland beschreiben. Landeskundige warnen ihn vor der Weiterlesen

Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln : was wir von Tieren über Physik lernen können / Martin Puntigam, Werner Gruber, Heinz Oberhummer

Wir sehen mehr, als es zu sehen gibt. […] Also Obacht! Es geht hier um Zusammenhänge, die wir unbewußt herstellen. Weil unser Gehirn so funktioniert, wie es funktioniert, und wir deshalb glauben wollen, was wir glauben wollen. Und bei Betrügereien und Scharlatanerien wie Astrologie, Homöopathie, Religion und Ähnlichem wird genau aus diesem menschlichen Bauartfehler vorsätzlich und bewußt Gewinn gezogen. (S. 49-50)

Wir Menschen bilden uns ja immer recht viel auf unsere Fähigkeiten ein. Und in der Tat ist es sicher kein Spaß, Tier zu sein in einer Welt, die von Menschen dominiert wird. Aber Puntigam, Gruber und Oberhummer geht es in ihrem Buch natürlich um mehr, denn sie möchten uns anhand zahlloser skuriller oder verblüffender Weiterlesen

Der Bücherwurm: Vergnügliches für den besonderen Leser / Hektor Haarkötter. Vorgelesen von Martin Falk

Der Bücherwurm ist ja gemeinhin ein schwer fassbares Wesen, umfasst er doch zum einen Menschen mit einem Faible, ja einer Leidenschaft für Bücher, zum anderen eine ganze Bandbreite von Insekten, die sich von Büchern angezogen fühlen – sei es, um darin zu wohnen, sei es, um sie zu verspeisen.

Hektor Haarkötter befasst sich mit beiden Varianten des Bücherwurms – der trockennasenaffenartigen (vulgo: Mensch) und der insektenartigen. Er geht der Frage nach, was einen menschlichen Bücherwurm auszeichnet, ja ob er möglicherweise gar nicht der Freund des Buches ist, als den man ihn gemeinhin bezeichnet, sondern möglicherweise sein Weiterlesen

Die Geister, die uns folgen : eine Geschichte von Liebe und Krieg / Janine di Giovanni

Im Unterschied zu Frauen suchen sich Männer andere Schwerpunkte, schreiben viel über militärische Strategie und Waffen, immer wieder Waffen. Wer sie kauft, wer sie verkauft, woher das Geld stammt. Mich interessiert mehr, wie sich eine Mutter fühlt, die an der Front lebt und ihr Kind unter Kugelhagel zur Schule bringt. (SZ-Magazin 49/2011)

Janine di Giovanni schreibt seit über 20 Jahren unter anderem für die Times und die Herald Tribune aus Kriegs- und Krisengebieten. In „Die Geister, die uns folgen“ berichtet sie über ihre Arbeit, vor allem aber über die psychischen Folgen, die sie lange unterschätzt hat.

1993 lernt sie in Sarajevo den Weiterlesen

The Snorgh and the Sailor / Will Buckingham ; Thomas Docherty (Ill.)

„Snorghs don’t like visitors.
Snorghs don’t share soup.
And Snorghs most definitely don’t go on adventures.
But then, one night …!“

Der Snorgh lebt allein in einem kleinen Haus in der Marsch, geht jede Tag hinaus, um sich Meerfenchel zu sammeln. Er genügt sich selbst in der windigen Einsamkeit und vermisst niemanden und nichts: denn mit niemandem muss er sein Feuer, seine Suppe und seine Badewanne teilen.

Aber eines Nachts weht ein fürchterlicher Wind, der heulend um das Haus streicht – und es klopfte. Niemand hatte je beim Snorgh geklopft! Draussen steht eine Weiterlesen

Ella in der Schule / Timo Parvela

Schule kann ziemlich komisch sein. Das zeigt die Geschichte von Ella, die in die erste Klasse geht. Da passieren lauter komische Sachen. Etwa, wenn die Kinder den Lehrer wörtlich nehmen: schliesslich wollen Erwachsene ja, dass man Weiterlesen

Pyramiden, Kreml, Kölner Dom : die schönsten Bauwerke der Welt / Virginie Aladjidi ; Emmanuelle Tchoukriel

Die Kasbah von Algier, das Opernhaus von Sydney oder die Reisterrassen Balis, die Ruinen von Angkor Wat in Kambodscha, der alte Hafen von Byblos in im Libanon oder das Rote Fort in Dehli: sie alle sind Weiterlesen

Die Chirurgin / Tess Gerritsen

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Boston. Eine Serie brutaler Morde an Frauen erschüttert die Stadt. Jane Rizzoli und Thomas Moore ermitteln. Während Jane, gewohnt, in einer Männerwelt nur durch überdurchnittliche Leistungen punkten zu können, in alle Richtungen ermitelt, versucht Thomas Moore, sich mit der Ermittlungsarbeit von seiner gerade durchlittenden Scheidungen abzulenken.

Doch nicht nur Rizzoli und Moore sind durch die Morde in Atem gehalten. Dr. Cordell, die vor zwei Jahren brutal Weiterlesen

Wo ist mein Hut? / Jon Klassen. Thomas Bodmer (Übers.)

Der Bär liebt seinen Hut sehr und will ihn zurück. Also sucht er ihn überall, fragt Fuchs, Frosch,. Hase, Schildkröte und andere Tiere, ob sie seinen Hut gesehen haben. Jedes Tier Weiterlesen

Die Geschichte meines Lebens / Charles Chaplin

Die Zuneigung der Welt hat mich verwöhnt, die Welt hat mich geliebt und gehasst. Ja, sie hat mir ihr Bestes gegeben und nur wenig vom Schlimmsten. Was auch die Wechselfälle des Lebens mir Böses gebracht haben, ich glaube, daß Glück und Unglück aufs geratewohl über uns dahinziehen wie Wolken. Da ich das weiß, lasse ich mich durch die schlimmen Dinge nie zu sehr erschrecken und von den guten gerne überraschen. Ich besitze keinen Plan für das Leben, keine Philosophie – ob Weiser oder Narr, wir alle müssen mit dem Leben ringen. (S. 497-498)

Wer die unsterblichen Filme von Charles Chaplin liebt und ihn wie ich für einen der bemerkenswertesten Künstler des 20. Jahrhunderts hält, wird sich früher oder später auch mit seiner Biografie beschäftigen.

Besonderes Augenmerk verdient dabei seine Autobiografie, die Chaplin 1964 im Alter von 75 Jahren schrieb. Das Buch war seinerzeit ein Bestseller und lohnt noch heute die Lektüre, gibt Chaplin doch Weiterlesen

Fräulein Jacobs funktioniert nicht : als ich aufhörte, gut zu sein / Louise Jacobs

Ich saß wie ein Neutrum auf einem der Hocker. Ich blickte auf die Menschen und konnte nicht glauben, dass ich auch von ihrer Sorte war. Ich könnte auch anstoßen, könnte ins Gespräch kommen, könnte glänzende Augen haben, eine rauchen und genüsslich Wein oder Bier trinken. Aber ich konnte es nicht. Ich befand mich ganz weit weg vom Ufer, ich trieb auf offener See und scheute mich, an Land zu gehen. (S. 249)

Louise Jacobs wächst in der Schweiz mit sechs Geschwistern in sehr begütertem Haus auf, zählt ihre Familie doch zur reichen Brener Kaffeerösterdynastie Jacobs. Die Eltern kümmern sich um ihre Kinder, fördern und sind großzügig. Nur Louise macht es ihnen nicht leicht, denn durch die früh Weiterlesen

Lola und das Gespenst / Ole Könnecke

Kapitän von Schultz, der pensionierte Pirat, hat schlechte Laune. Ruhelos tigert er nächstens in der Turmstube seines Leuchtturmes hin und her, gelangweilt von seinem Leben ohne Piratenabenteuer, ohne Menschen, die sich vor ihm fürchtn, ihm, dem früheren Schrecken der Meere. Plötzlich klopft es. Kapitän von Schultz steigt die Wendeltreppe herunter und öffnet die Tür. Doch niemand ist da. Hat er sich geirrt? Da klopft es wieder. Und wieder. Doch niemand ist zu sehen, wenn der zunehmend nervösere Kapitän die Tür öffnet. Hals über Kopf flieht er zu Lola und ihrem Großvater, die sich gerade streiten, weil Großvater immer beim Damespiel verliert.
Als Lola hört, dass Kapitän von Schultz sich vor einem Gespenst fürchtet, sieht sie rasch die Verbindung zu Weiterlesen

Die Besteigung des Rum Doodle / William E. Bowman. Mit einem Vorwort von Bill Bryson. Übersetzt von Wolfgang Colden u. Michael Hein.

Zu unrecht steht dieser Klassiker der Bergsteigerlektüre im Schatten der Bücher, die über die Besteigungen kleinerer Berge wie des völlig überschätzten Mount Everest geschrieben wurden. Gelang doch Mitte der 1950er Jahre endlich in einer heroischen, groß angelegten britischen Expedition die Bezwingung dieses 40.000 Fuß hohen und damit höchsten Gipfels der Erde, ungeachtet aller Schwierigkeiten, die der zunächst überfordert erscheinende Expeditionsleiter mit den 3000 einheimischen Trägern, dem Koch und seinen fremdartigen Gerichten und dem zunächst seinen Aufgaben wenig gewachsen scheinenden Team aus sehr britischen Gentleman: „Binder“, so der Codename des Expeditionsführers, hat so seine Zweifel am ständig kranken Arzt, dmr motivationslose Gipfelstürmer, dem unfähig erscheinende Navigator, der einige Male verloren geht und schon den Ort der Vorbesprechung nicht findet und dem Übersetzer, der aufgrund einer sprachlichen Unsicherheit zunächst 30.000 statt 3.000 ‚yogistanische‘ Träger anheuert. Doch dann …

Halt. Zwar gibt es den Rumdoodle Peak, einen knapp Weiterlesen

Kon Tiki : ein Floss treibt über den Pazifik / Thor Heyerdahl

„Manchmal ruderten wir mit dem Gummiboot in die Dunkelheit hinaus, um unsere Behausung auch einmal nachts von draußen zu besehen. […]. Einzig, daß wir lebten, fühlten wir tief und stark. Und uns wurde bewußt, daß die Menschen auch schon vor dem Zeitalter der Technik das gleiche empfunden und getan hatten – in einem noch tieferen Sinne als wir. Die Zeit hörte gleichsam auf zu existieren. Alles wahrhaft Seiende war, wie es immer gewesen und immer sein würde“ (S. 139-140)

Es gibt Bücher, die sind untrennbar mit der eigenen Kindheit verbunden und bilden so etwas wie den persönlichen Lesekanon der Lektüren, an die man sich immer und unter allen Umständen erinnern zu können scheint. So ein Buch ist für mich „Kon Tiki“ von Thor Heyerdahl, dass ich mir damals wie viele andere Bücher aus der Bücherhalle ausgeliehen hatte und schier atemlos verschlang.

Jetzt, viele Jahre später und selbst Vater geworden, las ich das Buch ein weiteres Mal während des Urlaubs in Angeln, erneut fasziniert vom Wagemut Heyerdahls und seiner Mannschaft, mit einem einfachen, nach alter Art gebauten Floß aus Balsaholz den Pazifik von Peru aus zu queren, um schliesslich nach 101 Tagen Weiterlesen

Krakauer, Jon: In eisige Höhen : das Drama am Mount Everest

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In den 90er Jahren war der Mount Everest bereits zu einer Art Pauschalreiseziel für Bergtouristen geworden und verkommen. Für eine beträchtliche Hand voll Dollars konnten (jnd können) sich zahlungskräftige Menschen sich von Profibergsteigern rundum versorgt bis auf den Gipfel bringen lassen. Jon Krakauer ging im Mai 1996 für das Magazin „Outside“ als Kunde mit auf so eine Expedition, um über die Kommerzialisierung des Mount Everest zu berichten.
Doch beim Abstieg vom Gipfel des Mount Everest führt ein Weiterlesen

Das Lächeln der Vergangenheit / Barbara Hodgson

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Lydia und ihr Freund Christopher reisen oft gemeinsam. Im Frühjahr verschlägt es sie fast wie zufällig nach Marokko. Während Christopher immer wieder die Gelegenheit nutzt, gezielt Antiquitäten für seine Kunden in der kanadischen Heimat zu suchen, fotografiert Lydia und sammelt alles, was sie findet – wie Eintrittskarten, Busfahrscheine, Zeitungs- und Buchausschnitte – und verbindet sie zusammen mit ihren subjektiven Eindrücken und halbdokumentarischen Notizen in ihrem Tagebuch zu einem Protokoll ihrer Reise.

Doch schon in Tanger geschieht Seltsames: scheinbar wird sie im Hotel von Flöhen gebissen. Doch auf ihrer linken Hand beginnen sich seltsame Linien und Zeichen zu bilden, die Weiterlesen

Angeln im Regen, Südseephantasien und ein windstiller Blog

So ein Weblog lässt sich ja zum Glück bequem per Autopilot steuern: während der erholungsbedürftige Blogbetreiber in Angeln sitzt und sich zumindest in der ersten Woche des Sommerurlaubs fragt, weshalb er nicht gleich Grönland gebucht hat, ob zwei Wochen Tahiti mit Kindern eigentlich bezahlbar sind und wo verdammt nochmal die Wärmflasche ist, erscheinen Blogbeiträge aus dem gut gefüllten Weiterlesen

Unser Garten – mitten in der Stadt / Parastu Karimi

Tete läuft weiter als sonst üblich an der Mauer entlang und staunt über eine kleinblättrige Pflanze, die sich an die Mauer klammert. Neugierig geworden, schaut er sich das Gelände hinter der Mauer an. Ganz verwildert ist es. Seinen Freunden Kasi und Eule schlägt er vor, dort einen Garten zu bauen mitten zwischen den Häusern. Gesagt, getan – Samen und Pflänzchen sind auch schnell besorgt und die Kindern sind Weiterlesen